Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 37 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 37 schlecht! Meine Nerven sind in schauderhafter Verfassung." „sie singt aber doch so hübsch," erwiderte Herr Kroncnbcrg freundlich, sich im Stillen wundernd, daß seine Frau diese liebliche Musik auf die Nerven falle, während der Trubel eines geräuschvollen Ballscstes dieselben nicht beeinträchtigen sollte. Aber er sagte nur: „Ueberhaupt ist es erstaunlich, welche Fortschritte ihr Gesang in letzter Zeit, gemacht hat. Ich finde, Fräulein Judith hat eine ausgezeichnete Methode." „So? Das findest Du? Ja, wenn es wie hier, aus Tbic Kraft der Lungen ankommt! Mir ist momentan, dieser Lärm gradezu eine physische Qual!" Ihr Gatte erhob sich, „Nun, so mag sie aufhören, mein Kind! Elisabeth darf, sich ja . auch noch ein wenig des herrlichen Sonnenscheins freuen." Er ging in das Musikzimmer.' „Lassen Sie unsere Elisabeth für heute frei, liebes Fräulein Judith! Meine Frau leidet ein.wenig. Geh' in den Park, mein Töchterchen, wenn Fräulein es erlaubt!" Judith verbeugte sich leicht und gestattete dann Elisabeth zu gehen.' Sie war herzlich froh über diese Unterbrechung. Sic erhob sich, um die verstreut umhcrliegenden Notenblätter zu ordnen. .Hast Du SiegismUnd gesprochen?" fragte drinnen unterdessen Frau Kronenbcrg. „Hast Du ihm vorgestcllt, wie lebhaft wir cs begrüßen ivürden, wenn er Melanie Ostbcrg, die ich für morgen gebeten habe, bevorzugt?" Ihr Gemahl schüttelte leicht ablehnend das Haupt- „Bcrzcih, liebe Anna, wenn ich Deinem Wunsche dieses Mal nicht, nachkam! In dieser Richtung möchte ich auf Siegmund nicht cinwirkcn- Es würde auch keinen Zweit haben. Er ist ein zu selbständiger, in sich gefesteter Charakter. Wenn die junge Dame sein Herz gewinnt . ." In diesem Augenblick erschien Judith auf der Schwelle, um sich zu verabschieden. Sie machte der Dame des Hauses eine zeremoniösc Verbeugung und wurde von Herrn Kronenberg bis an die offene Verandatür begleitet. Gedankenvoll schritt Judith die breite Freitreppe hinab, den kicsbestreuten Fahrweg hinauf und beim Eiubicgcn in die Hauptallee wäre sie beinahe mit einem Herrn zusammengcstoßen, der offenbar wartend hier gestanden hatte. . „Guten Tag, Herr Kroncnbcrg!" sagte sie nun in leichtem, höflichem Tone. „Guten Tag, mein gnädiges Fräulein!" - Ex.wandte, sich imi und verbeugte sichrespektvoll „Ei sich da, die Stunde schon beendet? Wie geht denn das zu? Ist Ihnen etwa schwach geworden? Das wäre bei einer so resoluten, zielbewussten jungen Dame immerhin zu verwundern!" . „Spotten Sie nur unentwegt weiter!" erwiderte sie mit halbabgewandtcm Gesicht. „Das .wird mich ebensowenig, beirren, wie die, Nichtachtung anderer. Ueber mein Befinden dürfen Sie indessen beruhigt sein, es ist vorzüglich!" tftoäsetzung, folgt.) Bncherscha«. Kriminal-Prozesse aller Zeiten. Sammlung interessanter Prozesse aus Vergangenheit und Gegenwart. Alle .4—6 Wochen ein abgeschlossener, einzeln käuflicher Band von 160—182 Seiten zum Preise von 50 Pfg. Bis jetzt sind 5 Bände erschienen. Otto Weber's Verlag. Heilbronn. In dieser eigenartigen Sammlung lernen wir nicht nur eine Reihe der berühmtesten Prozesse aus den Zeiten der Folter, der Inquisition u. s. w. kennen, sondern sie enthält auch Kriminalfülle aller Länder aus spateren Epochen und aus neuerer Zeit. Der Verfasser weiß lebendig und fesselnd zu schildern, ohne dabei dm Rahmen der Wirklichkeit zu verlassen. Frellich, soweit die jüdische Rähtspflcge berührt wird, ist die Darstellung direkt falsch. Besonders ein Passus, dm der sonst objektive Verfasser aus «Böhmer. Ueber die Wahl der Todesstrafm. Neues Archiv des Kriminallechts, Bd. 5, Halle 1822" anführt, verlangt unsere schärfste Zurecht- und Zurückweisung. . Diese Stelle (Seite 102) lautet: «Allem Anschein nach ist Las Nädern eine Erfindung des Morgmlandes und namentlich des seit seinem Auszug aus Aeghptm durch einen hohm Grad von Verdorbenheit charakterisiertm israelitischm Volles, welches sich derselbm befondcrs gegen überwundme Feinde mit einer Grausamkeit bediente, die unglaublich scheinen könnte, wenn sie nicht durch eigenen Nationalfchriftsteller bestätigt würde. Bergl. 2'Maccab. XIII, 4—7, Sprüche Salom. XX. 26.. «Ein Weiser König zerftrmet die Gottlosen und bringet das Rad über sie." Die qualvolle Hinrichtung mittelst Zerschmetterns der Glieder erfolgte bei den alten Juden durch Kmlm." Die einfach widersinnige, aus der Luft gegriffene Behauptung von dem. verdorbenen israelitischen Volke können wir übergehen; es genügt, daraus hinzuwcisen, daß zur Zeit, als die alten Deutschen noch wie wilde Tiere in ihrm Wäldern hausten, jagten, sausten und mordeten — die Juden schon seit Jahrhunderten ein Kulturleben entfallet hatten, das; sie schon damals jenen Gcsetzcscodex ihr Eigen nannten, durch den die Menschheit Gott, Sittlichkeit und Moral empfangen hat. Auch das Zerschmettern durch Keulen lassen wir unberücksichtigt, da keine Belegstelle dastcr vom Verfasser angegeben worden ist und uns eine solche unbekannt ist. Wir haben hier nur mit 2 Maccab. XIII, 4—7 und Sprüche Salom. XX, 26 zu tun. In 2 Maccab. findm wir in den staglichen Sätzen nichts von einem Rade. Es ist da wohl von einer Tötungsweise die Rede, aber es liegt hierbei durchaus kein Anlaß vor, an irgend ein Foltern zu denken. Ueberhaupt hatte damals schon das Griechentum im jüdischen Staate, der so wie so schon auf sehr wackeligen Füßen stand, Platz gegriffen und damit auch griechische Unsitte eiiigesührt. Was nun aber Salom. XX, 26 Betrifft, _ fo werden wir den Herrn durch eigene Glaubensgenogen ad absurdum führen. In dem Buche „Die Psalmen und die Sprüche Salomos, ausgelegt von Dr. Fr. W. Schultz, ord. Professor der Theologie in Breslau und Dr. Hermann Sttack, außerord. Professor der Theologie in Berlin, Nördlingen 1888, C. H. Beck'sche Buchhandlung" wird nämlich diese Stelle übersetzt: „Ein weiser König scheidet sichtend die Frevler aus und läßt dann über sie des Dreschwagens Rad dahingehen." Hierzu fügen die Herausgeber erklärend bei: «Der Ausdruck dieses Gedankens ist durch v. a. veranlaßt, man hat also nicht zu denken an die zuweilen an Kriegsgefangenen vollzogene grausame Sttafe." Es steht felsenfest, daß es im jüdischen Gesetze keinerlei Folterstrafen giebt. Die Bibel kennt wohl die Todessttafe, aber in einer Beschränkung, daß deren prattische Vollziehung so erschwert wurde, daß sie fast einer Aufhebung derselben gleichkam. Auch war eine etwaige Bollstteckung schmerzlos, denn nach einer Stelle im Talmud wurde der Deliquent vorher „chloroformiert", indem er mit einem Trunk Wein Weihrauch einatmen Mußte, der ihn betäubte. Die Möglichkeit irgend einer Foltersttafe in der jüdischen Rechtspflege ist auch schon deshalb von vornherein ausgeschlossen, da das Grundprinzip der jüdischen Justiz lautet: lieber einen Schuldigen laufen lassen, als einen Unschuldigen verurteilen. * - - * * Exil. Drama aus dem jüdischen Leben von Heinrich Grünau. E. Piersons Verlag, Dresden und Leipzig 1802. Preis Mk. 2.— Ein interessantes Werk, das die Stellung der Juden ihren Mitbürgern gegenüber sehr richtig und anschaulich borführt. Wenn' auch für ein Drama die Handlung zu gering ist, so ist cs doch als ein dramattschcs Bild nicht zu unterschätzen. Die Charakterisierung der einzelnen Personen ist vollkommen gelungen. Jede einzelne Gestalt ist bis ins kleinste Detail dem Leben abgelauscht und sorgfältig bearbeitet. Es fehlen auch nicht Ansätze zu interessanten aktticllen Fragen und ist es nur bedauerlich, daß der Autor nicht näher auf dieselben eingegangen ist. Es hätte dies nur dem ganzen Werk von Vorteil sein können, das ohnehin durch das Fehlen einer regelrechten dramatischen Handlung und auch des Konfliktes wohl wenig zu einer Aufführung geeignet sein dürfte. Immerhin ist das Büchlein Jedem, der Interesse für die wirkliche soziale Lage unserer Glaubensgenossen hat, sehr zu empfehlen. Neu eiugegangeue Bücher. 13 Monate in Marokko von Dr. jur. Graf Sigmund Adelmann von Adclmannsfelden. 100 Seiten. 3 Abbildungen und Katte von Marollo. Mk. 1.50. Verlag von C. Liehner, Hosbuchhandlung, Sigmaringen.; Die Judenmassacres in Kischinew von Told mit einem Weiheblatt von' E. M. Lilien und Jllusttationen. 102 Seiten. Preis Mk. 1,—. Jüdischer Verlag, Berlin 81V. 47. Junge Harfen. Eine Sammlung jungjüdischcr Gedichte. - Herausgegcben von Bcrthold Teiwel. 74 Sellen. Jüdischer Verlag. Berlin 81V. 47. Vakanzen. P o p p e l s d o r f bei Bonn. Religionslehrer und Borbcter per 1. Okt. Gehalt Mk. 1000.—. Posen. Verheirateter, religiöser, pädagogisch geschulter Jnspellor für die Israel. Waisenknaben- Änstalt. Meldungen bei' Herrn Rabbiner Dr. Bloch. Wachen-Kalender. Sabbath-Anfang: 7 Uhr 45 Minuten. - Sabbath-Ausgang: 9 Uhr 20 Minuten. Kaiser Friedrich Quelle . — Offenbacli a. M.- Vornehmstes Tafelwasser. NORDERNEY, Hotel Falk. Ref. Herr Landrabbiner Dr. Lob, Emden. 111. Prosp. gratis. Wilhelm Glücklich Gegr. Scliillerstrasse 4,1. Gegr 1879. Frankfurt a. M. 1879. Immobilien, Hypotheken. ßad Xatzbutf),?enston?arfas, einziges Hotel am Platze. Mit Genehmigung Sr. Ehrw. Landrabb. Dr. Rillt, unter Aufsicht Sr. Ehrw. Rabb. Dr. Auerbach, Halherstadt. I. Ranges. 46 Salons, schönste Lage. Pension von Mk. 6.50 an incl. Wohnung. 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