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Neue jüdische Presse · 1903-07-17 · Heft 37 (17.7.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 37 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37. Alsen voran betätigt sich Rußland in der Gründung von Kirchen und Schulen- Die russischen Kirchen und die russischen Schulen nehmen seit Jahren in Syrien und Palästina so sehr an Einfluß zu. daß selbst der französische Botschafter Constans bereits vor drei Jahren, als er den Lehrkörper einer französischen Jesuitenschnle in der türkischen Hauptstadt empfing, den Herren u. a. sagte: „Wir haben furchtbare Gegner zu bekämpfen, Nebenbuhler, die unser» Einfluß untergraben, und uns verdrängen wollen. Die Protestanten geben viel Geld aus, doch ohne Erfolg- Für uns sind nur die Russen gefährlich. In Syrien besuchten vor drei Jahren 9000 Kinder russische Schulen, jetzt sind es 10 000. Wenn dieser Fortschritt andaucrt, so werden sie vielleicht in zehn Jahren unserm Schutz den Todesstoß versetzt haben." Man zählt in Syrien und Palästina an 150 russische Schulen. glicht allein Frankreich, sondern sämtliche christliche Staaten werden durch die russische Minierarbeit eines Tages au Einfluß und Macht verlieren. Zur l'cit ist es hauptsächlich die griechische Kirche, auf die Rußland es besonders abgesehen hat. Die Angst der Griechen ist daher berechtigt, Rußland wird allmählich ohne Zweifel die Oberhand bekommen und die ganze griechische Erbschaft wird ihm zufallen. Man wird erst trachten, einen arabischen Patriarchen einzusetzen, und eines "Tages wird diese Marionette verschwinden' und der allmächtige russische Patriarch in Jerusalem residiereir- Daß die Griechen auch seit ein paar Jahren angefangcu haben, zu Ostern ein Kriegsschiff nach Jaffa zu sende» und den größten Teil der Mannschaft nach Jerusalem zur Grabeskirchc zu schicken, wird ihnen nichts nützen. In griechischen Kreise», weiß man zur Genüge, daß Rußland nur auf den Augenblick wartet, um die Hand auf die griechische Grabeskirche und die griechischen Klöster in Jerusalem zu legen, denn die Russen besitzen in der Grabeskirche nichts. Diese Minierarbcit geschieht durch die Sociötö russe de Palestine, die nur darauf ausgeht, den Einfluß des griechischen Klosters zu vernichten und sich zur Herrin des Sanktuariums zu-machen, das sich in de» Händen der Griechen befindet. Von Konstantinopcl aiiS wird den geheimen russischen Plänen nicht entgegengetretc». Daher kam cs, daß die Griechen, nicht genügend geschützt von der türkischen Regierung, das griechische Patriarchat in Damaskus verloren haben. Tie russische Palästina-Gesellschaft leitet die kirchliche» Angelegenheiten, da das eingeborene Patriarchat nur ein Werkzeug in ihren Händen ist. Materiell gesprochen wird das griechische Kloster gar nicht durch die russische Regierung unterstützt, wie das russische Volk es wohl in der Reget glaubt. Es ist genugsam bekannt,. daß seit Jahrhunderten die Griechen der Moldau und Walachei wie auch in Rußland große Ländereien zu Gunsten des griechischen Klosters testamentarisch vermacht haben. Neuerdings haben die Russen alle diese Güter mit Beschlag belegt und für sich drei Fünftel der Einkünfte, die sich auf etwa 260000 J(. belaufen, behalten, während sie dem griechischen Patriarchen in Jerusalem nur zwei Fünftel schicken. Die russischen Pilger machen nun jedem Heiligtum in der griechischen Grabeskirche bei der Anbetung kleine Geschenke. Die Griechen schulden daher Rußland gar nichts. Wenn es aber manchmal wichtige Streitfragen zwischen.Griechen und Lateinern giebt oder mit den Armeniern, dann ist die russische Diplomatie gezwungen, für die Griechen Partei zu nehinen im eigenen Interesse, denn, wenn jemals die heiligen Stätten in andere Hände sielen, könnten sie niemals mehr russisches Eigentum werden, so lange sie aber in griechischem Besitz sich, befinden, betrachten sich die Russen als Nachfolger. Der Kustos der Grabeskirche, der bekannte Aftimios, erhält mit jedem Schiffe aus Rußland SÖ00 Rubel, das macht bei 48 Schissen jährlich 384 000 Rubel, abgesehen von sonstigen milde» Gaben. Vor seiner Abreise nach dem Ucberfall auf die Franziskanerpatres im Vorhofe der Grabeskirche, nach Konstantinopel, soll er 2 Millionen Franken auf seinen Namen im Credit Lyonnais haben cintragen lassen. Die griechische Kirche in Jerusalem ist vollständig unabhängig und autonom. Der Patriarch von Konstantinopel wird nur in spiritnaiibus als der Patriarch der älteren Kirche betrachtet, er hat aber keine sonstige Vorrangstellung. Die russische Palästina-Gesellschaft, die eine große Rolle als Werkzeug des Panslawismus in Syrien und Palästina spielt, besteht seit beinahe 25 Jahren. Die russische Regierung weigerte sich lange Jahre hindurch, dieser Gesellschaft ihren Schutz zu gewähren, aber langsam gewann die Gesellschaft das amtliche Rußland für sich. Bedeutende Geldsummen bringt sie zusammen, um damit eine große Anzahl Schulen in Syrien und Palästina zu unterhalten. Ein anderer Teil des Geldes dient zu politischen Zwecken. Verschiedene Anstalten ivurden auch eiirgerichtet, um das eingeborene Element heranzuziehen, und das alles geschieht gegen die griechischen Interessen in Syrien und Palästina. Die Anstalten, welche die russische Palästina-Gesellschaft in Jerusalem besitzt, wachsen von Tag zu Tag au, so daß sie darin heute bereits ein Bollwerk gegen die Interessen der ganzen Welt besitzt. Aus den Schulen für Einheimische werden die besseren Schüler nach Rußland gebracht, wo sie zwei bis drei Jahre in einem Seminar verbleiben, dann werden sie in der Regel, mit einer Russin verheiratet. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. in' ihre Heimat als Lehrer zilrückgeschickt. Daher sieht man in den russischen Schulen nur arabische, natürlich russisizierte Lehrer. So schreitet von Tag zu Tag der russische Einfluß, der seit den Zeiten des Krinrkrieges kaum mehr von sich sprechen, gemacht hat, in Syrien und Palästina unbcmerkbar, aber sicher vor. Das Merkwürdigste scheint der „Köln. Ztg.", der wir mit unfern Ausführungen gefolgt sind, daß die Russen für ihre eigenen Kinder keine Schulen im Lande errichten, wie es z. B die Deutschen tun. Tie Schulen werden schon noch kommen! Reminisceuzeit von — Panama. Dr. Max Nordau veröffentlicht in der „Welt" einen Aufsatz, der sich in geistreicher und sachkundiger Weise über die Entstehung des "Antisemitismus in Frankreich, der seit dem Panamaskandat erst datiert, verbreitet. Wir geben unseren Lesern aus dieser Arbeit die folgenden Stellen wieder: Baron Reinach brachte die letzte Anleihe des Panamaunternehmens auf den.Markt. Damals war das Unternehmen bereits unrettbar verloren. Lesseps wollte sich aber noch nicht für besiegt erklären. Da auf irgend eine andere Weise neue Millionen schlechterdings nicht mehr aufzutreibcn waren, so wollte er es mit einer Losanleihe versuchen. Denn einem Lotteriespiet öffnen sich auch solche Taschen, die für Schuldscheine fest verschlossen bleiben. Keine der Banken, die ihm seine zahlreichen früheren "Anleihen vermittelt hatten, wollte sich damals mehr mit Lesseps einlassen. Notgedrungen wandte er sich an das Bankhaus Reinach, das noch einiges Ansehen an der Börse hatte. In Frankreich sind Lotterien grundsätzlich verboten. Nur eilt eigenes Gesetz kann sie gestatten.'Reinach beging das schwere Unrecht, daß er es als einen Teil seiner Aufgabe einer Emissionsbank betrachtete, die Zustimmung der Kammern zu seiner Losanleihe zu erwirken. Das war nicht seine, sondern Lesseps Sache. Diesen ersten Fehler erschwerte er ungeheuerlich durch den zweiten, daß er die Zustimmung des Parlaments durch Bestechung zu erlangen suchte, Arton war der Vermittler, dessen er sich bediente, um die Gewissen der einer Bestechung zugänglichen Abgeordneten zu kaufen. Diese Tarstellung verschleiert und beschönigt nichts. Reinach war ein erbärmlich schlechter Geschäftsmann, als er sich herbeiließ, für Lesseps eine Losanlcihe herauszubringen, für die Lesseps noch nicht die gesetzliche Erlaubnis hatte, und er machte sich einer schwer strafbaren Handlung schuldig, als er .sich diese Erlaubnis, die ihn gar nichts änging, mit den verwerflichsten Mitteln zu verschaffen suchte. All das ist zugegeben. Mer welche» Schaden hat das Panamaunternehmen, welche» Schaden haben die französischen Sparer von diesen Fehlern und Sünden Reinachs und seines Dieners Arton erlitten? Nicht den geringsten. Hätte Reinach die Losanlcihe nicht auf den Markt gebracht, so wäre das Unternehmen ganz ebenso ziisammengebroche», nur etwas früher. Außerdem aber, und das ist das Merkwürdigste an dieser Geschichte, fügt cs sich so, daß die von dem Juden Reinach ausgegcbenc Losanleihe die einzige der zahlreichen Panamaanleihen ist, bei der die Zeichner auch nicht einen Pfennig verloren haben. Die Lose behielten auch nach dem Krach ihren Wert und stehen heute höher im Kurs als zur Zeit ihrer Ausgabe. Die Wahrheit ist, daß Panama ein rein katholisches, oder sagen wir, um auch den Schimmer einer Ungerechtigkeit zu vermeiden, ein klerikales und giftig antisemitisches Unternehmen war. Lesseps selbst war ein kämpfender Klerikaler und Judenfeind- Er umgab sich ausschließlich mit Gesinnungsgenossen. Der Verwaltungsrat der' Gesellschaft bestand aus wütenden Antisemiten. Die Banken und Vermittler, deren er sich für seine Finanzgeschäfte bediente, als er noch Kredit hatte, ivaren klerikal und antisemitisch gefärbt. Die Unternehmer, denen er die Arbeiten auf der Landenge in Akkord gab, waren Christen.. Es befindet sich auch nicht ein einziger Jude unter ihnen. Unter den hunderte» höherer Angestellter des Unternehmens ist mir kein einziger Jude bekannt. Sollte sich gleichwohl einer unter ihnen befinden, so war es gewiß ein solcher, dem man sein Judentum nicht anmerkte und der es tapfer verleugnete oder wenigstens verheimlichte. Die Banken haben über zweihundert, die Bauunternehmer gegen vierhundert Millionen in ihre Tasche gesteckt. Bei ihnen ist das Geld geblieben, das die französischen Sparer verloren haben. Zu Juden hat sich von diesem Gelde nicht ein Pfennig verirrt. So lange Lesseps Geld auftreiben konnte, rühmte er sich überall, er werde den Kanal trotz der angeblichen Feindschaft der Juden vollenden. Erst als er das schmähliche Ende vor sich sah, wandte er sich an den Juden Reinach, nach meiner absoluten Ueberzeugung, mit dem Hintergedanken, die Schuld an dem Zusammenbruch auf die Juden zu wälzen; wenn dieser trotz des verzweifelten letzten Versuches erfolgen würde. Eine solche Politik ist durchaus im Geiste der Bande, die an der Spitze von Panama gestanden hat. Indem man die Juden zum Sündenbock für die eigenen Verbrechen machte, befriedigte man die eigene antisemitische Leidenschaft und. lenkte zugleichdie unvermeidlich ausbrechende Volkswut von der eigenen Spur ab und auf die der Juden, auf die das Volk sich ja immer leicht und gern hetzen läßt- Lesseps hat genau so gehandelt, wie die Verbrecher Seite 3. in früheren Jahrhunderten, die am Osterabend eine christliche Kinderleiche in einem jüdischen Hause versteckten und dann auf der Straße das Geschrei erhoben, die Jude» hätten ein Christenkind ermordet, man werde die Leiche ihres Opfers bei ihnen finden, wenn man sofort in ihrem Hause suchen wolle. Diese Verbrecher hetzten zuerst de» Pöbel auf die Juden und plünderten dann, die Panamabande hatte umgekehrt zuerst geplündert und dann den Pöbel auf die Juden gehetzt. Das Erstaunliche, das Unglaubliche^ ist, baß kein einziger französischer Jude, den die Sache doch in erster Reihe angeht, bisher den Mut gehabt hat, diesen sonnenklaren Sachverhalt auszudecken. Dumm und feige haben die französischen Assimilanten das klerikale Blutiuürchen vom jüdischen Panama auf sich selbst und auf dem Judentum sitzen lassen. Sie sind dafür hart gestraft worden. Alles Böfe, was seitdem den Juden in Frankreich widerfahren ist, der Dreyfus- Handel, der Ausbruch des Antisemitismus im Geschäfts- und Gesellschaftsleben, die zeitweiligen Erfolge des Nationalismus, sind nur durch das Panama-Blutnlärchen und dadurch möglich geworden, daß das Volk es glaubte und bis zum heutigen Tage glaubt, da ihm in Frankreich nie widersprochen wurde. Ich habe wenigstens zu unserer eigenen Belehrung die Geschichte dieser bis jetzt siegreichen Verleumdung erzählen wollen, weil sie die Lage des jüdischen Volkes in der Zerstreuung heller beleuchtet als irgend eine mir bekannte andere Episode der zeitgenössischen Geschichte. _ Nur einem Kreise in ihrer Eigenart genialer, lebenskluger und kraftvoller Persönlichkeiten hatte es gelingen können, den imposanten Bau der Religionsgesellschaft mit all' ihren Institutionen fast aus einem Nichts heraus hinzustellen. Und wahrlich, die Meister, die der Religionsgesellschaft das Gepräge ihres Geistes aufgedrückt haben — ein Samson Raphael Hirsch, ein Direktor vr. Mendel Hirsch, ein Baron Rothschild, ein Meier Selig Goldschmidt und ein Friesländer — ie haben ein Jeder an seiner Stelle ein Ganzes geleistet. Einer von diesen stolzen Gestalten ist uns heute noch übrig geblieben, der Fürst des Gebetes, Oberkantor Friesländer. In voller Jugendkrast weilt er noch unter uns, er, der am nächsten Montag das Fest seines siebzigsten Geburtstages mit Gottes Hülfe begehen wird. Der bescheidenen Würde seines Charakters entsprechend hätte der Jubilar beinahe seine Verehrer über diesen für die Religionsgesellschaft denkwürdigen Tag hinweggetäuscht, doch ein günstiger Wind, ein Zufall, gab uns in letzter Minute kurz vor Redakttonsschluß noch Kenntnis von dem Ehrentage unseres Meisters, und wir können nicht anders, als die Nachricht — wenn auch entgegen seinen Wünschen — der Oeffentlichkeit mttzuteilen, da die Oeffentlichkeit ein Interesse an diesem denkwürdigen Tage hat. So bringen wir denn dem Geburtstagskinde unsere Wünsche dar. die wir dahin zusammenfassen : Möge der Jubilar noch Jahrzehnte lang in der Frische der Jugend und in der Würde des Alters unter uns weilen. Ein Zeichen -er Zeit. Der Magisttat der Stadt Freiburg a. d. U. veranstaltet alljährlich im August ein volkstümliches Wetturnen. Jahnturnen genannt. Aus diesem Anlaß veröffentlicht die Staatsbürger- Zeitung folgenden charakteristischen Briefwechsel, zu dem Kommentar überflüssig ist. Plauen i. B., den 16. März 1903. An den hochlöbl. Magisttat der Stadt Freiburg a. d. U. Dem hochlöblichen Magisttat erlaube ich mtt folgendes sehr ergebenst vorzuttagen. Wie mir von einem Leipziger Turnfreunde mitgeteilt wurde, veranstaltet der hochlöbliche Magisttat zu Freiburg — als solcher — in Gemeinschaft mit den beiden dortigen Turnvereinen im August eines jeden Jahres ein sogenanntes Jahnwetturnen, an welchem ein jeder Turner, gehöre er der Turnerschaft oder dem Turnerbunde an, teilnehmen dürfe und willkommen sei. Die Turnerei sei das herrlichste Werk der deutschen Geschichte, der Turnvater Jahn, Deutschlands Nationalheld, nicht Privatheiliger einer dieser beiden genannten Verbindungen. Ich erlaube mir nun sine Anfrage, ob es auch mir gestattet werden würde, an diesem Wetturnen teilzunehmen und bemerke hierbei, daß ich Mitglied des hiesigen Deutsch-Völkischen Turnvereins bin. dessen Zweck die Verbreitung und allseittge Pflege des deutschen Turnens im Sinne Jahn's als Mittel zur Wahrung und Förderung des deutschen Volkstums, zur Schaffung und Stärkung deutscher Mannhaftigkeit, allgemeiner Tüchtigkeit und des Stammesbewußtseins im deutschen Volke ist. ’ Der hiesige Deutsch - Völkische Turnverein gehört dem Deutschen Turnerbunde an. Als Mitglied des letzteren ist es meine Pflicht, mich an seinen nationalen Bestrebungen zu beteiligen, Wetttnnen und dergleichen Feste, bei welchen Nichtdeutsche, insbesondere auch Juden und Sozialdemokraten Zutritt haben und gleiche Rechte genießen wie die nattonalen Turner, zu meiden. Ich bitte mir deshalb bei der Auskunsterteilung auch hierüber Bescheid geben zu wollen.

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