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Neue jüdische Presse · 1903-07-17 · Heft 37 (17.7.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 37 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 37. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. dem Warum, um den Weg zur Rettung suchen zu können, ist hier heilige Pflicht! Titus hat vor achtzehnhundert Jahren den Tempel zerstört, Jerusalem in einen Schutthaufen verwandelt, aber in der jüdischen Seele bestanden sie noch in ihrer Pracht und Herrlichkett, denn ihre Zerstörung war für sie eine Borübergehende, gleichsam eine nicht zu Recht bestehende. Und jeder im Hause Jakob sprach unter heiligen Schauern dem königlichen Sänger mit Mund und Herz die bstnmtsamen Worte nach: „Klebe meine Zunge am Gaumen, verdorre meine Rechte, vergesse ich dein, Jerusalem!" — Diese nur vorübergehende Zerstörung nun in eine dauernde und ewige zu verwandeln; dqs was Nebukadnezar und Titus nicht vermochten, Jerusalem im Herzen des jüdischen Volkes zu zerstören, wird leider mit Erfolg gegenwärtig, versucht. Es sind aber nicht „Edom" und „Amalek", die nach dem Psalmisten sprechen: „Kommt, lasset uns sie vernichten -als Volk und nicht mehr soll der Name Israels gedacht werden!" ist ein anderer alter Feind unseres Volkes — die Philister! In unseren Synagogen von der Kanzel herab, wird es unfern Kindern verkündet: „Das Zerstörte sei nicht mehr auszurichten, die Gefangenen nicht wieder zu bringen!" Jerusalem und der heilige Tempel werden wohl errichtet werden, — aber nicht auf Erden, sondern" im Himmel! .... Es ist leicht begreiflich. Laß fromme Männer, deren ganzes Leben,und Streben ans den Himmel gerichtet ist, das edle'Gut unseres Volkes, die. Quelle vieler Tugenden und Hoffnungen, dorthin zu verlegen suchen. Ueberdies stand zu befürchten, daß die Erinnerung daran der inr Momente geübten Vogclstrauß-Politik hinderlich werden könnte; also, hinauf damit in den Himmel! Der Himmel ist groß, hoffentlich giebt cs dort noch ein Plätzchen für etwas Jüdisches! . - Nachdem nun Zion und was drum und dran ist, dem lieben Himmel zur sicheren Aufbewahrung anvertraut ist, ist es wiederum nur Logik, die unseren weisen Lehrern und ihrem Anhang, Juden, die ein Ehrenamt in der Gemeinde bekleiden und darum nur ihre Kinder taufen können, zwingt, die heimat- und rechtlosen Brüder, die. noch eine unbezwingbare Sehnsucht nach Zion im Herzen tragen, den Weg — zum Himmel zu ' zeigen, indem sie chnen den menschenfreundlichen Rat geben, in ihrem Vaterlande zu verbleiben und bis ans bittere Ende auszuharren. .... Wie sehr diese fcommen Himmelsmänner, die aus Augenblicks-Rücksichten die Thora zu einer Windfahne .machen, die sich nach dem jewelligen Winde dreht, von echt jüdischem Nattonalgefühl durchdrungen sind, und der Jugend es beizubringen sich anstrengen, kann man sich füglich leicht denken. Wer aber noch zweifelt, der sehe,- wie sic sich bemühen, schon äußerlich einem protestantischen Pfarrer ähnlich zu werden. Daß aber diese Anpassungssucht nicht bei Aeußerlichketten stehen bleibt, davon geben ihre Predigten — richtiger „Droschoth", well darin zumeist gedroschenes Stroh gedroschen wird — genügendes Zeugnis. Der Abfall mehrt-sich von Tag zu Tag, es giebt Gemeinden, wo alljährlich ein halbes Tausend ihren Makel, Nachkommen der'Propheten zu sein,-mit Taufwasser abwaschen. Geht man aber in den Tempel, so kann man sicher sein, eine „Droscho" zu hören über „die Mission des jüdischen Volkes", und da erfahren wir, daß der Herr Rabbiner die schöne Aufgabe übernommen hat, alle Völker dem Judentum zuzuführen. Nun es ist leicht zu erraten, woher diese „Mission" stammt. Das Christentum, das auf dem Standpunkt steht. Laß derjenige, der sich nicht zu ihm bekennt, er mag der Rechtschaffensten einer sein, ein für alle Mal der Verdammnis verfallen ist, muß diesem seinem Dogma zufolge Mission treiben, ein anderes Verhalten wäre herzlos. Im Judentum aber, wo gelehrt wird, daß die 'Redlichen aller Völkerdes zukünftigen Lebens teilhastig werden, da besteht natürlich keine Notwendigkett „Mission" zu treiben. Es ist tatsächlich nicht nötig, daß jemand, der nicht dem jüdischen Volke angehört, die Gebote der Thora beobachtet, denn sie sind „das Erbe der Gemeinde Jakobs", ein Nichtjude hat, um selig zu werden, nach der Lehre des Judentums, nur die sogenannten „sieben Noachiden-Gesetze" zu beobachten. Christen, die den Unterschied der. Grundansichtcn nicht kennen, oder deren Tragweite nicht ermessen können, machen dem Judentum den Vorwurf der Herzlosigkeit, weil es Line Mission übe. Nun, das Judentum nimmt jeden auf, dessen Ueberzeügung ihn treibt, sich zu ihm zu bekennen, Mission zu üben, liegt keine Notwendigkeit vor, well die Grundvoraussetzung hierzu fehlt. Aber da die Christen das Ding, das-sich „Mission" nennt, haben, wie soltten und konnten wir cs entbehren! Auf Liese Weise entstand die ^Mission", ein trauriges Zeichen der Unwissenheit und der bodenlosen Nachahmungssucht. . Und je leerer die Synagoge, je mehr Vorsteher, die ihre Kinder dem Judentum entfremdet haben. desto lauter wird darin von der Mission Israels unter den Völkern geredet. Sicherlich hat auch Israel seine Aufgabe, seine Sendung, wie es alle Völker, die Söhne desselben Vaters sind, haben und hatten. Wer die Bibel einmal, wenn auch nur in.einer Uebersetzung gelesen, weiß, daß wir.nicht hinausgeschickt wurden, um Ändere zu bessern, sondern um uns zu bessern. Unsere Mission, besteht darin, unseren Kindern uiwerfälscht das Judentum, seine Ethik mid Weltanschauung zu überliefern, damit, wenn einst die Menschheit zu ihnen herangcreift sein wird, sie dieselben in ihrer Reinheit vorsinden- Aber diese Aufgabe kann unmöglich darin bestehen, daß wir uns auflösen und zum Dünger auf dem Felde anderer werden sollen, am allerwenigsten aber, daß wir aus der ganzen Erde den Namen Jude — zum Schimpfworte machen. Den Nationalstolz und die Hoffnungen Israels vernichten, ist nichts anderes, als seine Entwaffnung vor dem Feinde, heißt Israel des beivährte» Schutzes berauben. Dies sind die Ursachen des Unheils, .das uns bedroht. Solche Zustände konnten sich allerdings nur unter dem Schutze einer erschrecklichen Unkenntnis des Judentums entwickeln; davon aber, sowie einer weiteren Würdigung der besprochenen Schrift nächstens! Hoffentlich haben wir somit den Beweis erbracht, daß eine jüdische Erziehung von nationalem Geiste getragen sein muß. Finden wir die Kraft, auf dem. Boden dieser Erkenntnis unsere verleugneten und gesunkenen Hoffnungen auszurichten, unseren gedemütigten Stolz ueil zu beleben, dann werden ivir wieder zu unserem Gotte und zu unserer eigenen Kraft Vertrauen fassen könne»; dann wird unsere Jugend, unsere Hoffnung, der Stolz Israels bleiben. B. (Nachdruck verboten.) Die Reform innerhalb des historischen Jndentums. Ein in Nr. 28 der „Allgem. Zeitg. des Judentums" enthattener Artikel polemisiert gegen die in einer Repräsentantensitzung der israel. Gemeinde in Berlin gefallene Aeußerung: „Die Refornibesttebungen im Judentum müssen zum Abfall und zum Jndifferentismus führen", und betont hiergegen „den Reformgcdankcn innerhalb des historischen Judentums, wie ihn die Allgem. Ztg. des Judentums seit mehr als 60 Jahren unaufhörlich verttitt", als die von der Orthodoxie verkannte Heilesformel, welche allein imstande sei, dem Abfall und Jndiperentismus wirksam zu begegnen. — Nun ist es aber schon längst und oft in tteffender Weise klar gelegt worden, daß das h i st o r i s ch e Judentunr lediglich das auf dem Satze „Moscheh kibbel thorah misstnai" beruhende traditionelle Judentum ist, wie es in der schriftlichen und mündlichen Lehre enthalten und in den Codices niedergelegt ist und dessen Vorschriften für alle Zeiten unabänderlich gegeben sind. Die Sabbatfeier mit dem strengen Werkverbvt, die Speisegesetze, die Keuschheitsgesctze u. a. sind dem überlieferten Judentum ebenso für alle Zeiten verbindlich wie die sogenannten Moralvorschriften, das Verbot des Mordes, des Diebstahls, das Gebot der Mildtätigkeit u. a. nr. und von ersteren gilt nicht minder wie von letzteren das Wort des Propheten Maleachi (K. 3, V. 22): „Gedenket der Lehre Moscheh's, meines Dieners, dem ich am Choreb für ganz Israel Gesetze und Rechtsvorschriften (Chukim und Mischpatim) geboten" — wie dies einmal von Rabbiner S. R. Hirsch sek Andenkens in einer Stelle seiner Schriften betont ist. — Eine „Refornr innerhalb des h i st arischen Judentums" würde daher sofort den Boden des historischen Judentums verlassen. Für sie dennoch den Boden des hiswrischen Judentums prätendieren wollen, würde für diese Bestrebung den Vorwurf der „falschen Geschichtskonstruktion" mit Recht begründen, den der Verfasser des erwähnten Artikels gegen die, die angebliche Sanktion der Reform durch das ttaditionelle Judentum verneinende Orthodoxie zu Unrecht erhebt. Daß diese „Refornibesttebungen innerhalb des historischen Judentums" in der Tat bereits nichts anderes sind, als der Abfall vom historischen Judentum, daß die „Entwickelung des Judentums", wie sie diese Bestrebung verttitt, nichts anderes ist, als eine Fortentwickelung vom überlieferten Judentum hinweg — darüber kann für die Leser der „Allgenr. Ztg. des Judentums" und anderer derselben Richtung mehr oder minder offen folgender Blätter kein Zweifel obwalten. Die Allgem. Ztg. des Judentums macht auch kein Hehl daraus, daß nach ihrem Standpunkte den Vorschriften über die strenge Sabbatheiligung, dem.Werkverbot an Sabbat und Festtagen mit allen weitgehenden Konsequenzen, den Speiscgcsetzen, dem absoluten Chamezverbot am Pesach u. a. m. nur eine zettlich begrenzte Bedeutung beizumessen ist unddieselben sowie viele andere, dem gesetzestteuen Juden als ewige Gesetze gellende Vorschriften für unsere Zell anttquiert sind. Wir teilen diesen Standpunkt nicht, wir beklagen ihn und bekänrpfen ihn. Aber wir erkennen an, daß die Allgem. Ztg. des Judentums das Publikum über den von ihr eingenommenen Standpunkt nicht durch Verschleierung desselben irreführt. Nur müßte sie in Konsequenz dieses Standpunkts das von ihr bekannte Judentum auch nicht als das von den Ahnen tradierte historische Judentum und die 'Reform nicht als eine Jnstttution des ttaditionellen Judentums ansprechen wollen. Letzteres weiß nichts von einer zulässigen Abrogierung seiner selbst. Auf denr Boden des historischen d. i. gesetzestreuen Judentunrs ist daher überhaupt kein Raum für die in dem erwähnten Artikel ventilierte Frage:, ob der Abfall vom Judentum mehr durch' die Orthodoxie oder durch die Reform verhütet werden könne. Der Abfall vom Judentum beginnt für den gesetzestteuen Juden nicht erst mit der Taufe. Das historische Judentum durch die Refornr desselben erhalten »vollen, ist ein Widerspruch in sich und bedeutet, es niederreißen und ein Anderes, Gegensätzliches an dessen Stelle setzen. Wenn ferner der Artikel zum Beweise, daß das Festhalten an dem überlieferten Judentume gerade den Abfall von demselben fördern könne, auf Beispiele hinweist, in »velchen Kinder konservativer Ellern deren religiösen Standpuntt, ja zuweilen das Judentum ganz und gar verlassen haben — so ermangelt solcher Hiniveis doch in dieser Richtung aller Bedeutung. Würden denn etwa diese Kinder hiervon zurückgehalten »vorden sein, »venu bereits auch ihre Eltern so eifrig der Reform angehört hätten, >vie sie sich bemüht hatten, konservativ zu sein? Eine sehr beherzigenswerte Wahrheit ist übrigens in dem Artikel ausgesprochen, indem das anläßlich der jüngsten Rabbinerwahl in Wien von einem italienischjüdischen Blatte gebrauchte Wort: „I rskormisti hanno fatto il loro tempo!“, als in krassem Widerspruch »Nit den Erscheinungen der Zeit stehend, belächelt wird. In der Tat — es wäre ein verhängnisvoller Jrrtuni, wollte man auf orthodoxer Seite sich dem Glauben hingeben, daß die Refornibesttebungen bereits in unserer Zeit sich überlebt haben. Die Methode hat sich manchen Ostes geändert und es ist dadurch das Ziel zuweilen ettvas in den verschleierten Hintergrund gerückt — aber die Tendenz und der Wunsch sind noch unverändert dieselben wie in der Sturm- und Drangperiode der Reform während der dreißiger und vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts! Ein vollglaubwürdiger Zeuge dessen ist u. a. dieser Artikel der Allgem. Ztg. des Judentums, welcher denr erivähnten Ausspruche des italien.-jüdischen Blattes „aus geschichtlicher, psychologischer und objektiver Erfahrung" schon heute den Satz gcgenüberstellt: „01i ortoäossi dauao katto il loro tompo!", dessen noch größere Verwirklichung sie 'von der Zukunft erhofft. — Sorgen wir daher, daß es hierzu nicht komnre; seien wir »vachsam für unser teuerstes Gut, und suchen wir unsere Jugend immer umfassender und tiefer, inrmer inniger und bewußter für die tteue Hingebung an das überlieferte, unverfälschte, historische Judentum zu gewinnen! — Rußland in Palästina. Anfang März d. I. erschien vor Jaffa ein russisches Geschlvader unter dem Kontrcadmiral Krieger, bestehend aus 1 Kreuzer, 2 Kanonenbooten und 1 Torpedoboot. Die Schiffe blieben eine Woche lang vor der Stadt, und der Admiral mit dem größten Teile der Mannschaft fuhr mit der Bahn nach Jernsaleni. Seit dem vorigen Jahr erscheinen zur Osterzett russische Kriegsschiffe. Das hat ettvas mehr als einfache Frömmigkeit zu bedeuten. Der russische Einfluß ist heutigen Tages in Palästina mächtig getvorden! Wer heute nach Syrien und Palästina kommt, wundert sich, wie sehr von allen verschiedenen religiösen christlichen Gemeinschaften das heilige Rußland im ganzen Lande, besonders in Jerusalem, sich hervortut in Erwerbungen von Grund und Boden und in der Gründung von Missionen, Schulen, Hospitälern und klösterlichen Genossenschaften. Die modernen Bauten, die Rußland in Jerusalem aufsühren läßt, sind in der Tat großartig, sie bilden in getvissem Sinne eine Stadt für sich, eine Art Festung, die als Neu-Jerusalcm, mit tvelchem Namen die Russen das Ganze benannt haben, das alte Jerusalem unter Umständen beherrscht und eines'Tages neben ihrer religiösen leicht eine noch unberechenbare politische Bedeutung erlange» kann. Die ganze Anlage besteht aus: Missionshaus init Schule und Spital, einer Pilgerherbergc, Wohnungen für geistliche und weltliche Beamte, dem Palast des künftigen russischen Patriarchen und des Generalkonsuls und den beiden Kirchen, deren eine, die Kathedrale, ganz Jerusalem überragt. Alles dieses .ist uingeben mit einer Festungsmauer. Ein Drittel des Oelbergs hat Rußland angekauft und samt der Gcthscmänekirche mit einer Mauer umschlossen.. Oben ans der Spitze des Berges, nahe bei der Himmelfahrtskirche, ragt der hohe Russentt»rm empor, weithin sichtbar im Lande, selbst jenseits des Jordans. Die ganze kirchliche Politik des Christentums im Orient hat in Jerusalem ihren Mittelpunkt. Auch findet inan nirgends so viele Sekten zusammen wie .hier. Nirgends blüht die Proselytenmacherei so stark als in Palästina. - Dies ist um so leichter, »veil Palästina nicht mehr das Land ist, wo Milch und Honig fließt, sondern das Bcttelland par cxcellence. Alle christlichen und nichtchristlichen Gemeinschaften, die Juden nicht ausgenommen, leben hier vom Betteln, das heißt von den aus dein Auslande, hauptsächlich aus Europa, kommenden Geldern. Dies, sieht man besonders zur Osterzeit an den vielen Bettelbriefen, die aus Jerusalem geschrieben, werden. Allein die russische Post hat im vorigen Jahre um diese Zeit für 700 Napoleons- Briefmarken verkauft.

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