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Neue jüdische Presse · 1903-07-17 · Heft 37 (17.7.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 37 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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B: S Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Postzeitungsliste 2741. Einzelnummem kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband M. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt-Gkpeditton FranKfirrk «. Ml. Vergerstrsße 25, parterre. -o*l*a- Herausgeber: Kaly Geis. Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. sro. 37. Freitag, den 22. Tamus 5668 (17. Juli 1903). No. 37. Nachdruck unserer Originalartikel nur unter Quellenangabe „Frankfurter Israel. Familienblatt" gestattet. Nachdem das „Frankfurter Israel. Familienblatt" nunmehr in die Oesterreichische Zeitungsliste eingetragen worden ist, nehmen alle Postanstalten Oesterreichs Abonnements auf das „Frankfurter Israel. Familienblatt" entgegen- (Nachdruck verboten.) Unser Stolz und unsere Hoffnung! i. Nach Ansicht des rühnilichst bekannten französischen Gelehrten und Judenfreundes, des Akademikers Anatole Leroy-Beaulieu in seinem Werke: „Israel unter den Nationen" würden setzt statt der 8 oder 10 Millionen Juden, die wir zählen, 80 Millionen le.ben, wenn Israel seine tausendjährige Wüstenwandernng unter den Völkern der Erde nicht hätte antreten müssen und sich uatnrgemäs; im eigenen Lande hätte entwickeln dürfen. Sollte diese Annahme auch zu weit gehen, so ist es allenfalls sicher, daß der Leidensweg unseres .Volkes uns mehr Opfer, gekostet, als es jemals der mörderischste Krieg hätte fordern können! Wer zählt die Tausende der Gemordeten, und lver die noch größeren und schmerzlicheren Verluste der Zahl derer, die des ewigen und aussichtslosen Kampfes müde, in feiger Flucht aus dem Judentum, im moralischen Selbstmord, Rettung suchten? Man darf also auch hier mit dem Dichter sagen: „Ich Hab' es getragen — fragt mich nur nicht wie!" Aber auch die Errettung und Erhaltung eines ansehnlichen Nestes ist ein Wunder, und von jeher als solches mit Recht befrachtet worden. Unter all den Wundern der jüdischen Geschichte ist sicherlich ihre Fortdauer nicht das Kleinste! Auf welchem Wege nun konnte dieses Wunder zustande kommen? Was hielt den „Rest Israels" aufrecht, als es Jahrtausende lang bei den Menschen kein Erbarmen und bei Gott keine Gnade mehr finden zu können schien? Welche waren die Stützen seines unerschütterten , Gottvertrauens, wo die Quellen seines unvergleichlichen Heldenmuts? Es waren die wunderbaren Kräfte, die der Herr des Lebens ihm als Charaktereigenschaften ins Herz gepflanzt und durch die heilige Lehre gepflegt und vertieft, um ihm auf dem dornenreichen Pfade Kraft und Ausdauer zu verleihen. Zuerst sei der sofort ins Auge springende Charakterzrig unseres Volkes genannt, den wir mit „Zukunftszug" bezeichnen können. Es ist die warme Anteilnahme an dem Geschicke der kommenden Generationen, das Voräus-Mitleben mit ihnen. Wenn die Gegenwart allzu düster ward, wenn .Haß und Verachtung es zu Boden zu drücken drohten, da schwang sich Israel wie auf Adlersflügeln über sich selbst' hinaus zu den lichten Höhen einer glücklichen, trostreichen Zukunft. Aus der Qual des eigenen Daseins rettete es sich hinüber zu dem Glanz kommender Geschlechter. . Denn es erwartete mit Zuversicht den Anbruch der goldenen Zeit, in der das heilige Recht und nicht die rohe Gewalt herrschen soll im'Völkerrechte, die Zeit, in der das Lamm mit dem Löwen friedlich weidet und ein Volk gegen das andere nicht mehr das Schwert zückt, Ein Hauptmerkmal dieser schönen Zeit aber ist, daß sie den einstigen Glanz und Ruhm der jüdischen Nation in erhöhtem Maße wiederbringt! „Wieder soll gehört werden in den Städten Judas und in den Gassen Jerusalems die Stimme der Freude und des Jubels", spricht der Jude zur Braut und zum Bräutigam an ihrem Hochzeitstage. „Gott tröste euch unter denen, die um Zion und Jerusalem trauern," ist das Trosteswort, das der Jude den Trauernden am Grabe eines teuren Verstorbenen zuruft. Dieses edle llebersichselbsthinausgehen und das Verlegen des - Schwergewichtes der Gefühle in die Zukunstshosfnung, datieren aber nicht erst seit den Tagen eines Jesaja, finden sich vielmehr schon Heini Eintritt unseres Volkes in die Geschichte, bei den Lebensschicksalen unseres Stammvaters Abraham ganz deutlich ausgesprochen. Als nämlich der Patriarch den höchsten Beweis seiner Gottergebenheit erbracht hatte, indem er sich zur Opferung des geliebten Sohnes auf dem Altar Gottes bereitfand — wobei ihm zugleich bedeutet werden sollte, es sei nicht der Wille des Mlgütigen, der den Menschen in seinem Ebenbilde ins Dasein rief, daß derselbe in seinem Namen dem Tode entgegengeführt werde, sondern, daß man ihn auf den Weg des Lebens leite — da ward ihm als Lohn seiner Treue und Opferwilligkeit nicht persönliches Wohlergehen, nicht Macht und Ansehen, dessen er selbst sich erfreuen sollte. Die Verheißung lautet vielmehr: „Ich will Dich segnen — und vermehren Deine Nachkommenschaft. Sie werden von den Toren ihrer Feinde Besitz ergreifen, und es werden sich segnen mit Deinen Nachkommen alle Völker der Erde." Der idealen Zukunftshossnung steht der jüdische Nationalstolz ebenbürtig zur Seite. Denn es ist nicht der gemeine Stolz dünkelhafter Aufgeblasenheit, sondern das edle Selbstbewußtsein, das uns vor allem Niedrigen und Gemeinen bewahren soll- Jeder erfahrene Pädagoge weiß sich dieses Mittels zu bedienen und auch manche liebende Mutter verfährt unbewußt nach ihm. Bei Vernachlässigung desselben würden sie sich nicht nur des wirksamsten, sondern auch des moralisch besten Erziehungsmittels begeben, und wären genötigt, auf die Eigenliebe und Selbstsucht des zu Erziehenden zurück zu greisen und diese mit groß zu ziehen. Das nationale Selbstbcwußtsein also — weil unpersönlich und selbstlos, dabei unerschöpflich, indem die Gefahr, daß es aus Mangel an Objekten des Stolzes versagen könnte, ausgeschlossen ist —, bleibt darum das edelste, wirksamste und sicherste Erziehungsmittel — und nicht nur für Kinder! In derzeitigen Schrift findet dieser Gedanke in der so ost mißverstandenen mck> noch öfters böswillig mißdeuteten Lehre von dem Auserwähltsein des jüdischen Volkes seine Anwendung- Der zu Bode» getretene Jude hat niemals das stolze Bewußtsein verloren, besser zu sein und moralisch höher zu stehen, als seine mächtigen Bedränger. Er hat auch niemals die Hoffnung fahren lassen, daß auch für sein Volk eine neue Zeit des Glanzes heranbrechcn muß. Hoffnung aber ist nach Ausspruch des weisen Königs des Lebens -Schönstes. Dies waren die zwei Engel des Trostes, die Israel aus seinem Goluswege begleitet haben, ihm Mnt und Ausdauer verleihend. Bei einer solchen Geistesrichtung konnte es nicht anders sein, als daß man der Erziehung und Heranbildung der Jugend, des kommenden Geschlechtes, bei uns Juden stets einen unendlichen Wert hat beilegen müssen, wären sie ja die Träger der stolzen Hoffnung ihrer Nation! Man har sicherlich nichts unterlassen, um ihnen Gottesfurcht,' Liebe' zum jüdischen Volke und tiefe Sehnsucht nach seiner Befreiung aus Jammer und Schmach einzuprägen, und zahllos sind die Stellen in der Litteratur des Judentums, die davon beredtes Zeugnis geben. Ans diese Gedankengänge hat uns eine von Herrn Oberlehrer Adolf Weil, hier, bei I. Kaufmann unter dem Titel: „Die Bedeutung des Hauses im alttestamentlichen Erziehungsplan" veröffentlichte Schrift gebracht, indem wir grade in dieser, in ihrer Art vorzüglichen Arbeit diese Momente vermißten. Mit großer Sachkenntnis und vielseitiger Belesenheit versucht der Verfasser aus den in der Bibel und zum Teil auch aus den in dem Talmud zerstreut' ' liegenden Lehren und Vorschriften ein anschauliches Bild von der Erziehung im Judentum und ihrem vornehmsten Ziele: Tugend und Redlichkeit im Verkehr mit allen Menschen, Liebe und Treue gegen Gott mit gutem Glück zu entwerfen. Leider hat es der Herr Verfasser unterlassen, die von uns angedeuteten Momente zu verwerten, deren Wichtigkeit ihm als Pädagogen von Fach unmöglich zweifelhaft sein konnten, und deren Vorhandensein und Wirksamkeit in der jüdischen Erziehung nur derjenige in Abredp stellen kann, dem die heiligen Schriften unbekannt geblieben sind. Wer aber vermeint, ihrer entraten zu können, und nicht einzusehen vermag, daß sie für die Erziehung, für das Judentum unentbehrlich sind, der blicke nur um sich und sehe, was vor unfern Augen Geschichte wird und er wird eingestehen müssen, daß er in einem Irrtums befangen war. Wir wollen nicht von all den traurigen Zeichen des inneren Verfalls reden, die aus allen Ecken und Enden sichtbar werden. Denn es ist leider nicht jedes Mannes Sache, die Deutung der Zeichen der Zeit zu verstehen, und wir wollen in diese» schwerwiegenden Zeilen von allen verstanden sein. Wir wollen daher nur das anführen, was der Kurzsichtigste nicht übersehen kann, und, sofern er es mit seinem Judentum ehrlich meint, nicht übersehen darf. Wir meinen die täglich anschwellende Zahl derer, die das Judentum fluchtartig verlassen, um die Zahl der Feinde zu vermehren! Nun, wir nehmen die bekannte Antwort unserer kaltherzigen und denkfaulen „Beschwichtigungshofräte", als Genossen am, die sagen werden: macht nichts, nur die welken Blätter fallen ab! Gewiß, aber warum werden denn am Baume des Judentums so viele Blätter welk? Zeugt es nicht davon, daß seine Lebenssäfte am vertrockenen sind? Mutz nicht das Herz eines jeden wahren Juden erbeben bei solchen Gedanken! Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß es schwer sei, in unseren Tagen Jude zu sein. In welcher Lage - er sich auch befindet, welche Stellung er in der Gesellschaft auch einnehmen mag, überall muß er Opfer ideeller oder materieller Natur bringen; aber, war es denn in den vorigen Jahrhunderten ein Vergnügen, Jude zu sein? Wie erwähnt, lvar auch die damalige Zeit reich an Verlusten fiir das Judentum gewesen; aber damals taten sie es nur, der Gewalt weichend, dort wo ihnen nur die Wahl freistand, zwischen Tod oder Taufe: in unseren glorreichen Tagen geschieht es aber gar trotz des offenbaren Widerwillens der neuen Glaubensbrüder gegen den unerwünschten Zuwachs. Noch vor nicht allzu langer Zeit war es wenigstens noch üblich, daß in der Entwickelungszeit, die die Umwandlung eines frommen Juden zum gläubigen Christen erforderte, einige Generationen kamen und verschwanden: ein frommer Vater hatte einen modern denkenden Sohn, dieser wiederum einen solchen, der „Freigeist" war, der seinerseits einen „Freireligiösen" zeugte, dessen Sohn sich erst — zum ftommen Christen entwickelte. In unserer Zeit haben sich nicht nur die Fälle vermehrt, sondern auch die Zwischenskätfonen,' vermindern sich bedenklich. 1 , Es sind traurige Tatsachen; aber weil sie eberp Tatsachen sind, wäre es ein Verbrechen, vor ihnen die Augen verschließen zu wollen.' Die Frage nach Abonniert das Frankstrrter Israelitische Uamitienblatt!

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