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Neue jüdische Presse · 1903-07-10 · Heft 36 (10.7.1903) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 36 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36. einiger Nainensveränderung noch einige Jahre halten. Als jedoch dann die Behörde auf seine Spur hätte kommen können, Ivar inzwischen seine Emigrationsgedanke zum Entschlüsse herangercift und er trat die große Reise an. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) ,,Die Kronenberg's." Erzählung von B. Leiser. (Fortsetzung.) Sie sprang auf und glitt gewandt am Stamme der Linde entlang; dann sah sie mit ihren lachenden, blauen Augen über das Gitter hinweg zu ihrem jugendlichen Anbeter herüber. „Ach nein, Herr Kronenberg, daraus kann nichts werden," meinte sic wichtig. „Vater hat doch die Absicht, mich ansbilden zu lassen, da der Musikprofessor ihm erklärte, daß ich eine so prachtvolle Stimme besitze, echtes Gold, sagte er, es müsse nur hervorgeholt werden. Mütterchen opponiert zwar noch, sic fürchtet die Dornen auf dem Pfade ein Konzcrtsängerin, schon weil ich eine Jüdin bin! Ich jedoch," rief sic mit jugendlichem Feuer, „ich nehme es mit einer ganzen. Welt von Vorurteilen aus." Sie trällerte übermütig ein paar Läufe in die sonnige Luft empor. . . . „Aber das ist ja alles Unsinn, Judith, das glauben Sie ja selbst nicht! Wetten! daß Sie doch noch fein sitt- und fügsam meine Frau werden?" ... „Wetten? Ja, tausend gegen eins, heiraten werde ich sicher niemals, auch Sie nicht! Mein Herz und mein Leben gehört der Kunst!" .. Sie hatte sich rückwärts gehend, immer weiter von ihm entfernt. Nun lief sie,' mit der Hand winkend, daß ihre blonden Zöpfe flogen. .... Aber noch ehe sie das Hans erreicht, hörte sie abermals ihren Namen rufen. Blitzschnell drehte, sie sich um. 2a stand die kleine Elisabeth Sigismunds Schwesterchen und winkte eifrig mit beiden Händen. „Bitte, bitte, Fräulein Judith, helfen Sie mir flink über das Gitter! Nehmen Sie mich mit, ich bin so allein!" . . . Judith zögerte noch. Sie hatten ja alle die kleine Elisabeth von Herzen gern, aber sie kannten auch die Ansichten Frau' Kronenbergs über den Verkehr ihrer Kinder bei den Angestellten der Fabrik, den sie durchaus mißbilligte. „Ja, kleine Elisabeth, gern, herzlich gern nehme ich Dich mit zu uns, aber Deine Mama wirds nicht Ivollen!" . . . „O, die Mama ist zur Stadt gefahren, und sie wird lange ausbleiben, sonst wäre Fräulein nicht auch fortgegangen," meinte die Kleine schlau. „2, bitte, bitte!" . . . „Nun denn in Gottes Namen," entschied Judith endlich. Sie nahni dann das Kind an die Hand und spornstreichs gings dem Hause zu. Und nun rannte das kleine und das große Mädchen um die Wette die Treppe hinauf. Oben erwartete Judith eine kleine Strafpredigt. . . . Die Vorhänge drinnen in dem traulichen Gemach waren schon zusammengezogen, da es zu dämmern begann. Der Tisch war sabbatlich gedeckt. In der Mitte, in zwei schweren, silbernen Leuchtern, Prachtstücke, die sich in der Familie fortgeerbt, steckten die. Sabbatlichter. Eine feierlich weihevolle Stimmung lag über dem kleinen, behaglichen Raum und umfing die beiden jungen Menschenkinder mit wunderbarem Zauber. Die kleine Elisabeth blieb zunächst atemlos an der Tür stehen. Judith dagegen eilte auf ihre Mutter zu und faßte sie stürmisch um die Taille. Frau Leviton war eine noch schöne, jugendliche Frau, über deren glatter, faltenloscr Stirn sich prachtvolles, schimmerndes Blondhaar wölbte, von jener goldig glänzenden Farbe, wie man es bei Jüdinnen selten anzutreffen pflegt. Man hätte leicht in Judith eine jüngere Schlvestcr vermuten können. „Aber Judith," wehrte sie die Zärtlichkeiten ihrer Aeltesten ab, „wo bleibst Du denn heute? Tn weißt doch, daß es Freitag ist und ich tief, tief in der Arbeit stecke. Es ist weder schön noch selbstlos, wenn man nur an sich und sein Vergnügen denkt!" . . . „O, liebste, beste Mutter, sei nicht böse! Sieh, cs war so prachtvoll draußen! Ich saß so vergnügt in der Linde und unterhielt mich mit Sigismund!" . . Frau Leviton's Mienen wurden womöglich noch ernster. „Aber, Judith, wie oft habe ich Dir das schon untersagt! Du sollst weder auf die Bäume steigen, noch Dich mit Herrn Sigismund unterhalten. Tu wirst bald sechzehn Jahre alt, da ist man den Kinderschuhen entwachsen!" „Siehst Du, Mutter," rief Judith lachend, „wie Du nun bist! Einmal soll ich kein Kind mehr sein, und dann bin ich wieder ein rechtes Kind!" . . . Frau Leviton erwiderte zunächst nichts mehr. Sie mochte sich wohl für später eine Aussprache mit ihrem Töchterchen Vorbehalten. Jetzt ging sie auf die kleine Elisabeth zu, die immer noch wie verzaubert an der Tür stand, und reichte ihr freundlich die Hand. „Guten Tag, mein liebes Kind! Komm, setz Dich Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. -m ein wenig, wenn Tn noch darfst. Ich will indessen die Lichter anzünden!" ... „Aber nein," rief die Kleine, während die Frau des Hauses ihre .Hände nun segnend über die hell erstrahlenden Kerzen breitete und Judith ernsten, glücklichen Antlitzes neben ihr stand, „ist das schön! Warum tun Sie das, Frau Leviton? Hier ist ja alles so feierlich!" „O, Tu dumme, kleine Liese," rief Judith lachend, ,Dn bist ja selbst ein kleines Indenmädchen und Du weißt nicht, warum man diese Lichter anzündet! Um den Sabbat zu empfangen, Herzchen!" . . . „Bin ich ein Judenmädchen?" fragte die Kleine gedankenvoll. Ja, die Kinder schimpsen ja wohl so auf der Straße! Aber sonst höre ichs doch nie! Mama har noch niemals davon gesprochen, daß wir Juden lind, Fräulein auch nicht und der Papa, nun der spricht überhaupt nicht viel." . . . „Darüber kannst Du aber beruhigt sein, Kindchen! Ihr seid alle Juden, Tn, Tein Papa, Deine Mama, Sigismund, wenn Ihr auch nicht davon redet, das besorgen schon die andern! Rur Euer Personal, das ist allerdings '. . getauft!" . . . „Judith," verwies Frau Leviton ernsten Tones, ..fei nicht so vorlaut! Bor allem laß jetzt die Kleine in Ruh'! Was sie von diesen Dingen erfahren soll, werden ihre Eltern ihr zeitig genug sagen, das ist deren vornehmstes Recht, und da darf von Fremden, wer cs auch sei, nicht vorgegriffen werden!" . . Gespannt horchte das kleine Mädchen ans jedes Wort, während die klugen, dunklen Augen unverwandt und belvundernd auf Frau Levitons Züge» hafteten. Ja, solch eine Mama wünschte sie auch zu haben! Solch eine schöne, freundliche! Selbst im Tadel lag wohl ein großer Ernst, das fühlte die Kleine, welche ein besonders aufgewecktes Kind, ihren Jahren weit voransgccilt war, wohl heraus. Aber so zornig wie ihre Mama konnte diese schöne, liebe Frau sicher nicht werden. Unter diesem Eindrücke sagte die kleine Schmeichelkatze bittend: „O, liebe Frau Leviton, lassen Sie mich noch eine Weile hierbleibcn! So hübsch, wie es hier ist." Noch ehe sie vollendet, wurde die Tür geöffnet, und Judith's Vater und Bruder traten festtäglich gekleidet ein. Herr Leviton war ein stattlicher Fünfziger mit klugen, freundlichen Zügen. Er hielt sich nicht sonderlich gut, leicht vornüber geneigt, nicht so straff und aufrecht wie sein Freund, der reiche Fabrikbesitzer. Und dennoch waren sie miteinander gleich stattlich, mit demselben feurigen Lebensmut, ins Leben gestürmt, nur daß jener, die Reihen durchbrechend, mit Mine,» Wagemut den andern weit vorauseilte »nd in unaufhaltsamem Lauf die schwindelnde Höhe erreichte, während Leviton auf der breiten Heerstraße blieb, wo es Mühe genug kostete, mit den andern Schritt zu halten. Dennoch wäre cs schwer zu entscheiden, wer von diesen beiden so verschiedenen Menschen der wahrhaft Glücklichere ist! Ter einfache, schlichte Mann mit seinem bescheidenen Einkommen und dem reichen, glücklichen Familienleben oder jener mir Glücksgütern fürstlich gesegnte in seiner öden, armen Häuslichkeit. Nachdem der Herr des Hauses Frau und Kind herzlich geküßt und Elisabeth begrüßt hatte, sagte er leise zu seiner Frau: „Lasse Judith die Kleine nach Hause begleiten, liebe Henny! Frau Kronenberg fuhr soeben vor und das Fräulein lief anscheinend ratlos umher, das Kind zu suchen. Ich hatte ja keine Ahnung, daß Elisabeth hier sei!" Er legte liebevoll seinen Arm um die zarte Gestalt und sagte mahnend: „Deine Mama ist vorhin gekommen, liebes Kind, es ist wohl das beste, so gern wir Dich hier behalten, daß Du zu ihr gehst, meinst Tu nicht auch, Elisabeth?" Die Kleine sah ein wenig erschrocken zu dem freundlichen Mann ans, dann meinte sie ernsthast: „Freilich, .Herr Leviton, wenn Mama schon zurück ist, ha muß ich wohl schleunigst nach Hause, sonst giebts Schelte, aber schade, ewig schade ists!" . . . Sie ging zu Frau Leviton, hob sich auf die Fußspitzen und legte ihre beiden kleinen Arme fest um deren Hals: „Adieu, meine liebe, liebe Frau! Ich bin furchtbar gern bei Ihnen gewesen, und wenn Sie erlauben, komme ich recht bald wieder!" . . . Tann ließ sie sich willig von Judith fortführen. An der Tür jedoch wendete das dunkle Lockenköpschen sich noch einmal eilig zurück und ein letzter sehnsüchtig wehmütiger Blick umfing das traute, in ungewohnt hellem Glanz erstrahlende Gemach. . . . Als die kleine Elisabeth in die blütenninrankte geschlossene Veranda trat, die an das große Speisezimmer grenzte, hatte ihre Mutter bereits ihre elegante Besuchstoilette mit einem bequemen Hauskleide vertauscht. Nachlässig in einen Fauteuil hingegossen, las sie anscheinend mit Spannung in einer Zeitschrist. Bei dem Eintritt ihres Töchterchens richtete sie sich hastig ans. >. „Wo bist Tu gewesen, Elisabeth?" fragte sie strengen Tones. Für einen Moment überflutete helle Röte das hübsche Gesichtchen des kleinen Mädchens. Tann aber sagte sie mutig und in diesem Augenblick zeigte sich etwas in den feinen Zügen, in der ganzen .Haltung des zierlichen Köpfchens, das jäh an den Vater erinnerte. „Ich war bei Levitons, Mama! Es war mir so einsam hier, und da sah ich Judith, und ich bat sie inständigst, mich mitznnehincn. O, Mama," sprudelte die lebhafte Kleine, ohne die Erregung ihrer Mutter zu merken, hervor, „es war herrlich dort! Denke nur, Mama, sie feierten Sabbatanfang! So sestlich siehts da aus, wie bei uns nur an Geburtstagen! Brennende Lichter und srohe, festliche Gesichter." Tie Kleine war immer lebhafter geworden, nun näherte sie sich, ihrer schöne» Mutter, ergriff deren herabhängende Hand, und merkwürdig bitter klang es von den jungen Lippen: „Mama, wir sind doch auch Juden, weshalb feiern wir nicht auch? Fräuleiil hält ihren Sonntag und Johann und Babette und alle Leute ringsumher! sag doch, warum halten wir nicht den unfern?" . . . „Wir sind doch auch Juden!" Diese Worte, zudem in Gegenwart der Erzieherin, genügten, eine helle Röte der Verlegenheit auf Frau Kronenberg's Wangen hervorzurufen Wohl war die schöne Frau einer gute», jüdischen Familie entsprossen, aber dennoch dem Judentum gänzlich entfremdet. Hätte sie einen Sohn gehabt, sie selbst würde wohl keinen Moment gezögert haben, ihn taufe» zu lassen, um ihm eine glänzende Karriere zu eröffne». Ta aber ihr einziges Kind eine Tochter war, so lag bisher kein Grund vor, diesen Religionstausch, zu welchem sie sich so leicht und gern entschließen könnte, vorznnehmen. Freilich, ihre Gedanken waren schon oft den Jahren vorausgeeilt und eine glänzende Heirat in aristokratischen Kreisen siir ihr einziges Kind war das Ziel ihrer ehrgeizigen Träume. Tann hielt sie auch wohl den Moment für gekommen. Nur eines machte ihr dabei Sorge: der Widerstand ihres Gatten! Wenn Herr Kronenberg auch, was das Haus betraf, nach schiveren Kämpfen sich den Anordnungen seiner Gattin fügte, niemals loiirde er, so hatte er ihr damals auf ihre» leise geäußerten Wunsch hin mit aller Energie erwidert, darein willigen, daß ein Glied seiner Familie von dem heiligen Glauben seiner Väter abfalle, dem Stamme die Treue breche, dessen Traditionen seine Voreltern und er selbst hochgehaltcn. . . . Jetzt schüttelte sie zornig das Händchen ihres Kindes ab, und ein scheuer Blick flog zu dem Fräulein hin. Die junge Dame war grade damit beschäftigt, Bücher auf einem kleinen Tische zu ordnen. Kein Zug in ihrem blassen Gesicht, in dem keine Wimper zuckte, ließ darauf schließen, daß sie jene Aeußerung der Kleinen vernommen. „Schweig!" gebot nun die schöne Frau mit so harter Stimme, wie das Kind sie »och selten von seiner Mutter gehört. „Von solchen Tinge» verstehst Tu nichts! Du hast jetzt hübsch in Deine Kinderstube zu gehen und Deine vorwitzige Nase nicht in alles hineinzustccken! Für' die Folge wirst Du ohne meine, oder Fräulein's Erlaubnis Haus und Garten nicht verlassen! Jetzt geh! . . . Und nun zu Ihnen, mein Fräulein!" Sie trat dicht aus die Angeredete zu, die sich verfärbte, und maß sie mit einem hochmütigen Blick. „Ich muß Sic energisch verwarnen, nicht wieder in solch eclatanter Weise, noch dazu während meiner Abwesenheit, Ihre Pflichten zu vernachlässigen. Ich wäre sonst gezwungen» ein Exempel zu statuieren und Sie auf der Stelle zu entlassen!" . . . Das Fräulein wollte noch einige Worte der Entschuldigung Vorbringen, aber die Dame des Hauses winkte nur lässig mit der Hand, als ob sie ei» lästiges Insekt entfernen wolle, während Elisabeth, die immer noch mit gesenktem Köpfchen dastand, nur noch einen strafenden Blick empfing. Aber Tränen hatte das kleine Mädchen nicht, sie biß herzhaft die Zähne zusammen. Noch einmal sah sie zu der schönen Mutter hinüber, als aber diese, sich abwendend, ans Fenster trat, schritt sic stolz erhobenen Hauptes, wenn auch das kleine Antlitz tief erblaßt war, hinaus. . Draußen lief sie ihrem Papa in die Arine, der die kleine, verstörte Gruppe verwundert musterte. „Na, was hats gegeben, kleine Life? Ist man unartig gewesen und gescholten worden?" Bei diesen fragenden Worten verschwand die Erzieherin diskret in einem der gegenüberliegenden Gemächer, dessen Tür sie fest hinter sich zuzog. „O, Papa, Papa!" Das kleine, übervolle Herzchen drohte zu zerspringen, wenn es sich nicht Erleichterung verschaffte. „Lieber Papa, ich war gewiß ungehorsam, da ich ohne Erlaubnis den Garten verließ und mit Judith zu Leviton's ging. Aber, daß das so schlimm sei, habe ich nicht gewußt! . . . Und Papa . . wir sind doch auch Juden, nicht wahr? Siehst Tu, und als ich Mama hierüber befragte und warum wir nicht auch den Sabbat festlich begehen, wie Judiths Eltern, da wurde sie furchtbar zornig und verbot mir, jenes Haus wieder zu betrete», wo es doch so wunderschön ist! Sie mar so böse, so schrecklich böse. . . ." Nun endlich löste sich die mühsam verhaltene Aufregung des Kindes iir heißes Schluchzen auf. „Papa, lieber Papa, Du hast Deine Elisabeth doch noch lieb? Sag mirs doch, einziger Papa!" . . (Fortsetzung folgt.)

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