Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 36 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. starb, ist soeben am Piedestal der riesigen Freiheitsstatue auf Bcdloe's Island im Hafen von New-Uork eine Gedächtnistafel aus Bronze mit ihrem Namen und dem Sonnett, daß sie 188b schrieb und der Statue widmete, erreichtet worden. In diesem forntvollendcten englischen Gedichte ruft sie dem Schutz der Freiheitsgöttin für die wenige Jahre zuvor aus Rußland vertriebenen, nach den Bereinigten Staaten ziehenden Juden an. Sie hatte auch für das Unterkommen dieser Flüchtlinge und für eine verständige Erziehung der Kinder derselben das Möglichste getan. Ihre Gcfühle als Jüdin drückt sie in edlen poetischen und prosaischen Schriften aus. Die leistete aber auch Bedeutendes für die allgemeine Literatur in eigenen Dichtungen, sowie in der Uebertragung deutscher Gedichte ins Englische. So hat sie in der Bearbeitung der Dichtungen Heinrich Heines außer dem kürzlich in Italien verstorbenen ausgezeichneten englisch-amerikanischen Schriftsteller Charles Goldftcy Leland das Beste geleistet. Aus dem Hebräischen übersetzte sie ins Englische Dichtungen der bedeutenden mittelalterlichen jüdischen Dichter Jehuda Halevy, Gabriol und anderer. Ihre Ehrung an der Freihcitsbildsäule ist, — so schreibt die „Illinois Staatszcitung" in Chicago — eine in jeder Beziehung wohlverdiente. AmKeton. (Nachdruck verboten.) Chewertinder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) 8. Kapitel. Auf dem Kreuzwege am Dörfchen Kalian begegneten sich zwei Fuhrwerke. Von rechts kam Gutel mit seiner schweren Fuhre und bog in die Fahrstraße nach Gein, während aus gerader Richtung den schmalen, holperigen Weg der nach der Grenze führte, eine Troika (kleiner russischer Wagen) im leichten Trabe einhergefahren kam. „He Jud! Weg geben!" — schrie der Kutscher Gutel an. Der letztere ärgerte sich mit dem Zorn eines reinen Gewissens ob dieser ungerechten Anrempelung. Da aber mrt Aufforderungen, die in diesem Tone und dieser Sprache gehalten, sich nicht spaßen ließ, so fuhr er in mürrischer Ergebung.zur Seite, hielt die Pferde fest im Zaume und ließ die „Troika" an sich vorbei passieren. Gutel betrachtete gleichgiltig rauchend das Gefährt. Es war ein amtlicher Transportwage», wie er ihm wohl täglich in den Weg kommt. Von einem Kutscher mit Amtskokarde gelenkt und von einem dicht hinterhertrabenden Grenzsoldaten begleitet, bewegte er sich wie ein wandelndes Gefängnis. Den einen der zwei Sitzplätze nahm ein bewaffneter Soldat ein und neben ihm kauerte an Händen und Füßen gefesselt der wesentliche Inhalt, dem die ganze Eskorte galt — der Arrestant Dem letzteren wendete jetzt Gutel die ganze Schärfe seines Blickes und die Aufmerksamkeit. seines Geistes zu. Wer mag wohl nur dieser schwarzäugige junge Mann sein, der da mit erbleichtem Gesichte aus zusammcngezogcncn Brauen so starr und verstört vor sich 'blickte? Wo hat er dieses Gesicht schon einmal gesehen? Der Transportwagen war inzwischen weiter vorgcfahren. lieber die Schultern des hinter ihm reitenden Soldaten hinweg konnte Gutel jetzt nur den Hintcrkopf des Arrestanten scheu, aber vor seinem Geiste stand auch noch das bekannte Gesicht, der ernste, intelligente Zug, der auf dem ganzen lag, und der Blick, den er, vielleicht etwas weniger düster, schon einmal gesehen. Da durchzuckte etwas bei dem erfahrenen Fuhrmannc, in seinem schnell und sicher arbeitenden Gehirn war cs vollbracht — cs war kein anderer, als der junge Mann, den er gestern zusannncn mit den anderen zur Grenze gefahren. Gutel war im Grunde eine m'itleidige 'Seele und aller Welt wohlwollende Natur. Er wünschte von Herzen all seinen Passagieren gute Uebcrfahrt, sowie allen Menschen, niit alleiniger Ausnahme der Grenzsoldaten und seiner Konkurrenten gutes Glück. Mer woher so viel Mitleid nehmen, um es täglich seit den dreißig Jahren zu empfinden? Daß nun gerade den flottesten seiner Schutzbefohlenen das Geschick ereilen mußte, wunderte ihn zwar, überraschte ihn aber keineswegs. In stillen, nächtlichen Stunden, an denen er sich allein mit seinen ebenso erfahrenen als philosophisch denkenden Tieren auf einsamer Landstraße befand, hat er schon gar oft über diesen Punkt nachgedacht und immer und wilwer zu dem gleichen Schlüße wie der weise König Salonw kommen niüssen, daß nänrlich nicht immer „den leichtbcinigen der Vorsprung gehöre und dein Helden der Sieg." Ae Gedanken aber, die jetzt durch seinen Geist zogen, waren anderer Natur. „Wie" — sagte er sich mit zärtlichem Blick nach den etwas ungeduldig schnaufenden Pferden — „wie. wenn uns dieser junge Mann sieht und erkennt? Ein Ertrinkender zieht bekanntlich gern noch andere nach ich. Es braucht nur der Nennung meines Namens, eines Grußes, eines freundlichen Zurufes und ich, euer treuer Lenker und Nerpfleger würde euch daun verlassen können, um dort an der Seite des Geesselten Platz zu nehme». Also" —1 beschloß er — „stehen bleiben und anhalten, bis.die „Troika" außer Hör- und Seheweite ist!" „Halt" — rief er ärgerlich seinen Gäulen zu, die wohl feinen philosophischen Gcdankeugang dieses Mal nicht mitgemacht uird jetzt, als sie die Straße frei sahen, vorwärts ziehen wollten, — „Halt ihr Meschumodim! Ihr versäumt nichts! Werd noch euer Futter fressen können! Abwarten, sage ich, bis die „Troika" außer Sicht ist!" Jetzt schienen sic. alles zu begreifen, denn sie enkten geduldig das Haupt und ivarteteu. Bon der Grenzseite kam plötzlich etwas hergewackelt und als cs näher kam, bot sich Gutel ein jammervolles Bild dar. Der alte Jankcl war es, der mühselig an seinem Gcpäcke schleppend und bleich wie Kalk daher geschlottert kam. „O lieber Gutel" — jammerte er und zitterte am ganzen Körper — „habt „Rachmones" und nehmt mich auf!" „Na nu! Wie heißt?" — wunderte sich Gutel — „seid Ihr noch nicht drüben in Preußen?" „Ach still!" — zitterte Jankcl — „nur nichts von Grenze und Preußen" — die zwei Schreckensworte waren in kaum hörbarem Flüstertöne ausgesprochen — „nur nichts davon. Ich fahre zurück nach ©." „Nun meinetwegen! Aber wie kommt Ihr denn in aller Welt wieder hierher?" „Ja, denkt einmal! Aber saget nur, hört auch keiner? Ist auch wirklich gar keine Gefahr mehr? Der Schuß sitzt mir noch in allen Knochen." „Schuß? Welcher Schuß? Seid Ihr wohl gar augeschossen?" „Nein, nein! Ohne Spaß! Man hat wirklich geschossen, mit Pulver und Feuer" — Jankcl schauderte bei dieser Erinnerung. „Wie, was? So sprecht doch, erzählt!" „Ist auch wirklich gar keine Salonole? Kann keiner etwas hören?" Nachdem Gutel bei allem was ihm lieb und heilig versicherte, daß von Gefahr keine Rede mehr ist, beruhigte sich Jaukel etwas und erzählte zitternd den Hergang der nächtlichen Ueberschleichung, wie er Köpf Und Mut verlierend gelaufen, und zwar zurück in die Büschung. _ „Habe es ja eigentlich von Euch nicht anders erwartet" — meinte Gutel — „aber der junge Mann, wie ging cs doch mit ihm?" „So höret doch nur weiter!" Jankcl sah sich noch einmal prüfend nach allen Seiten um und erzählte daun immer lebhafter werdend: „Die Soldaten durchsuchten das Terrain und fanden mich. „Wohin?" schrie mich der eine an. „Wohin?" sagte ich kaltblütig. „Nach G. und habe mich im Walde verirrt." Den Kopf darf man, versteht Ihr auch bei so ivas nicht verlieren —" „Natürlich!" — warf der Fuhrmann amüsiert ein. „Also nach G. und verirrt!" ,sagte ich. „Verirrt!" schrie aber jener. „Hier! Ich bringe Dich schon aus den rechten Weg!" „Ein Schlag, sage ich Euch, daß sich mir alle sieben Himmel auftaten, und mir vor Augen flimmerte. Dann wurde ich nach dem Kordon geschleppt. Meint Ihr wohl, wer da bereits darin war? Der junge Mann. Ich freute mich schon in dieser Löwcngrube ein bekanntes Gesicht zu finden, aber er machte Miene und Augen, als hätte er mich nie im Leben gesehen. Na — dachte ich, verloren, alles verloren, bist mit deiner Ausrede auf dem Holzwege. „Woher kamst Du? Wohin wolltest Du" donnerte der Nazalnik.*) Ich sah den jungen Mann an und überlegte: darf ich oder darf ich nicht,'aber er schaute mit keinem Blicke, nach mir. „Nach G." — sagte ich dann dem Beamten — „und ich habe inich verirrt." „Kennst Du den? War er gestern Nacht mit Dir?" — fragte jetzt der Nazalnik in strengem Tone den jungen Mann. Dieser aber schaute mich nun verwundert von oben bis unten au und erwiderte kurz mit „N c i n". „Also Nein sagte er" — erzählte Jankcl begeistert lvcitcr. — „Ich hätte den edlen Menschen umarmen mögen. Versteht Ihr mich, so ein edler Mann, wollte mich nicht hineinbringcn. Es fehlte nicht viel, und ich hätte Kordon und Nazalnik vergessend, ihm meinen Dank erzeigt. „Sicht Euch schon sehr ähnlich!" — brummte Gutel — „Nuil weiter?" „Weiter? Nun er sah inich von der Seite an, als ob er mich verschlingen lvolltc. Kann den Menschen nicht begreifen." „Glaube schon! Und weiter?" „Weiter? — Jankcl sah sich vorsichtig nach allen Richtungen um, dann lachte er laut auf — weiter? Sie glaubten mir; Fauneganew**) hat sich von Jankel utzen lassen. Es gehört aber dazu, versteht Ihr mich, ein klarer Kopf und offcitC Augen." Jankcl klopfte sich selbstgefällig auf die Brust, daun erzählte er weiter: *) Oberst der Grenzwache. **) Soldaten. r-i~- Nr. 36. „Sie glaubten mir und ließen mich laufen. „Wenn Du Dich wieder einmal ins Grciizrcvicr. verirrst, Jankcl oocr Chaipnke — sagte der Nazalnik zum Abschiede — dann bringen wir Dich per Schub aus den rechten Weg; merke Dir das!" — Und nun bin ich da!" Wie ein Feldherr nach vollbrachter glorreicher Arbeit setzte sich Jankcl zu Gutel auf den Bock. „Reisende wie ihr einer seid" — lachte Gutel vergnügt — „sollte man in diesen Koffer da verpacken und als Transagut über die Grenze schicken." „Nein, nein" — wehrte sich Jankel — „es war N c s ch o in o h, ein Stück Arbeit! Meine Alte daheim erwartet morgen meinen ersten Brief von Hamburg, nun komme ich selber angerappelt! Ha, hä, ha!!!" „Was ein Ganlom! Was ein Ganlom! Hio!" Da das eine Pferd eine unvorschriftsmäßige Scitenschivcnkung gemacht, war es 'schwer zu konstatieren, iveu Gutel mit seinem Ehrentitel bezeichnen wollte, seinen Reiscgenossen auf dem Bocke, oder das ausschreitende Tier. Die „Troika" verschwand immer mehr aus den Augen. Vom begleitenden Roß und Reiter war nur noch ein verschwommener, schwarzer Punkt zu sehen, endlich verschwand auch dieser und Gutel fuhr langsam weiter. Darin aber, im Wagen saß Scholein still zlvischen seinen Wächtern und in trüben Gedanken versunken. Es war -das erste Glück in seinem bis dahin freudlosen Leben; es war plötzlich gekommen, uiu ebenso plötzlich zu verschwinden und eine große bittere Enttäuschung nach sich zu hinterlassen. . . . Die Erlebnisse der letzten zwei Tage toaren bunter und wechselvoller als die der ztvei und einhalb Jahrzehnte seines ganzen Lebens und all dieses machte einen solchen verwirrenden Eindruck auf sein Gemüt, daß er die Schwere seiner Situation noch nicht zu überblicken vermochte. Als er gestern Nacht zu Sinnen kam, befand er sich im Kordouc. „Wo ist sie?" war seine erste Frage. Dann kamen die grausamen Verhöre und Untersuchungen, und während all dieser Leiden beschäftigte ihn nur der eine Gedanken: „Wo ist sie?" Er hatte in der Verwirrung und Sinnestrunkenheit gleich am Anfang seinen richtigen Namen und Wohnort angegeben. Diese stimmten nicht ganz mit dem Passe überein. Jetzt ivird er per Schub dorthin transportiert. Das Schicksal, das dort seiner harrte, wußte er zur Genüge. Er war Deserteur, in dem Sinne, daß er der Militärpflicht noch nicht genügt und wird als solcher behandelt Iverden. Gericht und Gefängnis und wahrscheinlich Einstellung in die Strafkompagnic. Und dann? „Aber was wird aus ihr geworden fein?" Diese Frage legte sich kreuz und quer über all seine Gedanken und bedeckte all die trostlosen Perspektive wie mit einein Nebel. Er wußte es erst jetzt so recht, was sie ihm war und wie nahe sie ihm stand. Die Macht des Schicksals hatte in der grausame» Nacht deren schwarze Schatten auch über sein junges Glück ausgebreitct; sic haben .die helle Flannue, die in seinem Herzen zum ersten Mal aufloderte, gewaltsam gedämpft, überdeckt, aber nicht gänzlich auszulöschen vermocht. In seiner Brust glimmte es und loderte immer noch und ließ mitten in die Trübsal und Finsternis seiner Lage ein Schimmer von Licht und Glück hineiuflackern. Scholem Schulmann hatte seine Kindheit ohne Liebe undohne Freude verlebt. Die Mutter früh verloren, blieb er mit einer jüngeren Schwester unter dein Schutze einer Stiefmutter, da der Vater, ein Handelsmann in bescheidenen Verhältnissen, zumeist fort war. Scholeni widmete alle Liebe, die sein kindlich Herz zu vergeben hatte, seiner Schwester, worin die zweite Mutter ein Komplott gegen sie und ihre leiblichen Kinder erblickte und es beiden Geschwistern entgelten ließ. Noch halb ein Kind, zog er in die Fremde, wo er zugleich mit dem Leben der Schule, die er in Jeschiwoh und Lehranstalten genoß, auch schon die Schule des Lebens erfuhr. ... Als er mit 16. Jahren in Kvwno in ein Geschäft eintrat, war er für das praktische Leben in der Fremde bereits genügend vorbereitet. An die Heimat dachte er fast nie. Es war weder Liebe, die ihn zur Scholle seiner Geburt hinzog, noch Haß» der ihn von ihr trennte, sondern vielmehr eine Art Kaltsinu und Gleichmut, die hinter den Erlebnissen seiner Jugend alle Brücken abbrachen. Und doch drückte ein ungewisses etwas, ein unbestimmtes Sehnen seine Brust. Anfangs verspürte er heiße Sehnsucht nach seiner Schwester, dann verflog sich unter der Wucht der neuen Verhältnisse - auch dieses Gefühl. Es trieb ihn eine geheime Sehnsucht, ein unwiderstehlicher Drang nach neuein Leben, nach neuen Verhältnissen. Sein Vater war inzwischen verstorben; von der Heiniat hörte er nichts mehr, er hatte hier nichts zu verlieren. „Nach Amerika." Dieser Gedanke lebte schon lange in ihm. Er war nach den Begriffen der Heimat ein intelligenter und praktisch gebildeter junger Mensch und er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er in der neuen Welt seiii Glück findeir mäße. Zudem kam das Schicksal, das keinem jüdischen Jüngling in Rußland erspart bleibt, nämlich die Militärpflicht und stellte ihn vor die schleunige Entscheidung. Er konnte sich in der fremden Stadt unter