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Neue jüdische Presse · 1903-07-10 · Heft 36 (10.7.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 36 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. berechtigung voll und ganz anerkannt würbe. Der Etat für Subventionierung fei in diesem Jahre bedeutend überschritten worden. Herr Immanuel Sachs teilt mit. daß in einer Sitzung des Talmud-Thora-Borstnndes ein Gedicht vorgelesen worden sei. das antijüdischen Charakter hätte. Er hält es jedoch nicht für berechtigt, einen derartigen Vorwurf zu generalisieren. Justizrat Dr. 8 a ch m a n n bestätigt die Mitteilung und gibt an. dag diese .Seeschlange" von Gedicht in dem in der Mädchenschule gebräuchlichen deutschen Lesebuch sich befinde. Das Gedicht sei als unpassend bezeichnet worden. Trotz wiederholter Aufforderung habe bisher ein anderes Lesebuch nicht zur Benutzung empfohlen werden können. Nachdem noch Professor B l a s ch k e festgenagelt, daß aus den .Büchern", deren Entfernung die Resolution verlange, ein Gedicht in einem Buche geworden sei, wird die Debatte geschlossen. Die Subvention von 1000 Mark wird mit einer diffenticrcnden Stimme lProfeffor Geiger) bewilligt. 2 Wir nennen die eben geschilderte Episode aus der Berliner Repräsentanten-Versammlung interessant und zwar deshalb, weil hier wieder einmal durch einen der Führer der Reforni eclatant gezeigt worden ist. wie wenig die Reform, die doch grade die Prinzipien vorurteilsfreier Objektivität als ihre edelste Aufgabe sorgsam wahren sollte, dieser ihrer Aufgabe entspricht. Ist es nicht im höchsten Grade verletzend und nnkorrekt. wenn der jüdische Schulinspizient ohne Kopfbedeckung einer hebräischen Unterrichtsstunde beiwohnt, wo die Ellern ihre Kinder schon von früh auf als religiöse Pflicht zu beobachten gelehrt haben, unbedeckten Hauptes nicht ein Wort der hebräischen Sprache auszusprechen, damit sie so das Verbot nicht verletzen, den Namen Gottes unbedeckten Hauptes auszusprechcn! Und was für eine Taktik ist es erst, Männern Ehrsucht als Motiv ihrer Tätigkeit untcrzüschieben, die in Wahrung ihrer religiösen Ueberzeugung unter oft sehr erheblichen Opfern an Geld und Zeit Religions- Vereine ins Leben gerufen haben, da eine auf dem Boden der Reform stehende Gemeindeverwaltung den gerechten Forderungen ihrer steucrzahlendcn religiösen Mitgliedern nicht in ausreichendeni Maße Rechnung tragen will. Kann man grade in dieser Hinsicht nicht mit weit größerer Berechtigung zahlreichen Anhängern der Reform Ehrsucht Vorwersen, die — trotzdem sie aus Unkenntnis und Unverständnis im Grunde ihres Herzens dem Judentum und der Judenheit feindsich gegenüber stehen — die Bürde und Würde eines jüdischen Amtes gnädigst annehmen, weil ihnen in Staat und Gemeinde seitens ihrer christlichen Mitbürger die Trauben zu hoch gehängt worden sind! — Wahrlich, blutige Tränen könnte man weinen ob der Zerklüftung, der Lieblosigkeit und des Hasses in unserem eigenen Lager. Samson Raphael Hirsch s. A. hat einst das inhaltsschwere Wort ausgesprochen: .Zwischen einem gesetzestreuen Juden und einem Reformjuden ist ein größerer Unterschied, als zwischen einem Katholiken und einem Protestanten." — Paradox, unglaublich klingt diese Behauptung und doch ist sie wahr. Ein Katholik und ein Protestant sind sich bei aller Verschiedenheit doch einig in der Person und in der Bedeutung des Stifters des Christentums. Sehen wir uns nun einmal bei uns Juden um! Das Band, das uns alle verbinden sollte und uns auch alle bis zum Ausgang des Mittelalters verbunden hat, ist die Anerkennung der Göttlichkeit der Thora und damit die Anerkennung der Verbindlichkeit des jüdischen Gesetzescodexes. Bei aller Außerachtlassung der praktischen Konsequenzen seitens des Publikums wäre es doch wirklich die Aufgabe der offiziellen Vertreter der Judenheit — der im jüdischen Leben dominierenden Persönlichkeiten, der Rabbiner, der Lehrer — dieses Prinzip zu vertreten, zu predigen und zu lehren, um es so wachzuhalten in der jüdischen Gesamtheit und damit dieselbe zu erhalten und zu beleben. Leider sind wir unendlich weit von diesem Ziele entfenit. Das Vorherrschen des .sogenannten" Resornijudentums in ganz Westeuropa beweist am besten diese traurige Tatsache. — Was ist Reformjudentum? Ich weiß es nicht anders zu bezeichnen als .die Pflege allgemein ethischer Grundsätze durch Juden." Vom eigentlichen Judentum enthält das sogenannte Reformjudentum auch nicht ein Jota, denn es verneint die Göttlichkeit der Thora. Seine Existenzfähigkeil erhält es sich nur dadurch, daß es allen Wünschen des in jüdischen Dingen unwissenden und gleichgültigen jüdischen Publikunrs mit der größten Bereitwilligkeit Rechnung wägt. Herr Geheimrat Blumenthal hat vollständig recht, wenn er sagt, daß die .unglaubliche Lotterei" im Kultus- und im Religionsunterricht zur Taufe, zum Antisemitismus führt. Das Reformjudentum ist eine Gedankenlosigkeit sondergleichen; denn ist unser Judentum nichts als ein Stück Kultur aus der Zeit unserer Volksselbstständigkcit, ja warum denn da dieser Kultur, mag ein noch so ein hohes Geistesleben in ihr vorhanden sein, eine größere Bedeutung zumeffen als der griechischen Philosophie oder der römischen Staatskunst! Ja, warum? — Die Getreuen der Reforni ziehen die Konsequenzen; jährlich kehren Tausende von ihnen dem Judentum den Rücken, weil sie nicht einsehen, aus welchem Grunde sie und ihre Kinder ein Martyrium erleiden sollen für ein Stück Geistesleben ihrer Vorfahren, dem sie, nachdem Jahrhunderte seitdem verflossen sind, nur das Interesse einer Antiquität entgegenbringen können, besonders wo durch uns Juden die Anerkenntnis Gottes und die Grundsätze der Sittlichkeit und der Moral, wie sie in so allgemeiner, nicht in jüdischer Weise die Refornr predigt, bereits Gemeingut der zivilisierten Menschheit geworden sind. Aus aller Welt. Deutschland. Seligenstadt. Bei dem furchtbaren Brand, der gestern in unserem Städtchen verheerend wirkte, sind auch Gebäulichkeiten folgender jüdischer Bürger mehr oder weniger abgebrannt: Abraham Bacharach 5. (Scheuer und Nebengebäude). Metzger Abraham Bacharach 4. (Scheuer und Stallung). Pferdehändler Leopold Meyer (Scheuer, Stallung. Nebenbauten). Kaufmann Adolf Stein (Scheuer und Stallung). Diez a. d. Lahn. Das Deutsch-Israelitische Kinderheim hat nunmehr seinen Jahresbericht pro 1902 herausgegebcn. Im vergangenen Schuljahre zählte die Anstalt 41 Zöglinge, die sich aus allen Gegenden unseres deutschen Vaterlandes rekrutieren. Die Zeugnisse der Zöglinge, die die hiesige Volksschule besuchen, bekunden die Zufriedenbeit ihrer Lehrer. Für die Unterweisung im Hebräischen und in der Religion wurde durch einen Unterricht im Hause unter Inspektion des Herrn Bezirksrabbiners Dr. W e i rill arten gesorgt.' Auch der Handfertigkeitsunterricht fand eingehende Pflege, in Stenographie, Rundschrift und Buchführung nahmen 6 Zöglinge teil. Die Einnahmen betrugen 52 242.45 Mk. und die Ausgaben 24 016.43 Mk. Recklinghausen. Am 24. v. Ai. fand in Gegenwart des Vorstandes und der Repräsentanten der hiesigen israelitischen Gemeinde die Grundsteinlegung zur neuenSynagoge in der Hedwigstraße statt. Berlin, 28 Juni. Nach längerem schwerem Leiden verstarb hier im 62. Lebensjahr Herr Louis Aaron. Nach Eintritt in das Privatleben hat er sich mit seltener Hingebung und glänzender Aufopferungsfreudigkeit in der hiesigen jüdischen Gemeinde ehrenamtlich betätigt. Er gehörte dem Vorstände der Alterversorgungsanstalt und des Hospitals an, seit 1894 war er Mitglied der Magine Reim, in deren Vorstand er ebenfalls alsbald als Pflegevater gewühlt wurde, und er hat sich in dieser Eigenschaft die Liebe und das Vertrauen der in seine Obhut gegebenen Schutzbefohlenen in hohem Grade zu erwerben verstanden. Im Verein mit seiner Frau hat er für das Hospital eine Stiftung von 70 000 Mark errichtet, für die Alterversorgungsanstalt ein Zimmer mit 12000 Mark gestiftet. Ohne jede Ablenkung hat er sich in seiner wohlwollenden Menschenfreundlichkeit allen diesen Aemtern gewidmet, so daß sein Verlust für die Verwaltungen der genannten Gesellschaften ein ungemein schmerzlicher und schwer ersetzbarer ist. Bonn. Unter dem Vorstände der hiesiegen Gemeinde befindet sich ein Mitglied und unter den Repräsentanten 2 Mitglieder, die ihre Kinder haben taufen lagen. Wie wäre derartiges innerhalb der christlichen Kirche denkbar? Köln-Teutz, 1. Juli. Der Einladung des derzeitigen Vorstandes des hies. Frauenvereins, denr auch viele Kölner Frauen angehören und dessen 100 jähr. Bestehen vor 30 Jahren feierlich begangen worden, zur gemütlichen Zusannnenkunft und gegenseitigen Besprechung, hatten an 50 Damen Folge geleistet und sich inl Barthschen Saale hiers. bei wohlschmeckendem Kaffee mit Zubehör und einer vortreffl. Bowle eingefundcn. In recht gehobener Stimmung, bei Reden und Toasten, in welcher der Freude über das segensreiche Wirken des uralten Vereins, über das Ausüben von jüdischen! Gemiluth Chesed dieser Nationaltugend, die das unzertrennliche Band der Vereinigung aller Eleniente auf religiösem Gebiete bildet, gerechter Ausdruck verliehen wurde, verflogen die gemütlichen Stunden zum Leidwesen Aller allzu rasch. Der anwesende Lehrer der Gemeinde. Herr Blumenthal, hob in seiner Ansprache die Verdienste der beiden Vorsteherinnen, der Frauen Coßmann Bier und El. Bier, um den Verein und ihre Rührigkeit hervor, mit der sie ihr unter Umständen schwieriges Amt versehen, gedachte dann in ehrender Weise der Gründerinnen und der im verflossenen Jahre verstorbenen Mitglieder des Vereins. Als Redner unter letzteren ganz besonders in beredten Worten der langjährigen Vorsteherin, der sel. Frau Jos. Dülken, ihres Wirkens und rastlosen Strcbens für den Verein und des durch ihrem Tod demselben entstandenen unersetzlichen Verlustes gedachte, da blieb fast kein Auge thränenleer. Allgemein war man der Ansicht, daß der Verein einen winzigen Tribut der Dankbarkeit gegen die geschätzte und verehrte Dahingeschiedene dadurch abtragen könne, wenn er die Tochter derselben, die Frau K.Hohn, aus den vakanten Posten wähle. Das geschcch denn auch und zwar, wie sich nicht anders erwarten ließ, mit Einstimmigkeit. Frau Hohn nahm die Wahl mit dem Versprechen, in dem Sinne ihrer sel. Mutter für den Verein thätig sein zu wollen, dankend an. Fürth, 26. Juni. Am 11. ü. M. fand hierselbst die diesjährige Ausschußsttzung und Generalversammlung des Landesvereins für israelitische Knltusgemeinden in Bayern statt, Die Gemeinden München, Nürnberg, Fürth, Bamberg. Ansbach. Schweinfurt, Kissingen, Bayreuth, Sulzbürg, Burgkundstadt, Burgpreppach. Kitzingen:c. waren vertreten. Justizrat Gunzenhäuser aus Fürth leitete als Vorsitzender die Versammlung. Rabbiner Dr. Werner berichtete als Vorsitzender der Abwehrkommission über deren Tätigkeit im verflossenen Bereinsjahre. _ Herr Martin Lebrecht aus Nürnberg über die Organisation des Armenwesens, und an beide Referate knüpste sich eine rege Debatte an. Gladenbach. Seit Bestehen der Ortskrankenkaffe hat der Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde Herr Carl Simon die Verwaltung des hiesigen Bezirks inne. Es ist dieses in den heutigen Zeiten bemerkenswert. Stratzbnrg, 30. Juni. Die Niederlage die der klerikale Redakteur Hauff gegenüber dein Demokraten Blnmenthal bei der ReichstagSwahl in Straßburg- Land erlitt, sührte in Hvchfelden zu Wahlerzessen^ Wie die „Straßb. Bürgerzeitung" meldet, ist die Erbitterung der Klerikalen gegen die Protestanten und Israeliten so groß, daß sich in der Rächt von Sonntag aus Montag 150 bis 20!) Personen, meist junge Burschen, vor der Wirtschaft „Zum goldenen Löwen" zusammenrottetcn, und unter Schreie» und Johle» den Ort durchzogen. Das elektrische Licht wurde durch Kurzschluß ausgelöscht. Die Fensterläden des Frucht- Händlers Aron wurden mit Steinen bombardiert. Auch etwa 15 Revolver- und Pistolenschüsse wurden abgeseuert, und wo sich durch den Lärm aus dem Schlafe aufgeweckte Protestanten und Israeliten am Fenster zeigten, wurden sic beschimpft und bedroht. Durch die Gendarmen wurden zwölf der schlimmste» Exzedenten, unter anderen der aus Mommenheim gebürtige Schneidermeister B. Loth und seine Geselle», verhaftet und in das Wachtlokal abgesührt. Jetzt vernahm mau die Rufe: „Die Messer heraus, das Wachthaus muß gestürmt werden!" Im wüsten Lärm rannte die Menge vor das Wachtlokal, an dem zwei Scheiben demoliert tvurden. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Gefangenen zu befreien. Mit dem geladenen Revolver in der Hand trieben die Gendarmen die Ruhestörer auseinander. Erst morgens gqgen 2 Uhr trat allmählich Ruhe ei». Der Borfall wurde telephonisch nach Straßburg berichtet. Sowohl in Hochselden wie in Mommenheim und tvohl auch anderswo lautet die Parole der Katholiken, nichts mehr von den Protestanten und Israeliten zu kaufen. In diese» Orten bekommen die Israeliten keine Milch mehr von den Katholiken. Die Verhafteten sind heute früh vom Wachtlokal In das Amtsgefängnis verbracht und nach einem Verhör auf dem Amtsgericht, Nachmittags wieder in Freiheit gesetzt worden. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Die Brüder Heinrich und Samuel Goldberger, die Eigentümer des großen Warenhauses Grand Magasin de Paris, das eine Sehenswürdigkeit der Hauptstadt und ein Bedürfnis des Landes geworden^ haben ftir ihre nach Hunderten zählenden Angestellten in ihrem Geschäftshause eine kleine Synagoge eingerichtet. Die Herren Goldberger sind als treue Anhänger des Judentums bekannt. Schweiz. Basel. In Anwesenheit von circa 30 Delegierten und einer großen Anzahl hiesiger und auswärtiger Gäste fand am 28. Juni in Freiburg der Delegiertentag des schweizerischen Zionistenverbandes statt. Der Rechenschaftsbericht des schweiz. Landeskomitees weist die Zunahme der Schekelzahler von 696 im Jahr 1902 auf 910 in diesem Jahre auf. Er spricht sein Bedauern über den Rückgang der in Vereinen organisierten Mitglieder aus und hofft, daß dieser Uebelstand durch intensive Arbeit der bestehenden Ortsgruppen aufgehoben wird. Neue Ortsgruppen wurden gegründet, in den (politisch selbstständigen) Judengenieinden in Enüingen und Lengnau. ferner ist in Lausanne ein Verein im Entstehen begriffen. Für die Institutionen der zionistischen Bewegung „Jüdische Kolonialbank und Jüdischer Nationalfonds" wurde ziemlich lebhaft agitiert. Die Beträge für letzteren werden allerdings dieses Jahr hinter dem Ergebnis des letzten Jahres Zurückbleiben, da durch die Sammlungen für die Kischinewer Juden, die bis jetzt etwa 15,000.Fr. in der Schweiz betragen, jede andere Sammlung zurückstehen muß. Für die bevorstehenden Delegiertenwahlen zu dem vom 23. bis 29. August in Basel stattfindenden 6. Zionistenkongreß wurde die Schweiz in 9 Wahllreise eingeteilt: Gens (105 Wähler), Bern (128), Biel (105) Basel (202), Zürich (208), Luzern (100). Lausanne (103), so daß die Schweiz durch 9 Delegierte vertreten sein wird. Als offizielles Publikationsorgan wurde das in Zürich erscheinende „Israelitische Wochenblatt" bestätigt. Amerika. New-Uork. Ein sinniges Denkmal für eine jüdische Dichterin. Einer jüdischen Dichterin, Frau Emma Lazarus, die im Jahre 1887 in ihrer Geburtsstadt New-Iork im Alter von nur 38 Jahren

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