Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 36 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. steht, setzten Schönheit an Stelle der Wahrheit, Ebcnmaß und Harmonie an Stelle der Weisheit, witzelnde Geistreicherer an Stelle des belebenden und in uns wirkenden und schaffenden Geistes, Ungcbundenheit an Stelle der spezifisch jüdischen Freiheit, Taumel und Sinncurausch an Stelle der uns gelehrten ernste» Lebensfreude. Es ist uns darum wenig gedient, mit einer wenn auch ins Hebräische übersetzten europäischen Kultur. Jüdische Kultur heißt: Wahrheit, Ernst, Geist, Freiheit, die nicht in Zügellosigkeit ausartet, Lebensfreude, die nicht zum Sinnentaumcl wird. Wir müssen daher an die Quelle herantretcn, wo wir dies Alles finden, an unsere Thora und sie wird wieder geistige Btauern um uns und unser ganzes Leben aufführcn, die Ghettomauern in der Freiheit, die uns vor Selbsterniedrigung schützen werden. Wir werden stolz darauf .werden, daß wir eine jüdische Nation sind, wir werden unsere Kultur erkennen und die Sucht, sie gegen eine fremde einzutauschcn, wird verschwinden. Ist diese Sucht nach dem Fremden erst aus unserer Mitte geschwunden, dann können wir an eine Vertiefung und Verinnerlichung unseres geistigen Lebens gehen. Und der Punkt, wo wir cinsctzen werden, wird sicherlich der sein, daß wir erkennen werden, daß wir nicht Gestalter unserer Geschicke und Begründer unseres Glückes sind, sondern, daß wir auch darin eine Ausnahmestellung unter den Völkern cinnchmen, daß wir unmittelbar von Gott abhängig sind, daß Er allein es ist, der über unsere Schritte ivacht, der mrs ernährt und kleidet, der uns in Seiner Thora den Weg gewiesen» den wir wandeln müssen, wenn wir das Ziel menschlicher Höhe und Reife erklimmen wollen. Lernen wir so unsere eigene Ohnmacht erkennen, dann verschwindet der Götze aus unserem Herzen und wir lernen dann wieder freudigen Herzens die unreinen Wünsche und Bestrebungen zu opfern und auch die Opfer haben ihre Auferstehung gefeiert, und schließlich, wenn die Thora einer Mauer gleich unser ganzes Sein umgiebt, so wird die Bresche ausgefüllt, die unser Wahn in unsere feste Burg legen ließ, bis daun die Zeit kommt, da Gott selbst unserem Heiligtum eine Fcuernrauer wird und die trüben Thamus- und Awtage zu Frcudentagen werden, wo wir uns noch dunkel an unsere Verirrungen erinnern werden, wo wir dann erkennen werden, wozu die Leiden gedient, daß sic nur daruin da waren, um uns zu reinigen und zu läutern, um uns durch die Schmerzen zu bessern, um uns durch die Tiefe zur Höhe zu führeu- Die Sonntagsruhe in Oesterreich ist selbstverständlich glatt durchgegangen, ohne daß die 180 Petitionen der galizischen Judenschaft im Reichsrate die geringste Berücksichtigung gefunden haben. Abgeordneter Dr. Straucher hatte vergeblich eine fulminante Rede gehalten, in der er die jetzt schon so trostlose Lage der galizischen Juden scharf beleuchtete und in der er darauf hinwies, daß es unmöglich sei. daß die galizischen Juden außer ihrem Sabbat noch eine 36 ständige Sonntagsruhe beobachten sollen. lieber das wirtschaftliche und soziale Elend der galizischen Juden führte Dr. Straucher folgendes aus: »Der Strom der kapitalistischen Entwicklung hat in Galizien Bilder von Elend und Verkümmerung hervorgebracht, wie sie in Europa sonst nicht zu finden sind, hat Typen von Menschen und Lebensgewohnheiten geschaffen, welche alle Schilderungen der kühnsten Pessimisten in den Schatten stellen." »Blasse, magere, abgehärmte Menschen, die Kleider zerrissen und die Fetzen nochhängend oder zusammengenäht, gewöhnlich verschmiert mit Talg, Kalk oder anderen Stoffen, oft mit Teer bestrichen, das ist das gewöhnliche Aeußere eines jüdischen Proletariers. . Die Weiber in den Dreißigerjahren schon stark gealtert, mit gelbem, hartem Teint, ein Gesicht voll Runzeln in ärmlichen, abgetragenen Kleidern, lassen die Spuren einstiger Jugendfrische nicht mehr erkennen. „Und solche Menschen mit solchem Aussehen, Hunderte an Hunderte, Tausende an Tausende gereiht, wohnen sie in übertünchten, unregelmäßigen Lehmhütten, die vom Geschrei schmutziger Kinder und den tausenden qualvollen Sorgen ums tägliche Brot er- .fülft werden. Die Gassen, welche aus diesen Häusern gebildet werden, bieten einen einzigen Anblick dar. Die Häuser haben vielfach keine Aborte und keinen Hoftaum; aller Mist und aller Unrat kommt auf die Straßen und in die Gräben und in vielen Gassenschlängelt sich durch deren Mitte tm Sommer, bei einer Hitze, die Bäche austrocknen macht, stets ein grünlich schimmernder, stinkender Bach. In den Hütten wohnen in einzelnen schmalen Zimmerchen mitunter Familien mit acht Kindern. »Kein Wunder, daß Krankheiten aller Art, Skrofulöse, Augenkrankheiten, Lungensucht u. s. w. furchtbar Hausen, daß die Sterblichkeit, deren Durchschnitt im ganzen Lande 32 pro Millebeträgt, bei den jüdischen Proletariern gegen 60 pro Mille beträgt. Die Lebenshaltung ist die niedrigste: während der Woche Kartoffeln, Maisbrot und Zwiebel, alles spärlich, alles abgerechnet und abgewogen, und nur am Samstag ziert Fleisch niederer Gattung den Tisch." »Unter den Arbeitern verdient in erster Reihe die volle Auftnerksmnkeit der jüdische Handwerker. Das jährliche Einkommen eines solchen Handwerkers kann auf 100 bis 200 fl. beziffert werden. »In den Kerzenfabriken ist das Personal auschließlich weiblich. Junge jüdische Mädchen, zwischen 16 und 18 Jahren, arbeiten zeitweise ununterbrochen 33 von je 48 Stunden und verdienen für je 12 Smnden 30—40 kr. Das Los dieser Mädchen ist jedoch ein beneidenswertes gegenüber dem anderer. Mädchen, die beim Federschleißen beschäftigt rnd, haben einen Taglohn von 10-20 kr. Ebenso traurig ist die Lage derjenigen Mädchen, die von den Bohnenexporteuren zum Auslesen und Reinigen der Bohnen verwendet werden. Bei einem Taglohn von 15—20 kr. sitzen sie zu je 20—30 an der Zahl, in engen Stübchen zusammengepfercht, Körper an Körper, bis 9 Uhr abends in eine undurchdringliche Staubwolke gehüllt, aus der mitunter ein heiseres Lachen oder ein trockenes Husten herauszittert." Herr Dr. Straucher führte dann des weiteren aus, daß Galizien unter 71/* Million Einwohnern 800000 Israeliten und die Bukowina unter 730000 Einwohnern fast 100000 Israeliten zählt und daß owohl in Galizien als auch in der Bukowina der Handel bis 80—85% von Juden und zwar, von orthodoxen Juden betrieben wird. Das Sonntagsruhegesetz bedeutet den finanziellen Ruin der galiz. Judenheit, und es ist zu befürchten, daß viele schwankende Elemente den Sabbath opfern werden, um nicht 54 Stunden feiern zu müffen. Als in Kischinew ungefähr 100 Menschen bestialisch niedergemetzelt wurden, da ging ein Sturmwind durch den jüdischen Blätterwald, doch hier, wo das religiöse Sein einer Million Brüder in Frage teht, herrscht tiefes Schweigen in der jüdischen Presse. Eine ittteressautc Episode aus der letzten Repräsentanten-Versammlung der Berliner Israelitischen Gemeinde. i. Eine vom Verband der Synagogcnvereine von Berlin und den Vororten cinberufcne öffentliche Versammlung, die am 3. d. M. in Dräsels Fcstsälen tagte, hat folgende einstimmig gefaßte Beschlüsse dem Gemcindevorstand und der Repräsentanz zugchen lassen: L Die Versammlung protestiert gegen die beabsichtigte Festsetzung der Subventionen an die Synagogenvereiue nach Maßgabe der von den Mitgliedern dieser Vereine gezahlten Gemeindcbeiträge. 2. die Gemeindeverwaltung wird ersucht, diejenigen Bücher aus den Bibliotheken und dem Schnlgebrauch der jüdischen Gemeinden zu entfernen, deren anderskonsessionellcr Inhalt geeignet ist, das jüdische Bewußtsein der Kinder zu verwirren. 3. Die Gemeindeverwaltung wird gebeten, an den hohen Feiertagen Jugcndgottcsdienstc nach traditionellem Ritus einzurichten. 4. Die Versammlung richtet an die Gemeindeverwaltung die Bitte, die Schulinspizientcn der jüdischen Gemeinde dahin anzuwciscn, daß sie bei ihren Inspektionen ihre Kopfbedeckung dann nicht abnchmen, wenn in den betreffenden' Klassen Unterricht erteilt wird, an dem die Knaben bedeckten Hauptes teilnehmcn müssen." Als erster Redner in der Diskussion über diese Resolution legte Prof. Geiger eiy kräftiges Veto ein. Er erklärte, daß er sich freuen würde, wenn seine Ausführungen nicht blos als seine persönliche Meinung aufgefaßt würden, sondern wenn sich sämtliche Kollegen ohne Unterschied der Partcistellung ihnen anschließen würben. Besonders gegen zwei Punkte halte er cs als Mitglied der Schnlkommission und zugleich als Schulinspizient für Pflicht, Einspruch zu erheben. In einer Schule, die er mehrfach inspiziert habe, sei ihm von dem unterrichtenden Lehrer auf spezielle Anfrage erklärt worden, daß nichts dagegen einzuwcnden sei, wenn der Schnlinspizicnt die Kopsbedeckmig bei dem Unterricht abnehme, an welchem die Knaben bedeckten Hauptes teilnehmen müssen.' Er (Redner) müßte, sollte der Gemeindevorstand eine generelle Verfügung hierüber treffen, sofort sein Amt als Inspizient niedcrlegen, weil er sich einer solchen Bestimmung nicht fügen tvürdc. Diese Amtsniederlegung könne zwar der Versammlung gleichgültig sein, doch sei die Sache auch eine allgemeine. Die Gemeindeverwaltung unterstütze die Rcligionsvereine, die vielleicht zum Teil eine Berechtigung haben, zum Teil aber nur deshalb, weil eine Reihe von Leuten Vorsteher spielen wollen. Von den Rcligionsschulcn, welche diese Vereine unterhalten, habe die Gemeinde nicht sonderliche Vorteile. Eine ungeheure Verblendung und Unverschämtheit (mehrfache Oho-Ruse) scheine ihm aber Punkt 2 der Resolution zu sein. Die Religionsvcrcine kennen die Schulen der Hauptgemeindc sehr wenig und hätten deshalb kein Recht, diesen Schulen, welche seit 60 Jahren beständen, derartige Vorwürfe zu machen. Damit sei ein Vorwurf gegen die Leiter der Schulen geschlendert, welcher vollkomnien unberechtigt sei. Er begreife wirklich nicht, daß die Repräsentanten nicht einmütig gegen einen solchen Beschluß Protest cinlegen. Er würde sich freuen, wenn die Versammlung Nr. 36. erklären würde, das sei ein Eingriff in die Angelegenheiten der Verwaltung, den wir uns nicht ge- [citfcii lassen! Aus diesem Grunde stimme er gegen die Bewilligung der Subvention. Gcheimrat B l u m c n t h a l ist erstaunt über die Ausführungen des Vorredners, welche wohl kaum in die Versammlung gehört hätten. Er verweist daraus, daß die Synagogenvcreine für die Unterbringung von über 5000 Synagogcnbcsnchern Sorge tragen, daß sie einer großen Zahl von Kindern den notwendigen Religionsunterricht zukommen lassen. Er erwähnt speziell einen Bericht über den Religions- Verein Steglitz, in welchem sich der Inspizient Oberlehrer Dr. Schäfer sehr anerkennend über die Leistungen des Vereins ausgesprochen hätte. Er bedauert lebhaft, wie die Leiter der Rcligionsvereine vom Vorredner behandelt worden seien. Mit Fug und Recht hätten die Vereine gegen die beabsichtigte Festsetzung der Subventionen Protest eingelegt, weil alsdann die kleineren Vereine, ivclche nicht ans sehr stenerkräftigen Mitgliedern sich znsammensetzen, vollständig mit der Subvention ansfallen und zu Grunde gehen würden, während die Reformgemeindc einen Zuschuß von 20 OCO Mark erhalte. Betreffs des zweiten Punktes der Rcolution sei der Vorsitzende des Verbands interpelliert worden, die Bücher noch namhaft zu machen, um die cs sich handle. Der vierte Punkt sei ganz selbstver- 'tändlich und es wäre begreiflich, wenn Professor Geiger nach Erlaß einer generellen Verfügung sein Anit als Schnlinspcktor nicderlcgcn würde. Herr I m in a n u e l Sachs findet es eigentümlich, daß der Pädagoge Geiger es nicht als unpädagogisch erachtet, daß er sich betreffs der Bedeckung des Hauptes mit dem Lehrer und den Schülern in Widerspruch setze. ' Herr A r o n Hirsch schließt sich dieser Ansichl uit; auch er würde es ganz unerhört finden, wenn der Inspizient ohne Kopfbedeckung dem Unterrichte beiwohnen würde, an dem die Schüler bedeckten Hauptes teilnehmcn müssen. Herr Louis Sachs ist der Meinung, daß die beantragten 1000 Mark als Subvention bewilligt werden müssen. Nachdem Professor Geiger sich dagegen verwahrt 'hatte, daß er von allen Vereinen und allen Religionsschnlcn gesprochen, greift Geheimrat B l u m e n t h a l die von Herrn Sachs erwähnten „anderen Zwecke" der Rcligionsvereine auf und bezeichnet die Bemerkung als eine durch nichts fundierte Unterstellung. Vorläufig seien die Vereine noch eine Notwendigkeit und die Gemeinde brauche mindestens zehn Jahre, um die bisher von den Vereinen geleisteten Pflichten ans sich selbst zu übernehmen. . Auch Professor Baginsky bemüht sich, an der Hand der Statuten des Vereins Adaß Jeschnrun darzütnn, daß andere Zwecke als Kultus und Religionsunterricht für diesen nicht vorhanden seien. In allen Vereinigungen, auch in der Repräsentanz und im Gemcindevorstand, könnte einmal ein Mitglied sein, das persönliche Zwecke verfolge; das werde aber sehr bald zu hindern sein. Der zweite Punkt der Resolution betreffs der Entfernung der Bücher sei ihm nicht sehr genehm, doch werde man sorgsame Umschau nach derartigen Büchern halten müssen. Jrir letzten Punkte hält auch er die Forderung der Oiesolution für berechtigt. Professor Blaschke bestreitet, daß Herr Lew ins ki betreffs der Namhaftmachung etwaiger Bücher interpelliert worden sei. Er findet es befremdlich, daß die Synagogenvereine seit 1»/» Jahren in anderer Weise als früher auftreten und ihre Angriffe gegen denGe-- meindevorstand richten, ohne jemals eine bestimmte Beschwerde über die Uebelstände, die hier genügt würden, an zuständiger Stelle einzureichen. Eine Beschwerde über das Verhalten der Schulinspizienten sei bisher nicht eingegangen. Die jüdische Gemeinde in Berlin könne mit ihren Schulen und ihren öffentlichen Anstalten an die breiteste Oeffentlichkeit gehen. Man könne verlangen, daß Mißstände sofort mitgeteilt würden und nicht plötzlich Klage geführt würde, daß der oder jener Ucbelstand seit 30 Jahren vorhanden sei. Geheimrat Blumenthal erwidert, daß die Vereine es bisher nicht gewagt hätten, aufzutteten; sie hätten aber jetzt eingesehen, wohin die .unglaubliche Lotterei" im Kultus und Religionsunterricht führe, nämlich zur Taufe und zum Antisemitismus. Gegen die letztere Bemerkung >vie überhaupt gegen die Resolution wendet sich Herr Martin Simon m kräftigen Worten. Betteffs der Kopfbedeckung sei zwar der Gemeindevorstand der Meinung gewesen, dies dem Taktgefühl des Schulinspizienten überlaffen zu müssen; der Vorstand habe allerdings in der Tat geglaubt, daß der Inspizient denselben Standpunkt teilen müsse, wie der Lehrer und die Schüler. Der Vorstand finde es unerhört, daß betteffs der Bücher Beschuldigungen erhoben würden, die nicht näher substanziiert seien. Er halte es fiir unmöglich, daß derartige Bücher im Gebrauch seien in den Schulen, welche 'doch nur dazu da seien, um das jüdische Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken. Es wäre die Pflicht der Vereine gewesen, derartige Bücher sofort namhaft zu machen, und niemand hätte sich gesträubtdiese Bücher sofort zu entfernen. Derartige allgemeine Redewendungen, wie die Resolutton biete, könnten in der Oeffentlichkeit sehr viel Schaden stiften und Verwirrung anrichten, wo sie nicht erwünscht sei. Der Vorstand beweist die Sympathie für die Religionsvereine, deren Existenz-