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Neue jüdische Presse · 1903-07-03 · Heft 35 (3.7.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 35 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. wirkungslos geblieben sind; er weiß lehr wohl, daß die Triebkräfte dieser Bewegung aus den Zuständen und Verhältnissen emporsproffen. Bei den Verhandlungen des letzten Ministerkonritees über die Lage der russischen Juden har Herr v. Plehwe folgende Meinung zu Protoko.e gegeben: „Die Beschränkungsmaßregeln gegen die Juden vom 3. Mai 1r,82 haben dahin geführt, daß die jüdische Bevölkerung die Städte (des Ansiedelungsrayons) überfüllt hat und keine genügende Arbeitsgelegenheit finden kann. Dadurch sind die Juden in die äußerste Arnrut gestürzt worden, sie leben in antisanitären Verhältnissen und bilden nun eine Gefahr, sowohl für die öffentliche Gesundheit wie für die öffentliche Ordnung. Die jüdische Jugend, die ohne Aufsicht groß wird, bildet ein Material, das stets bereit ist, die revolutionäre Propaganda in sich airfzunehmen und an den regierungsfeindlichen Bewegungen teilzunehmen." Das ist die Meinung dB Herrn v. Plehwe über die Ursachen der jüdischen revolutionären Bewegung. Ikun würde — so bemerkt die Boff Ztg. hierzu treffend — ein westeuropäischer Staatsmann daraus die Folgerung ziehen, daß man für die jüdische Jugend die Schulen austun muß und für die erwachsenen Arbeiter neue Arbeitsgebiete Herr von Plehive aber hat einen anderen Ausweg vorgezogen. Es ist der Weg. den der berüchtigte Kruschewan im Bessarabetz und in der Suanja nachdrückich. empfiehlt, nämlich — die Austreibung der Juden. Kruschewan ist jetzt der Spiritus rootor der Judcnpolitik der russischen Regierung; sein Einfluß ist jetzt sehr groß, erstreckt sich auf alle Schichten der Bevölkerung, von dem niedrigsten Lumpenproletariat in Kischinew anfangend bis zur höchsten Spitze des Staates Bor einigen Tagen ist es Knrsckewan. vergönnt worden: dem Zaren sein Buch über Bessarabien zu überreichen, das in demselben Geiste geschrieben ist, wie seine Artikel im Beffarabetz. Der Zar hat das Buch gelesen und dem Verfasser seinen Dank ausgesprochen. Somit ist es den Freunden Kruschewans glücklich gelungen, den Zaren in ihre Netze einzufangen. Den Köder bildet dabei der bekannte offene Brief des Wunderpriesters Johann „An meine christlichen Brüder in Kischinew", in deni der wunderliche Heilige die Mörder und Schänder von Kischinew um Verzeihung bittet für die Vorwürfe, die er ihnen wenige Wochen ftüher gemacht hat. Man steht, daß auch ein rechtgläubiger Priester der Regel huldigt; der Zar glaubt jetzt, das für die schauderhafte Judenmetzelei in Kischinew die Juden verantioortlich sind und sie allein exemplarisch bestraft werden müffen. Mita«. Judenfeindschaft in der Schule. Das Prosefforen-Kollegium des hiesigen MädchengyMnastums und der' Volksschule Dorothea hat beschlossen, Schreiben, Zeichnen und Handarbeit am Sabbat zur Pflicht zu machen, um so die Zahl der jüdischen Schülerinnen zu verringern. Die Eltern müffen eine Erklärung unterschreiben, worin sie sich damit einverstanden erklären. England. London. Sir Marcus Samuel, Lord-Mayor von London und Besitzer der Shelt-Dampferlinie, ist in den Baronerstand erhoben worden. Amerika. Washington. 27. Juni. Rußland notifiziert der Regierung der Vereinigten Staaten, daß es Roosevclts Entschluß tief bedaure, die jüdische Bittschrift über die Vorgänge in Kischinew der russischen Regierung zu übermitteln. Es hoffe, die Vereinigten Staaten werden mit den ihnen dargebrachten Sympathieäußerungen zufrieden sein. Das auswärtige Amt werde die Petition zurückweisen, auf Grund seiner Politik, sich jeder Einmischung in die inneren Angelegenheiten fremder Mächte zu enthallen und für sich selbst auf einer gleichen Behandlung zu bestehen. Frankosurtia. Der Jahresbericht der Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, über den wir ^bereits in voriger Nummer berichteten, erwähnt ferner die Veranstaltungen des Vereines zur Beschaffung rituell zuverlässiger Misusos und Tefillin, sowie die Tätigkeit des unentgeltlichen Stellennachweises. >Lluch über die von dem Herausgeber dieses Blatteskin Anregung gebrachte Einrichtung von Fortbildungskursen bezw. Ferienkursen für Lehrer und die dieserhalb dem Vereinsvorstande unterbreiteten Anträge wurde seitens des Vorstandes in eingehender Weise berichtet. Der Vorstand hatte dieserhalb ein Rundschreiben ergehen lassen, um sachkundigen Persönlichkeiten Gelegenheit zur gutachtlichen Aeußerung zu geben. Es gingen 20 eingehend motivierte Gutachten daraufhin ein, eins dersAbcn, das Gutachten des Herrn Direktor Lange, dahier, in welchem fast sämtliche in Betracht kommenden Punkte beleuchtet waren, wurde seitens des Vorstandes in den Mitteilungen des Vereines veröffentlicht. — Die in Baden durch das Vorhaben des Großherzogl. Oberrates der Israeliten, eine abgcänderte Tefilloh einzuführcn, hervorgerufene Bewegung veranlaßte eine Anzahl orthodoxer badischer Mitglieder, eine eingehende Darlegung in dieser Angelegenheit in den Mitteilungen zu wünschen, welchem Verlangen entsprochen wurde. Die betreffende Nummer Frankfurter Israelitisches Familienblatt. wurde an sämtliche Gemeindevorsteher Badens, sowie an eine größere Anzahl anderer Adressen versandt. Die von Norddeutschland ausgehenden Bestrebungen einer Gesamtorganisation der Juden Preußens gab dem Vorstande Veranlassung, in Rücksicht auf die in der gegenwärtigen Judenheit bestehenden weitgehenden Disfercnzen, dagegen Stellung zu nehmen. Die ernsten Bedenken, die sich in dieser Richtung ergeben, wurden ebenfalls in den Mitteilungen eingehend gewürdigt und die betrcfsende Nummer an ca. 2400 Gemeinden versandt. Wir müssen uns für heute beschränken, nur noch hervorzuhcben, daß auch während dieser Periode die gegen das rituelle Schlachtverfahren gerichteten Bestrebungen der Vereinsleitung Anlaß zur ausklärenden Wirksamkeit gaben, wobei die Gutachtensammlung der Vereinigung förderliche Dienste leistete. Die Maßnahmen des Vorstandes zur Unterbringung israelitischer Fürsorgepfleglinge in israel. Familien anläßlich des preußischen Fürsorgegcfttzes verdienen auch erwähnt zu werden: es ist dringend wünschensivert, daß der Vereinslcitung geeignete Pflegefamilicn namhaft gemacht werden. Zum Schluß sei noch bemerkt, daß sowohl in finanzieller Hinsicht, als auch hinsichtlich der Mitgliederzahl erfreulicher Weise eine Hebung zu konstatieren ist. r/,-w . (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung) Die Grenze mit all ihren Schrecken und Schanerlichkeiten stand ihr wieder klar vor der Seele und ihr Entschluß kam ins Schwanken. „Und Ihre Sachen, die Sie bei uns stehen ließen!" mahnte Rosa weiter. Dieses hörte Rahel nicht mehr. Es hatte inzwischen wieder ein Umschlag bei ihr stattgefunden. Die Enttäuschung, die sie schon bei den ersten Schritten ins neue Leben erleiden mußte, tauchte in ihrer ganzen Bitterkeit in ihrem Geiste auf und verdrängte jedes Gefühl von Angst. Das harte Schicksal, das sie dein unendlichen Glücke in die Arme geführt, um es ihr wieder jäh zu entreißen, stand wieder vor ihr und zog sie nach sich, zurück, zurück nach der Heimat. . . „Adieu! Adieu! Werde es Ihnen nie vergessen!" „Wissen Sie denn auch sicher, daß Sie ihren Bräutigam drüben treffen?" machte noch Rosa einen leisen Versuch. Bräutigam!? Rahel erschrack und blieb stehen. Es war wie ein Erwachen aus einem Fiebertraume. Mit weit geöffneten Augen stand sie da, hllftos und wirr um sich starrend, wie eine Mondsüchtige, die mitten in ihrem Nachtwandel durch einen heftigen Stoß plötzlich zum Bewußtsein wieder gekehrt. (Langsam kam sie wieder zu ihrer Begleiterin hin und langsam und schweigend gingen die beiden Mädchen die preußische Straße entlang zum Gasthaus „Robenschein" zurück. „Habe ich Ihnen wehe getan, Fräulein Rahel?" brach Rosa endlich das peinliche Schweigen. „Sie mir wehe getan?! Wie können Sie nur so ftagen?" Rosa wollte nicht an ihre frühere Frage erinnern. Im Innern war sic doch überzeugt, daß dieselbe dem armen Mädchen noch die letzte Spur von Mut und Hoffnung geraubt und sie warf sich daher Brutalität vor. Rahel aber hing im Stillen den Gedanken nach, die als Wirkungen des einen Wortes „Bräutigam" in ihrem Gehirn umherstöberten. Bräutigam! Eine neue Enttäuschung, eine neue Scham,' die sie empfand. D a s, was sie i h m nicht in geringster Andeutung zugestand, was sie sich selber noch nicht eingestand, das, was kaum merklich in ihrem Herzen erst aufzukeimen begann, hat sie in einer Art von Delirium dem freien Lauf überlassen. Das Gesühl, das erst leise und schüchtern sich bei ihr zu regen begann, hatte sic im Zustande der seelischen Erregung und unter dem Eindrücke der schauervollen Erlebnisse der letzten Nacht als fertige Tatsache nicht nur übers Herz, sondern auch über die Lippen gebracht. Sie war kompromittiert — vorerst vor sich selber. . . . „Aber wo ist er? Was werden sie aus ihm gemacht haben?" — Dieses große Fragezeichen schlängelte sich kreuz und quer durch all ihre trüben Gedanken. Bräutigam? Nein! Soweit war es freilich nicht. Aber — „Es giebt Minuten im Leben, die wichtiger sind und schwerwiegender als Jahrzehnte" hatte ihr Vater einmal bei irgend einer Tälmuderklärung gefugt. In einer solchen wichtigen Minute mag nun jener Keim sich mit der Geschwindigkeit eines Traumes zur Blüte entfaltet haben. . . Wenn dem so ist, dann ist ja ihr Gefühl ein natürliches und der Herzenserguß wäre auch keine Kompromittierung. Und sie sah ihre schweigsame, ernste 35. Begleiterin prüfend an — und schämte sich von neuem. ... Mit diesen Gedanken und Wechselgefühlen erreichte sie das Haus Robenscheins und in derselben Seelenstimmung ging sie noch am Abende desselben Tages, ebenfalls nur von Rosa begleitet, die kurze Strecke nach dem Bahnhofe. Der lange Frühlingstag ging nur langsam zu Ende. Die Sonne war bereits hinter den Wipfeln des russischen Waldes verschwunden, hatte aber noch dem Tage ein gedämpftes Licht hinterlassen, das dieser in der Dämmerung gufrecht zu halten suchte. Ter Heine Bahnhof, von dem einige Petroleumlampen ein nebelverschwommenes und disharmonisches Licht in die Dämmerung warfen, war nur wenig belebt. Der größte Teil der ständigen Passagiere dieser Lokalbahn, bestehend aus den russischen und preußischen Bäuerinnen, die ihre Gemüse nach Tilsit führen, benutzen den Morgenzug. Die Auswanderer, die täglich von hier über Tilsit nach Berlin und Hamburg abfahren, wählen, nachdem sie sich von den Mühen und Schrecken der Nacht erholt, zumeist den Mittagszug. Von den anderen Mitreisenden befand sich jetzt Rahel allein am Bahnhofe. Der Zug stand bereits mit dampfender Lokomotive reisefertig da, aber zum Einsteigen war noch Zeit, da erst ein Güterzug vorbeipassieren mußte. Rahel und ihre freundliche Begleiterin, in der sie jetzt mehr die begleitende Freundin erblickte, bewegten sich am Perron langsam auf und ab. Die erstere war still und ruhig; ihre Züge schienen in den letzten vierundzwansig Stunden ernster und noch weicher geworden zu sein. Ihre Augen, die gestern hellblau lächelten, hatten einen matteren Glanz erhalten. Die lächelnde, bestrickende Schönheit von gestern, hatte heute etwas rührendes und überwältigend anziehendes an sich. Rosa, deren kleine Figur und schmächtige Gestalt neben dem fremden Mädchen noch kleiner und schmächtiger erschienen, redete in leisem und gedämpftem Tone auf sie ein. Es schien, daß die rücksichts- und schonungsvollen Trostworte aufmerksame Ohren gefunden, denn die Schritte Rahels nahmen ein immer ruhigeres Tempo an und im selben Maße sah man auch die innere Ruhe sich auf ihrem Gesicht ausbreiten. Aus dem Restaurant im Wartesaal kam eine bekannte Gestalt auf den Perron getreten. Es war Jakir, der über Nacht, an der er einen neuen Transport aus Rußland erwartete, hier verblieb und jetzt aus Mise oder, wie er sagte, noch in wichtigen Geschäften, sich zum Abendzuge begeben. Sein Gesicht war etwas gerötet, seine unruhig funkelnden Augen hatten einen überfreundlichen Zug und seine Haltung, wie sein Benehmen zeigten jene kouragierte und merkwürdige Sicherheit, die stets dem Zustande der völligen Unsicherheit und Unzurechnungsfähigkeit voran zu gehen pflegte. Er hatte offenbar im Sviele mit dem dummen, schwarzen Peter Glück gehabt und sich dabei am Biere das höchste Maß geleistet. Als er die beiden Damen erblickte, kam er sofort aus sie hinzugetreten. „Nun schönes Fräulein!" — sagte er mit keckem Augenzwinkern nach Rahel — „schon Weiterreisen?" Anrede, Ton und Geberde wirkten zusammen im Herren Rahels, in dem durch den ruhevollen Einfluß Rosas sich bereits die Emvflndungen abzuflären begannen, ein Gesiihl des Ekels zu erzeugen, und sie antwortete trocken und kurz, ohne den Fragenden dabei anzusehen: „Ja wobl! Ich fahre weiter!" „Und Ihr Schatz?" — sein Ton wurde immer frecher und die Augen immer dreister. — „Ja nun! Mit Ihrer Schönheit braucht nian auch nie in Verleaenbeit um einen Schatz zu kommen." Rahel gab keine Antivort, sondern schaute wie lnlfesuchenb nach ihrer Begleiterin hin. Als sie aber sab. haß bieie ihre Ruhe nicht im mindesten aufaab und offenbar das frivole Gelchwätz von der spaßhaften Seite aufsaßte. da saate sie. den Zudringlichen ganz ignorierend, nur zu Rosa gewendet: „Es ist Zeit, liebes Fräulein Rosa. Adieu! und tausend Dank!" „Nicht so eilig, liebes, schönes Fräulein" — wagte der Aoent unbekümmert weiter, indem er vrodhaft seine s-bwere, aoldene Taschenuhr hervornahm. — „Noch Zeit! mehr als zehn Minuten!" Er bekam keine Antivort, aber der Umstand, daß Rahel noch immer, die beiden Hände ihrer Begleiterin umklammert, da stand, ermutigte ihn zu weiteren Liebenswürdigkeiten. „Und ich, Fräulein? Verdiene ich keinen Kuß rum Abschiede? Schauen Sie mich nur einmal an: bin auch noch ein ganz junaer, charmanter Kerl!" Rahel schien all dieses nicht zu hören, sondern starrte noch still und mit rührend fragenden Blicken ihre ante Begleiterin an, als wäre sie sich nicht schlüssig darüber, ob nach all dem Erlebten ein bloßer Händedruck auch die geeignete Abschiebsform sei. Rosa aber ließ einen Blick nach Jakir schweifen. Es' war nur ein scharfer, stummer Blick, aber der spaßhafte und sinnlich beanlagte Grenzagent kannte ihn und verstand ihn, so wie das'Tier den seines Bän-. digers. „Doch nicht gleich, so bös!" — fing er noch einmal an. Aber Rosa unterbrach ihn:

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