Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 35 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Anspruch nehmen, als dieses .hier. Jede Maßregel, die Erfolg verspricht, wird ergriffen werden, um die Aufrichtigkeit der historischen Stellung Amerikas zu betätigen, daß Jedermann nach seinen Verdiensten beurteilt wird, ohne die geringste Rücksichtnahme aus seinen Glauben, seine Rasse oder seinen Geburtsort." Ein eigenartiges Flugblatt. Ink Wahlkreise Schlochau-Flatow, der eine ziemlich zahlreiche jüdische Bevölkerung hat, wurde noch am Tage der Stichwahl, die zwischen dem Antisemiten und dem Polen stattfand, folgendes Flugblatt versandt: Werte Glaubensgenossen! Herr von Komorowski ist nach seinen gestrigen Erklärungen nicht der Mann, dem ein deutscher Jude seine Stimme in der Stichwahl geben kann; da er sein Polentum in den Vordergrund stellt. — Es wird uns schwer, einem Antisemiten vom Schlage Böckler's zum Siege zu verhelfen; es bleibt uns aber keine Wahl. Wir empfehlen daher, entweder Böckler zu wählen, oder dem Wahlakte fern zu bleiben. Prediger Lewin, Blumenthal, Stadtverordneter, Julius Neumann, Mühlenbesitzer. Aus aller Wett. Deutschland. Frankfurt a. M. Jni neuen Reichstage sind folgende Wahlkreise antiseniitisch vertreten: Friedeberg-Arnswalde (Brandenburg) durch Bruhn, Schlochau-Flatow (Brandenburg), durch Böckler, Hersfeld (Hessen-Nassau) durch Werner, Rinteln-Hofgeismar (Hessen-Nassau) durch Graf Rcventlow, Kassel (Hessen- Nassau) durch Amtsrichter Lattmann, Bautzen (Sachsen) durch Graefe, Fritzlar (Hessen-Nassau) durch Liebermann v. Sonnenberg, Pyritz (Pommern) durch Pastor Kroesell, Sternberg (Brandenburg) durch Fröhlich, Siegen (Westfalen) durch Hofprediger a. D. Stöcker, Dillenburg (Hessen-Nassau) durch Dr. Burckhardt. Miltenberg a. M. Bor einigen Wochen wurde dahier mit dem Bau einer neuenSynagoge nebst ' Schullokal und Lehrerwohnung begonnen. Der rastlosen Tätigkeit des hiesigen Synagogenbauvereins ist es zu verdanken, daß sich sein Plan, ein würdiges Gotteshaus zu errichten, jetzt verwirklicht. Das Ganze verspricht ein schöner Bau zu werden, der für alle Zukunft Miltenberg zur Zierde und der hiesigen israelitischen Gemeinde zur Ehre gereichen wird. Berlin. Am 23. und 29. v. M. tagte hier eine vom Hilssverein der Deutschen Juden einberufene Konferenz, an der alle diejenigen Organisationen teilnahmen, die sich in hervorragendem Maße an den Sammlungen für unsere in Kischinew durch die Exzesse geschädigten Glaubensgenossen beteiligt haben. Das Präsidium bestand aus den Herren James Simon (Hilfsverein der Deutschen Juden), Justizrat Lachmann (Jewish Colonisation Association), Dr. Rosaseth- Brcslau (Alliance israelite universelle), Dr. Alfred Stern, Wien (Israelitische Alliance), Elkan Adler, London (Anglo Jewish Association). Der Versammlung lagen die Berichte verschiedener Herren vor, die im Aufträge der Vereine Kischinew besucht hatten, um sich an Ort und Stelle von der Größe des Schadens zu überzeugen und die Zweckmäßigkeit des Verteilungsmodus der Hilfsgelder zu prüfen, den das Komitee in Kischinew anlvendet. Wir heben aus diesen Berichten die wichtigsten Punkte hervor. Die Summe des bisher angemeldeten Schadens beträgt 2 332 880 Rubel. Die Geschädigten sind ganz überwiegend kleine Leute, Handwerker, Kleinkaufleute, Arbeiter, Kutscher rc. Der Schaden, den die besser Bemittelten erlitten haben und der ebenfalls nicht unerheblich ist, konnte in diese Summe nicht eingerechnet werden, da diese Klasse der Geschädigten aus leicht begreiflicher Rücksicht ans ihren Kredit Bedenken trägt, ihren Schaden öffentlich mitzuteilen. Es laufen auch jetzt noch immer Anmeldungen von mehr oder weniger schweren Verlusten als Nachträge zur obigen Ziffer ein. Die genaue Liste der Verletzten stellt sich auf 47 Tote, 92 Schwerverwundete und 345 Leichtverwundete. Die Getöteten und bis jetzt an den Folgen der Verletzungen Erlegenen haben zusammen 55 Witwen und 123 Kinder hinterlassen. Dem Hilfskomitee in Kischinew sind bisher an Geldern ca. 700000 Rubel zugeflosfen, darunter ca. 460000 Rubel aus Rußland, der Rest aus den verschiedenen Ländern Europas und Amerikas. Diese Gelder hat das Komitee in einer Weise verwendet, die den Beifall aller Delegierten gefunden hat. Nachdem die erste unmittelbare Not durch Verteilung von Lebensmitteln, von Kleidung, Wäsche rc. einigermaßen eingeschränkt war, hat sich das Komitee, welches mit seinen Vertrauensleuten aus ca. 100 Personen besteht, die Aufgabe gestellt, die Geschädigten in einer Weise zu unterstützen, daß dieselben wieder zu einer selbständigen wirtschaftlichen leisten; gelangen können. Natürlich sind in erster Linie die nötigsten Mittel für die Erhaltung der Familien -der Opfer, sowie für die dauernd arbeitsunfähig Gewordenen in ausreichender Höhe sicher gestellt worden. Diese Klasse umfaßt etwa 100 Familien. Die ihrer Existenzmittel durch die Krawalle Beraubten sind leider unvergleichlich zahlreicher, diese Kategorie umfaßt über 2700 Familien. Endlich kommt noch die zuverlässig kaum zu übersehende Zahl der indirekt Geschädigten hinzu, die ihre Arbeit verloren haben, weil die Werkstätten zerstört wurden oder deren Geschäfte infolge der eingetretenen allgemeinen Krisis in Kischinew stocken rc. Da die dem Komitee in Kischinew zur Verfügung stehenden Mittel nicht einmal für die zweite Kategorie ausreichen, konnte die dritte nur in ganz geringem Umfange, in Fällen der allergrößten Not berücksichtigt werden. Auf Grund des übereinstimmenden Urteils der nach Kischinew entsandten Vertrauensmänner der westeuropäischen Vereine, wurde die bisher befolgte Methode der Verwendung der Gelder für gut befunden und zugleich dem Komitee in Kischinew seitens der an der Konferenz beteiligten Korporationen weitere größere Mittel zur Verfügung gestellt. Neben den für die unmittelbare Unterstützung bestimmten Geldern werden ferner noch eine Anleihe für kleinere Darlehen bewilligt, sowie zur Unterstützung von jüdischen Handwerkern. Auf Grund der bisherigen Erfahrung wird versucht werden, den jüdischen Handwerkern Beschäftigung und damit Lebensunterhalt zu geben. Es wurde ferner durch Herrn Berget, der im Aufträge des Hilssvereins und der Logen in Kischinew war, bekannt gegeben, daß mehr als 400 Prozesse wegen Schadenersatz schweben, obgleich die Hoffnung auf materielle Erfolge aus diesen Prozessen leider in Rußland sehr geringe sind, da nach russischem Gesetz der Schaden auf Ansprüche nicht gegen den Staat oder die Gemeinde, sondern nur gegen die einzelnen Beamten und die Exzedenten sich richten können. Einstimmig hat ferner die Konferenz beschlossen eine Emigration nicht nur nicht zu unterstützen, sondern ihr mit allen Mitteln entgegenzutreten, da hierfür keine Gelder vorhanden sind. Eine lange und eingehende Diskussion über diesen Punkt hat gezeigt, daß eine Emigration in diesem Moment zu einer Katastrophe von unübersehbarer Tragweite führen müßte, und daß daher derselben in jedem Falle zu widerraten ist, auch wenn dies als Härte erscheint. Die Versammlung, die ein erfreuliches Bild des Zusammenarbeitens aller bei diesem Liebeswerk beteiligten Korporationen bot, schloß mit warmen Dankesworten des Vorsitzenden an die Erschienenen, für welche die Herren Dr. Stern, Elkan Adler und Rabbiner Dr. Horovitz das Wort ergriffen, um den Herren James Simon und Dr. P. Nathan ihrerseits zu danken für die Einberufung der Konferenz und sür ihre mühevolle und aufopfernde Tätigkeit zu Gunsten der Glaubensgenossen in Rußland. Berlin. Ueber das Verbot des Schächtens, das von mehreren Kommunen für ihre städtischen Schlachthausanlagen verfügt worden ist, hat das preußische Oberverwaltungsgericht jetzt eine grundsätzliche Unterscheidung getroffen. Es wird uns darüber berichtet: Neuere Bestimmungen für das städtische Schlachthaus zu Angermünde lassen das Schächten nicht zu, sondern ordnen die Tötung durch Schlagbolzen an. Ende 1901 suchte der Kaufmann F. die Erlaubnis nach, ein Rind nach jüdischem Ritus im städtischen Schlachthause schlachten zu dürfen. Gegen den abweisenden Bescheid erhob F. Klage mit der Behauptung, das Schächtverbot verstoße gegen die den Juden gesetzlich durch das Allgemeine Landrecht und die Verfassung gewährleisteten Rechte. Es werde den Juden unmöglich gemacht, ihren Religionsvorschriften zu genügen, die freie Religionsübung dürfe aber nicht durch Gemeindebeschlüsse aufgehoben werden. Der Bezirksausschuß wies indeffen die Klage ab, und das Oberverwaltungsgericht bestätigte die Vorentscheidung aus der Erwägung: Keine ein öffentliches Schlachthaus unterhaltende Gemeinde erscheine verpflichtet, die Anwendung des Schächtschnitts zu gestatten; vielmehr ergebe sich ihre Berechtigung zu einem Verbote des Schächtens aus der Befugnis, Normativbestimmungen über die anzuwendende Schlachtmethode zu erlassen. Berlin. Der am 3. April d. Js. in der Philharmonie verunglückte Rentier Hermann Abraham, welcher sich nunmehr 12 Wochen in der chirurgischen Abteilung der Königlichen Universitäts-Klinik befindet, mußte sich dieser Tage einer schweren Operation, welche durch Excellenz Bergmann ausgeführt wurde, unterziehen. Man hofft, daß mit Ende Juli der Patient die Klinik verlassen kann, um in einem Kurort die weitere Heilung seiner schweren Leiden zu suchen. Berlin. Neues jüdisches Krankenhaus. Die jüdische Gemeinde beabsichtigt ein neues großes Krankenhaus im Norden von Berlin an der Schulstraße!gegenüber der dortigen jüngst errichteten Altersverorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde in der Exerzierstraße zu errichten. Das in Aussicht genommene Gelände gehört der Stadt Berlin, hat eine Größe von 14 Morgen und wird von vier Straßen, der Christiania-, Schul-, Exzerzierstraße und Straße 67 begrenzt. Stuttgart. Die württembergische Kammer der Abgeordneten hat den Beitrag zur Israel. Zentralkirchenkasse in Höhe von Mk. 41,200.— ohne Debatte einstimmig genehmigt. Erfurt. Hans von Mosch, der edle Ritter, berichtet über seinen Reinfall in Erfurt wie folgt: Die diesmaligen Wahlen bedeuten unser polittsches Jena und Auerstädt.. Jesuiten, Juden und Zigeuner mit ihren deutschen Zuhältern werden das große Wort führen, dem deutschen Michel die Taschen leeren, seine Geistesschätze auf den Scheiterhaufen bringen und im wilden Chorus den widerlichen Tanz ums goldene Kalb aufführen. — Du hehrer Schläfer im Sachsenwalde, die Aaseier und Raben ziehen in Scharen über Deine richen.- Und nun in Erfurt? — Im lieblichen Verein haben jüdische Kommerzienräte und evangelische Geistliche den Herrn Bertteter jener Geldsacks- und Börsenparteien, genannt »Nationalliberale und Freisinnige", auf den Schild gehoben, Parteien, die durch »Börsenschwindel" unsere Landwirtschaft und Industrie, das ehrliche Handwerk und alle übrige ehrliche, deutsche Arbeit ruiniert haben und bis an den Bettelsack bringen werden. Bedankt Euch, Ihr deutschen Bauern. Ihr deutschen Kaufleute, Ihr deutschen Handwerker bei Euern Herrn Pfarrern und vergeht das Kirchengehen nicht. Im politischen Leben aber wird die süße, rote Gleichheitsduselei und die kommunisttsche Abfutterei am Zukunftsttog unter Aussicht der Herren Singer und Leo Arons herrschen. Ob Zulukaffer, Jude oder Germane, es ist ja alles gleich! — Es ist in der Tat unbegreiflich, daß die kurzsichtigen Erfurter diesen antisemitischen Genius die Hallen des Reichstages nicht geöffnet haben. Breslau. Ein Verband zur Förderung des Handwerks und der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands ist soeben ins Leben gerufen worden. Er umschließt alle jüdischen and werter- und Landwittschaftsvereine und will »die uden nach Möglichkeit den mit schwerer körperlicher Arbeit verbundenen Berufen zuführen, das Vorurteil gegen jüdische Handwerker bekämpfen. Darlehnskaffen und Arbeitsnachweise für jüdische Handwetter gründen und auf die maßgebenden Stellen dahin einwitten, daß bei Vergebung öffentlicher Arbeiten jüdische Handwetter zum Mitbewerb herangezogen werden". Gloga«. Graf Pückler-Klein-Tschirne und dessen Inspektor Kirchner waren von der Sttafkammer in Glogau wegen Zerstörung einer Feldbahn zu sechs bezw. vier Wochen Gefängnis verurteilt worden. Auf die von beiden Berutteilten eingereichten Gnadengesuche ist die gegen Graf P ü ck l e r erkannte (Strafe in sechstausend Mark Geldstrafe, diejenige gegenKirchner in dreihundert Mark Geldsttafe umgewandelt worden. Leobschütz. vr. T i t k i n vom Breslauer Rabbinerseminar wurde einstimmig zum Prediger der hiesigen Gemeinde gewählt. Oesterreich-Ungarn. Budapest. (Der gewesene Je schibah- Bachur — Ministerialrat.) Herr Edmund Klein, Chef des Preßbureau im ungattschen Ministerium des Innern, der bekanntlich jüngstens zum Ministerialrat avanciette, ist seinerzeit einer der besten Äachurim einer vornehmen ungarischen Jeschibah gewesen. gnteressant ist es, zu wissen, daß Herr Ministerialrat lein ein gesetzestteuer Jude sei, der übereinstimmend mit seiner fromm-jüdischen Gattin die religionsgesetzlichen Borschttften in seinem Haushalte aufs genaueste einhält. Kiräly-Halmecz. (Ein Wohltäter.) Herr Lazar Oesterreicher, welcher vor acht Jahren der hiesigen Gemeinde ein schönes, großes Btth-Hamidrasch im Werte von 8—10 000 Kronen schenke, ließ dieses Jahr aus seine Kosten eine Mikweh im Werte von mehr ais 20.000 Kronen erbauen und übergab dieselbe der Gemeinde zum Eigentum. Aus diesem Anlasse hielt unser Oberrabbiner H. I. Wald in der Synagoge einen 1'/-ständigen Bottraa, in welcher er begeistert den verdienstvollen Taten des Herrn Oesterreicher gebührendes Lob zollte. Karlsbad. Zur Nottz für die zahlreichen nach hier kommenden jüd. Kurgäste führen wir nachstehend folgende Karlsbader anttsemitische Hotels auf: Hotel Morgenstem. Hotel National. Hotel de stmsfie. Residenz-Hotel. Caf« Sanssouci. Cafö Schweizerhof. Haus Grillparzer, Alle Wiese. Haus Röm. Feldherr, Neue Wiese. Haus Oelzweig, Marienbaderstr. Haus Jtalia, Schloßberg. Haus Florenz, Schloßberg. Haus Stadt Warschau, Kaiserstr. Haus Malta, Kaiserstr. taus Rosenswck, Kaiserstt. Haus Brandenburg. Thor, ceuzstr. Haus Germania, Schloßberg. Haus Preuß, Krone, Egerstr. Haus Egeria, Egerstr. Haus Diamant, Egerstr. Haus Engl. Krone, Egerstr. Haus Schubett, Parkstr. Rußland. Petersburg. Die Vermutung, daß die neuen Judenverfolgungen in Rußland den Zweck haben, die Juden zur Auswanderung zu zwingen, bestättgen sich. Der Minister des Innern hat verschiedenen jüdischen Notablen offen gesagt, daß für die Juden kein anderer Ausweg verbleibt, als Rußland zu verlassen. Beim offiziellen Empfang der Deputation der jüdischen Gemeinde aus Kischinew hat er sich zwar zuerst dagegen verwahrt, den Antisemiten zugerechnet zu werden; aher am Schluffe der Audienz hat er ausdrücklich erklärt, daß, wenn die Juden nicht aufhören, an der revolutionären Bewegung teitzunehmen, die Regierung alle russischen Juden zur Auswanderung zwingen werde. Nun weiß Herr v. Plehwe sehr Wohl, daß es den Bettrttern der Juden nicht möglich sein wird, eine Bewegung zu unterdrücken, gegen die alle Unterdrückungsmaßregeln der mächtigsten aller Regierungen