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Neue jüdische Presse · 1903-07-03 · Heft 35 (3.7.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 35 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 35. sonders aber Remedien gegen die Seuche des Mädchenhandels zu suchen und in Anwendung zu bringen. Unterstützung und Förderung findet der „Zweigverein" bekanntlich bei der „Jca", „Alliance" (von denen die genannten Damen Empfehlungsschreiben mitbrachten), von der israelitischen „Union", dem „Deutschen Hilfsverein" usw. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß obige Absichten und der gute Wille, sie zu verwirklichen, die rückhaltlose Anerkennung jedes einzelnen sowohl wie auch aller Parteien finden. Was aber hervorgehoben und besonders betont werden soll, das ist die Tatsache, daß die Zionisten es waren, welche zuerst und nachdrücklichst auf die diotwendigkeit einer Aktion hingewiesen. Zu dieser öffenllichen Feststellung sehe ich mich durch den erwähnten Besuch aus Frankfurt veranlaßt. Die übrigens sehr distinguierten und (namentlich Fräulein Pappenheim) in der Tätigkeit für Volkswohlfahrt und Armenwesen augenscheinlich erfahrenen Damen — zeigten sich als entschiedene Gegnerinnen, ich möchte fast sagen: unversöhnliche Feindinnen der zionistischen Idee und Bewegung und — was mehr ist — sie erscheinen darin als das Sprachrohr der westlichen, hohen Gönner des elenden, östlichen Judentums. . . . „Die jüdische Gemeinde in Frankfurt a. M. ist weltberühmt wegen ihrer Wohltätigkeit und wir haben dort eine Kolonie von 4000 eingewanderteil östlichen Juden, die uns genug zu schaffen macht", sagte mir Frl. Pappenhcim. Za, warum um Gottes willen, sind sie denn eingewandert?! Warum giebt es in dem wohltätigen Frankfurt keine 4600 eingewanderte arme Franzosen, Engländer, Russen rc. — nur just Juden?! Warum gelingt am zahlreichsten, jüdische Mädchen aus ihrer Heimat zu locken — fast immer mit Einwilligung der Eltern, deren Liebe zu den Kindern doch sprichwörtlich ist — um sie der Schmach, dem Verderben an Leib und Seele zuzuführen, obwohl solche Mäd chen anerkanntermaßen die besten, sittlichen Grund sätze und eine arge Scheu vor der Fremde haben?! Fragen sich dies die deutsch-jüdischen mächtigen Feiilde des Zionismus nie? Nein. Sie fragen sich selber nicht und sie wollen auch von anderen nichts hören. So konnte ich es den abgesendeten Frankfurter Damen unter anderem nicht begreiflich machen, daß, wie berechtigt ihr Vorwurf der Nachlässigkeit, der Schmutzigkeit und Unwissenheit der „polnischen" Juden auch sei, die Lage derselben eine so schreckliche ist, daß kein Eingeweihter, der Gemüt und Herz besitzt, von Sauberkeit und Biümng zu sprechen wagt, während gräßliche Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ihn anstarren. Ich bin in enger Fühlung mit dem jüdischen Proletariate meiner Geburtsstadt. Es kennt meine Gesinnungen und Empfindungen. Ich vermöchte es aber nie über mich, der armen Frau (ein Beispiel für hundert), deren Gatte — einer der zahllosen „Lustmenschen" —seit Monaten ohne Beschäftigung und Verdienst ist, und die mit ihm und sechs Keinen Kindern buchstäblich von beständigem'Hunger gepeinigt vor der Exmittation steht, einzuprägen: „es solle ja keiner von ihnen auf den Fußboden der ärmlichen Stube spucken, denn das sei ungesund und unschön" — oder ihr als Trost und Hilfe verkünden, sie werde eines ihrer Kinder nächstens in den von den deutschen Philanthropen zu gründenden „Kindergarten" schicken dürfen. Solchen Hohn auf Elend und Not würde mir keiner und ich selber am wenigsten verzechen. Es ist wahr, daß das Gros der östlichen Judenhell' ziemlich unwissend, sehr nachlässig und unsauber ist. Es ist ferner wahr, daß der Mädchenhandel vornehmlich von Juden und Jüdinnen betrieben wird. Es ist auch wahr, daß ich selbst — da nun einmal von Abwehrmitteln die Siede war — für die Errichtung von Dienstbotenschulen plaidierte. Doch wahrer als all dies ist: Daß alles in der Hauptsache beim allen bleiben und stets schlimmer werden wird, und daß Palliativmlltel an Ort und Stelle nichts helfen werden, nichts helfen können. Das ist „ein großes Wort", das ich aber durchaus nicht „gelassen ausspreche". Es tut mir in' tiefster Seele weh. Doch wer, wie ich, die galizischen jüdischen Verhältnisse kennt, ebenso aufrichtig ist, sich und anderen nichts Vortäuschen, wohlgemeinte Arbeit und viel Geld nicht umsonst vergeudet sehen wlll, der muß meinen Ausspruch unterschreiben. Die Begründung könnte Bände füllen — und wäre eine vergebliche! Denn die „dort oben" wollen's ja doch nicht glauben. Da aber diese Angelegenhell uns allen gleich nahegeht (wenn nämlich die Frankfurter reichen Juden auch nicht zu uns kommen, so gehen doch unsere armen Schnorrer hin — vide die „4000", von denen Fräulein Pappenheim berichtet), so läge es doch im ureigensten Interesse der deutsch-jüdischen Philanthropen, der Sache einmal selber auf den Grund zu gehen. Solches kann aber nicht vermittelst einer vier- bis sechswöchcnüichen ausflugartigen Reise „durchs Land" geschehen. Die untizionistischen jüdischen Persönlichkeiten und Vereine in ganz Europa sollten — um sich und anderen endllch reinen Wein einzuschenken — einen Mann von Billrung, lluger Einsicht und Scharfblick, ganzbesondcrsabervo nunparteiisch er Denkart, der — sich der Bedeutung seiner Mision bewußt — nicht wie der voreingenommene oder iestochene Richter um jeden Preis das „Schuldig" indcn und aussprcchen will — mindestens für einJahrlangzuständigemAufenthalte nach Galizien entsenden, der nichts anderes zu tun, als zu beobachten, bei allen Schichten, Parteien und Einzelnen Erkundigungen einzuziehcn, die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse dieses einen Jahres zu verfolgen und. Erfahrungen zu sammeln hätte. Da die Verhältnisse hier in den einzelnen Städten — mit geringen Abweichungen dieselben sind, würde ein sechsmonatlicher Aufenthalt in Lemberg, der Hauptstadt des Landes, und der Rest der Zeit auf andere Städte, Städtchen und Dörfer verteilt, genügen, um dem betreffenden Vertrauensmanne ein durchaus klares Bild zu geben: von dem Leben, Charakter, der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Stellung der galizischen Judenhell, von ihrem moralischen, intellektuellen und leiblichen Werte, sowie von den sich daraus zwingend ergebenden Mitteln einer „Rettungsaktton". Was wir —'aus unserer gründlichen Kenntnis der Sachlage und reichen Erfahrung heraus — den Auftraggebern der diesmaligen Forschungsreiseuden sagen können, ist folgendes: Alle Kleinarbeit, die sie hier im Lande verrichten wollen, so unschädlich, sogar lobenswert sie an und für sich sein mag, wirdnichtini entfernte st en zu einer merklichen Besserung in der Lage der galizischen Judenheit, viel weniger zu einer Lösung der Judensrage im Osten führen, oder auch nur nennenswert beitragen. (Ein kleiner Beweis: es werden — laut statistischen Nachweises — wöchentlich zirka 200 jüdische Mädchen aus Galizien „exportiert". Ein sprechender, nein, schreiender Beweis größter Not. Können unsere Philantropen behaupten, daß sie 200 Mädchen wöchentlich, die in ihren zu gründenden Wirtschaftsschulen rc. ausgeblldet werden sollen — außerhalb Galiziens, wo sie eine überschüssige, also lastende Kraft sind, unterzu bringen imstande wären?) Alle Kleinarbeit der Wohltätigkeit wird ferner den Zug der östlichen Juden nach dem Westen nicht aufhalten, noch vermindern. Im besten Falle werden cs dann „zivilisiertere" Männer, Frauen und Mädchen sein, die die Stellung der westlichen Brüder nach mancher Richtung noch mehr erschweren würden. Ich muß ausdrücklich betonen, daß — speziell in Galizien — auch Pläne, die auf Gewerbe und Industrie unter den Juden Hinzielen, keine Zukunft hätten. Die Gründe liegen in der Beschaffenheit, Lage und vielen anderen, ungünstigen Bedingungen des Landes, die eine wiederholt versuchte, nichtjüdische Industrie ebenfalls nicht aufkommen ließen. Es giebt keine materielle Hilfe für uns an Ort und Stelle — es sei denn, wenn es nach gewisser Leute Wünschen durchaus sein soll — in Form einer ausreichenden, erblichen Rente für die 800000 gati zischen Juden. Doch nicht nur das allein! Wir stehen auf einem Vulkan!! Wollte Gott, daß unsere Beobachtungen und Ahnungen darin uns trügen: wir sind, wenn auch mit Entsetzen mrd Verzweiflung, jeden Tag au' Vorkommnisse ü ln Kischinew gefaßt. Schon murmelt die christliche Volksmasse von Judenexzessen „wie bei dem Zaren". Und der galizische Bauer oder Arbeiter ist in allen Beziehungen um kein Haar besser oder höherstehend als die russischen Horden. Eine Rede des Präsidenten Roosevett. Am 18. Juni überreichte ein von der „B'nai Brith"-Loge ernanntes Komitee, bestehend aus den Herren Leo N. Levr, Jul. Bion, Jak. Furth, Salomon S u l z b u r g e r, Joseph D. C o o n s, Simon Wolf und Adolf Moses in Washington dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Herrn Roosevelt, eine Denkschrift an den Zaren, in welcher die Vermutung ausgedrückt wird, daß dem Zaren nicht bekannt sei, bis zu welch' hohem Maße die russischen Juden unterdrückt werden. Gelegentlich des Empfanges des Komitees hielt Präsident Roosevelt nun folgende Rede, die bei aller, Licbens Würdigkeit nicht viel verspricht: „Ich habe wohl nicht nötig, der weitverbreiteten Entrüstung Ausdruck zu geben, mit der das ganze amerikanische Volk die fürchterlichen Ausschreitungen gegen die Juden in Kischinew ausgenommen hat. Es ist mir in meiner ganzen Erfahrung kein Fall bekannt, bei dem sich in diesem. Lande eine raschere Sympathiekundgebung für die Opfer, und ein tieferer Ausdruck des Abscheues über die Greuel der entsetzlichen Vorgänge geltend gemacht hätte. Es ist natürlich, daß die Gefühle, die. die ganze zivilisierte Welt beherrscht haben, in den Vereinigten Staaten am stärksten und intensivsten zum Ausdruck kommen, denn die Vereinigten Staaten sind von allen großen Mächten gerade das Land, in dem von Beginn fernes nattonalen Bestehens das Meiste geschehen ist, um das an der jüdischen Rasse begangene Unrecht gutzumachen und den amerikanischen Bürgern jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eines der rührendsten Gedichte unseres großen Dichters Longsellow ist dem jüdischen Friedhöfe in Newyork gewidmet, und wer immer die alten Begräbnisstätten unserer Städte besucht, die Zeugnis ablegen von den alten Kolonialzeiten, wird dankbar viele Rainen von Amerikanern jüdicher Rasse lesen, die im Frieden wie im Kriege in vollem Maße zur Begründung dieser Nation beigetragen haben. Von den vielen Versammlungen der Kriegervereine, denen ich beigeivohnt habe, bleibt mir eine besonders unvergeßlich. Es war dies eine Versammlung, die von Kriegsveteranen jüdischen Glaubens im Tempel Emannel in der 44. Straße zu Newyork zur Begrüßung der heimkehrenden Krieger aus dem spanisch-amerikanischen Kriege abgehalten wurde. Als ich selbst dem Heere angehörte, focht neben mir einer der besten und tapfersten Hauptleute des Regiments, ein I u d e. Einer der Schiffskommandanten, der sich bei der Blokade der kubanischen Küste rühmlich hervortat, war ein Jude. In meinem eigenen Negimente beförderte ich fünf Leute wegen Tapferkeit in der Schlacht zu Offizieren. Zufälligerweise ergab es sich — denn ich hatte keine Ahnung, welcher Religion die Leute angehörten — daß davon zwei Protestanten, zwei Katholiken und einer Jude war. Obgleich dies, lvie gesagt, ein großer Zufall war, so ist die Sache doch bezeichnend für die religiöse Zusammensetzung unserer Nation und ur die Tatsache, daß alles, was von einem Mann jicr verlangt wird, ist, daß er ein guter Amerikaner ei, einerlei, welches Glaubens er ist, noch wo seine Wiege gestanden hat. Lassen Sie mich Ihnen eine Keine Begebenheit erzählen, die Bezug hat auf die Frage der Rassen- und Neligionsvcrfolgungen. Vielleicht erinnern Sie Ich — sicherlich werden sich einige meiner Newyorker Freunde daran erinnern — daß während der Zeit, als ich Polizeikominissär in Newyork war, ein Geistlicher von Europa kam, um in Newyork eine antijüdische Agitation in's Leben zu rufen, und daß er seine Absicht knndgab, Versammlungen abzuhalten, in denen die Juden angegriffen werden sollten. Die Angelegenheit wurde mir unterbreitet, ich hatte aber natürlich keine Befugnis, die Versammlung zu untersagen. Nach reislicher Ucberlegung wählte ich einen jüdischen Polizeisergeanten und 40 jüdische Schutzleute aus, um den Agitator in den Versammlungen zu schützen, sodaß er in seinen Hetzreden gegen die Juden ausschließlich von Juden beschützt ward. Meiner Idee nach war das die beste Antwort, die ihm gegeben werden konnte, und gleichzeitig war das eine Aeußerung, wie wir Amerikaner dergleichen Sachen behandeln. Einen Schutzmann stellte ich unter folgenden Umständen an: Bei einem Besuch des christlichen jungen Männervereins wurde mir von einem jungen Juden erzählt, der bei einem Brande unter großer, Lebensgefahr Leute aus dem brennenden Hause ge-' rettet habe. Ich ließ ihn zu mir kommen und riet ihm, sich zum Examen zu melden. Er tat es, bestand die Prüfung und wurde nicht nur ein vorzüglicher Schutzmann, sondern benutzte seinen Gehalt auch dazu, seine jüngeren Brüder und Schwestern etwas lernen zu lassen. Für seine Ersparnisse ließ er außerdem seine alten Eltern aus Rußland kominen und sorgte für sie hier. Ich habe Ihnen einige Beispiele von Männern gegeben, die unter mir in meinem Regiment und in der Newyorker Polizei gedient haben. Aber außerdem sind einige meiner besten Freunde, einige mit denen ich im engsten Kontakt im politischen Leben verkehre, Juden. Ich empfinde daher natürlicher Weise einen großen Grad persönlicher Sympathie und persönlicher Empörung über die furchtbare Tragödie, und versichere Sie, daß meine Gefühle dieselben sind, wie die Ihrigen, meine Herren. Gerade so wie ich erwarten darf, daß Sic die gleiche Empörung beseelen würde bei einer Tragödie, die ein christliches Volk betreffe, so würde ich mich für unwürdig der Stellung halten, die ich einnehme, wenn ich nicht den gleichen Schinerz, die gleiche Entrüstung empfinden würde bei der Vergewaltigung, die dem jüdischen Volk in irgend einem Weltteil angetan wird. . Ich bin sicher, daß die Sympathie-Kundgebungen im ganzen Lande ohne Unterschied des Glaubens bereits viel Gutes erzielt haben. Es ist eine Genugtuung, anzunehmen, daß die russische Regierung die Gefühle des Entsetzens und der Entrüstung über die Greuel in Kischinew mit dem amerikanischen Volke teilt, und daß sie Maßregeln trifft, um Wiederholungen zu verhindern und die Anstifter zu bestrafen. Die russische Regierung betrachtet jene Ausschreitungen im gelben Lichte wie unsere Negierung die Krawalle und Lynchaffären, die hier vorgekommen sind, und die weder unsere Regierung, noch unser Volk charatterisieren. Der russische Gesandte hat mich aus eigenem Antriebe besucht und mich persönlich benachrichtigt, daß der Gouverneur von Kischinew seines Amtes entsetzt worden ist, daß 300 bis 400 Teilnehmer an den Greueltaten verhaftet worden seien, die strengstens bestraft werden würden. Ich werde die Anregungen, die Sie mir unterbreitet haben, auf das sorgfälttgste prüfen, und erwägen, ob unter den gegebenen Umständen es ratsam und von Vorteil für die unglücklichen Ueberlebenden, mit denen wir so tiefes Mitgefühl haben, ist, weitere offizielle Schritte zu tun. Kein Ereignis der letzten Zeit hat meine Aufmerksamkeit mehr in Anspruch genommen und wird meine Aufmerksamkeit weiter in

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