Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 35 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ Isvsnkfuvtev ♦ sa Abonnementspreis ML 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SV Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Postzeitungsliste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband M. 1.50 vierteljährlich lAusland ML 2.—). =a Redaktion und Haupt-Expedition FrslnKfrrrr au Mt. Bergrrstraße 25, parterre. -ofra Herausgeber: Saly Geis. Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Rellame-Zeile ML 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Rachrichtm, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, ML 5.— bis 8.— das Tausend. No. 35. Freitag, den 8. Tamus 5663 (3. Juli 1963). No. 35. Nachdruck unserer Originalartikel nur unter Quellenangabe „Frankfurter Israel. Familienblatt" gestattet. Man abonniert auf das ftankfutfct Israelitische lamilicnblatt in Frankfurt bei der Expedition für Mk. 1.— vierteljährlich. stei ins Haus; eine Benachrichtigung per Karte genügt. Auswärts werden an jedem Postschalter und von jedem Briefträger Abonnements entgegengenommen und zwar für: 80 Pfg. lohne Bestellgeld), wenn die Zeitung stets am Postschalter abgeholt wird. ML 1.02 (mit Bestellgeld), wenn die Zeitung Vom Briefträger stets ins Haus gebracht wird. Wir bitten alle Freunde unserer Sache, unser ideelles Unternehmen zu fördern, indem sie ihre Verwandten und Bekannten veranlassen, auf unser Blatt zu abonnieren und indem sie bei Bedarf die in unserem Blatte enthaltenen Annoncen berücksichtigen. Wir werden auch weiter unentwegt im Dienste der jüdischen Gesamtheit stehen. Wie bisher, so werden wir auch weiter die Erkenntnis des überlieferten Judentums und die Liebe zur Judenheit mit aller Kraft zu fördern bestrebt sein. Wir haben für das beginnende Quartal weitere angesehene Persönlichkeiten als Mitarbeiter erworben; wir haben auch eine Anzahl guter und interessanter Novellen angekauft; auch werden wir gute Abbildungen bringen, sodaß ein jeder in der Fülle des Stoffes finden wird, was ihn befriedigt. Der mäßige Abonnementspreis ermöglicht es einem Jeden, unser Blatt zu abonnieren. Verlag -es „Frankfurter Jsr. Familienblatt". (Nachdruck verboten.) Ernste Zeiten — ernste Mahnungen. (Leopold Anfänger - Memmelsdorf.) „Der Ernst der Zeit" ward zum geflügelten Worte. Jedes Volk, jeder Stand, ja fast jeder einzelne Mensch spricht vom Ernste der Zeit und bestrebt sich demselben Rechnung zu tragen, sich zu rüsten und zu wappnen gegen seine Gefahren, ihnen möglichst vorzubeugen. Der „Staat in Waffen" ist nichts anderes als solch ein Präservativ gegen die Gefahr der Waffen. Die Koalitionen und wirtschaftlichen Vereinigungen rc. sind Vorbeugungs- . oder Hilfsmittel gegen wirtschaftliche Gefahren. Es bleibe die Berechtigung des einen oder andern dieser Mittel hier ununtersucht: sie sind einmal vorhanden und finden kräftigste Anwendung. Sollte nicht auch das Judentum, d. h. die Gesamtheit der jüdischen Individuen, nötig haben, sich seiner Mstzeuge zu sichern für die Zeiten des Kampfes? Ja, stehen wir nicht eigentlich stets im Kampfe gegen Bosheit und Haß? Sind nicht unsere Feinde stets geschäftig, gegen uns zu intriguieren und zu hetzen? Dürften wir da im trägen Fatalismus untätig zuschauen? Müssen wir nicht vielmehr, entsprechend dem jüdischen Grundsätze, daß man sich nicht - ans Wunder verlassen solle, innerhalb der durch Gottesgebote und Staatsgesetze gezogenen Grenzen uns bei Zeiten Rüstzeuge verschaffen, Riistzeuge hauptsächlich des Geistes, um jenen uns aufgedrungenen Kampf erfolgreich bestehen zu können? Wohl hört man oft, der Antisemitismus habe abgewirtschaftet; die Diskreditierung vieler seiner geistigen Führer habe ihm jeglichen Nimbus geraubt; — aber —> ist er damit denn auch wirklich erloschen? Wenn wohl auch gar manche der geistigen Väter dieser „Schmach des Jahrhunderts" abgewirtschaftet haben, die Giftsaat, die sie ansgestreut, keimt immer noch, die rohen, einmal aufgerührten Instinkte der Massen sind nicht erloschen. Nur die naivste Vertrauensseligkeit oder der krasseste Egoismus könnten Veranlassung sein, in träger Ruhe abwarten zu wollen und schließlich den Verteidignngskampf anderen, eigentlich Unbeteiligten zu überlassen. Wenn auch die Gefahr zunächst nur einzelnen Individuen droht, die Gesamtheit der jüdischen Individuen ist das Judentum. Wie rüsten, wie wappnen wir uns nun zum Kampfe für heilige Güter? Die jüngste Entscheidung des Reichsgerichtes in Leipzig, welche das vom Landgerichte Berlin I. im vergangenen Winter gegen Redakteur und Verleger der Staatsbürgerzeitung gefällte Urteil bestätigte, und welche merkwürdigerweise zeitlich fast mit den neuerlichen Kiiochenfunden in Könitz zusammenfällt, die vielleicht nun Licht in jene dunkle Mordafsäre bringen werden, hat die Erinnerung an jene langen Gerichtsverhandlungen wieder neu aufgefrischt. Eine interessante Preßäußerung aus jener Zeit (Berl. Mg. Zg.) habe ich mir aufbewahrt. Sie lautet: „Man kann mit Sicherheit behaupten, daß sich die Herren Brnhn und Dr. Bötticher außer der landläufigen Bildung sogar sehr eingehende Kenntnisse von der jüdischen Literatur erworben haben mögen, die von altersher auch von christlichen Theologen und anderen forschenden Gelehrten stets eifrig studiert und in viele Sprachen übertragen worden ist. Viel besser als dem größten Teil des neuzeitlichen Judentums, dem die hebräische Sprache kaum noch den Schriftzeichen nach geläufig, die gesamte Literatur, das Testament ausgenommen, aber ein Buch mit 7 Siegeln ist, ist es den Herren Brnhn und Dr. Bötticher bekannt, daß der Mtualmord nie und nirgend auch nur den leisesten Anhalt in den Gebräuchen der jüdischen Konfession findet. Sie wissen es infolge ihres Studiums des Talmuds, des Schulchan Aruch, und wie die Werke alle heißen von deren Kenntnis sie sonst gern Zeugnis ablegen, daß das Blutmärchen zu demselben Zweck gegen die Juden ausgesprengt wird, zu dem es die chinesischen Fanatiker gegen die Christen anwenden, wovon unsere wackeren Missionäre während der Boxerbewegung ein trauriges Lied zu singen hatten." — Klipp und klar wird es da ausgesprochen: „Ein großer Teil unserer Glaubensgenossen besitzt entweder gar keine oder nur ganz minimale Kenntnisse in spezifisch jüdischen Dingen." Viele Antisemiten wissen mehr vom Jüdischen, als diese Juden selbst. Ist die Tatsache dieser Unwissenheit in weiten jüdischen Kreisen an sich schon sehr bedauerlich, da doch gewiß die jüdische Pflichterfüllung zunächst jüdische Pflichtenkenntnis als Voraussetzung bedingt, so wird sie in Bezug auf den Antisemitismus geradezu zur Gefahr. Einerseits wird dadurch Veranlassung gegeben, die Religion zu schmähen, deren Bekenner der Kenntnis ihrer fundamentalsten Erfordernisse ermangeln, anderseits ist die Möglichkeit benommen, daß auch der Laie auf die beliebten Gemeinplätze antisemitischer Behauptungen und Entstellungen jachlich erwidern kann, und nicht immer ist doch ein Fachmann mit entsprechenden Fähigkeiten zur Stelle. Es ergiebt sich also für alle Glaubensgenossen die ernste Mahnung, ernstlich bestrebt zu sein, zu lernen und Belehrung zu suchen in allem, was mit jüdischem Wissen, jüdischem Gesetz, jüdischem Schrifttum zusammenhängt, aus Unwissenden Wissende zu werden. Und wenn auch nicht jeder aus dem Quell, aus Talmud und Codizes im Urtext schöpfen kann, — wir haben ja schon eine ziemliche Auswahl von diesbezüglichen Uebersetzungen oder Bearbeitungen in der Landessprache, und was noch fehlt, muß und wird ergänzt werden, — bei sachgemäßer Empfehlung aber auch seinen Leserkreis finden. Wie oft schon ist von antisemitischer Seite das Verlangen nach „Uebersetzung des Talmud und Schulchan Aruch" gestellt worden! Wer weiß, ob nicht in Zukunft doch etwas derartiges gezeitigt wird l Welcher Triumph daun, wenn wir sagen können: Was ihr da bietet, wir hatten es längst, was bringt ihr Neues? Haben doch die herrlichen Geisteswerke unserer Weisen keine Kritik zu fürchten, wird doch niemand, der nicht absichtlich die Wahrheit aus den Kopf stellt, in ihnen etwas Unrechtes finden können. Als ich s. Zt. die Arbeit des Herrn Pfarrer Frank über den Wahn der Blutbeschuldigung las, als ich darin sogar Stellen aus dem Sohar übersetzt'und erläutert fand, fragte ich mich unwillkürlich, wie viele unserer deutschen Juden wissen überhaupt etwas vom Sohar, als höchstens, daß im Tikun für Schewuoth einige Stücke mit dieser Ueberschrift stehen, die gewöhnlich — ausgelassen werden, weil sie meistens Keiner richtig zu lesen, geschweige zu übersetzen oder zu verstehen vermag. Ideal und Ziel bleibt natürlich stets — Rückkehr zur Quelle. Jnsolange dies aber eben nur noch ein frommer Wunsch sein wird, müssen gute Uebersetzungen und Kompendien Ersatz bieten. Es könnten diese Belehrungen auch durch kleine Broschüren, Flugschriften, durch die jüdische Presse rc. verbreitet und vermittelt werden. Möge der Trieb zum „Lernen" wieder erstarken, möge das ernste Streben sich verbreiten. aus „Bekennern" auch „Kenner" des Judentums zu werden, das ist eine der wichtigsten Mahnungen, sich ergebend aus dem „Ernst der Zeit". Frankfurt in Galizien. Unseren galizischen Glaubensbrüdern wäre sicher ein Frankfurt in ihrem eigenen Lande sehr angenehm, denn dann könnten sie die Reisekosten nach dem deutschen Frankfurt sparen; aber auch wir Frankfurter würden gern von unserem Ruhm etwas hergeben, wenn ein Frankfurt in Galizien uns die armen und deshalb unerbetenen Gäste wegnähme. Haben wir doch selbst genug des Elends und der Not in unseren eigenen Mauern. Doch die Freude ist hier und dort verfrüht; vorläufig bleibt noch alles beim alten. Das „Frankfurt in Galizien" sind zwei Damen, Fräulein Bertha Pappenheim und Fräulein Dr. 'Sara Rabbinovitsch, die als Abgeordnete verschiedener Frankfurter Wohltätigkeitsvereine lt. tf) Galizien entsendet worden sind, um die dortigen sozialen Verhältnisse zu studieren. Die „Welt" bringt über diese Excursion aus der gewandten Feder der bekannten Schriftstellerin, Rosa Pomeranz, einen größeren Artikel. Da die Arbeit sehr lehrreiche Momente enthält, so geben wir sie nachstehend im Auszug wieder: „Im Mai l. I. entsendete der „Jüdische Zweigverein zur Bekämpfung des Mädchenhandels" zwei Damen, Fräulein Dr. Sara Rabbinovitsch und Fräulein Bertha Pappenheim, nach Galizien, um die kulturellen Verhältnisse der dortigen Juden — mit besonderer Beachtung der jüdischen Mädchen und Frauen — kennen zu lernen, um darnach Mittel der Hebung des eventuell niedrigen Niveaus, ganz be- Abonniert bas Frankfurter Israelitische Famitienblatt!