Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 34 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34. nichts zu sehen. Drüben, dicht vor der Brücke, war eine lange, eiserne Kette gezogen, die durch.die Windbewcgungen dumpf klirrte. An der einen Leite derselben stand der russische Posten mit geladenem Gewehre und Ivarf ihnen mürrische Blicke hinüber. Sonst, so tveit das Auge reichte, Ruhe und Stille. „Wollen wir nicht die Stelle am Graben besichtigen?" — bat Rahel. Diese war aber nicht so leicht zu sinden. Rahel hatte den Fleck, an dem sie das schauerlichste und glücklichste Ereignis ihres Lebens erfahren, in der Tat nie gesehen und Rosa glaubte nach vielem Suchen und Nachdenken endlich, die Stelle, an der sie in der Nacht Rahel' aufgefunden, ungefähr zu haben. Es war ein kahler, wüster Platz. Der schlammige, ziemlich breite Graben bildete den Saum eines Dickichts. Und da war außer den hohen Tannen und dem ihnen gegenüber liegenden jungen Strauch nichts zu sehen und zu hören. Da der gerade Ausblick durch die Bäume verhindert war, so ließen sie ihre Blicke schräg durch den Strauch schweifen. Ein weißer, sich schlängelnder Strich ließ auf eine Fahrstraße schließen. Dort wurde jetzt ein schwarzer Punkt sichtbar, der ziemlich rasch vorwärts rollte, es war ein Wagen- „Hio!" tönte es lustig herüber, als der Wagen näher Ivar. Rahel ivar der Ton nicht fremd. Es war Gutcl, der mit einigen lauter koscheren Passagieren sich auf der Rückreise von Tawrik befand. Er war nur wenig beladen und im freudigen Gefühle, einmal mit reinem Gewissen und absolut frei von gefährlicher Ware fahren zu können, knallte er mit der Peitsche munter durch die Lust und pfiff dabei die schönsten Jomnauroimgesänge.... Bon ihm war aber nirgends eine Spur zu erblicken. Traurig und schweigend gingen die beiden Mädchen den Weg zur Landstraße zurück. Als sie wieder die Brücke erreichten, die die Fahrstraße der beiden Länder verband, blieb plötzlich Rahel stehen, . als könnten sich ihre Blicke vom vaterländischen Boden nicht trennen. Rosa, die dieses Stehenbleiben für ein neues Suchen aufnahm, Ivollte, so aussichtslos sie dasselbe hielt, sie nicht noch um den letzten Schein von Hoffnung bringen und blieb mit ihr stehen. Da wandte sich vlötzlich Rahel zu ihr. Ihre großen, noch feuchten Augen glänzten in resignierter Entschlossenheit und ihre Stimme bebte: „Haben Sie dank, liebes Fräulein Rosa, für alles, was Sie für mich getan! und-Adieu!" Sie war zu bewegt, um noch weitere Worte herauszubringen. „Adieu! und vielen Dank!" sagte sie. indem sie die beiden Hände ihrer Begleiterin ergriff. „Wo wollen Sie hin? was haben Sie vor?" — fragte Rosa erschrocken, ohne ihre Hände los zu lassen. „Adieu und Dank!" — wiederholte nur Rahel und machte, nachdem sie mit hastiger Bewegung ihre Hände los machte, einige rasche Schritte nach links der Grenzbrücke zu. „Mer bedenken Sie doch um Himmelswillen, daß Sie keinen Paß haben," rief ihr Rosa zu, die erst jetzt ihr Vorhaben begriff. Die Angeredete blieb einen Augenblick stehen. Paß? wiederholte sic in ihrem Innern. Sie sah noch einmal hinüber. Der trostlose Sumpf, der unheimliche Wald, der Soldat, der wie eine Statue Wachposten steht und seine grauen, gierigen Auaen, wie die eines Raubtieres nach ihr schweifen läßt. Fortsetzung.) Aus «usern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Wieder ivaren zwei Jahre vergangen, dahingerauscht in de» Strom der Zeiten. Felix hatte gehalten, was er deni Freunde versprochen, buchstäblich hatte er es gehalten, er hatte sehr oft dessen Mahnung gedacht, daß er das wilde Leben, das er führte, nicht zu lange mehr fortsühren dürfe, hatte sich auch gesagt, 'daß diese Mahnung dem treuesten Frenndesherzen entsprungen, und daß es wohl an der Zeit wäre, dieselbe zu beherzigen. Wiederholt hatte er sich auch vorgenommen, solider zu werden — immer war ihm etwas dazwischen gekommen, nicht selten seine notorische Gutherzigkeit. Aus reiner Gutmütigkeit hatte er sich nicht entschließen können, diese oder jene Liaison zu lösen oder irgend eine lockere Gesellschaft zu brüskieren. Er hatte in dieser Beziehung gar oft die besten Absichten, aber es erschien ihm unmöglich, dieselben anszuführen. Die Mutter klagte und ermahnte unablässig und selbst der Vater erlaubte sich hin und wieder eine ermahnende Aeußerung — Alles vergebens. Frau Kohn litt seit einigen Tagen an einer leichten Indisposition, ihr Gatte suchte sie deshalb einigemal im Laufe des Tages auf, um «sich nach ihrem Besinden zu erkundigen. „Wie geht es Dir, hast Tu in der verflossenen Nacht etwas besser geschlafen?" „Ich danke Dir, ich fühle mich Heu« etwas frischer, obgleich ich Nachts kaum eine Stunde geschlafen habe." ■ „Kaum eine Stunde! — Mer des geht ja nicht Frankfurter Israelitisches Familienblatt. an, ich werde mit dem Sanitätsrat sprechen, dagegen muß er etwas geben." „Was der -Sanitätsrat dagegen geben kann, das wird wenig nützen," versetzte sie seufzend. „Rach zwei Uhr bin ich eingeschlafen, und um drei Uhr habe ich Felix kommen gehört, darauf konnte ich nicht mehr schlafen." „Das darf nicht wieder Vorkommen," eiferte Kohn, „das werde ich ihm sagen, wenn er so spät nach Hause kommt, muß er dafür sorge», daß man ihn nicht hört." „Ach nein, ich bitte Dich, sage ihin das nicht, das wäre für mich noch, ärger. Tenn wenn es mich auch jedesmal schmerzt, wenn ich ihn so spät nach Hause kommen höre, wenn ich ihn dann wenigstens zu Hause weiß, so ist das immerhin momentan eine Art Beruhigung für mich. Aber wenn er sich unhörbar in sein Zimmer schleichen und ich ihn während der ganzen Nacht nicht kommen hören würde, dann wäre ich während der ganzen Nacht in Angst." Er schüttelte mißbilligend den Kopf. „Tn bist allzu ängstlich, machst Tir zu viele Sorgen." „Du bist auch nicht mehr so vollständig unbesorgt, wie Du Dich stellst." „Ach, ich hgbe ja ganz vergessen. Dir eine Mitteilung zu machen, die Dich sicherlich freuen wird. Tie gestrige Sitzung der Gemeinde-Repräsentanz hat etwas länger gedauert, ich glaubte Dich bereits schlafend, sonst hätte ich es Tir schon gestern mitgeteilt. Also unser Rabbiner ist, wie Tu lveißt, alt. Er war nie ein großer Redner, aber jetzt versteht man ihn kaum mehr. Es ist daher gestern beschlossen worden, noch einen Rabbiner anzustellen, einen modern gebildeten tüchtigen Redner. Ich habe den Doktor Vogel vorgeschlage» und habe es durchgesetzt, daß derselbe aufgefordert wird, an einem der nächsten Sabbate hier in der Svnagoge eine Probepredigt zu.halten." „Das würde mich freuen," sagte Frau Kohn lebhaft, „das lvürde mich ungemein freuen, wenn der hier aufgenommen würde. Das' würde für Felix ein großes Glück sein, Ernst Vogel war der Einzige, der mit ihm etwas durchgesetzt hat und ich würde mit Zuversicht hoffen, daß er ihn auch jetzt auf's günstigste beeinslussen lvürde. Das hat Dir der Katechet Wiesner doch schon vor zwei Jahren geraten." „Ja, ich wußte es, daß es Tich freuen würde. Hoffen wir, daß es durchgeht. Wenn er nur ein tüchtiger Redner ist." „Ach, warum sollte er kein guter Redner sein? Ernst Vogel war von jeher in allem tüchtig." Kohn zuckte die Achseln. „Er kann in allem tüchtig sein und brauchte deshalb doch noch kein tüchtiger Redner zu sein. Tic modernen Prediger machen ungeheuer viele Faxen und diese Faxen gefallen dem großen Publikum. Aber der Toktor Vogel sieht mir nicht danach aus, als ob er überhaupt Faxen machen würde, deshalb bin ich meiner Sache nicht so ganz sicher." „Tann muß man nachhelfen. Du, Felix und ich wir müssen sämtlich in die Svnagoge gehen wenn er predigt, und wie cs auch sein mag, wir werden entzückt davon sein und werden gegen alle Bekannte die Rede und den Redner in den Himmel erheben. Tu wirst sehen, es lvird schon gehen. Man kann Stimmung machen, lind überdies, ich kann es wirklich nicht denken, daß er ein schlechter Redner sein könnte." „Guten Morgen, liebe Mama! darf man hinein?" Es war Felix, der den Kopf durch die geöffnete Tür in das Zimmer steckte. „M a n darf nicht herein, aber Tu kannst kommen," erwiderte Kohn heiter. „Ah, Papa, Du auch hier? das ist schön, da wären wir ja alle beisammen. Mer Mama, ich wollte mich eben erkundigen, wie Dir's geht, aber das brauch' ich gar nicht. Du siehst ja vorzüglich aus." „Ter Papa hat mir so eben was erzählt, lvas mich sehr erfreut hat, das hat mich so frisch gemacht. Es wird Dich auch freuen. Denke Dir, es ist nicht unwahrscheinlich, daß Toktor Vogel hier als zweiter Rabbiner angestellt wird. Ter Papa hat ihn gestern der Repräsentanz vorgeschlagen." (Fortsetzung folgt.) Letzter Bericht. Frankfurt a. M. Gestern. Mittwoch, fand der Bereinstag der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums im Hörsaal. Schühcnstraße. statt. In seiner Begrüßungsansprache gedachte der Vorsitzende des Vereins, Herr Rabbiner Dr. Breuer, der während der abgelanfenen Periode verstorbenenAusschußmitgliederderHerrenRabbinerDr.Auerbach.Halberstadt, Dr. Koref, Hanau, denen der Verein so manche Anregung verdankte und die ihre Arbeitskraft stets selbstlos in die Jntereffen des Vereins gestellt hatten; er gedachte ferner des hochseligen Herrn Baron Willy v. Rothschild, der zu seinen Lebzeiten stets ein warmes Herz und Verständnis für die hohen Ziele der Bereinigung an den Tag legte. Nachdem der Vorstand wiedergewählt war. erstattete Herr Justizrat Dr. Hirsch den Jahresbericht. Der Bericht teilt zuerst mit, daß der Vorstand dem mif Sette 5. dem letzten Bercinstage geäußerten Wunsche, für den Verein die Rechte einer juristischen Person zu erwerben, entsprochen habe. lieber die Leistungen des Vereins in der abgclaufencn Periode verbreitet sich der Bericht nach doppelter Richtung. Leine hauptsächlichste Tätigkeit bekundete der Verein in der Pflege und in der Förderung des religiösen Lebens auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums, insbesondere durch Subventionierung unbemittelter israel. Gemeinden, zu Erhaltung geeigneter Lehrer, sowie Schächter ferner in Beihülfe zu Synagogenrcparaturen und zur Errichtung und Renovierung von Ritualbädern, ferner in Gewährung von Stipendien zur Ausbildung für den Lehrer-, Mohel-, und Sofer- Bcruf. zur Unterstützung und Erhaltung ritueller Restaurationen und zur Beschaffung von ritueller Militärbeköstigung: die Ausgaben für alles dieses belaufen sich auf Mk. 1» 200. (Schluß folgt.) Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Nicht im Entferntesten lag es in meiner Absicht, einer Chewresrau zu nahe treten zu ivollen, deren Name schon ein Martyrium besagt. Nur gegen ihre Ansicht war ich gezwungen. Stellung zu nehnien. und ihre Propaganda mußte ich mit allen Kräften bekämpfen. Meine Kritik soll den Aerger zu Gevatter haben, weil ich die Weltanschauung und nur diese zum Krüppel stempelte? Ich bin pass über diese Auffassung. Wird wohl ein Leser glauben, daß der Beruf die Kindesliebe ertötet, derart, daß die Tochter — sollte sie auch müde und abgearbeitet nach Hause kommen — vergißt nach dem schwerkranken Vater zu ftagen, weil e i n Mädchen so gefühllos war? O! hätte ich tausend Zungen und tausend Federn, um dafür Zeugnis abzulegen, daß dies nicht der Fall! Um zu beweisen, daß die Mädchen nicht ins Geschäft gehen der weißen Händchen und der blauen Schleifchen wegen! Ich bin kein Kampshahn — wenn ich auch unter der Tarnkappe einen lustigen Federkrieg gerne führet Deshalb wird es mir nicht schwer, der verehrten Frau meine Entschuldigung vorzubringen über die falsche Auffassung, die ich zwischen den Zetten las — was übrigens auch anderen Lesern passierte — in Bezug auf den beschwörenden Appell an die Eltern: .Sehet, was aus euren Kindern geworden ist, wenn sie nur 1—2 Jahre im Kontor, im Geschäft gearbeitet haben" u. s. f. Merkwürdig ist das Geständnis der Verfasserin, daß sie nicht einmal daran dachte, daß die Reinheit der Mädchen leiden könne, sobald sie den Rahmen der Häuslichkeit verlassen! Die geehrte Frau schreibt wiederholtdaß die Mädchen einen Beruf wählen dürfen, aber nur einen solchen, der sie nicht von morgens bis abends beschäftigt. Warum macht sie keine Vorschläge? Weil es kaum 2 oder 3 Berufsarten giebt, die dies ermöglichen. Jedenfalls durchaus nicht im Verhältnis zur Zahl der auf einen Erwerb angewiesenen Mädchen. Jeder Beruf verlangt einen ganzen Mann, demnach auch eine ganze Frau. Die Verfasserin, die sich fteut. im Jahrhundert der Erfindungen zu leben — wenn sie auch der Meinung ist, daß die Menschen durch Entdeckungen und Erfindungen nicht besser und glücklicher wurden — diese Frau wird unmöglich die Ghettozeit zurückwünschen. Sie weiß — denn sie ist klug — daß nian dem Fortschritt nicht Einhalt gebieten kann. Uns Eltern ziemt es daher, als vornehmste Aufgabe durch Erziehung unsere Töchter der Zeit anzupaffen, ohne das religiöse Motiv auger acht zu lassen. Auf die übrigen Meinungsverschiedenheiten einzugehen, hat keinen Zweck, die werden wohl nie in Einklang kommen. Hiermit ist die Angelegenheit für mich erledigt. Mit vorzüglicher Hochachtung Die Abonnentin. Vakanzen. Zülpich (Rheinprovinz). Religionslehrer. Borbeter und Schächter. Gehalt Mk. 1000, Nebeneinkommen ca. 400—500 Mk. Grottkau(Dberschlesien). Religionslehrer,Borbeter und Schächter. Gehalt Mk. 1000 und Nebeneinkoinmen. Kempen (Posen). Schächter und Borbetcr. Mk. 1500 Gehalt und Mk. 500 Nebeneinkoinmen. Konstantinopcl (Türkei). Elementarlehrer zum 1. September an der deutsch-israelitischen Schule. Gehalt Frs. 138 monatlich nebst freier Wohnung. Bedienung und Heizung. Gesuche unverheirateter Bewerber an Adolf Hefter. Stambul, Dikranian Han 10, Konstantinopel. Laufenselden bei Bad Schwalbach. Lehrer. Borbeter und Schächter. Gehalt Mk. 900, fteie Wohnung und Mk. 300 Nebeneinkommen. Arnsberg. Lehrer und Borbeter. Gehalt Akk. 1200 und fteie möblierte Wohnung.