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Neue jüdische Presse · 1903-06-26 · Heft 34 (26.6.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 34 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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' ■*>£**•» Fvanstkuvtev B Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Kostzeiturrgskiste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). 9 Redaktion und Haupt-Expedition: a JTrattftfutrf «. Ml. Bergerstrsße 25, parterre. -0^*0a= L Herausgeber: Sa ly Geis. e Jnfertionspreis für die viergespaüene Petitzeile 25 Pfg., für die ReName-Zeile Mk. 1^—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. =a No. 34. Freitag, den 1. Tamus 5663 (26. Juni 1963). No. 34. Der neue Reichstag. Wenn diese. Blätter in die Hände der verehrten Leser gelangen, ist bereits auch die zweite Zettelschlacht vorüber, die Stichwahlen sind entschieden. In 184 von 397 Wahlbezirken sind letztere nötig gewesen. Dadurch wird das Wahlbild, welches der erste Wagengang geliefert, wohl noch einigermaßen verändert werden. Sicher aber ist auch jetzt schon, daß diese Abänderung keine allzugroße genannt werden dürste, wenigstens wird sie im großen Ganzen den Erwartungen entsprechen, die man nach dem Stand der Dinge gehegt. Für uns Juden bringt der neue Reichstag die erfreuliche Tatsache, daß der Antisemitismus anscheinend vorläufig politisch abgewirtschaftethat. Mit gar kläglichen Schlappen ging er aus der Urne diesmal hervor. Während im verflossenen Reichstag nicht weniger als 12 antisemitische Abgeordnete die Bänke drückten, sind bisher nur 2 wiedergewählt. (Wir erlauben uns den .Christlich-Sozialen"' Stöcker auch zu den Antisemiten zu zählen ) Selbst der edle Ahlwardt ist unterlegen, was freilich zu bedauern; er hätte so recht den personifizierten Antisemitismus präsentiert. Endgiltig geschlagen sind die Antisemiten in Gießen, Marburg, Meißen und Pirna, den früheren Hochburgen des Judenhasses^ In 6 Wahlkreisen kamen die Anti nur zu Stichwahlen mit sehr zweifelhaften Chancen (Arnswalde-Friedeberg. Bautzen, Waldeck. Flensburg-Apenrade, Rinteln-Hofgeismar, Hersfeld-Hünfeld). Liebermann von Sonncnbcrg vertritt wieder seinen Wahlkreis Fritzlar- Homberg, jedoch nicht in seiner Eigenschaft als Antisemit allein, sondern zugleich als Kandidat vom Bund der Landwirte. Es ist ja auch so ziemlich das Gleiche. Erfreulich ist daher auch, wie kläglich letztgenannter bei den jüngsten Wahlen abgcschnitten. Wer hätte noch vor Jahresfrist gedacht, daß z. B. ein Roesickc, Vorsitzender des Bundes der Landwirte, in Kaiserslautern glänzend durchfallen könnte? Ebenso .flog" Herr Dietrich Hahn, und das gleiche Schicksal dürste inzwischen bei der Stichwahl Herrn Dr Oertel ereilt haben. Er kam in Sachsen mit dem Sozialdemokraten Schulz in Stichwahl. So ' oder so — ein Fraktiönchen werden die Anti nicht mehr auf die Beine bringen. Merkwürdig und bemerkenswert ist der kolossale Zuwachs an sozialdemokratischen. Stimmen. Die Sozialdemokratie wird zur zweitgrößten Fraktion im Reichstag. Für uns Juden haben diese sozialdemokratischen Erfolge insofern Interesse, als man sie nach altem — jedoch nicht bewährtem — Muster freundlichst auf unser Konto buchen wird. Schon in den Wahlflugblättern wurde darauf hingewiesen, daß die sozialdemokratische die einzige Partei sei, welche Juden ^ausgestellt, ja daß sie nicht weniger als 8 in ihren Reihen zählt. Als ob; wir Juden daran schuld wären, daß . die anderen Parteien keine jüdischen; Kandidaten aufstellen oder daß etliche davon sogar jede Gelegenheitbenutzen, um in die antisemitischeHetzfanfaren zu stoßen und als ob die Sozialdemokratenvon lauter Juden, nicht aber von Millionen Christen gewählt seien. Wie gesagtdergleichen Blödsinn wird immer und immer wieder vorgebracht werden. — Zum guten Glück sprechen aber die Tatsachen lauter und deutlicher. Im antisemitischen Sachsen , sind den Sozialisten im ersten Wsturm von 23 Mandaten nicht weniger als 18 zugefallen; die übrigen 5 bieten ausflchtsvolle Stiche Wahlen- Sachsen umit seinem Schächtverbot ist zum roten Königreich gestempelt. Es beweist aufs neue, daß der österreichische Reichsratsabgeordnete Dr. Kronawetter Recht hat: Der Antisemitismus ist die Borfrucht der Sozialdeniokratie, er ist der.Sozialismus des dummen Kerls". Für die folgende Legislaturperiode verdient in dieser Hinsicht auch das niedriger gehängt zu werden, was der konservative Reichsbote schreibt: .Die Sozialdemokratie." so berichtet ein ländlicher Leser, .hat in meinem Orte eine solche Zunahme gezeigt, daß man erschrecken möchte- Die wenigen, die noch konservativ oder freisinnig wählten, kann man fast an den Fingern abzählen. Es setzt einen in Erstaunen, was alles für sozialdemokratische Gesinnung wahrlich nicht zutraut." — Wenige Tage zuvor schrieb dasselbe Blatt: .Heutzutage wählt eben jeder sozialdemokratisch, der unzufrieden ist. ohne daß er den Umsturz oder die Republik will." — Wir werden uns bei Gelegenheit dieser Ausführungen des konservativen .Reichsboten" erinnern: Im übrigen können wir nur betonen, daß bei uns Juden — gerade so wie bei unseren christlichen Mitbürgern — alle Parleirichtungen vertreten sind. M. & Graf Leo Tolstoi. Maxim Gorkij. (Text siehe Seite 2.) Leute sozialdemokratisch gewählt haben müssen; Männer, die begeisterte Anhänger des Kriegerverems sind und dort ireudig in die patriotischen Hochs einstimmen; Männer, .die treue, andächtige Kirchgänger sind, in. der herzlichsten Weise mit ihrem Pastor Verkehren, deren Händedruck es dem Paswr schon anzeigt, daß ein inneres Band der Liebe und des Vertrauens besteht zwischen diesen Gemeindegliedern und ihrem Geistlichen; Männer, die harmlos fröhlich durch's Leben gehen, keinem ein Wä»erchen trüben, auch solche, die ganz selbständig dastehen, auf ihrem Aeckerchen ihr bescheiden täglich Brot gewinnen können. , kurz Leute, denen man (Nachdruck verboten.) Das neue Frankfurter israelitische Waisenhaus. W Das goldene Netz von Wohltätigkeitsinstitutionen, das die erlauchte Familie von Rothschild allüberall unermüdlich webt, ist um eine weitere Masche bereichert worden: soeben hat die Frankfurter israelitische Waisenanstalt ihr neues Heim bezogen. Grund und Boden dazu wurden 1&99 mittels einer Schenkung des Freiherrlich Wilhelm Carl von Rothjchild'schen Ehepaares erworben, den Bau selbst, der sich in stattlicher und imposanter Vornehmheit am Röderbergwcg erhebt, ließ Frau Baronin Edmond von Rothschild zur Errinnerung an ihren verstorbenen Vater s. A. errichten. Das Monument jüdischer Menschenliebe verdient in diesen Blättern eingehendere Schilderung. Kein Luxus soll hier wallen, sondern bis in den letzten Winkel muß alles der jüdischen Wohlfahrtspflege und der prakttschen Brauchbarkeit dienen: das ist der große Gesamteindruck. Was in Küchen und Kellern angelegt ist, was der emsigen Arbeit und der behaglichen Ruhe bestimmt ist, wo der Körper seine Nahrung, der Geist seine Entwicklung, das Gemüt seine Erquickung finden soll, was tuimittelbar auf Weckung und Stählung des jüdischen Bewußtseins hinwirken soll, was in gesunden Tagen die Verlassenheit vergessen machen und in kranken Tagen die Einsamkeit erhellen kann: alle diese Räume sind merkbar nicht zur weichlichen und ttägen Muße geschaffen, sondern zu ernster und umsichttger Vorbereitung für den Lebenskampf, für den jüdischen Lebenskampf, Fülle überall — aber eine Fülle der Weisheit und der Zweckmäßigkeit. Welches Vergnügen muß es sein, in dieser Hellen und geräumigen Fleischküche für die hungrigen Knabenmagen zu kochen und zu backen! Feuerherd und Gasherd nebeneinander in einem Stück, sestgemachte Spültische, kalte uUd warme Leitung- Gasbeleuchtung erleichtern das Tagewerk, Ebenso heiter inag die Milchköchin hantieren; hat sie ja ihre ganz besondere weite Domaine. Und naht das Fest unserer Befreiung. das liebe, das königliche Prsachfest, dann flugs Tür und Tor zug-sperrt und hinunter jn die Souterrainküche! Allein was Hilst das beste und gediegenste Kochen und Brauen, wird das Ergebnis nicht gemütlich verzehrt? Da führt denn im Parterre der Anrichttaum, in dem jedwedes Gericht fein säuberlich serviert werden kann, zu den beiden weitläufigen Speisefälen, deren einer der Schuljugend, deren zweiter den Lehrlingen zu eigen ist. Hei, wird das ein Vergnügen sein, dem Schmaus zuzujehen! Wie sie da mit vollen Backen in tiefster Geschäftigkeit kauen, nachdem sie zuvor, des Welten» köff«s. der ihnen das Brot reifen läßt, gedacht haben, die Buben und „Herrlein"! Jawohl, auch Herrlein! Tenn mit feinfühliger und verständnisreicher Pädagogik hat man seit mehreren Jahren gespürt, daß die Erziehung mit dem Abonnirrt das Frankfurter Ifrartttifche FamMenbtatt i

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