Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 33 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33. Frarcksurter Israelitisches FamilieMatt. Seite 3. irgendwie möglich ist, dom Papst eine Erklärung zu erlangen, welche die Tradition, wonach die Juden zu irgend einer Zeit 51111t Cereinoniel des Passahfestcs das Blut christlicher Opfer verwendet hätten, als eine böswillige Erfindung stempelte. Es gab ja Präccdenzsällc für ein solches Borgehen seitens des Heiligen Stuhles. Eine Anzahl von Päpsten, von I n n 0 - c c n z IV. und Gregor X. bis zu C l c in e n s XIV., hatten Bullen erlassen, in tvelcheir das Ritualmordulärcheu als falsch erklärt wurde; man verlangte also vom Papst nur, was seine Vorfahren auf dem Stuhl Petri vor ihm getan. Ich besuchte den liebenswürdigen Prälaten, der damals den Heiligen Stuhl in Wien vertrat und seitdem zum Kardinal ernannt wurde, und inachte den Versuch, seine Sympathien für die Sache zu erivecken. Ich versicherte ihn, daß die hervorragenden englischen Katholiken dieselben Ansichten vertreten, darunter der Herzog von Norfolk, der stets unter den Vordersten ist, wenn es eine edle Tat zu vollbringen gilt, und ebenfalls der seither verstorbene Lord Russell von K i l l 0 w e n. Ter Nuntius, mit dein ich auf vertrantem Fuße stand, gab zu, der päpstliche Stuhl habe cs seit Jahrhunderten als seine Aufgabe betrachtet, die Juden vor Verfolgungen zu schützen, aber er machte mich darauf aufnlerksam, und darin mußte ich ihm Recht geben, daß die Bewegung in Oesterreich-Ungarn zum größten Teile den politischen Zwecken einer gewissen Partei diene. Er versprach jedoch, die von mir erhobenen Beschuldigungen nach Rom zu melden, und gab zu, daß die Vorfälle nicht nur skandalös seien, sondern geradezu der Vernunft ins Antlitz schlügen. Ich bin überzeugt, der Nuntius hat mir Wort gehalten, aber damit endete, so viel ich weiß, die Sache, und jedenfalls ist niemals eine öffentliche Erklärung erfolgt, welche die Verleumdungen verdammt hätte, deren schreckliche Wirkung wir wieder gesehen haben. Ich möchte hinzusetzen, auch ans die Gefahr hin, daß mir von neuem der Vorwurf gemacht wird, ich gebe Informationen preis, die ich als aktiver Botschafter gewonnen, daß die Regierung von meinem leider erfolglosen Versuch gewußt und ihn gutgeheißen hat. Wahrscheinlich wäre die Sache anders ausgegangen, wenn England im direkten diplomatischen Verkehre mit dem Vatikan stünde, ein Mangel, den ich stets beklagt habe. Ich glaube noch immer, daß die beste Methode, um die Wiederholung der entsetzlichen Vorgänge, welche das Gewissen der zivilisierten Welt empört haben, hintanzuhalten, die wäre, den gütigen, hochherzigen Beherrscher von Rußland und den ehrwürdigen und seelenguten Papst, welcher den Thron von Sankt Peter mit solchem Glanz umgiebt, davon zu überzeugen, daß nur ihre persönliche Einmischung von befreiender Wirkung sein kann. Nur wenn sie öffentlich und unzweifelhaft ihren Abscheu gegen das häßliche Märchen kundgebcn, werde» die untvissenden Massen in den weniger zivilisierten Regionen fies Kontinents ablassen von - de» Ausbrüchen einer sinnlosen, man möchte sagen teuflischen Grausamkeit. Horace R u in - bold." Aus aller Wett. Deutschland. Darmstaöt. Unser Großherzog hat einen namhaften Betrag für die Kischinewer Opfer dem hiesigen Hilfskomitö überwiesen. Berlin. Privatbozent vr.Blumcnthal. langjähriger Assistent des Professor von Leyden, und degen Stellvertreter in der Oberleitung des neu errichteten Laboratoriums der Abteilung für Krebskranke ist als dirigierender Arzt der inneren Abteilung des Israelitischen Kranken Heims, Königgrätzerstraße 46a angestellt worden. Berlin. Der „Reichsbote" schreibt: „Ihr 80. Jahresfest beging gestern die Iudenmissi0n (Gesellschaft zur Förderung des Ehristentums unter den Juden) in der Christuskirche. Schloßprediger Liz. Dunkinann aus Stolp in Pommern hielt die Festpredigt über Römer 11,16—18. Den Bericht erstattete Missionsprediger Pastor Bieling im Anschluß an Sacharja 12, 10. Das wichtigste Ereignis in dem abgelaufenen 80. Jahre war für die Judenmission die Eröffnung eines neuen eigenen Heims in der Kastanienallee mit einer Kapelle, das ein guter Stützpunkt für die Arbeit ist. Bei der Einweihung haben nicht nur die Kirchenbehörden, sondern auch der Kaiser und_ die Kaiserin ihr lebhaftes Interesse für die Judenmission unter den besten Glückwünschen kundgegeben. Die Judenmission arbeitet in Berlin, Posen und Wien als Hauptstationen. In Wien hat sie 'in letzter Zeit ein viel größeres Entgegenkommen gefunden als früher. Bon den 58 Taufbewerbern wurden 20 zurückgestellt. Am Versöhnungstage fand hier wieder eine große Versammlung fiir Juden statt, ebenso wurden sechs Abendmahlsfeiern mit über 100 Teilnehmern gehalten. Zu beklagen sei das Verhalten mancher Christen, welche die jungen Judenchristen oft recht abstoßend behandeln." Den letzten Satz dürfen die Herren Ueberläufer sich zur Notiz nehmen. Augsburg,9.Juni. Das Fest der goldenen Hochzeit feierten gestern die Rentierseheleute Heinrich und Fanny Feist, geb. Obermeier, in körperlicher und geistiger Rüstigkeit. Aus diesem Anlaß lief aus Bekanntenkreisen eine Unzahl von Gratulationen und Blumenspenden bei dem Jubelpaar ein. An dem Gratulationsakt beteiligte sich auch die Borstandschaft der israelitisch en Kn ltus gemeind e, deren Vorstandsmitglied der Jubilar viele Jahre war. Er war ferner 2n Jahre lang Teilhaber der Firnm Gebrüder Feist & M. Goetz bis zu seinem Uebertritt ins Privatleben. Die Jubilarin ist in der Borstandschaft des israelitischen Frauenvereins seit dessen Gründung. Tressen. Die Antisemiten haben in Sachsen bei der Reichstagswahl eine große Niederlage erlitten. In Pirna und in Meißen sind statt der bisherigen antisemitischen Vertreter diesmal Sozialdemokraten gewählt worden; in Bautzen stehen Antisemit und Sozialdemokrat zur Stichwahl. Hannover. Dem soeben erschienenen letztenJahresbericht der .Israel. Erziehungsanstalt" in Ahlem entnehmen wir. daß sich in der Knaben-Abteilung der Anstalt im Laufe des verflossenen Jahres 83 Zöglinge befanden, während das erst anfangs Dezember ervffnete Mädchenhaus 23 Zöglinge zählt. Die Anstalt besitzt bekanntlich eine Lehrgärtnerei, in welcher junge Leute in Obst- und Gemüsebau, in Pflanzen- und Baumschul-Kulturen praktisch unterwiesen werden: ferner ein Erziehungshaus fiir bedürftige und verwaiste Kinder, woselbst die Knaben guten Volksschulunterricht und die Mädchen Unterweisungen im städtischen und ländlichen Haushalt erhalten. Aus der Schüler-Abteilung wurden seit Bestehen der Anstalt 63 Zöglinge entlassen.die folgende Berufe ergriffen: 23 Gärtner und Landwirte, 24 Handwerker der verschiedensten Art, 13 Kaufleute, 3 Lehrer. Die AhlemerAnstalt, schon bei ihrer Begründung kein lokales oder provinziales Institut, will nun daran gehen, in der Nähe einer der großen Bevölkerungszentren Berlin oder Frankfurt a. M. eine Zweiganstalr zu errichten. Im Allgemeinen hat im verflossenen Jahre die Leitung der Anstalt eine ersprießliche Tätigkeit entfaltet; vom Lokal-Komitö zu Berlin wurden eine recht stattliche Zahl neuer Mitglieder geworben und auch das Bureau in Frankfurt bewährte sich durch seine rege Wirksamkeit, llngemein rührig zeigte sich das Damen-Komitö bei der Beratung über die Einrichtung des Mädchenhauses. Die Anstalt hat mehrfach bauliche Erweiterungen erfahren und ist jetzt so überfallt, daß nur noch die Mädchen-Abtheilung Aufnahmegesnchen stattgcben kann. Neue Lokal-Komitös haben sich in Bonn, Duisburg, Essen (Ruhr). Gelsenkirchen, Halberstadt. Mühlheim <Ruhr). Werden (Ruhr) und Wornis gebildet. Die Jahresbeiträge beliefen sich aus 27 300 Mk., außerdem wurden an Spenden rund 10 000 Mk. vereinnahmt. Die Gesamtaufwendung einschließlich des Baues und der Einrichtung des Mädchenhauses hat rund 195 000 Mk. betragen. Zur Deckung desselben standen der Anstalt zur Verfügung: 90 000 Mk. ans Geschenken fiir den Bau des Mädchenhauses. 10 000 Mk. aus den wirtschaftlichen Betrieben, 3000 Mk. aus den Spenden, 39 000 Mk. aus der ersten Anleihe und dem Betriebsfonds, sodaß ein Fehlbetrag von 53000 Mk. verblieb. Rhina. Am 9. Juni vollzog sich in unserer Gemeinde eine zwar stille, aber nichtsdestoweniger erhebende Feier. Das Simon Hahn'sche Ehepaar beging an diesem Tage in wohltuend körperlicher und geistiger Frische das Fest des 50jährigen Ehejubiläums. Aus dem Geheimkabinet Sr. Majestät des Königs ging dem Jubelpaare ein Glückwunschschreiben zu. Der kgl. Landrat zu Hünfeld hatte an Se. Ehrwürden, den Herrn Provinzial-Rabbiner Dr. Cahn in Fulda die von höchster Stelle verliehene Ehejubiläumsmedaille mit der Bitte gesandt, diese Medaille in feierlicher Weise dem genannten Ehepaare zu überreichen. Der Herr Provinzialrabbiner begab sich hierher und entledigte sich mustergiltig seiner Aufgabe. Um den feierlichen Akt mit einer Mizwah zu verbinden, wurde das Minchah-Gebet verrichtet. Nach Schluß desselben erschien der Herr Landrat, begleitet von seiner Frau Gemahlin, im Hause des Herrn Hahn und brachte dem sichtlich überraschten Jubelpaare in tiefempfundenen Worten seinen persönlichen Glückwunsch dar. Herr Provinzialrabbincr Dr. Cahn hielt eine aus dem Herzen kommende und zum Herzen dringende, nach Inhalt wie Form gleich ausgezeichnete Ansprache, in der er auf die Gnade des Höchsten hinwies, die bisher über des Ehepaars Leben sichtbarlich waltete. Ferner gedachte er in seiner Rede, der Huld Sr. Majestät unseres geliebten Kaisers und Königs, depen Liebe alle seine Untertanen umfaßt. Die Ansprache klang in die Bitte aus, daß der Allgütige auch fernerhin eine schützende Hand über das Greisenpaar halten möge. Die Rede machte einen überwältigenden Eindruck und in manchem Auge der Beteiligten sah man eine Träne erzittern. Nachdem Herr D r. C a h n seine Ansprache geschloffen, nahm der kgl. Herr Landrat das Wort, um seine Anerkennung für das stete pflichtgetreue Wirken des Herrn Hahn, der seit einer langen Reihe von Jahren das Amt eines Kreisvorstehers verwaltet, zum Ausdruck zu bringen. Hierauf sang unser Lehrer. Herr Sonn, den 150. Psalm. Damit hatte die offizielle Feier ihr Ende erreicht. Nun ging es zum gemütlichen Teile über und manches Glas wurde auf das Wohl des Jubelpaares geleert. Möge es dem Jubelpaare vergönnt sein, noch recht lange in Gesundheit und Krastfülle sich des Daseins.zu ficuen. Treysa, 8. Juni. Am 21. d. M. feiert die israelitische Gemeinde zu Ziegenhain das fünfzigjährige Jubiläum ihrer Synagoge durch Festgottesdienst, Konzert und Ball. Eydtkuhnen, 12. Juni. Hier ist die Nachricht Von einer Judenverfolgung in Borsna im russischen Gouvernement Tschernigow eingetroffen. Bei den Ausschreitungen sollen Menschen getötet worden sein; Einzelheiten über die Vorfälle fehlen noch. Oesterreich-Ungarn. Pest. Die „JüdischeAllgem-Zeitung" erzählt folgenden bezeichnenden Vorfall: In einem Kaffeehausein der Andraffy-Straße kam es vor einigen Tagen zu einer Keilerei, weil ein Gast für die Hinterbliebenen der Ermordeten in Kischinew nichts spenden wollte. Ein Herr namens Heinrich Mayer sammelte nämlich unter seinen Bekannten und geriet da auch an einen Herrn S. K. (leider ist der Name nicht ausgedruckt. Die Red.), welcher jedoch das Ansuchen kurzweg ablehnte mit dem Bemerken, er habe für diesen Zweck bereits eine Krone gegeben. Herr Mayer erklärte, ein so reicher Mann wie Herr K. sollte mindestens zwanzig Kronen geben, ob er sich denn nicht schäme, nicht mehr als eine Krone gespendet zu haben. Hierauf nannte Herr K. Herrn Mayer einen zudringlichen Bettler, was dieser damit erwiderte, daß er seine Handfläche mit der Wange des Herrn K. in sehr unsanfte Berührung brachte. Nun stürzte sich der Geschlagene auf Mayer, die Umstehenden ergriffen die Partei des letzteren; es gab noch zahlreiche Püffe und schließlich wurde K. aus dem Kaffeehause gedrängt. Noch auf der Schwelle erklärte er. daß er bei der Polizei die Anzeige erstatten werde. Interessant ist es. daß Herr Mayer Katholik, Herr K. leider — Jude ist. Sapienti sat! Rußland. Petersburg. Die Verordnung bctteffs der Freigebung von 101 Ortschaften hat nur einen platonischen Wert, da in den meisten dieser Ortschaften die Juden bereits wohnten, allerdings gegen den landesüblichen Backschisch; dagegen ist die zweite Verordnung, die den Juden den Erwerb und die Pacht von Land außerhalb und innerhalb des Ansiedlung-Rayons verbietet, ein Werk Plehwe's. Die Juden besitzen nämlich in manchen Gouvernements Liegenheiten, die sie teils vor den Maigesetzen erworben haben, teils durch lange Pacht sichergestellt, teils infolge einer Entscheidung des Senates erworben haben, die besagt, daß die Juden, die infolge ihrer besonderen Eigenschaften das Recht haben, in ganz Rußland zu wohnen, also: Akademiker. Kaufleute erster Gilde, auch das Recht des Landerwerbes haben. Dieses Recht wird ihnen nun durch die Plehwe'sche Verordnung entzogen. Amerika. New-Uork. Ein Bertteter der „Bnai-Brith-Loge" hatte mit Präsident Roosevett eine einsttindige Unterredung wegen der Kischinewer Vorgänge. Frankofurtia. Der „Israel. Lehrerverein im Großherzogtum Hessen" hielt am Sonntag, den 14 cr. im Philantropin seine Generalversammlung ab. Es waren 35 Lehrer und 3 Rabbiner anwesend. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Lehrer Wertheimer. Heldenbergen, eröffnete die Sitzung. Die Versammlung beschäftigte sich hauptsächlich mit der pekuniären Lage der jüdischen Religionslehrer in Hessen. Dieselben sind nicht definitiv, sondern nur für eine Reihe von Jahren von ihren Gemeinden angestellt. Als solche haben sie keinen Anspruch auf Pension und keinen auf Wittwen- und Waisenversorgung. Mögen die jüdischen Religionslehrer noch so tüchtig sein, mögen sie ihr ganzes Denken und Fühlen in den Dienst des Staates stellen, mit der Möglichkeit, eines schönen Tages aufs Pflaster geworfen zu werden und ihre Frauen und Kinder der Not ausgesetzt zu sehen, müssen sie doch rechnen. Und warum das? Wenn man die Eingänge aus der jüdischen Kulttissteuer für jüdische Zwecke verwenden würde, so könnten die jüdischen Religionslehrer ihren christlichen Kollegen gleichgestellt werden. Die meisten Staaten scheinen den israelitischen Religionsunterricht für ein vorübergehendes Bedürfnis zu halten. Wenn die Regierungen dieser Anschauung huldigen sollten — es wäre befremdlich genug — warum werden alle Israeliten, ohne nach ihrer religiösen Richtung beftagt zu werden, zu Kultussteuern herangezogen? Wie aus den Verhandlungen hervorging, erwartet man. daß die hessische Regierung in diesem Sommer die Initiative zur Gleichstellung der israelitischen Lehrer geben wird. Andernfalls werden sich diese, um bessere Zustände zu erlangen, an die jüdischen Gemeinden wenden, und die Gründung eines Unterstützungsvereines in Erwägung ziehen. ■* Der Bereinstag der FreienBereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums findet Mittwoch, den 24. Juni, nachmittags 4 Uhr, Schützenstraße 12 (Hörsaal) statt. Da nur alle 8 Jahre einmal ein Bereinstag veranstaltet wird, so ist es Pflicht der Mitglieder, vollzählig zu erscheinen. * Anläßlich des alljährlichen Schekeltages wird am 22. Juni der hier als Redner bereits rühmlichst bekannte Assessor Dr. Friedemann, Wiesbaden, in der Frankfurter Zion. Bereinigung (Rechneisaal, Langestraße 29) einen Bortrag über das Thema .Reiseeindrücke in Palästina" halten. — Herr Fritz Sondheimer nimmt bis zum 24.Juni in