Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 33 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 33. Frankfurter Israelitisches Familrenblatt. Regierung den Juden gegenüber eine antisemitische Ausrottungspolllll treibt, indem sie dieselben systematisch von jedem Beruf, von jedem Erwerbszweig auszuschließen bestrebt ist, zum Schluß auf das alte Assimilantenlied zurückzukommen, daß die Juden — sich nicht ausschließlich den: Handel widmen sollen, sondern tüchtige Hmidwerker werden müffen, und daß sie sich nicht — so viel mit der Gottesgelahrtheit, mit dem Studium des Talmuds beschäftigen. In diesem Zusammenhang werden 2 Institutionen, die die Erziehung von guten Handwerkern und Ackerbauer bezwecken, über das Blaue hinaus gelobt. Zur Widerlegung dieser aus aller Zeit uns schon geläufigen Ansichten ist nur nötig, die Ausführungen desselben Verfassers in demselben Werke, einige Abschnitte früher genau zu lesen... An den Juden liegt es wahrlich nicht, daß sie in ihren Berufen beschränkt sind; und darüber, daß sie ihre fteie Zell nicht im Wirtshause verbringen wollen, sondern lieber mit dem Studium des Talmuds ausfüllen, sollte man ihnen wahrlich keinen Vorwurf machen. Denn, geehrter Herr Dr.! die guten Ratschläge, die Sie. hncn güttgst erteilen, finden sie im Talmud noch eindringlicher ausgesprochen, und sind sie dort nicht aus Rücksicht „was werden die Antisemiten sagen?" erteilt, sondern aus dem Gesichtspunkte der Ethik und der Moral wird dort ein arbeitsames Leben hochgepriesen. Dort können Sie Aussprüche finden — es ist traurig, einen Juden darauf Hinweisen zu müffen — die folgendermaßen lauten: „Wer sich von feiner Händeatbeit ernährt, steht höher als der Fromme" (der es nicht tut). „Wer seinen Sohn kein Handwerk lehrt, ist so als ob er ihn zum Räuber erziehe" . . . Derartige Aussprüche unserer Weisen ließen sich in Fülle noch anführen, aber wir glauben, daß diese zwei genügen. Sie sehen, hochverehrter Herr Dr., wenn Sie zur Rettung Ihres Volles keine andere Mittel auf Lager haben, als den Hungertyphus und die Entfremdung von seinen geisttgen Gütern, so sind Sie ein wenig zu spät gekommen. Jetzt lebt auch in Rumänien, wie der Verfasser selbst im Laufe seiner Ausführungen bezeugt, ein ganz anderes Geschlecht, das mit der Rettung der Judenhell auch die des Judentums ersttebt, und hierzu sind wohl die von ihm in Vorschlag gebrachten Mittel . . . keinesweg notwendig. Erhaltene Fußttitte mit einem süß-sauern Lächeln, von dem man nie sagen kann, ob es einen Dank oder einen Fluch bedeutet, und das demütige „An die eigene Brustschlagen," bleibt unbesttittenes Eigentum unserer Assimllanten, die nichts zu lernen, nicht vergessen haben. Zur Rettung unseres leidenden Volles aber müssen ganz andere Leute kommen, als die vom Hungertod und von der Unkenntnis des Judentums. 8. Berlowitz. Ein steter Tropfen höhlt -en Stein. Auch diesmal konnte die Wahlbewegung nicht zu Ende gehen, ohne daß die Antisemiten ganz Frankfurt mll ihrer Hetz-Propaganda beglückt hätten. Me allen Phrasen, die alten Lügen, aber nicht der alle Mißerfolg! Während der antisemittsche Kandidat noch, vor 5 Jahren 1600 Stimmen erhielt, hat er es diesmal ans 4500 Stimmen gebracht, ein Resultat, welches die Anttsemiten aneifern wird, mll aller Kraft wefter zu arbeiten, um so bei der nächsten Reichstagswahl vielleicht in die Stichwahl zu kommen. Ein steter Tropfen höhlt den Stein! Me gröbste Unwahrhell mll der nöttgen Sttmmenkraft immer wieder in die Well hinausgerufen, wird in fortwährend verstärttem Maße an Anhängern gewinnen und wird solange anwachsen, bis ihre Getreuen durch eigenen Schaden einsehen, daß das, was sic für Wahrhell hielten, eine furchtbare Lüge war. Vorläufig aber müssen wir noch mit Schmerz sehen, wie immer weitere Kreise in die Tiefen des Menschenhasses gezogen werden. Wer nur eines der rcvoluttonären, Nassen- und Rassenkampf nährenden anüsemllischen Hetz-Pmnphlete durchlieft, begreift voll und ganz, warum das deutsche Volk sich von dem Gifte des Antisemitismus inficieren läßt. Es ist ein eiserner Frieden, in dem die Völker leben, nur eingedänunt durch die Gewalt der staatlichen Waffenmacht. Auch ist es nur ein äußerer, scheinbarer Friede, denn erbitterter, wie je, tobt der Kampf auf dem Gebiete des sozialen Lebens. Ganze Berufsklassen winden sich im letzten Todcsröchcln. Gewerbetteibende und Handwerker kämpfen einen Verzweiflungskamps gegen den vernichtenden Großkapitalismus. Den hellen Angstschweiß aus der Stirn, sehnen sie sich nach Rettern und fallen irreführenden Demagogen, den Anttsemiten, in die Arme. Der Jude ist es, der den deutschen Mittelstand, die beste Kraft des deutschen Volkes ruiniert, lautet die Parole, die dem Autisemittsnms seine Stteiter zuführt. Bazare, Warenhäuser und Versandgeschäste, die teuflischen Werke jüdischen Erfindungsgeistes und kapitalisiert von jüdischen Banken u nd Bankiers, sollen den Gewerbetteibenden und Handwerker vernichten. Ein Flugblatt, das die deutsch-soziale Rcsormpartei einige Tage vor der Wahl in vielen tausenden Exemplaren an die Frankfurter Bürger verschickt hat, weiß gar schreckliche Dinge davon zu erzählen. Man braucht freilich nur unvoreingenommen dieses 'Pamphlet durchzulcsen, so wird man geradezu darauf gestoßen, daß es nur demagogische Machenur ein Lügengewebe ist. Aber wieviel Menschen sind vorurteilsfrei? Zum Beweise, in welcher Weise die Antisemiten arbeiten, führen wir aus dem Flugblatt eine unter der Ueberschrift „Bazare, Warenhäuser und Vcrsandgeschäfte" enthaltene Stelle an: „Es ist von einem Berliner Kaufmanne berechnet worden, daß eins dieser Warenhäuser, allerdings eins der größten: A. Werthcim in Berlin einen Tagcsumsatz von durchschnittlich 50 000 Jk haben muß, nur um zu bestehen; d. h. einen Tagcsumsatz, der für ein mitttcres Ladengeschäft in Berlin als Jahresumsatz völlig ausreicht. Rechnet man 300 Geschäftstage, so mutz dies eine Warenhaus, nur um bestehen zu können, 300 mitllere Geschäfte aufsaugen — 300 selbstständige Existenzen vernichten! Und wie in Berlin ist es in Frankfurt a. M. Zum Beweise dafür sei das jährliche Gewerbeeinkommcn einiger Firmen hier angeführt: W. Fuhrländer Nächst. 9b 000 Jk, Schwab u. Schwarzschild 100 000 Jk, Wronker u. Eo. 110000 Jk, Frank u. Bär 134000 Jk, Gebr. Robinsohn 134 000 Jk, I. Obernzenner 168 000 Mark, Schmoller u. Eo. 385 000 Jk, Schwarzschild- Ochs 570000 Jk" Mit Ausnahme von Schmoller und Wronker sind die angeführten Firmen große Spezialgeschäfte, denen man eine sehr große Anzahl christlicher Firmen mit gleichem und noch höherem Einkommen an die Seite stellen kann. Auch ist die weitere Behauptung des Flugblattes, daß der Handwerkerstand durch diese Geschäfte ruiniert - wird, eine Irreführung, denn der Handwerkerstand wird von den durch die fortschreitende Technik begünstigten großen Fabrikcir vernichtet, die die billigen Waren Herstellen, und die Besitzer dieser Fabriken sind fast ausschließlich — Christen. Wohl könnten an Stelle xincs Warenhauses 300 blühende Detailgeschäfte bestehen- Aber ist cs nicht grade der jüdische Geschäftsmann, der als Grossist und als Dctailist bishcw sich sein Brot erworben hatte, der den größten »schaden durch die Warenhäuser erleidet. Nirgends ist der Haß gegen die Warenhäuser größer, als grade im jüdischen Publikum. Und wirken nicht grade so — den Mittelstand vernichtend — die sich nur unter christlicher Leitung befindenden Konsumvereine? - Es lebt niemand unter schwierigeren Erwerbs- Verhältnissen, als der Jude, der auf Schritt und Tritt mit Vorurteilen zu kämpfen hat. In unserem reichen Frankfurt sind tausende von jüdischen Existenzen, die kaiun vegetieren. Und die paar reichen, angesehenen Juden stehen zum größten Teil schon halb im Christentum. Die antisemitische Bewegung lenkt den Blick auf eine falsche Fährte, sie macht es damit unmöglich, daß Hand zur Besserung angelegt wird; die antisemitische Bewegung schadet somit dem Wohl des Staates, sic schürt die Unzufriedenheit, verwirrt die Situationen, säet Haß statt Liebe, ttennt statt zu vereinigen, kurz gesagt: Der Antisemitisinlis ist rcvoluttonär, ist vatcrlandsfeindlich. G/sjr Nachkliinge zu Kischinew. Russisches B c a m t e n t u m. Die Petersburger Schriststeller haben in einer Mitte Mai abgehaltenen Versammlung, welcher mehr als zweihundert Vertreter der Journalistik und der Literatur beiwohnten, einstimmig eine Resolution gefaßt, in welcher die Bluttaten von K i s ch i n e w in den schärfsten Ausdrücken gebrandmarkt und die maßlosen Beschränkungen aller Rechte der Juden in Rußland als die tiefere Ursache der Juden-Massacres bezeichnet wurden. Tie Resolution konnte jedoch mit Rücksicht aus ihren antigouvernemcntalen Charakter der Oefsentlichteit nicht bekanntgegcben werden- Um aber auch öffentlich die Greuel von Kischinew zu brandmarke», beschlossen die »schriststeller, ein in diesem Sinne abgefaßtes Schreiben in den Blättern zu publizieren- Aber bei der Verwirklichung dieses Vorhabens zeigte sich, wie sich die russische Bureaukratic zu den Dlnttatcn von Kischinew und zu den Protesten gegen diese Greuel verhält. Dieses Verhalten dürfte vieles begreiflich mache», was angesichts der Vorgänge in Kischinew völlig unbegreiflich erschien. Das im Namen der Petersburger Schriststeller und Journalisten abgefaßte Schreiben wurde im Aufttage der Versammlung von dem russischen Publizisten und Schriftsteller Nikolai Annenskij redigiert und unterzeichnet. Zuerst wurde dieses Schreiben dem Herausgeber der „Nowosti", Ossiv Notowitsch, zur Veröffentlichung übersendet. Der wies jedoch dieses Schreiben zurück unter Hinweis darauf, daß Minister v. Plehwe die Publikation untersagt habe. Fürst Esper Uchtomskij, der Herausgeber der „Petersburgslija Wjedoniosti", verweigerte gleichfalls die Publikation des Schreibens. Auch die liberalen, in Moskau erscheinenden „Ruffija Wjcdomosti" druckten das Schreiben nicht ab, sondern gaben den Inhalt desselben wieder, ließen aber die darin enthaltenen Worte aus: „Dem ganzen rechtlosenjüdischc.ti- Volk c". Nur die in Petersburg erscheinende Wochenschrift „Woskhod" druckte das Schreiben vollinhaltlich ab. . Und inun trat das Verhalten der russischen Bureaukrattc deutlich zu Tage. Die ganze Auflage des „Woskhod" wurde konfisziert und der Verfasser des Protestschreibens Nikolai Anncnskij zum Direktor des Polizei-Departements, Staatsrat Lopuchin, zitiert. Und hier, im Arbeitszimmer des Herrn Lopuchin im Ministerium des Innern, vernahm Annenskij Ansichten, welche ihm die Gewalttaten von Kischinew begreiflich machten. Herr Lopuchin sagte dem verblüfften Schriftsteller, wie die gutuntcrrichtetc „Oswoboschdenje" aus zuverlässiger Quelle erfährt, wörtlich: „Ihre publizistische und gesellschaftliche Tätigkeit trägt einen schroff antigouverneinentalen Charakter. Endlich gingen Sie so weit, in Ihrem, im „Woskhod" publizierten Schreiben von der „Rechtlosigkeit des jüdischen Volkes";u sprechen. Sie erklären also die Unruhen in Kischinew mit der Rechtlosigkeit der Juden, Sie messen folglich die Schuld an den Unruhen der Regierung bei. Ich erkläre Ihnen, daß die Regierung entschlossen ist, dies nicht länger zu dulden. Ich habe Sie hierhergerufen, um Sie zu warnen. Wenn Sie Ihre Tätigkeit in dieser Richtung sortsetzen sollten, wird das Ministerium die strengsten Maßnahmen ergreifen, sogar die Verbannung nach Sibirien anwenden. Ich behaupte, daß die Juden in Bessarabieu alle Rechte besitzen, die ganze ökonomische Macht liegt in ihren Händen. Ich betrachte Herrn Kruschewan (den bekannten Redakteur des'antisemitischen hetzerischen Blattes „Bessarabetz") als den einzigen Bienscheu, welchen die Juden nicht bestechen konnten . . . ." Das sagte Herr Lopuchin über Kruschewan, dem er selbst einige Tage zuvor im Austrag des Ministers v. Plehwe eine Subvention von 25000 Rubeln ausbezahlt hatte. Aber noch deutlicher hat sich, der Vizegouverneur von Bessarabieu, Staatsrat Ustru g o w, über die Ursachen der Greuel von Kischenew geäußert. Auf dem jüdischen Friedhose zu Kischenew, während der Beerdigung der zahllosen hingemordeten Opfer, richtete Ustrugow an die Tausenden von Juden, welche erschienen tvaren, um den Unglücklichen die letzte Ehre zu erweisen, folgende charakteristische Ansprache: „Meine Herren! In allzu großer Zahl seid ihr hier erschienen. Ich könnte auf Grund der mir eingeräumten Vollmachten euch alle sofort davonjagen, aber ihr tut mir leid. Beruhigt euch, nun! Vergeßt das Vorgefallene: das ist als Belohnung für eure Sünden oder für die Sünden eurer Eltern gekommen. Gott hat es so beschlossen, ihr müßt es in Demut ertragen. . ." Der bekannte russische Akademiker Janschul, welcher mit Minister v. Plehwe eine Unterredung über Kischenew hatte, erzählt, Minister Plehwe hätte ihm gesagt, der wahre Antisemitismus in Rußland sei nicht bei dem Minister des Innern, sondern am Zarenhofe selbst zu suchen. . . . Der englische Botschafter Sir Rumbold über das Ritualmordmärchen. Die „Times" vom 9. d. enthält einen Brief des früheren Botschafters in Wien Sir Horace Rumbor d, der bekanntlich, nachdem er sich ins Privatleben zurückgezogen, seine interessanten Aufzeichnungen herausgegeben hat, und der jetzt seine Stimme zu Gunsten der verfolgten russischen Juden erhebt. Sir Horace Rumbold schreibt: „Ein Leitartikel in Ihrer Nummer vom 6. d. weist mit großer Kraft und Wahrheit darauf hin, daß die grausamen Exzesse, welche in Kischinew stattfanden, in großem Maße den Ritualmord-Anklagen zuzuschreiben sind, die in neuerer Zeit regelmäßig zu Ostern in den ösllichen Ländern von Europa gegen die Inden vorgebracht werden. Man empfiehlt mit Recht Herrn v. Plehwe, er möge seinem kaiserlichen Herrn aufs angelegentlichste die Promulgation eines likas anempfehlen, in welchem „diese vcrbrechenerzeugcnden Geschichten" mit Autorität widerlegt werden. Die Frage des Ritualmordes hat mir vor einigen Jahren das lebhafte Interesse cingeflößt, und dies muß meine Entschuldigung dafür sein, daß ich Ihren Raum in Anspruch nehme, ©ine starke antisemittsche Woge ging damals über das östliche Europa und errcichte ihre bedrohliche Höhe in der österreichischungarischen Monarchie. In ihrem Gefolge kam eine Wiederbelebung der entsetzlichen Fabeln über die Juden, deren Ursprung uns in die fernste Zeit des Mittelalters zurückführt. Die Religionsgenossen und Freuitde der Juden iu England — und sie haben nirgends mächtigere oder eifrigere Verteidiger als bei uns — waren sehr beunruhigt durch diese Auferstehung des antisemittschen Geistes, dem zufällige Verbrechen, wie der berüchtigte Mord in P o l n a und ein ähnlicher Fall in Preußen, neue Nahrung zusiihrten. Ich war damals in der Lage, bei einem Versuch, das Wachstum dieses gefährlichen Geistes hintanzuhalten, mitzuhelsen. Die Herren v. Rothschild, die aufgeklärten . und großmütigen Beschützer ihrer unterdrückten Brüder in der ganzen Welt, die meine, alten und hochgeschätzten Freunde, sind, waren an mich herangctrcten und ersuchten mich, meinen Einfluß zu Gunsten der arme» Juden geltend zu machen. Ich sollte versuchen, eine maßgebende Aeußerung ' von jener Seite zu erlangen, die. allein fähig ist, in katholischen Ländern das Uebel wirksam zu bekämpfen. Andere teilten meine Meinung, daß es Zeit sei, an den Heiligen Stuhl zu appellieren, und wenn es