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Neue jüdische Presse · 1903-06-19 · Heft 33 (19.6.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 33 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. seiner Wohnung, Hanauerlandstraße 9, zwischen 2—4 Uhr täglich Scheckzahlungen (jeder sich zum Zionismus bekennende Jude zahlt jährlich 1 Schekel — 1 Mark) entgegen. * Mchstes Jahr begeht die Realschule der israel. Gemeinde, das Philanthropin, das Fest ihres 100jährigen Bestehens. Vorige Woche vereinigten sich ca. 300 ehemalige Schüler zu einer Besprechung über die in Aussicht zu nehmenden Feierlichkeiten. (Nachdruck verboten.) „Die Kronenberg's." Erzählung von B- Leiser. „Judith, Judith!" ertönte es nun wohl schon zum zehnten Male. Eine sonore, klangvolle Frauenstimme rief es aus einem der oberen Fenster in den langgestreckten Hof hinab, der zn dem kasernenartig gebauten, aufs Vermieten berechneten Neubau gehörte. „Judith, Judith!" Der blonde Frauenkopf da oben bog sich lauschend hinaus, und die schönen, mandelförmig geschnittenen Angen flogen suchend umher, die Ausbleiberin zu entdecken, aber auch nicht ein Schimmer des roten Wollkleides ihres Töchtcrchens wurde sichtbar. Kopfschüttelnd und ein wenig ärgerlich stand Frau Leviton am Fenster, und immer noch blickte sie über den asphalüerten Hof hinaus, an den ein mager bewachsener Grasplatz sich anschloß, in dessen äußerster Ecke eine alte, uratte Linde ihre knorrigen Aeste weit hinausreckte. Die Sonne eines prachtvollen spätsommertages lag auf dein schon fahlen Laub und ließ es wie ettel Gold erglänzen; leise und geheimnisvoll rauschten die Zweige des alten Niesen, als ob sic verraten wollten, was sie alles gesehen. . . . Ja, wenn so ein Baum erzählen könnte! Welch traurige, wehmütige und auch schnurrige Geschichten würden es werden! Generationen hindurch hatte er hier gestanden. Geschlechter sah er austvachsen und verschwinden, und gar manches erblickte er, che die Bauleute kamen und all' die kleinen, morschen Häuschen des alten Judenviertels, in dessen Mitte er aufwuchs, niederrissen. Me letzten, die hier freudvoll and leidvoll zusammengepfercht, gemieden und vielleicht eben darum innig mit einander verwachsen, gehaust hatten, jubelten dennoch auf, als sich ihnen die Tore öfsnete», nicht die sesten, eisernen allein, sondern auch die anderen, wie sie vermeinten, welche sie von jenen schieden, die sie bisher gequält und verfolgt. Und sie tauchten unter in dem großartigen Verkehrsleben der unruhigen Stadt und gingen auseinander und jeder seines Weges. Jahrelang stand nun die alte Linde allein, und sie blickte auf nichts als zerbröckelnde Mauern, Trümmer und Einsamkeit. Plötzlich wurde es wieder lebendig inmitten dieser Ruinen. Bauleüte kamen und gingen, moderne Riesenbauten, großartige Fabrikräume sollten aufgeführt werden. Und der Herr und Gebieter, der tatkräftige Mann, der alles dies erstehen ließ, war merkwürdigerweise ein Abkömmling jenes Volkes, das auf diesem selben Boden, in jenen alten, engen Gassen gelebt und gelitten. Ihm verdankte es auch die alte Linde, daß sie nicht zu Grunde ging, wie alles um sie her, denn als die Arbeiter schon im Begriff waren, die Axt anzulegen, um sie zu fällen, gebot er ihnen energisch Einhalt. Wer weiß? Vielleicht hatte er selbst als lleiner Junge sich vergnügt in ihren Zweigen geschaukell und zollt ihr nun den Tribut einer Schuld aus sonnigen, unvergessenen Tagen. Den» sonnig sogar zwischen Ghetto-Mauern ist die holde Jugendzeit. Vielleicht war es auch eine wohl verständliche Scheu, die nicht an so Altehrwürdiges rühren mag. Gleichviel, man ließ den alten Baum uuangctastet- Schr zum Nutzen der Kinder, die später hier aufwuchsen und als liebsten Aufenthalt, besonders in« Sommer, den schattigen Platz unter der Een Linde aufsuchten. Zwischen dem dichten Laube gab cs zudem sichere Verstecke, und vor mancher Sttase flüchteten die kleinen Uebeltätcr in die schützend sie umfangenden Arme des geliebten, alten Baumes. . . Aber ein paar Schritte weiter, schloß auch ihr kleines, engbegrenztes Reich ab. Eine ganz andere Well war es gleichsam, die sich hier vor ihren immer wieder staunenden Blicken auftat. Ein hohes, kunstvoll durchbrochenes Gitter stteg einen Fuß hinter der alten Linde empor. Große, sorgfältig gepflegte Rasenplätze breiteten sich jenseits der Scheidewand aus. Am meisten aber iniponierte den lleincn Leuten entschieden das große Wasserbecken, aus dem strahlenarüg in hohen, feinen Bogen das Wasser aufstieg. Bis vor das schloßartige, weittäufigc Gebäude zogen sich die kurz geschorenen Rasenplätze, und erst dicht vor dem Hause lies als eine Art Schutzwehr gegen neugierige,-unberufene Augen eine Reihe dichtbelaubter Bäume hin, die Terrasse und die unteren Fensterreihen der stattlichen Billa gänzlich verdeckend. Dieses prächtige Haus gehörte Herrn Kronenberg, dem energischen Manne, der nicht allein die großen Miets- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 33. Häuser, sondern auch jenes Riesenwerk geschaffen, in dem Tag für Tag Hunderte von Menschen ihr Brod erwarben, reichlich, wenn auch mühevoll. . . Zwischen den beiden Grundstücken, die ein so lestes, feines Gitter sorglich schied, gab es -.wenige Berührungspunkte, abgesehen davon, daß einige Bewohner des Mietshauses Angestellte der Kronenberg'schen Fabrik waren. Wie auch Herr Leviton, der mit seiner Familie eine Wohnung in einer der oberen Etagen innehatte. Ehemals gab cs ivohl, trotzdem die äußeren Verhältnisse der beiden Familien so grundverschieden waren, einen freundschaftlichen Verkehr zwischen den Kronenbergs und Levitons. Die Väter der beiden Männer waren zusammen ausgewachsen in Verwandtschaft und Freundschaft. Zu Lebzeiten der ersten Frau Kroncnberg hatte dieses Verhältnis Weiterbeständen, man ging hinüber und herüber. Die Gattin des Fabrikherrn war eine selten gemütvolle Frau mit echt jüdischem Herzen und von tiefer Religiosität. Damals hatte ihr Mann auch reges Interesse für die Angelegenheiten der großen jüdischen Gemeinde trotz seiner riesigen Inanspruchnahme auf anderer Seite. Es gab eine tiefe Lücke nicht nur im Herze», und im Hause des Herrn Kronenberg, als seine über alles geliebte Frau so jäh und plötzlich dahingerafst wurde. Diese Lücke sollte nicht wieder ausgefüllt werden, wenn auch nach Jahren der Trauer das große Hans eine neue Herrin und der verwaiste Knabe wieder eine Mutter erhielt. (Fortsetzung solgt.) . (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenlcben von S. Schachno Witz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) „Es muß schon gegen Morgen, kurz vor ihrem Erwachen gewesen sein. Da sah sic sich anl Vorplätze des Cheder; sie loar noch ein Kind, aber hatte schon merkwürdigerweise die lange, graue Robe und das enganliegende Jaqnct an, sowie das kleine Reise- Hütchen auf dem Kopfe. Sic spielten „Hope gane.*) Sie lief mit eiligen Schritte», die andern hinter ihr her. Das Ziel war bald erreicht, da zog ihr plötzlich einer der bösen Buben am Kleide, sie wollte eiligst weiter flüchte», aber die lange, graue Robe war ihr hinderlich im Wege, sic konnte fast keinen Schritt vorwärts. Da kam plötzlich er, packte sie am Aermcl und führte sie rasch und sanft ans Ziel, sie lachten laut, während die anderen schreiend und johlend hinter ihnen herlicfcn . .. „Dieser war natürlich kein anderer als Motclc. Aber wie sah er doch nur aus, dieser Motele? Er hatte keine tz-pur von der Gestalt ihres Vetters, wie sic ihn vor einigen Jahren gesehen. Es war auch nicht der Motclc von damals, es war überhaupt kein Kind gewesen. Ein etwas blasses, aber rundes und feingcformtcs Gesicht, angenehme Züge, dicke Brauen und träumerische Augen." Sie unterbrach sich selber und nahm aus ihrem kleinen Handtäschchcn das Bild, das sic dort gestern in der Dunkelheit hineingelegt, zuni ersten Male hervor und betrachtete es aufmerksam. „Ja," sagte sie dann, „er loar es. Also ein Traum und doch keiner . . . ." .Leichte Schritte näherten sich der Türe zu. Sie schob rasch das Bild ins Täschchen zurück. „Wenn er jetzt, was wohl sicher ist, eintrttt und sie bei seinem Bilde findet, so mußte sie sich ja schämen." Die Tür ging vorsichtig auf und herein trat Rosa mit einer Kaffeetablette. Rahel war enttäuscht, aber die sanften Züge und das ruhige, spitze Gesicht des freundlichen Mädchens wirkten auf sie wohltuend- „So Fräulein" sagte die Eintrctcnde — „Sie haben sich ordentlich fein gemacht. Man sieht Ihnen in der Tat nichts mehr an. So frühstücken Sie jetzt auch ordentlich und schaffen sich neue Kraft und neuen Mut für die Weiterreise." „Die habe ich jetzt schon, liebes Fräulein," — versicherte Rahel — „es geht ihm doch wohl auch gut?" „Die Herren drüben sind wohl und munter!" — antwortete Rosa ausweichend. „Konunt er hierher?" „Glaube es kaum!" „Ja, da will ich hinüber!" „Erst essen, Fräulein, wenn ich bitten dürste." Rahel verspürte zwar keinen Hunger, aß aber ihrer guten Pflegerin zu liebe und fühlte doch, daß das Ivarme Getränk stärkend und anregend auf sie wirkte. Es fiel ihr jetzt plötzlich ein, daß sie ihrer Wohltäterin, der guten Rosa, noch eigentlich gar nicht recht ihren Dank ausgcdriickt; sie ivar bisher von ihrer eigenen Person viel zu viel in Anspruch genommen. „Wie bin ich Ihnen sür dies alles zum Danke verpflichtet" — hob sic jetzt an, indem sic Rosa innig die Hand drückte. — „Die primitivste Menschcnpflicht" — wehrte *) Ein Wcttlausspiel der Kinder in Rußlanddiese ab — „und namentlich die des Weibes gegen das Weib." „Ja! Und sie erfüllen Sie in einer Weise und zu einer Zeit, die wohl die denkwürdigste meines Lebens sein Ivird." „Zu einer Zeit?" — wiederholte Rosa forschend. Tic natürliche Neugierde der Frau regte sich auch bei ihr etwas, aber der weiche Ton und der gutmütige Blick, die die Frage begleiteten, gaben ihr mehr den Charakter der wahren Teilnahme. „O, Fräulein" — Nahe! hielt einen Augenblick inne, als sie aber ins vertrauenserregende Gesicht der Haustochter schaute, fuhr sie bewegt fort — „O, liebes Fräulein! Wenn Sie es wüßten . . . wie glücklich ich seit gestern bin . . . Schauen sie da" — sic holte etwas aus ihrem Täschchen heraus — „hier! Ist dieses Bild nicht genau getroffen?" Rosa betrachtete mit größter Aufmerksamkeit das Bild, eine große Träne stand in ihren Augen und rieselte dann die schmalen Wangen hinunter . . . „Ich komme mit, Fräulein Robenscheiu!" — rief ihr Rahel zu, als sie sich zum Gehen ivandtc. „Bitte!" Im Hausflur aber schützte Rosa eine Besorgung im Hofe vor und Rahel trat allein in die große Schenkstube ein. Auf der großen Bank am Ofen saßen einige der bekaniitcn Gestalten von gestern Nacht. Auf ihren Gesichtern malte sich jene eigenartige Freude aus, wie man sie bei Erfüllung einer langen und bangen Hoffnung empfindet. Das Bewußtsein, die Grenze mit ihren Schrecken hinter sich zu haben, ließ sie beinahe eine Weile vergessen, daß sie die Wanderschaft erst begonnen und daß die gesuchte Heimat und das ersehnte Glück noch in weiter, weiter Ferne liegen . . . Wo ist er? Er war nirgends zn sehen. Am Büffet stand der Herr Robenscheiu, ein stämmiger, älterer Herr. Das Gesicht scheinbar etwas griesgrämig, aber seine Augen schauten ganz wie die von Rosa, mitleidig und teilnahmsvoll auf sie nieder. Seine Frau saß neben ihm mit einer Hausarbeit beschäftigt. Die Statur ganz wie die ihrer Tochter, mittelgroß und schmächtig, aber die Augen weniger mild und mehr energisch. Wo ist er? An einem kleinen Tischchen am Fenster saßen Jalir, Peter und noch ein Unbekannter bei gefüllten Biergläscrn und spielten Karten. „Nun Fräulein! Wie ist's, wie gehts?" — rief ihr jetzt Jakir zu, ohne ein Auge dabei von seiner Karte zu wenden. „Danke, recht gut! Wo sind die anderen Mitreisenden?" „Die anderen?" — Jakir schaute einen Augenblick von der Karte zn den am Ofen Sitzenden hinüber. — „Es sind soweit alle, Fräulein-" Nachdem er seinen Trumpf ausgespiclt, nahm er langsam die Zigarette aus dem Munde und fuhr in dem ruhigsten und gleichgültigsten Tön der Well fort: „Dies sind sie alle, Fräulein. Es tvaren ihrer «sechs. Hier mit Ihnen vier und zwei fehlen." Jakir spielte weiter. „Wer fehlt? Um Gotteswillen, Herr Jakir, Ivclche zwei fehlen" — stieß sie angstvoll heraus. Sie musterte mit durchdringenden Blicken die anwesenden Reisenden. Aber ihr Auge konnte oder wollte nichts sehen, ihre Sinne nichts begreifen. „Das sehen Sie ja, Fräulein" — antwortete Jakir mitten im Spiele — „wer da fehlt- Der hübsche junge Manu, der mit Ihnen züsammengereist und der alte Schlcmihl da; ich glaube, Fankel nannte er sich." „Ah!!"___ (Fortsetzung folgt.) Familiennachrichte«. Geburten. Ein Sohn, Herrn Siegftied Seiferhcld, Langenselbold. Verlobte. Alice Kahn mit Adolf Haymann, Frankfurt. Martha Mayer, Heidelsheim, mit Adolf Flegeuheimer, Odenheim. Elsa Einstein, München, mit Ludwig Bach, Stuttgart. Betty Kauftuann, Niederrodenbach, mit Moritz Fuld, Hainchen. Eheschließungen. Sophie Strauß, Langenselbold, mit Josef Samuel, Reichelsheim i. Odenwald. Stervefälle. Isidor Lorsch, Frankfurt, Unterlindau 43. Leopold Hahn, 54 Jahre, Frankfurt, Burgstr. 15. Nächsten Samstag iWochenabschnitt Sch'lach-l'cho) werden Bar-mizwoh, in der Synagoge derJsraelitischen Religionsgesellschaft. Schützenstraße: Dav id Wallach, Sohn des Herrn Sally Wallach, Seilersttaße 7, in der Horovitz-Shnagoge, Börneplatz: Sohn des Herrn Louis Spier, Bockenheimer Landsttaße 77. Wochen-Kalender. Sabbath-Anfang: 7 Uhr 45 Minuten. Pabbath-Ausgang: 9 Uhr 40 Minuten,

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