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Neue jüdische Presse · 1903-06-19 · Heft 33 (19.6.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 33 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Fvsnkfirvlev Israelitisches iautiliniMatt. H= S B Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) -Aostzeitungsriste 8741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.-). Redaktion und Haupt-Erpedilion: JTran&futfE «. Ml. Bergerstrsße 25, parterre. Q s Herausgeber: Saly Geis. JnfertionSpreiS für die diergefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Famllien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— biS 8.— das Tausend. er No. 33. Freitag, de« 24. Siwan 5663 (19. Juni 1903). No. 33. Wir ersuchen diejenigen unserer verehrten Abonnenten, die ihr Abonnement noch nicht erneuert haben. damit die Zusendung keine Unterbrechung erfährt, das Abonnement sofort zu erneuern. Zu diesem Zwecke genügt es, die beifolgende Abonnementsbestellkarte unstankiert, mit genauer Adresse versehen. in einen Post-Briefkasten zu werfen und läßt dann die Post den Betrag erheben. Wir bitten alle Freunde unserer Sache, unser ideelles Unternehmen zu fördern, indem sie ihre Berwandten und Bekannten veranlassen, auf unser Blatt zu abonnieren und indem sie bei Bedarf die in unserem Blatte enthaltenen Annoncen berücksichtigen. Wir werden auch weiter unentwegt im Dienste der jüdischen Gesamtheit stehen. Wie bisher, so werden wir auch weiter die Erkenntnis des überlieferten Judentums und die Liebe zur Judenheit mit aller Kraft zu fördern bestrebt sein. Wir haben für das beginnende Quartal weitere angesehene Persönlichkeiten als Mitarbeiter erworben; wir haben auch eine Anzahl guter und interessanter Novellen angekauft; auch werden wir gute Abbildungen bringen, sodaß ein jeder in der Fülle des Stoffes finden wird, was ihn beftiedigt. Der mäßige Abonnementspreis von Sv Pfg. pro Quartal ermöglicht es einem Jeden, unser Blatt zu abonnieren. Verlag des „Frankfurter Jsr. Familienblatt". (Nachdruck verboten.) Die Erlösung durch den Hungertyphus. Die nächtliche Schreckenstat im Belgrader Konak lenkt wiederum aller Blicke nach „Halbasien", zu dem „Völkerkehricht" am Balkan. Aeußere Mächte, nicht innere Entwickelung und eigene Kraft, haben aus diesem Gemengsel von Völkerresten Königreiche und Fürstentümer ins Dasein gerufen. Alles dazu gehörige ward ihnen gleich in der Wiege mitgegeben: nicht nur die Fürsten und Könige bekamen sie gepumpt, sondern auch die nötigen Verfassungen und — die noch nötigeren Millionen. Das befreiende Europa war nun einmal in Geberlaune und gab alles nötige. Allerdings hoffte es hierbei, die Fürsten sicher untergebracht zu haben, und die Millionen — es sind mittlerweile Milliarden daraus geworden — mit Zinsen zurückerstattet zu erhalten. Diese Hoffnung hat sich in umgekehrter Ordnung erfüllt: Die Könige und, Fürsten können im Lande keine Wurzel fassen, denn auch da, wo sie von beffercr Einsicht und ehrlichem Wollen beseelt sind, vermögen sie nicht zum Wohle ihrer Völker zu wirken, weil eben diese Böller politisch unreif sind und eine sehr morsche Stütze für denjenigen Herrscher wären, der cs sich beifallen ließe, sie vor ihren Bedrückern und Ausbeutern, einem versumpften Adel und einer korrupten Beamtenschaft, schützen zu wollen. Somit herrschen die letzteren unbeschränkt im Lande nur ein Interesse kennend — ihren eigenen Säckel und ihre eigeneMacht. DenKönig, der überhaupt diesenMiffetütern nur als Schild Europa gegenüber zu dienen scheint, könnte man in jedem dieser Länder ohne große Erchütterungcu zurückbckommen . . ., nicht so aber die Milliarden, diese sind sicher angelegt lind die großmütigen Menschensreiheitsfreunde, die dieses Geld vorgeschoben haben, dürsten kaum jemals in die Lage konimen, es zu verschwenden, denn auch die Zinsen bekommen sie nur dann, wenn sie sich durch neue Erparnisse als deffen würdig zeigen, und dies durch neue Anleihen beweisen ... In einer Hinsicht sind die Erwartungen Europas nicht getäuscht worden, indem sich diese Länder als Bollwerke europäischer Kultur erwiesen haben, da sie zu ihren alten Untugenden auch noch alle Fehler und Laster des Kulturmenschen sich angeeignet haben. Uns liegt ein kleines Werk vor, das den bescheidenen Titel „Reiseskizzcn aus Rumänien"') führt, in Wirklichkeit aber liefert es ein anschauliches Bild von den gesamten Zuständen der befreiten, aber nicht frei gewordenen Völker und Völkchen am Balkan, wenn auch der Verfasser Rumänien zum Hauptvorwurf sich gewählt hat. Jeder, der für die Sache Interesse hat, wird die gründliche und zugleich elegant geschriebene Studie mit Nutzer: lesen, und auch derjenige, der bisher diesen Dingen fremd gegenüberstand, scheue sich nicht, dieses Werkchen zur Hand zu nehmen, denn er wird in der anziehendsten Art, ohne daß er es auch nur merkt, Aufklärung erhalten über Dinge, die ihm bislang unerklärlich scheinen mußten. Der Verfasser vernreidet es glücklich, den dozierenden Ton anzuschlagen, nicht destoweniger wird der Leser, wenn er das Buch aus der Hand legt, in der angenehmsten Weise über ein Stück Gegenwartsgeschichte sich belehrt finden. Da heißt es nun auf Seite 13: „Wenn ich gleich zu Anfang die Eindrücke einer Studienreise durch das Land der Rumänen in einem Satze zusammen pressen soll; so muß ich ihn also formulieren: In diesem Lande ist der Versuch gemacht worden, ohne Selbstüberwindung. ohne Erziehung von unten herauf den Westen nach dem Osten zu tragen, und er ist, wie es nicht anders zu erwarten war, mißlungen." „Eine dünne elegante Gesellschastsschicht mit charmanten pariserischen Allüren ist wie ein gleißender Firnis über ein noch rohes, halbwildes Volk gestrichen. Die lehmige Scholle blickt überall hindurch " Weiter auf Seite 32 heißt es: „Es gibt keine Stadt in Europa, wo die Begriffe^von Ehe und Treue so bequem sind, wie in Bukarest. Die Galanterie ist hier geradezu ein Sport, dem die Ehe keineswegs ein Ziel setzt. Die Renaissancejünglinge des Westens, die so gern die absolute Freiheit des männlich-weiblichen Amüsements wieder zu Ehren bringen möchten, können hier die Probe aufs Exempel machen, und sehen, wie ein Land bei diesem System fährt. Wenn es hier so viele Bankrotteure gibt, die freie Liebe hat daran mindestens soviel An teil wie der Müßiggang und das Hazardspiel." Rumänien hat dritthalb Milliarden europäischen Kapitals empfangen; es hat damit unter anderen für viele Millionen Prachtbauten aufgeführt, aber die Bahnbrücken sind unsicher, die Züge passieren sie nur langsam. Nach dieser Wirtschaftsmethode hat es eine Akademie der Wissenschaften, aber keine Volksschulen. In Rtimänien gibt es 60 Prozent Analphabeten. Der Bauer wird bis aufs Blut ausgesogen und in seiner Halbtierheit erhalten." *) Reiseskizzen aus Rumänien von Dr. Hugo Ganz (Wien), Berlin 1903. 154 S. Druck und Verlag von H. S. Hermann. Man kann sich daher leicht denken, welches das Loos unserer Brüder ist, die unter diesen Verhältnissen leben. Wenn die verkommene Regierungskaste der eingeborenen Bevöllerung gegenüber keine andere Rücksicht als ihren eigenen Vorteil kennen, was darf erst die jüd. Bevölkerung von diesem barbarischen Bojaren und käuflichen „Amtsdrohnen" erwarten? Herr Dr. Ganz nennt dieses Verfahren ein trockenes 'Abschlachten, eine grausame Ausrottungspolitik. Herr Bernard Lazar riet in der „Aurore" den rum. Juden, sie sollen in Verbindung mit den Bauern eine revolutionäre Bewegung Hervorrufen, um die korrupte und gewissenlose Regierungsclique zu stürzen. Hierauf erwidert unser Verfasser, dies dünke ihn so, als ob man dem gepeinigten Knecht raten würde, er soll sich mit dem — Ochsengespann, das er führt, gegen seine Peiniger verschwören. Der rum. Bauer ist nichts anderes, als ein Halbtier, wer seine rohen Instinkte, seinen heillosen Aberglauben aufzustacheln weiß, der kann ihn in Bewegung setzen; nie und nimmer aber ist er für eine politische Idee zu erwärmen. Die Trost- und Hoffnungslosikeit der jüdischen Lage in Rumänien kann nicht klarer und deutlicher dargelegt werden, als es in den „Reiseskizzen" geschieht. Der Verfasser spricht es auch aus, es giebt nur eine Rettung,, die Flucht, die Auswanderung. Glücklich die, die hierzu in der Lage sind, bejammernswert die. die es nicht können! Hierbei erfahren wir die interessante Tatsache, daß die „Jca", die die Auswanderung leitet, nur Denjenigen zur Auswanderung verhilst, der selbst zu den Kosten 150 Fr. beitragen kann; dies aber ist für viele rum.. Juden eine ganz gewaltige Summe. Es wäre zumindest begreiflich, wenn die „Jca" den Beweis der Arbeitsfähigkeit gefordert hätte; aber eine Institution, die in der angenehmen Lage ist. darüber in Verlegenheit zu geraten, wie sie alljährlich ihre Einkünfte ausgeben soll. . . sollte doch keinen Zwang dahin ausüben, daß die armen Leute für sie 150 Fr. zusammenschnorren müssen . . . denn das veranlagt tatsächlich diese drakonische Verordnung. Auch der Verfasser sieht ein, daß die rumänischen Juden von der „Jca" keine Rettung zu erwarten haben, denn er schließt den Abschnitt „Die Judenftage" mit den Worten: „Bis dahin muß man zu retten suchen, was zu retten ist, und so grausam es klingen mag einen großen Teil der Erlösungsarbeit demWürgengel des Hungertyphus überlassen. . . ." Herr Dr. Ganz bemerkt in seinem Reiseberichte, stets auf's Genaueste, wo und wann er sein gebratenes Huhn verzehrt hat, sodaß der unschuldige Leier zu dem Glauben verleitet werden kann, für einen honetten Reisenden giebt es nur ein standesgemäßes Essen, — ein gebratenes Huhn. ... Er möge uns die Bemerkung nicht übel nehmen, daß wir über seinen merkwürdigen Trost und den Engel mit dessen Hilfe dem jüdischen Volke Rettung gebracht werden soll, nicht erstaunt waren, denn diejen Trost haben wir von jeher gehört und müssen ihn noch hören, dieselbe Politik haben wir stets treiben sehen und müssen sie auch heute noch mitansehen, bei unseren lieben — Hühnerfressern! Es ist die wahre Hühnerfrefferpolitik, die sich dabei beruhigt, daß andere am Hungertyphus zugrunde gehen sollen. Im klebrigen war es gar nichtdie Aufgabe des Herrn Dr. Ganz die Judenftage zu lösen. Nachdem er. wie bemerkt. in anzuerkennenoer Weise die Lage der Juden in Rumänien anschaulich dargelegt hatte, durste er es ruhig andern überlassen, die nothwendigen Schlüsse aus seinen Schilderungen zu ziehen. Der Verfasser aber fand es für gut, trotzdem er vorher unwiderleglich bewiesen hatte, daß die rumänische Abonniert das Frankfurter Israelitische Familienblatt!

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