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Neue jüdische Presse · 1903-06-12 · Heft 32 (12.6.1903) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 32 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 30. segnet sei, für Dich gesorgt hat. Das wird ihr, namentlich im Anfang nicht leicht werden, cs wird alle ihre Gedanken und ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen; aber wenn es ihr dann gelingen wird. Dir die gewohnte Behaglichkeit zn bereiten und sie sehen loird, daß auch Dn mit Gotteshilfe wieder frischer und kräftiger werden wirst, dann wird sie sich glücklich fühlen. Also nicht wahr, lieber Vater, Dn ivirst ihre Pflege in keiner Beziehung zurückweisen?" Ter Vater schüttelte schmerzlich seufzend den Kopf, um seine Lippen zuckte es, war's ein Lächeln, so war's ein unsäglich trauriges. „Ich verstehe, ich verstehe," sagte er, „Dn willst Dich sichern, daß ich mir Eure llebertriebenheiten gefallen lasse —" „Aber lieber Vater —" „Nun, ich mute Dir doch nichts Böses zu. — lind vielleicht hast Du recht, vielleicht loird es Fanni in Wirklichkeit gut tun, wenigstens vorläufig möglichst wenig Muße zu haben. Da hättest Du dann zwei Fliegen mit einem Schlag,. — Nun, sei unbesorgt, ich lverde mich Mlem fügen. — Aber ich möchte doch über noch etwas mit Dir sprechen." „Es ist jetzt zehn Uhr, wir bleiben noch sechs Stunden zusammen." „Nein, ich möchte doch nicht damit warten, jetzt sind wir allein, später kann Fanni herein kommen. Bitte, setze Dich lvieder 31t mir." Ernst folgte der Aufforderung und wartete schweigend, daß der Vater weiter sprechen werde, doch es schien diesem nicht leicht zu lverden, wiederholt fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und atmete wiederholt schwer auf. Endlich begann er: „Dil brauchst nicht zu fürchten, 'daß ich mich leidend oder schwach fühle, im Gegenteil, ich bin gesund und kräftig und bin auch noch nicht so alt, um nicht hoffen zu können, daß ich noch eine Reihe von Jahren mit meinen Kindern zusammen bleiben werde. — Aber ob jung oder alt, unser Leben ist in Gottes Hand und können wir nicht wissen, wann es ihm gefallen wird, uns abzuberufen. — Die Teure, die uns in der vorigen Woche entrissen worden ist, hatte ihr süufundvierzigstes Jahr kaum vollendet- — Sie hat es Gott sei Dank erlebt, ihren wackern Sohn in Amt und Würden zu sehen — hatte auch noch die große Freude unsere künftige Schwiegertochter, Deine Ella, kennen zu lernen — das altes ist eine Gnade von Gott, für die ich ihm nie genügend dankeir kann. — Und wenn ich auch früher als ich wünsche und hoffe abberufen werden sollte, so kann ich doch nur sagen, kotanti niikol hachasodim hoeb, ich bin zu gering für alle -dn'e Gnade, die Gott mir erwiesen hat, und wenn ich auch mein jüngstes Kind unversorgt zurücklassen müßte, so tveiß ich doch, daß sie nicht verlassen ist." Ernst war leichenblaß geworden, aber er überwand seine Erregung und sprach, .'zienn auch mit bebender «tiinme: „Du wirst mit Gottes Hilfe auch Tein jüngstes Kind noch unter die Ehnppoh führen und wirst mit Gottes Hilfe Freuden erleben an Deinen Kindern und Kindeskindern. — Aber wenn — wenn — Sei überzeugt, Fanni tvürde immer eine Heimat finden im Hause ihres Bruders. — Sieh mir, was Ella mir schreibt. Er zog bei diesen Worten einen Brief aus der Brusttasche, „sie fordert mich auf. Dir zuzureden, daß Tri Dein Geschäft hier aufgeben und mit Fanni zu uns ziehen möchtest. Sie macht litte schon heute diesen Vorschlag, weil sie hosst. daß Du darauf eingehen wirst und daß mir dadurch der Abschied von Euch leichter werden wird. Was sagst Du dazu?" „Gott segne sie! sie ist eine Perle, Tn hast mir Gottes Hilfe in Wirklichkeit eine Esches Chajil gefunden. — Darum, ich wiederhole, nach dieser Richtung tväre ich in jedeni Falle auch wegen Fanni ohne Sorgen. — Mer Du weißt, die teure Entschlafene hat sich veranlaßt gesehen, ihr gegenüber den Wunsch auszusprechen, daß in ihrer zeitweiligen llnterhaltung mit dem jungen Kohn nicht mehr der trauliche Ton herrschen möge wie bisher." „Ich weiß, Felix hat mir davon gesagt, er fühlt sich tief gekränkt durch das Mißtrauen, das seiner Behauptung nach daraus spricht." „Ich weiß nicht, ob es grade Mißtrauen war, Fanni ist im vierzehnten Jahr, ist groß gewachsen, ist ihrem ganzen Wesen nach kein Kind mehr, da wird es vielleicht schon auffallend gewesen sein, daß sie sich mit einent ihr nicht verwandten jungen Manne per Du unterhalte» hat." „Aber das Verbot, ihm wie bisher zn seinem Geburtstag eine Handarbeit zu machen und Geschenke von ihm anzunehmeu, läßt doch gewissermaßen auf ein Mißtrauen schließen, ich wenigstens habe dem nicht unbedinr.t widersprechen können. — Um so mehr gefällt es nnr von ihm, daß er trotz dieses angeblich ausgesprochenen Mißtrauens, durch das er sich lehr beleidigt fühlt, seine Mutter veranlaßt hat, uns zu besuchen und Fanni zu beschenken. In zarterer Weise hätte er das Mißtrauen nicht widerlegen können." „Das ist wahr," sagte Vogel, „er hat ein goldenes Herz." ' „Er hat ein echtjüdischcs Herz." „Aber auch nicht eine jüdische Ader." „Leider, leider! — Mer wie kann man ihn dafür verantwortlich machen nach der Erziehung, die er erhalten." „In gewisser Beziehung hast Du wohl recht — und trotzdem weiß ich nicht, ob ihn gar keine Verantwortung trifft, nachdem er Jahre lang mit Dir verkehrt hat und Tu Dich sicherlich wiederholt ernstlich bemüht hast —" „Entschuldige, lieber Vater, daß ich mich so sehr bemüht hätte, ihn zur Einsicht zu bringen, könnte ich nicht behaupten, Nachdem ich ihn nach dieser Richtung vollständig unzugänglich gesunden habe, habe ich's aufgegeben. Aber ihn habe ich darum noch nicht aufgcgeben, keineswegs. Sieh nur den Pater Wiesner, der uns gestern besucht hat. Was ist das für ein roher, boshafter Knabe gewesen und was für ein wackerer, charaktervoller Mann ist er heute. Er, der damals auf unsere süße kleine Fanni seinen Hund gehetzt hat, köniite heute keiner Fliege wehe tun. Aber diese Wandlung hat sich nicht allmählich vollzogen, sofort ist sic cingctreten, nachdem ihn das Unglück getroffen und Felix in seiner hochherzigen Weise ihm hilfreich beigcstanden ist. In ähnlicher Weise, es brauchte ja nicht grade durch ein wirkliches Unglück zu sein, wird es mit Felix gehen. Irgend ein von außen kommendes Ereignis wird ihn erschüttern, übertvältigcn und zur Einsicht bringen und dann loird er einer der herrlichsten Menschen werden." „Du glaubst an ihn und vielleicht hast Tu recht. Aber wir Menschen können nicht in die Zukunft sehen. Mer gestern, alS er da mit seiner Mutter bei dem Kinde gesessen ist und beide so lieb und so freundlich mit ihr gesprochen haben, da hat man doch gesehen, daß seine Mutter alles tut, was er will, denn ihr ist eS doch wahrhaftig nicht eingefallen, uns zu besuchen oder sich um Fanni zu kümmern. Mer er hat das Kind, seitdem er es dem Hunde entrissen hat, überaus gern gehabt, und hat sie noch sehr gern. — Und gestern ist mir mit eineinmal der Gedanken durch den Kopf gefahren, wenn das so weiter geht, und er einmal ernste Absichten auf das Kind haben würde — und um sie anhaltcu würde —" „Nun, lieber Vater, Fanni würde ihn schon herumkriegen, das wäre keine schlechte Partie." „Heiliger Gott im Himmel, wie kannst Tu so reden! Mein Kind sollte ich einem Posche Jisrael geben?" „Wenn Fanni ihu zur Einsicht bringen und er fortan ein gesetzcstreues Leben führen würde, so wäre er kein Posche Jisrael, sondern ein Bal'tschuwoh." „Sehr wahr, aber bevor ich mich überzeugt hätte, daß er in Wirklichkeit ein Bal'tschuwoh ist, früher würde ich ihnr mein Kind nicht geben. — Mit einem bloßen Versprechen würde ich mich nicht begnügen. Erst müßte er lvährend eines vollen Jahres nach keiner Richtung hin sich etwas zu Schulden kommen lassen, ehe ich eine Verbindung mit ihm zugeben würde. Das habe ich Dir sagen wollen." „Ich lverde es mir merken, lieber Vater. Mer ich hoffe mit Zuversicht, daß Du persönlich über die Hand Deiner Tochter verfügen wirst. — Ist da die Ladentür nicht gegangen? es scheint ein Käufer da zu sein. Wenn ich's könnte, würde ich Dich gern vertreten." „Tu glaubst doch nicht, daß ich das zugeben würde?" erwiderte der Vater, indem er hastig aufstand und sich in das Vcrkaufslokal begab. Jetzt mußte er wieder arbeiten, arbeiten ohne die treue Gehilfin, die ihm jederzeit die festeste, treueste Stütze gewesen war. Ein halb unterdrücktes Aechzen entrang sich seiner Brust. — Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als seine Tochter eintrat. Tie vorhin noch so bleichen Wange» waren gerötet, teils durch die Anstrengung der Arbeit, teils durch das Herdfeuer in der Küche. Ernst betrachtete sie staunend, sic schien ihm wie verwandelt, so ganz, ganz anders sah sic aus. „Wo ist der Vater?" fragte sie um sich blickend mit leiser bebender Stimme. „Im Laden, es sind Käufer dort." Sie drückte beide Hände gegen die Brust, schien mit Gewalt den Sckunerzenslaut zu unterdrücken, der sich ihr entringen wollte, aber er war mächtiger als sie. „Ernst! — 0 Ernst!" stammelte sie und sank schluchzend in seine Arme. Er drückte sie sanft an sich und streichelte ihr liebkosend Haar und Wange», während er zärtliche Kosenamen ihr in's Ohr flüsterte. Doch nach einigen Minuten suchte er sie zu beschwichtigen. „Genug. Fanni, genug — ich bitte Dich, suche Dich zu fassen, der Vater darf Dich nicht so sehen." „Du hast recht," sagte sie, indem sie sich aufrichtete und mit ihrem Tuche Augen und Wangen trocknete, „der Vater darf mich nicht weinen sehen — und sei unbesorgt, ich werde nickt wieder weinen — lich werde alles, alles tun. wie ich's der Mutter versprochen habe — Du gehst ia nun fort — ich werde chanz allein sein mit dem Vater —" ■ Ihre Stimme zitterte so stark, daß er einen abermaligen Ausbruch ihres Schmerzes fürchtete. „Der Vater kann kommen, sei stark, Kind. — sei mein mutiges, tapferes Schwesterchen. — Wenn es Dir aber zu schwer werden sollte, so brauchst Du Dich doch nicht zu kürchten. Du weißt, Ende nächsten Monates heirate ich. Ella schreibt mir heute, ich möchte doch den Vater anffordern und in ihn dringen, daß er sein Geschäft hier aufgiebt und mit Dir zu uns zieht- Willst Du dem Vater zureden, daß er's tut, Fanni?" Sie schüttelt abwehrend den Kovf. „Nein, das werde ich nicht. Es ist sehr, sehr schön von Ella, daß sie es vorschlägt, aber für den Vater wäre es nicht gut. Grade weil der Vater zuweilen kränkelt, darf Seite 5. er sich noch nicht zur Ruhe scheu, er würde sich sonst zu alt oder zu schwach Vorkommen, das ivärc nicht gut." „Tu bist nicin weises Schwesterchen," nickte er ihr liebevoll zn, „aber Fanni, aus demselben Grunde darfst Tu Dich auch bei der Pflege des Vaters nicht allzu sehr anstrengen. Tu würdest Tir und ihm schaden." „Sei unbesorgt, es wird schon alles gut gehen." „TaS hoffe ich auch, llnd nun noch eine Frage- Sage mir aufrichtig, wäre es ein großes Opfer fite Dich, wen» Tu zu meiner Hochzeit kommen würdest?" „Nein, »ei», um's.Himinelswilleu nicht! — Tas wäre mir unmöglich." „Rege Tick, nicht auf, Kind, ich sehe ja ein, daß es ein großes Opfer für Dich wäre, und wenn eS Tir unmöglich scheint, wollen wir nicht weiter davon reden." „Unmöglich, war ein dnminer Ausdruck Alles wäre möglich, aber es wäre mir unsäglich schloer." „Das kann ich mir denken. Es ist mir nur um des Vaters willen, es wäre ja besser für ihn, wen» er auch nicht hinkommen würde. 'Aber davon dars inan nicht einmal reden, der Vater läßt sich nicht zurückhalten. Wenn er aber da allein hin und allein zurückfahrcn sollte —" „Rein, das darf nicht sein, und wenn es nicht anders geht, werde ich selbstverständlich mitsahren- Aber vielleicht, wenn Tu Felix — ich meine wenn Du Herrn Kohn zur Hochzeit laden und ihn ersuche» würdest, mit dem Vater hin nnd zurück zu fahre», da wäre der Vater gut versorgt, noch besser als wenn ich mitfahren würde." „Du hast recht, er wird vermutlich noch heute kommen, da werde ich gleich mit ihm spreche,» — Wir werden zwar gar keine Fremden einladen, nur die nächsten Verwandten, aber Felix hätte ich doch einladen müssen." „Er wird komnic», namentlich wenn er weiß, daß er Tir nützen kann, dann kommt er sicher, er ist ja so gut-" Mehrere Monate waren verstrichen. Tie Zeit, die alles Lindernde und namentlich die innige, aufrichtige Ergebung in den Willen des Höchsten, hatten auch die Trauer der um den all zn frühen Heimgang der Gattin und Mutter Trauernden gelindert. Zwar tönten noch nicht wieder wie ehedem Fannis fröhliche Lieder in ihrem Vaterhause, so weit hatte sie es noch nicht wieder gebracht, aber das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, namentlich das Bewußtsein, ihr Verspreche» voll und nach jeder Richtung hin zn erfüllen, dem kränkelnden Vater Trost und Stütze zu sein, ihn zu hegen und zu pflegen, wie sie es von jeher von der Mutter gesehen und dann die innige Genugtuung wahrzunehmen, daß seine Gesundheit sich tatsächlich besserte, hatte sie wunderbar gestärkt, ihre Haltung war wieder elastisch wie ehedem, ihre Bewegungen frisch und anmutig und die krankhafte Blässe ihrer Wangen hatte sich vollständig verloren, fast immer lag jetzt ein rosiger Hauch auf ihrem lieblichen 'Angesicht und ließ es noch lieblicher erscheinen. Ernst hatte recht gehabt, die, wenn auch etwas anstrengende häusliche Tätigkeit, die unablässige Sorge für den Vater hatten ihr selbst unendlich wohl getan. Tennoch hatte er gestaunt, als er vor kurzem auf einige Stunden daheim gewesen, wie er alles gefunden, und hatte dem jungen Mädchen, das jetzt von Keinem mehr Kind genannt wurde, seine Bewunderung und seinen Tank ausgesprochen für alles, was sie dem Pater mar und tat- Mit vollster Bernhignna trat er den Heimweg an, erst jetzt glaubte er sich seines jungen ehelichen Glückes voll erfreuen zu dürfen. (Fortsetzung folgt.» (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Sch ach n ow itz, Endingen (Schweiz». lFortsetzung.) Rahet starrte in die Luft, als müßte sie sich auf etwas befinncn, was ihr allein Anschein nach sehr schwer fiel. Tann erhellte sich plötzlich ihr etwas bleiches Gesicht und sie sah Rosa mit verzückten und träumerisch verklärten Augen an. „Macht er sich Wohl viele Sorgen um nrich?" „Wer?" wollte Rosa erstaunt zum zweiten Male fragen. Aber ein etwas in ihrem Innern preßte ihr das Wort in die Kehle zurück. Sie sah das traumversunkene Mädchen, wie sie da in verzückter und bestrickender Schönheit vor ihr saß, teilnahmsvoll an. Sie. die von der Natur minder begnadete Rosa, vermochte sonst, wenn sie sich Schönheiten gegenüber befand, trotz aller Mühe nicht ein Gefühl von Neid zu bekämvfen. Aber jetzt war dieses Gefühl gar nicht anfgetaucht. Es war wteklrchc Teilnahme und Rühruno, was die sonderbare Frage des schönen Mädchens in ihrenr Innern rege machte. Hatte da wohl der unglücksselige Graben, wie schon gar oft, etwa wieder einmal zwischen ztvei liebenden Seelen getrennt? „Er wird doch wohl nicht herein kommen?!" — fragte Rahcl, immer noch wie im Traume, indem sie mit heftiger Bewegung sich aufrichtete. Rosa sagte nach einiger lleberlegung ruhig und freundlich:

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