Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 32 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. 1 Uhr begann das Festbankett im Saale des Hotel Adler; dasselbe nahm — gewürzt von vielen Toasten und Reden — einen durchaus würdigen Verlauf. Rhina. Das weit und breit geachtete und angesehene Simon Hahn'sche Ehepaar feierte vorige Woche ihre goldene Hochzeit. Oesterreich-Ungarn. Wie«. In der Leitung der hiesigen jüdischen Gemeinde hat es endlich einmal gekriselt. Der Präsident, Herr kaiserl. Rat Heinrich Klinger, und der Vizepräsident, Herr Dr. Alfred Stern, haben ihre Demission angemeldet. Die Vergebung elektrischer Arbeiten an eine antisemitische Firma und die darauf folgende Erbitterung seitens der jüdischen Gewerbetreibenden gegen den Vorstand scheinen das ihrige zu diesem Schritte bcigetragen zu haben. Prag, Ende Mai. Der langjährige Prozeß zwischen der Stadtgemeinde Prag und der hiesigen israelitischen Beerdigungsbrüderschaft um den alten Prager Judenfriedhof ist nunmehr endgiltig entschieden. Vergeblich waren Me Bemühungen des Brüderschaftsvorstandes, der Me böhmischen Künstlergenossenschaften und die gesamte nichtantisemitische Presse Prags für die Erhaltung des alten Friedhofes zu interessieren wußte, vergebens der Hinweis auf die sanitäre Wichtigkeit einer so großen Anlage inmitten der verpesteten Josef- und Altstadt, vergebens endlich das Angebot der Beerdigungsbrüderschast, alle Kosten, die aus einer Aenderung des Assanierungsplanes erwüchsen, zu tragen und überdies noch eine sehr hohe Summe der Stadt zur Verfügung zu stellen — ein Teil des alten Friedhofes mutz doch weg. Geld und gute Worte, von denen ja besonders das Erste bei unseren slavischen Mitbürgern nie seine Wirkung verfehlt, gelten nichts, wenn es sich darum handelt, Juden, lebende oder tote, zu mißhandeln. Und wie |oHte es anders sein. Jüdisches Geld, welche Vermessenheit Czechen das anzubieten I Können sie es sich nicht jederzeit holen wie bei den Plünderungen im Jahre 1897? Sind sie nicht ebenso gewandt wie ihre slavischen Brüder in Kischinew im Jahre 1903? Freilich rationeller gehen sie vor als die Kischinewer. Sie ernrorden die Juden ebenso ungern, als stetste gerne berauben. Denn wie schon der czechische Historiker Palacky sagt, wurden die Juden in Böhmen immer wie Bienen behandelt, man nimmt ihnen nur den Honig, ihr Geld, man läßt ihnen vielleicht sogar eine Scheibe Honig als Grundstock zum weiteren WMenbau, aber man tötet sie beileibe nicht; denn ohne Bienen giebts keinen Honig, und ohne Juden kein Geld, wenigstens kein herrenloses Geld. Was kann man also beginnen, die Juden muß man ihres Erwerbsfleißes wegen schonen, und so frei ausgehen kann man sie ja doch nicht lassen, wie müßten sich die Prager vor den Kisch in ewern schämen, wenn sie anno 1903 noch so weit in der Kultur zurück wären, die Juden in Frieden zu lassen Da gibt es nur ein einziges Mittel, man muß die Juden in ihren Toten beleidigen, mißhandeln, das schmerzt sie am tiefsten. Es wird also dekretiert, es muß ein Teil des Judenfriedhofes wegkommen, ein Teil der cirka ein Fünftel des überaus großen Friedhofes ausmacht und mehr als 2909 Grabsteine trägt. Rührend ist die Pietät mit der die Beerdigungsbrüderschaft ohne Rücksicht auf die daraus erwachsenden Kosten vorgeht. Es arbeiten nun seit circa 14 Tagen 30—50 Arbeiter — durchwegs Juden — daran, den ganzen Komplex bis in die Tiefe von 3 Meter und stellenweise noch tiefer umzugraben, alleKnochen und Skelette herauszunehmen, um sie dann auf einer anderen Stelle in demselben Friedhofe wieder zu begraben. Am Rüsttage des Schewuothfestes wurden Me bis dahin gefundenen Gebcinei n einem riesigen Massengrabe bestattet, wobei ein vom Obmanne der Brüderschaft verfaßtes Gebet rezitiert wurde. Wer hätte dabei nicht gedacht an die ergreifenden Worte des Selichothdichters R. Abigdor Kars, welche sich auf die Verwüstung ebendieses Friedhofes im Jahre 1384 beziehen: „Zerstört HMen sie die Stätte der Freihett, die Begräbnisstätte meiner Ahnen, entblößt darin die Gebeine und zertrümmert meine Grabmäler und Du, o Herr, wie lange noch soll es währen." Schweiz. Bern. Es hat den Anschein, als ob die fteie Schweiz — der einzige Zufluchtsort für die russisch jüdischen Studenten — die gastlichen Pforten ihrer Universitäten diesen auch immer mehr verschließen wolle; denn man hat die Absicht, die leichten Aufnahme- .bedingungen für Ausländer an den Universitäten in Zukunft bedeutend zu erschweren. Rußland. Petersburg. Dem Rcgierungsboten zufolge genehmigte der Kaiser den Beschluß des Ministerkomttees, bis zur Revision der Gesetze über die Juden auf dem Wege der Gesetzgebung in und außerhalb der in der Ansäffigkeitszone liegenden Gouvernements den Juden Erwerb von Land und Immobilien sowie die Nutznießung derselben zu verbieten. Dagegen soll der jüdischen Bevöllerung gestattet sein, sich in den in ihrer Änsässigkettszone gelegenen Ortschaften anzusiedeln, welche infolge ihrer industticllen Entwickelung den Charakter von Städten annehmen, und dort Jmmobilim zu erwerben. Solcher Ortschaften gibt es^ bisher 101. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 32. Petersburg. Die Schreckenstage von Kischinew ind nicht spurlos an unserer Börse vorübergegangen. Schon ganz abgesehen vom rein politischen Moment — denn man sagt sich hier unverhohlen, daß unsere Regierung anttsemittfche Exzesse gar nicht so ungern ehe, da sie eine Art Ventil für das sozial unterwühlte Voll bilden — haben die beßarabischen Greueltaten, die an die blutigen Zetten von Bogdan Chmelnitzki erinnern. Tausende von Kischinewer Kaufleuten an den Bettelstab gebracht, was naturgemäß auf unseren inneren Handel äußerst ungünstig einwirken muß. Wie ich aus guter Quelle höre, dürften Petersburger Firmen rund 1.25, Moskauer etwa 2 und Lodzer ca. 1 Million Rubel durch die unausbleiblichen Kischineiver Insolvenzen verlieren und überdies für lange Zeit eine Kundschaft einbüßen, die bisher in unseren Jndusttiezenttcn außerordentlich gern gesehen wurde. Und wer weiß, ob die nächste Zukunft uns nicht im Süden eine Fortsetzung bringen wird? (Finanz-Chronik.) Petersburg, 4. Juni. Zu den beiden gestern Abend veröffentlichten Gesetzen iiber die Rechte der jüdischen Bevölkerung Rußlands bringt der heutige amttiche „Regierungsanzeiger" eine Art von Motivenbericht. Es wird darin mitgeteilt, daß die Gouverneure von Nowgorod, Pskoiv und Smolensk in ihren Jahresberichten au den Kaiser für 1899—1900 bereits auf das Anwachsen des jüdischen Grundbesitzes in diesen Gouvernements hingewiesen hätten. Weitere Ermittelungen des Ministeriums des Innern hätten ergeben, daß überhaupt in den letzten vier Jahren auch außerhalb des sog. jüdischen Wohnrayons eine beständige Zunahme des im Besitz von Juden befindlichen ländlichen Grund und Bodens zu beobachten sei und daß speziell in Nowgorod die Juden schon 43,137, in Pskow 189,782 und in Smolensk 304,207 Tesjattnen Land-besäßen. Um einem weiteren Umsichgreifen dieser Erscheinung vorzubeugen, ist daher befohlen worden, in allen Gouvernements außerhalb des jüdischen Wohnrayons die.'Vollziehung von Kaufbriefen im Namen oder zugunsten von Juden zu verbieten, durch welche die Juden in den Besitz oder die Nutzung von ländlichen Grundstücken gelangen oder die Möglichkeit erhalten können, solche zu beleihen. Das Verbot ist eine zeitweilige Maßregel bis zur bevorstehenden allgemeinen Revision der Gesetzgebung über die Inden. — Als Erklärung für das andere Gesetz, durch welches den Juden innerhalb des Wohnrayons 101 Ortschaften mit allen den Rechten, die sie in den Städten und Flecken des genannten Rayons genießen, neu geöffnet werden, wird angeführt, daß in letzter Zeit in jenem Gebiet eine ganze Reihe von Ortschaften entstanden ist, die in gewerblicher Hinsicht durchaus den Charakter von Städten haben und daß es daher angezeigt erscheint, den Juden auch in diesen Ortschasten das Wohnrecht zu gewähren. _ Frankofurtia. Frau Baronin von Rothschild spendete für das Gumperz'sche Siechenhaus Mk. 300000. Bunte Chronik. lieber die Juden in Tlemsen (Algier) schreibt ein Korrespondent der Kölnischen Zeitung: Geht man in Tlemsen au jüdischen Feiertagen durch die an die neuen Hauptplätze der Stadt, die Place d’Alger, die Place de la Mairie und Place des Victoires anstoßenden Straßen des Judenviertels, so stößt man zwar auf ockerrote Ziegelbauten, mit versallcuen Wänden, halbe und ganze Ruinen, aber in den Fenstern, an den Türen hocken, auf dem hellblau getünchten Hintergründe des Flurs und der von oben erleuchteten, dachlosen Innenwände, Frauengestalten in bunten malerischen Gewändern, goldgestickten mit Goldfranscn behangenen Kopftüchern, die über üppigem rabenschwarzem Haar gelbliche Gesichter mit glutvollen Augen und. oft klassischem Schnitt der Züge und Profile einrahmen. Auch die Kinder zeigen in allen Altersstufen diesen Rassentypus von unverfälschter, nnvermischter Reinheit des Blutes und von Formen, die aus eine alte und edle Herkunft schließen lassen. Mit dem Menschen verhält es sich nicht anders wie mit andern organischen Wesen der der Natur. Die Herrschaft des Muhammedanismus scheint den Juden Spaniens und Nordafrikas für die Erhaltung ihrer Rasse weder physisch noch ethisch besonderen Schaden zugcfügt zu haben. Das Joch der Knechtung und Unterdrückung, das die Juden auf sich nehmen mußten, welche durch die Donautiefländcr, durch Rußland und Polen ihren Wanderzug nahmen, hat sie zugleich physisch und moralisch schwer getroffen. Man vergleiche mit diesen jüdischen Typen Algeriens z. B. die Gestalten, die das Juüenviertel von London bevölkern, und man wird über den Abstand staunen, der sich bei Gleichheit des ethnologischen Grundzuges beider in ihrem Rassentypus kundgiebt. Dort die Erhaltung, vielleicht sogar Verfeinerung, hier die Verkümmerung dieses Typus. Dort im Londoner Judenviertel ein Schmutz und Gestank, der sich aus dem Innern der Häuser bis auf die Straße fortpflanzt, hier ein Reinlichkeits- und Schönheitssinn, der in einer nur noch bei den Spaniern so hervortretenden Farbenlust seine Besriedigung sucht. Eine jüdische Volkswchr in Kiew. Die bedrohten russisch-jüdischen Arbeiter haben — wcnigtens in .Kiew — zu dem einzig zuverläßlichcn Schutznittel gegriffen: zu einer Organisation des Selbstchutzes und der bewaffneten Gegenwehr. Die letzte Nummer des in Stuttgart erscheinenden Organs der liberalen Opposition, der „Oswoboschdenije" (Befreiung), macht darüber folgende Mitteilung: Wenn Plehwe gehofft hat, das revolutionäre Feuer in Rußland durch kaltblütige Massenopferung weiter Bevölkcrungsschichtcn zu dämpfen, so läßt sich schon jetzt sagen, daß er sich gänzlich verrechnet hat, daß im Gegenteil die Entwicklung der revolutionären Kräfte einen gewaltigen Vorschub gerade infolge der Ereignisse erfahren habe. Das ist ein Lichtblick in dem düsteren Bilde mittelalterlichen Volkswahnsinns und verruchter Regierungspolitik, wie cs die Maitage 1903 in Rußland enthüllten. Bon jeglicher Staatshilfe verlassen, wird der jüdische:^ Einwohnerschaft in. den gefährdeten Städten die Selbstverteidigung geradezu aufgezwungen, eine Organisation der Volkswchr förmlich aus dem Boden gestainpft. Die letzten Vcrösfentlichungcn des jüdischen Bundes bringen auch darüber ungemein interessante Nachrichten aus Kieiv. Hier befürchtete man ebenfalls, besonders in den Tagen uni den 1. Mai, Krawalle. Gegen 30 000 jüdische Familieu verließen die Stadt. Die übrige jüdische Bevölkerung organisierte einen „Selbstschutz". Ungefähr 200 jüdische Studenten haben sich mit Waffen, Knüppel, Messer und Revolver, ausgerüstet, ihnen gliederten sich jüdische Arbeiter, endlich auch andere Volksgenossen an. Fast alle jüdischen Tischler und Schlosser waren zeitweilig mit Anfertigung von Waffen beschäftigt. Tie Reicheren gaben Geld dazu. Diese jüdische Volkswehr ist in Abteilungen von je 20 Mann organisiert und den freigewählten Komitees des Selbstschutzes unterstellt- Jede Abteilung ist mit dem Zentrum durch Telephonleituugen und Radsahrer verbunden; in 15 Minuten können, wie probeweise Alarmierungen zeigte», größere Massen an den verschiedensten Punkten der Stadt vereinigt iverden . . Am 3. Mai kam es auch wirklich zu Versuchen antisemitischer Krawalle, sic wurden aber sofort schon von der Polizei unterdrückt, freilich war in beiden Fällen die Organisation der Selbstwehr sogleich zur Stelle. Aehuliches erzählt eine jüdische Nachricht aus Pinsk: Am 1. und 2. Mai waren >vir mit der Organisation einer Miliz zur Selbstwchr beschäftigt, es gelang, gegen 300 kräftige Gesellen, Zimmerleute, Fleischer," Fuhrleute und dergleichen, zu organisieren. Wir werden uns bis zum äußersten verteidigen. — Auikketon. (Nachdruck verboten.) Aus unser« Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Die Trauerivoche nahte ihrem Ende. 'Die Trauernden hatten an dein letzten Tage nur'noch eine Stunde aus den niedcrn Schemeln gesessen, dann waren sie aufgestanden und Baker und Sohn saßen nun am Tische und Ersterer starrte mit heißen trockenen Augen auf den Platz ihm gegenüber, den bisher die heißgeliebte Gefährtin seiner Tage eingenommen hatte, ohne die er nun weiter leben sollte — wie? — das war ihm noch unfaßbar.- Ernst las die unausgesprochene Frage in den gramdurchwühlten Zügen seines Vaters, leise nahm er die Hand desselben und drückte sie und leise sagte er: „Du mnßt für uns leben, lieber Vater, mußt Dich für uns erhalten, für Fanni und für mich." Der Vater erwiderte nichts, aber er drückte die Hand des Sohnes mit einer Kraft, die man dem Schwachen kaum zugetraut hätte- Nach längerem Schweigen fragte er: „Wann ivirst Du abreisen." „Nachmittags um 4 llhr. Ich muß heute Abend zu Hause sein, weil ich morgen eine Trauung vorzunehmen habe." „Wo ist Fanni?" „In der Küche, lieber Vater. Das Herumwirtschaften in: Hanse scheint ihr gut zu tun, sie sieht heute besser aus, als während der ganzen Woche." „Ob sie sich nicht doch äll zu sehr anstrengen wird?" „Sorge ihretwegen nicht, lieber Vater, Fanni ist ein herrliches Mädchen, nicht nur sehr, sehr gut/ sondern auch überaus klug. Sie hat cs sich in den Kopf gesetzt, daß Du in Bezug ans Deine Pflege nicht das Geringste vermissen darfst." „Das ist ein Unsinn." ' „Lasse sie dabei, lieber Väter, denn sic iveiß, das; sie, was sie leisten will, nur dann leisten kann, wenn sie gesund und kräftig ist. Felix und seine Mutter haben ihr das auseinandergesetzt, ich bin ihnen in der Tat dankbar dafür. Fanni hat. mir erzählt, daß sie ihnen versprochen habe, sich gehörig zu pflegen und daß sie es auch tun werde, damit sie für Dich, lieber Vater, genau so werde sorgen I können, wie dieteuere Mutter, deren Undenken ge-