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Neue jüdische Presse · 1903-06-12 · Heft 32 (12.6.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 32 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. damit sie die Mittel hätten, ihren Lüsten fröhnen zu können, spricht der Prophet: „Höret dies Wort, Kühe Baschans, ihr auf den: Berge Schanron, die ihr die Armen bedrücket, die Dürftigen zerbrechet, die zu ihren Eheherrn sprechen: „Bringet, daß wir trinken." (4,1.) Er ruft das Strafgericht Gottes herab auf diese Ruchlosen, die Recht und Gerechtigkeit mit Füßen treten: „Darum, weil ihr stampfet auf den Armen und die Tracht Getreide ihn: nehmet — Häuser aus behauenen Steinen habt ihr gebaut, aber ihr sollt nicht darin wohnen, anmutige Weinberge habt ihr gepflanzt, aber ihr sollt ihren Wein nicht trinken. Denn ich weiß, zahlreich sind eure Verbrechen und mächtig eure Sünden, die ihr bedränget den Frommen, Lösegeld nehmet, und das Recht der Dürftigen beugen sie im Tore." (5, 11, 12.) Nach dem Tode Jerobeams folgte im Reiche Israel eine Periode fortschreitender Zerrüttung und Anarchie; von den Königen, die bis zur Auflösung des Reiches noch regierten, starb nur einer eines natürlichen Todes. Tie Einfälle der Assyrer mehrten sich, und Menachem konnte nur durch eine große Geldsumme, die er dein Assyrerkönig Phul versprach und die er durch eine Kopfsteuer au'brachteH, diesen zum Abzug bewegen. Unter Pekach wurde das Ostjordanland und das Gebiet der Stämme Sebulun und Naphtali erobert und die Einwohner in die Verbannung geführt, und unter seinem Nachfolger, Hosca, unterlag das Reich Israel dem Ansturm der Assyrer. Die Hauptstadt Samaria wurde nach dreijähriger Belagerung eingenommen, der König Hoseä, der dem Assyrerkönig den Treueid gebrochen und mit Egypten Verbindungen angcknüpft hatte, wurde nach Ninive in die Gefangenschaft geführt. An der Stätte Samarias wurden fremde Völkerschaften angesiedelt. In Juda hatte nach dem Tode Achasjas, des Enkels Josaphats, dessen Mutter Athalja alle noch übrigen Glieder des Davidischen Königshauses hinrichten lassen und selbst die Regierung an sich gerissen. Nur ein kleiner Sohn des Achasja, Hoasch, lourde gerettet und iin Geheimen von dem Hohenpriester Jojada erzogen. Nach sechsjähriger Regierung wurde Athalja in einen: Aufstand, den Hojada ins Werk gesetzt hatte, getötet und Joasch auf den Thron gesetzt. Ter Baaldienst, den Athalja eingeführt hatte, wurde wieder beseitigt. Im allgemeinen scheinen die inneren Zustände unter Joasch und feinen Nachfolgern besser gewesen zu sein, als im Reiche Israel. Ein kräftiger Herrscher war der König Usija. Er hatte ein starkes Kriegsheer, kämpfte glücklich gegen verschiedene umwohnende Völkerschaften und befestigte die Hauptstadt Jerusalem. Besonders wird von ihm gerühmt, daß er den Ackerbau beförderte.-) In seinen letzten Jahren war er aussätzig und mußte deshalb zurückgezogen leben, indessen sein Sohn Jotam die Negierung führte. Während unter diesen Herrschern zwischen Juda und Israel Friede geherrscht hatte, änderte sich dieses Verhältnis unter Jotams Sohn und Nachfolger Achas. Gegen die Ge fahr, die ihm von den vereinigten Königen von Aram und Israel drohte, suchte er sich dadurch zu schützen, daß er durch große Geschenke die Gunst des Assyrerkönigs Tiglath-Pileser erkaufte. Achas führte den assyrischen Götzendienst ein und verbrannte seinen eigenen Sohn dem Moloch zu Ehren. — Die sozialen Gegensätze hatten sich auch in Juda immer mehr verschärft. Die Vornehmen, „die Fürsten Judas", wußten ihren Einfluß auch dem Königtum gegenüber stets zu vergrößern, und sie bildeten eine Adelskaste, die sich auf Kosten der Aermeren zu bereichern strebte. Sie gaben ihnen in der Not Darlehen, und wenn sie dieselben nicht bezahlen konnten, so nahmen sie ihnen ihre Felder und Weinberge oder machten sie gar selber zu Sklaven. Wenn sich die Beraubten an die Richter wandten, so fanden sie auch hier kein Recht, weil die Richter Standesgenossen und Mitschuldige der Räuber waren oder durch Bestechung das Recht beugten. Der unzüchtige Baal- und Astartedienst, der vom Reiche Israel herüberkam, gab den Vornehmen zudem Gelegenheit, ihren heimlichen Lüsten zu fröhnen und so die Sittenreinheit der alten Zeit zu untergraben. Gegen diese allgemeine Verderbtheit trat nun auch hier eine Reihe von Propheten auf, von denen die hervorragendsten Jesaia und Micha sind. Mit offenem Freimut, in einer Sprache, welche die höchste Kraft mit vornehmer Schönheit und Eleganz des Ausdrucks verbindet, geißelt Jesaia die Lasterhaftigkeit der Vornehmen, ihre Selbst- und Genußsucht und ihre rücksichtslose Härte gegenüber den Armen und Besitzlosen. „Der Ewige geht ins Gericht mit den Aeltesten seines Volkes und seinen Fürsten: Ihr habt ja abgewcidct den Weinberg, der Raub des Armen ift in euren Häusern: was habt ihr mein Volk zu zertreten und das Angesicht der Armen zu zermalmen? (3, 14, 15.)" „Weh denen, die Haus an Hans rücken, Feld an Feld reihen, bis kein Platz mehr und ihr allein die Bewohner bleibet im Lande! Bor meinen Ohren sprach der Herr der Heerscharen.: So nicht viele Häuser zur Oede werden, große und schöne von Bewohnern leer! (5, 8, 9.)" Mit scharfen Worten wendet er sich gegen die 1) Kön. IT, 15, 19,20. 2) Chron. H, 26,10. Und er baute Türme in der Wüste und haute viele Gruben aus, denn er hatte viele Herden, so in der Niederung als' in der Ebene, Ackerleute und Winzer auf den Bergen, denn er liebte den Ackerbau. Lüsternheit und Ueppigkeit der Töchter Zions, die „einhergehen, die Hälse gestreckt und die Augen umhcrwersend. (3, 16.," „Ter .Herr wird kahl machen die Scheitel der Töchter Zions, und er wird ihre Scham entblößen (3, 17.)." „Und statt des Dustes soll Modergeruch kommen, und statt des Gürtels ein Strick, und statt des Lockenwerks eine Glatze und statt des Festgcwandes ein härener Gurt, Brandfleck statt Schönheit (3, 24.)." lieber die Ungerechtigkeit der Richter, die Jerusalem, das früher, „voll von Recht" war, zn einer Mördergrube gemacht haben, (1,21) ruft er das Strafgericht Gottes herab: „Weh deuen^ die Satzungen des Unrechts aufsctzen, und den Schreibern, die Untat uicdcrschreiben! Um zu beugen das Recht der Armen und zn rauben die Gebühr der Türftigen meines Volkes, daß Witwen ihre Beute werden und sie die Waisen plündern (10, 1, 2.)." Auch Micha's Reden haben vorzugsweise die Begehrlichkeit und Ungerechtigkeit der Reichen und Vornehmen zum Gegenstand. „Weh' denen, die Untat sinnen und Böses entwerfen auf ihren Lagern: am hellen Morgen vollführen sie cs: denn es steht in der Kraft ihrer Hand. Und sie gelüsten nach Steckern und rauben sic und nach Häusern und nehmen sie und üben Gewalt an Mann und Haus, und au Herrn und Eigentum? (2, 1, 2.)" „Soll ich rein sprechen den mit ungerechter Wage und mit einem Beutel trügerischer Eeivichtsteine? deren Reiche voll sind von Gewalttat, und deren Bewohner Lug reden, und ihre Zunge ist falsch in ihrem Munde (6, 11, 12.)." Tie Tätigkeit dieser Propheten reicht auch noch in die Regierungszeit des Königs Chiskija, des Sohnes Achas. Chiskija war, im Gegensatz zu seinem Pater, mit den reichsten Tugenden geschmückt. Er strebte nach der Wiederherstellung der von Achas zerstörten alten Institutionen und nach einer Läuterung der sittlichen und religiösen Vorstellungen. Zum Teil gelang es ihm auch, seine Absichten durchzuführen, wenn er dabei auch ohne Zweifel mit dem starken Widerstand der Adelspartei zn kämpfen hatte. Aber schon von Chiskijas Sohn und Nachfolger Manasse wurde wieder zerstört, was er erbaut hatte. Manasse führte den Götzendienst ivieder in vollem Umfange ein uuo scheute nicht davor zurück, diejenigen hiurichten zu lassen, die es wagten, ihn zur Rede zn stellen. Sein Sohn Amon trat in seine Fußtapfen. Dagegen wirkte Josia wieder für die Ausrottung des Götzendienstes und für die Beobachtung der alten Lehre. Aber es war nur eine vorübergehende Besserung der Zustände. Josia fiel in der Schlacht bei Megiddo, wo er sich dem Egypterkönig Pharao Necho entgcgengcstellt hatte, seinen Nachfolger Joachas führte Necho gefangen nach Egypten und fetzte dafür seinen Bruder Jojakim als König ein. Unter ihm riß wieder die religiöse und sittliche Verderbtheit ein wie zu Achas und Manasse» Zeiten und erreichte womöglich einen noch höheren Grad. Schon zur Zeit Josia» war ein Prophet aufgetreten, der in dieser Zeit des drohenden Untergangs , nochmals seine Stimme erhob, um das Volk und die Fürsten durch den Hinweis auf das bevorstehende Verderben auf einen besseren Weg zu führen. Tie Prophezeiungen Jeremias sind voll düsterer Trauer und Schwermut. Seine Seele ist von tiefem Weh erfüllt über die Ruchlosigkeit, Meineid, Betrug und Ehebruch, die er überall wahrnehmcn muß. Cr wird nicht müde, dem Volke .zuzurufen, daß nur vollständige Umkehr das nahende Unheil abwenden kann, und oft genug droht ihm infolge seiner freimütigen Aeußerunien, Gefahr bon seiten des ihm feindselig gesinnten Königs und der Fürsten. Einmal hatten sogar die letzteren ihn mit Erlaubnis des Königs in eine Grube geworfen, und nur durch das Eingreifen eines menschlich gesinnten Beamten wurde er gerettet.^) Jojakim' war von dem babylonischen König Nebukadnezar tributpflichtig gemacht worden, fiel aber dann wieder ab. Seinen Nachfolger Jojachin entthronte Nebukadnezar und setzte dafür den Zedekia ein. Dieser brach den dem babylonischen König geleisteten Treueid, und nun zog Nebukadnezar mit Heeresmacht gegen Jerusalem und belagerte die Stadt. Jeremia's ganzes Bestreben war darauf gerichtet, daß man sich den Babylonecn unterwerfen sollte. Der Zorn der Vornehmen geaen ihn wurde dadurch noch vergrößert, indem sie behaupteten, daß er die Krieger entmutiget, und wenn auch der König ihn z» schützen suchte, so vermochte er doch wenig gegenüber der stolien Adelsvartei. — Indessen hatte Jeremia vorübergehend Erfolg in seinen Bestrebungen, der Lehre wieder Geltung zu verschaffen. Tie Fürsten und das Volk vervflichtetcn sich, dem Gesetze gemäß, alle diejenigen, die sie von ihren Brüdern zu Sklaven gemacht hatten, freizulassen. Aber schon nach kurzer Zeit zwangen sie die Freigelassenen, wieder in das frühere Sklavcnverhältnis zurückzukehrenZ. Die Verkündigungen Jeremias sollten bald zur Wahrheit werden. Jerusalem wurde erobert, der Temvel und alle großen Gebäude zerstört und die Einwohnerschaft nach Babylonien in die Gefangenschaft geführt. Nur von der ärmeren Bevölkerung ließ Nebukadnezar einen Teil als Winzer und Ackerbauer zurück. 3) Jerem. 38. t Jer. 38, 4. 5) Jer. 34, 8—17. Die Stelle beweist übrigens auch, daß das Gesetz in früherer Zeit in Kraft war. So wurde auch dem Reiche Juda durch die Hand fremder Eroberer ein Ende gemacht. Götzendienst und Sittenverderbnis hatten die alte Ordnung zerstört und hatten insbesondere die früher unbekannten sozialen Gegensätze in einer Weise verschärft, daß sie den Staat dem Untergänge entgegentricben. Aber im Herzen der Vertriebenen lebte die Hoffnung auf die Rückkehr und die einstige Wiederherstellung des Reiches fort, und die Propheten, die unter ihnen weilten, besonders Ezechiel, nährten diese Hoffnung, indem sie zugleich eine religiöse und sittliche Wiedergeburt des Volkes anstrebten. Aus aller Welt. Deutschland, Seligenstadt i. Hessen. Herr Hermann Frank ist mit großer Stimmen,iiehrheit zum Mitglicde der Handelskammer gewählt worden. Berlin. Wie wir erfahren, haben die Sammlungen des Hilfsvereins der deutschen Juden zugunsten unserer unglücklichen Glaubensgenossen in Kischinew bisher die Summe von Mk. 425 000.— ergeben. Der Erfolg ist ein außerordentlich erfreulicher, aber gegenüber dem Unglück niuß daraus hingewiesen werden, daß sehr große 'Anstrengungen werden gemacht werden müssen, um es den zahlreichen, völlig zerstörten wirtschaftlichen Existenzen zu. ermöglichen, wieder in geordnete soziale Verhältnisse zu gelangen. Für die Zwecke des Hilfsvereins sind in diesen Tagen weitere Mk. 300 000 verfügbar geworden. Die verstorbene Frau Baronin von Cohn-Öppenheim hat ihren Verivandten. Herrn Dr. Paul Nathan, dem Geschäftsführer des Hilssvereins im Ehrenamte, testamentarisch Mk. 300 000 vermacht mit der Auslage, dieselben zugunsten des Hilfsvereins zu vertuenden. Berlin. Der Konitzer Mord wird binnen kurzem wieder einmal die Berliner Strafkammer beschäftigen und vorausstchtlich abernials zu umfangreichen Verhandlungen Veranlassung geben. Gegen den durch seine Tätigkeit in Konih und seine Privatermittelungcn in der Mordaffaire bekannt gewordenen Gustav George, ferner gegen den früheren Redakteur der Morgen-Post Gottlieb Meyer und den Buchdrucker Georg König hat die Staatsanwaltschaft jetzt Anklage erhoben wegen Beleidigung des Lehrers Weichet in Könitz, ferner dessen Frau sowie der Richter, des Staatsanwalts und der Subalternbeamten des Landgerichts Könitz. Es handelt sich in erster Reihe uni eine von George verfaßte und von König gedruckte Broschüre ..Enthüllungen zur Bluttat von Könitz", in Ivelcher der Lehrer Weichet schwer verdächtigt und in einer Kritik das Verhalten der amtlichen Organe diesen: Verdachte gegenüber getadelt wird. Der Angeklagte Meyer wird wegen eines Artikels zur Verantwortung gezogen, der unter der Spitzmarke..Das Rätsel von Könitz" gleichfalls dem gegen das Weichelsche Ehepaar entstandenen Verdachte 'Ausdruck gab. Da der Angeklagte George einen umfangreichen Wahrheitsbeweis antreten will, so dürfte die ganze Konitzer Mordaffaire nochmals aufgerollt werden. Breslau. Einen eigenartigen militärischen Briefwechsel veröffentlicht das ..Jüdische Bolksblatt". Dem Blatte ging folgendes schreiben zur Veröffentlichung zu: „Breslau, den 7. 5. 03. 10 Komp. R. 11. Hern: Hauptnmnn. Handlungskommis Breslau Wallstraße 14 Pt. mit der Mitteilung, daß der Herr Hauptmann auf Ihre Einstellung als zweijährig Freiwilliger bei der Kompagnie verzichtet, da Sie jüdischen Glaubens sind, welches die Kompagnie erst nachträglich erfahren hat. Anbei Meldeschein zurück. In: Aufträge gez. Klosia." Das Blatt wandte sich darauf an den Regimentskommandeur. nüt der Anfrage, ob Bestinrmungen vorhanden seien, welche die Einstellung von Juden als Freiwillige verhindern, worauf ihm folgende Antwort zuging: ..Was die Form des abschlägigen Bescheides anlangt, kann das Regiment dieselbe nicht billigen. Beslimniungen darüber, daß Leute jüdischen Glaubens als zweijährig Freiwillige nicht eingestellt werden dürfen, existieren nicht." Ein reizender Beitrag zu dem Kapitel von der Gleichberechtigung der Konfessionen in Preußen. München. Der berühmte Dirigent und Koniponist Felix Weingartner hat sich, nachdem er erst kürzlich von seiner ersten Frau, einer Tochter des Buchdruckereibcsitzers Juillerat in Mannheim, geschieden worden ist, niit der Baronesse Dreisus verlobt. Felix Weingartner, Edler von Würzburg, ist Christ, seine Braut Jüdin. Gailingen. Die hiesige Chewre feierte am letzten Schewuothfeste das Fest ihres 100jährigen Bestehens. .Herr Bezirksrabbiner Dr. Spitz hielt beim Morgengottesdienst die Festpredigt. Nachher sprach Herr Lehrer Eisemann im Hause des ältesten Chewremitgliedes, des 87jghrigen Herrn Abraham Metzger. Mittags

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