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Neue jüdische Presse · 1903-06-12 · Heft 32 (12.6.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 32 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 32. ei «treten, die am weitesten vom Antisemitismus entfernt find. Alsdann haben wir nicht nur als Juden, sondern geradealsdcutscheBürgerunsercschönste Ehrenpflicht erfüllt. „Gegen den Antisemitismus!" sei die Parole bei unserer Entscheidung am 16. Juni c., dann haben wir dem Vaterlande, ja der Menschheit den besten Dienst erwiesen!- Dem Vaterlande und der Menschheit! Der Antisemitismus ist nicht nur — wie Kaiser Friedrich mit Recht behauptete — die Schmach des Jahrhunderts, sondern der ganzen Menschheit- Er rüttelt an den Grundfesten der modernen «Staaten und Völker. In Oesterreich brachte er die wüsten Szenen, ja Balgereien im Parlament, wogegen ein „polnischer Reichstag" sich wie ein Kind ausnimmt. Frankreich zitterte unter dem Dreyfus-Handel. Deutschland hatte seinen Judenflintenprozeß, sein Tanten und Könitz, die ihm zmn ewigen Schandfleck gereichen. Rußland hatte erst jüngst die ganze zivilisierte Welt — mit Ausnahme der Antisemiten — in gerechte Empörung versetzt, mit Entsetzen erfüllt. So können wir deutschen Juden denn keine bessere Wahlparole ausgcben als: Gegen die Antisemiten! Nicht aus Egoismus, sondern zum Heile des Vaterlandes und der ganzen zivilisierten Menschheit, die unter einer solch mittelalterlichen Geißelleidet.- Bei der Konstellation der großen Parteien, bei dem von diesen vertretenen Programmen ist aber in der Tat^die Entscheidung nur von F allzu Fall möglich, «selbst innerhalb einer Fraktion ist der betreffende Kandidat näher in's Auge zu fassen. Es sind uns selbst bei den Konservativen freiherrliche Abgeordnete bekannt, die persönlich Judenseindschaft nicht kennen. Trotz der persönlichen Liebenswürdigkeit wird man als Jude nicht für einen solchen Kandidaten stimmen. Er stimmt für die Partei und ihr Programm. Anders wäre der Fall, wenn er sich wie folgt verhält. In der bayrischen Stadt N. tritt ein nationalliberaler Kandidat auf, der gegen das Zentrum steht. Die Juden mit ihren ca. 90 Stimmen sind schon ausschlaggebend. Ter Kultusvorstand verlangt die Ehrenerklärung, daß der Kandidat nicht nur stillschweigend gegen jede antisemitische Entscheidung sei, sondern dies auch offenausspreche, nicht nur antisemitische Ausfälle stlll mit anhöre, sondern ausdrücklich mißbillige. Ties frei von der Brust gesprochene Wort verfehlt seine Wirkung nicht. Der Kandidat hiell Wort, er trat mehr als einmal den eignen Fraktionsgenossen feindlich gegenüber. Ein anderes Beispiel. Den Juden wird die Entscheidung schwer gemacht bei sogenannten Kompromißkandidaten. Es entstehen ja immer zur Wahlzeit politische Parteien und Vereine mit neuem verlockendem Namen, jedoch mit alter Tendenz. So verbindet sich in Bayern der Liberalismus in einigen Kreisen mit dem Bauernbund, der ausgesprochen antisemitisch ist. Beide stehen gegen Zentrum. Der Liberalismus wirbt zwar sehr um die Gunst der Inden, auch der Kandidat ist p e r s ö n l i ch liberal und einwandfrei. Aber hinter ihm duckt sich der „Bauernbund", dessen Organ, die „Neue Bayerische Landeszeitung" jahraus, jahrein in Judenhetze macht, die in Bayern zu den „Flcischbesudelungsprozessen" geführt, die Könitz und Polna nach allen Dimensionen ausgenützt, um den Juden eins auszuwischen, u. s. w. Die Juden werden hier nicht au, den liberalen Leim gehen, um dem Bauernbund die Kastanien aus dem Feuer zu holen. S i e st i m m e n für Zentrum, trotz der wenig erbaulichen Vorgänge im bayrischen Landtag. Es handelt sich um eine Reichstagswahl, wobei u. a. dem Zentrum die ehrenhafte Verteidigung unserer Sch'chita im Reichstage — durch den inzwischen verstorbenen Dr. Lieber — nicht vergessen bleiben soll. So heißt es für uns Judeir in der Tat oft von zwei liebeln das lleinere wählen. Bei den häufigen Kompromissen, ist hier Vorsicht doppelt am Platze! Nicht immer deckt sich der Name mit der Sache, und nicht immer ist der Kandidat identisch mit der betr. Partei und deren Programm. Wie in einem Familienkreise nicht alle Ansichten die gleichen sind,so geht es auch innerhalb des Parteiprogramms und des Parteirähmens oft recht menschlich zu. Darum aber ist es doppelt Pflicht, den betreffenden Kandidaten scharf in's Auge zu fassen, lind das wollen wir Juden tun unter dem Gesichtspunkt und mit dem Losungswort: Gegen den Antisemitismus, welcher den Frieden und Wohlstanddes Vaterlandesunterwühlt, gegen den Antisemitismus, der zur Verrohung der Massen ä ia Kischinew führt, gegen den Antisemitismus, der unser Vaterland schändet, gegen den Antisemitismus zur Ehre uno zum Wohlergehen des deutschen Reiches und Volkes! (Nachdruck verboten.) Ei» antisemitisches Bilderbuch. Ein Bilderbuch aus dem deutschen Mittelaller ist erschienen — für uns Juden grauenhaft zu schauen I') Auf dem Umschlag ein wehrhafter Necke, vom Kopf zur Sohle gewappnet, als ob er das sieche Judenvolk mit derber Faust Niederschlagen wollte. Um sein Haupt zu Ehren seiner edlen Gesinnung ein blumiger Kranz. Dann Illustrationen zur Leidensgeschichte unseres Volkes und zum Tiefstand deutscher Kultur. Westen man uns je bezichtigt, was man uns angedichtet, womit man uns gepeinigt und gemartert, gehetzt und getreten hat: alles zieht in stummem, unheimlichem Zug an uns vorüber. Da sind Juden, die blutsaugerisch wuchern und da sind Juden, die Hostien schänden, da sind Juden, die unschuldige Kinder morden und da sind Juden, die voll Andacht um das Gelingen ihres Bettugs — beten. Und — ach du armes Mittelalter — da sind Juden mit Schweinen als Nährmutter und niit Schweinen als Kinder, da sind Juden, die gefoltert und Juden, die verbrannt werden, Juden im Kerker und Juden auf der Richtstatt. Juden' mit ihrem Heiligsten in der Hand das goldene Kalb habgierig unitanzend und Juden in der Hölle! Wer es nicht schon gewußt hätte, welch eine Summe von tiefem, brennendeni Haß, von herber, kräftiger Verachtung, von gemeiner, dreister Lügenhaftigkeit gegen uns aufgespeichert war, wer es nicht schon voll schmerzlichen Wehs gefühlt hätte, daß wir im Golus waren und — sind, und was cs heißt, im Golus sein: er würde jetzt durch dieses Bilderbuch belehrt. Es ist ein willkoniniencs Karrikaturenbrevier für Antisemiten, in dem sie täglich ihr sionimes Gemüt letzen und erbauen können, cs ist geradezu ein antisemitisches Pamphlet — schlimmer als Hunderte von Hetzreden. Denn Ntit breitem Behagen und sichtlichem Vergnügen hat der Verlag, der ausdrücklich für die Auswahl und Sammlung der Bilder die Verantwortung übernimmt, allen Unrat zusammengetragen, den die Karrikaturenkünstler niehrcrer Jahrhunderte aufgeschichtct haben, mit bewußter und konsequent durchgeführter Absicht fast nur vom Unrat Proben gegeben und geflissentlich verschwiegen und unterdrückt, was uns irgendwie in den Augen der Masten zu heben und rein hiuzustellen im stände wäre, verschwiegen und unterdrückt, was hoch und erhaben und sittlich und in die ganze Welt mit Heller, wärmender Flamme hinaussttahlend bei uns vorhanden war. Die Bilder sind ein grimmiger, schneidender Hohn auf den erläuternden Text, der sich heiß bemüht, eine Ehrenrettung des deutschen Mittelalters in seinent Verhältnisse zu den Juden zu vollführen. Ein Herr Georg Liebe, Archivar an einem preußischen Staatsarchiv, hat ihn geschrieben. Ich hatte bisher nicht das Vergnügen, seine literarische Persönlichkeit zu kennen. Das gereicht mir zu ewiger Schande. Denn Herr Liebe ist ein Mann von einem Rang und einer Bedeutung — wer weiß wie hoch! An Krücken ist immerdar die Geschichtswißenschaft, die sich mit der Darstellung des deutschen Mittelalters befaßte, gehumpelt. Jetzt erst, seitdem Herr Liebe auf dem Plan aufgetaucht ist, jetzt erst beginnt sie zu gesunden und beugt voll ehrfürchtiger Demut das Knie, begeistert ausrufend: ..Ave Caesar!“ Klio schreibt mit steinernenr Griffel, und in steinerner Unbeweglichkeit und Ungerührtheit muß dastehen, wer sich ihreni Dienste weiht. Feuchte Augen sehen verschwommen, kalte Augen sehen deutlich. Das Mitleid für die Juden hat stets den Blick umflort, die Gerechtigkeit soll ihn endlich, dem Himmel sei Dank endlich! klar machen. Und Herr Liebe ist die verkörperte Gerechtigkeit und die verkörperte Objettivität, er ist der wahre, üer einzige und der eigentliche Schildknappe von Frau Klio. Das kann ja nicht so weiter gehen, das ist ja unerhört, ist ja cnipörend, das wurmt in tiefster Seele, ja will ihm schier das Herz verbrennen, daß die Juden in dem geliebten und verehtten deutschen Mittelalter, in den Zeiten, „die uns im Volkslied und den köstlichsten Bauwerken Zeugnisse des deutschen Gemüts hinterlaßen haben", barbarisch geknechtet und Parias gewesen sein sollen. Torheit und Aberwitz ist's, ihre Lage „mit deklamatorischer Wucht als Abgrund menschlichen Elends zu malen", bleiche Sentimentalität, sie bedauernd oder gar entrüstet zu betrachten. Wir nur selbst waren schuld, wenn man uns sttafte und verfolgte, wir hätten nur die Finger auszusttecken brauchen und wir wären im deutschen Volkstum aufgegangen. Allerdings, das wagt auch der superkluge Herr Archivar nicht in Abrede zu stellen, daß man uns in die schiefste Situation gewaltsam und absichtlich hineinstieß, weil der Nützlichkeitsstandpunkt sich stets in erbärmlichem Egoismus sagte: wir brauchen Geld, nun wohl, so sondern wir eine Kaste aus, die es uns verschaffen muß und die wir den allgemein geltenden Gesetzen nicht unterwerfen, um uns nicht zu schädigen. Aber dessenungeachtet ist und bleibt es ein „weinerliches Märchen", daß dieser Beruf nicht mit unserer innigsten Herzensneigung harmoniere, daß er uns nur aufgezwungen worden sei, und lediglich „unser modernes *) Georg Liebe, Das Judentum in der deutschen Vergangenheit. Mit 106 Abbildungen und Beilagen nach Originalen, größtenteils aus dem fünfzehnten bis achtzehnten Jahrhundert. Monographien zur deutschen Kutturgeschichte, Band 11, Leipzig, Eugen Dicderichs. verfeinertes humanes Empfinden", in dem der Herr Dozent wie in einem Lichtgewand dazustehen sich beeifert, macht uns rührselig. So ungefähr redet der Herr Archivar, anscheinend erfüllt von tiefster, ruhigster und ehrlichster Sachlichkeit. Aber bald schauen die antisemitischen Krallen und Pfötchen heraus, erst ganz sachte und vorsichtig, wie um das Terrain zu sondieren, bald unbefangener und kecker. Evivva Mittelalter! und — a bas les juifs! — in diesen beiden Rufen läßt sich seine Begeisterung und seine Abneigung zusamnienfassen. Jawohl und natürlich — evivva Mittelalter! Wo die liebliche Bcgleitnielodie zum Tandaradei das Hcpphepp war, wo man in ätherischer Liebe schwärmte und in dem Drange seligsten Empfindens einige Juden nnt glühenden Zangen zwickte, wo den zärtlich besungenen Blaublümelein sich unzählige rotblumige Blutflecken auf Gassen und Märkten gesellten. Freilich auch Herr Liebe kann diese Tatsachen nicht ganz stillschweigend übergehen, und so holt er denn aus dem verborgensten Winkel seines Innern einmal wieder sein „verfeinertes Empfinden" hervor, erpreßt sich einige Krokodilsthränen in Erinnerung an verschiedene Massakres und spricht: „Wenn es sich ziemt, mit Bedauern der getöteten Juden zu gedenken" . . . Köstlich und bezeichnend, dieses „wenn es sich ziemt"! Es „ziemt sich", bei gewissen Gelegenheiten einen Frack anzuziehen, es „ziemt sich", seine Verbeugung in dem und dem Winkel zu machen, es „ziemt sich", des vergossenen Menschenblutes mit Bedauern zu gedenken. Und Herr Liebe entledigt sich seiner Anstandspflichten und zieht seinen Frack an und macht seine korrekte Verbeugung und gedenkt mit Bedauern. Lange jedoch hält die künstliche Rührung nicht an, sofort bricht die Rassenantipathie wieder hervor, und er fügt hinzu/ „besonders der Weiber und Kinder." Die Männer — nun, das mag noch so hingehen, denn wer weiß, ob — sie — nicht — wirklich — zu Recht — der Mordtaten verdächtigt waren? Und wenn nicht hier, dann wenigstens vielleicht in Endingcn. wo eine solche Beschuldigung „v ermutlich" ebenso erfunden war wie viele ähnliche. Vermutlich. Herr, verinutlich? Das Wort auszusprechen, haben Sie die Stirn, Sie, modern gebildet, in einem Zeitalter großgeworden, das man ob seiner fortschreitenden Humanität und seiner Veredlung durch die Kultur rühmt? Ich meine, Herr, immer noch besser feuchte Augen, als haßverblcndete, immer noch besser weinen, als Gift unter der Miene der Wissenschaftlichkeit in die Massen streuen. Denn Giftsaat ist diese Bemerkung und Giftsaat noch schlimmerer Art ist Ihre Deutung eines Spottbildcs aus dem 17. Jahrhundert „Abbildung des Schweines als jüdische Nährmiltter": „Wahrscheinlich ist dabei ursprünglich weniger an die Abneigung gegen Schweinefleisch gedacht, als an die Symbolisicrung des bösen Geistes, den die Juden mit ihrer Lehre einsaugen." Herr, unsere Lehre, unsere heilige, keusche, hohe, unsere befteiende, belebende, beglückende Lehre, die der Menschheit ihre köstlichsten und erlauchtesten Güter gegeben hat, ohne die die Menschheit nicht denkbar wäre, in d iescr Gestalt mit Recht symbolisiert? Herr, Sie, ein kleiner, schwacher Mensch, der blind durchs Leben wandelt, der vollgepfropft ist nnt dem Wertbewußtsein seiner literarischen Persönlichkeit und dabei die reine Wissenschaft zur Sklavin des Antisemitismus macht. Sie wollen sich erkühnen, ein solches Wort auszusprechen? Wäre es nicht, um meinem Volke ein Warnzeichen zu geben, , meinem geliebten Volke, das sich in Wahnttäumen von Duldung und Freiheit wiegt, obgleich es in Tiefen und Höhen immer bedrohlicher brodelt, wäre es nicht deshalb, ich würde es bedauern, mit Ihnen einen Gang gemacht zu haben! (Nachdruck verboten.) Die soziale Entwickelung des jüdischen Volkes zur Zeit des 1. Tempels. Von Rabbiner Dr. Jsak Unna, Mannheim. (Schluß.) Während Hosea vornehmlich gegen de» Götzendienst und dessen entsitllichende Wirkung eifert, haben die Rede» Amos', des schlichten Hirten aus Thekoa, hauptsächlich die sozialen Uebel zum Gegenstände. Mit zündenden Worten wendet er sich gegen die Neichen, „die aushäusen Gewalttat und Raub in ihren Palästen" (3,10), die „auf gepfändeten Kleidern sich Hinstrecken bei jeglichem Altar und den Wein der Gebüßten trinken im« Hause ihres Gottes" (2,8); „die auf Betten von Elfenbein liegen und sich hinstrecken auf ihren Lagern und essen die feisten der Lämmer und Kälber aus der Mast; die' mit dem Psalter klingen, jvie des David wähnen sie ihr Saitenspiel; die trinken aus Weinpokalen und mit den besten Oelen sich salben und fühlen kein Weh um die Wunde Josephs." (6, 4—6.) Denen, die durch Getreidewucher die Armen ° aussaugen und sich bereichern, kuft er zu: „Höret dies, die ihr lechzet nach dem Dürftigen hin, um zu stören die Gebeugten des Landes, und sprechet: „SSmtit wird der Neumond vorüber sein, daß wir Nahrung verkaufen, und der Sabbat, daß wir den Getreidevorrat öffnen, klein zu machen das Efah und groß den Schekel und krumm die falsche Wage; einzulausen um Silber Arme, und die Dürftigen um ein paar Schuhe, und des Getreides Abfall wollen wir verkausen." (8,46.) Und zu den Weibern, die ihre Männer zu diesem frevelhaften Tun antreiben.

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