Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 32 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erkenntnis des Judentums fördernden Aufsätzen aus bester Feder werden wir im nächsten Quartale mehrere spannende neue Erzählungen bringen, die sicher das größte Interesse unserer alten und unserer jungen Leser finden werden. Verlag des „Frankfurter Israel. Familienblatt." (Nachdruck verboten.) Zn den Wahlen. Von Albert Wahrmund. Ganz Deutschland befindet, sich z. Z. im Kriegsznstande, ein erbitterter Kampf tobt „von der Maas bis an den Memel, von der Etsch bis an den Belt." Zwar fließt kein Blut bei diesem Kampfe, aber desto reichlicher fließen Ströme von Tinte und Druckerschwärze. Tie Redaktionsstuben sind das Arsenal, aus dem die Waffen zum unblutigen Kampfe hervorgehen; das blinkende scharfe Schwert ist die Feder, welche von der kriegsgeübten, stets kanipfbereiten Hand des Redakteurs geführt wird. Was ihr stummer Mund mit stummen Zeichen kündet, gewinnt bald Leben, wird besprochen, erörtert, wird zur Parole, zur Fanfare weit und breit. Und im Lande umher ziehen schon seit Wochen die hohen Reichsboten, um ihre innersten Herzensregungen der großen Menge kund und zu wissen zu tun. Sie nennen das gemeinhin ihr „politisches Programm entwickeln." Man spielt sich als der wahre Bolksbeglücker auf, man tadelt die andern Parteien, man kritisiert die Leistungen der abgelaufenen Legislaturperiode, verspricht dem „kleinen Mann" goldene Berge, malt die Zukunft in rosigem Lichte und versichert, daß bald wie zu Salomons Zeiten jeder siiedlich und glücklich unter seinem Weinftock und Feigenbaum sitzen würde, wenn die verehrten Anwesenden die Freundlichkeit hätten, ihre Reichsstimmen nach der eben vorgetragenen Melodie tönen zu lassen. Rauschender Beifall — Dank — Händedrücken — Begeisterung und Rührung — einige Aufklärungen — einige „Berichtigungen" — Schluß der Vorstellung!- Fast könnte ein stiller Beobachter an all diesen Vorgängen, 'welche wir seit Wochen gewahren, sein inniges Vergnügen haben und sich weidlich ergötzen nach dein Gedankengang des Dichters: Die Welt — sie ist ein Schauspielhaus, Der Zufall teilt die Rollen aus. In der Tat giebt es auch solch beneidenswerte Naturen, die sich um die Politik-keinen Deut scheren, dies vielmehr den „hohen Herrn" überlassen. Andere freilich fassen die Sache realistischer aus, messen sie mit dem Maßstabe des Ernstes, ja sie betrachten das Ganze mit einer gewissen Besorgnis. Was wird die Zukunft wohl bringen? Neue Steuern? Militärlasten? Krieg oder Frieden? Freiheit oder Einschränkung bestehender Rechte? u. s. iv, u. s. f. Solche Politiker befinden sich natürlich schon seit Monaten in nervöser Aufregung; sie widmen Zeit, Kraft und Mühe der Wahlbewegung, lesen sorgfältig jedes Programm durch, das eine Arrtei aufstellt, verfolgen mit hohem Interesse jede Agitationsrede, die man vom Stapel läßt, politisieren auf der Straße, am Biertisch, in der Familie und erwarten mit fieberhafter Ungeduld den Wahltag. Wie sollen mm wir Juden uns als Juden und deutsche Staatsbürger der Wahl gegenüber verhalten? das ist eine Frage, die in einem jüdischen Blatte zu erörtern, zeitgemäß ist. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß wir uns als Juden keinem obiger Extreme hingeben Wir werden unerwünschte Wahlergebnisse ebenso kühl beurteilen, als wir weit davon entfernt sind, einen aus der Wahlurne hervorgegangenen Helden wie einen Triumphator zu begrüßen und zu verhimmeln, als ob wir von ihm alles Heil zu erwarten hätten. Nein! Wir haben ein altes Volksbuch mit gar alten Weisheitslehren. Eine davon lautet nun: Besser ist's, sich zu bergen bei dem Ewigen, als zu vertrauen auf Menschen. Wieder ein Spruch meint gar: Vertrauet selbst nicht auf Fürsten, auf einen Menschen, bei dem doch keine Hilfe zu suchen ist. Sein Odem geht aus, er kehrt heim in sein Erdreich, an jenem Tage sind auch seine Ratschlüsse zu Ende. — Wir sehen, daß 'wir als Juden uns keinem enttäuschungsvollen Optimismus hingeben, daß wir mit einem gewissen Pessimismus und zwar einem kerngesunden Pessimismus zur Wahlurne schreiten! DerJudeliest stets im Spiegel seiner Geschichte, er bleibt so gleichmäßigverschontvonbitteren Enttäuschungen wie von unvernünftigem Siegesrausch. Wir wissen, daß „Politik" ein gar wandelbares Ding ist, das oft mit Undank gelohnt wird. Wir wissen beispielsweise, daß ein Heine mit seinen Ideen dem großen Werke Bismarcks vorgearbeitet, derselbe Heine, dem.man selbst in seiner deutschen Vaterstadt ein Denkmals verweigert, weil er — jüdischem Blute entstammt. Wir kennen die hohen Verdienste eines Eduard Lasker, eines Tr. Ludwig Bamberger um die Ausgestaltung und den Ausbau der deutschen Reichsgesetzgebung, für die sie grundlegend gewirkt. Und welchen Dank hat die Judenheit dafür gesehen? Den wüstesten, mittelalterlichen Judenhaß, der sich heutzutage Antisemitismus nennt- — Und gar die hohe, die Weltpolitik! Welche Augen müßte beispielsweise Napoleon I. machen, wenn er aus dem Grabe auferstünde, und das von ihm so gehaßte Rußland im Freundschaftsbund mit Frankreich trifft! Noch nicht sind 100 Jahre dahin, daß Rußland der großen Weltherrschaft des Korsen den Todesstoß versetzte, und heute webt sich ein zartes Freundschaftsband zwischen dem absoluten Selbstherrscher des halbasiatischen Ostlandes und der feinen Dame Republik im Westen. 0'est la politique! Sie bietet uns zuweilen ein Bild vom „gröbsten Schaatneß." Werden wir Juden uns nun gleichgiltig den Reichstagswahlen gegenüber verhalten dürfen? Keinesfalls! Nirgendswo und nimmermehr soll dies der Fall sein und zwar weil — wir Juden und treue deutsche Staatsbürger sind. Wir empfinden es als unabweisbare Ehrenpflicht, am Tage der Wahlmitdem Stimmzettel an die Urne zu treten zum Wohle des deutschen Vaterlandes. In heißen Kämpfen wurde uns ein solches Recht errungen; wer es mißachtet, der vernachlässigt seine vornehmste Bürgerpflicht, der versündigtsich moralisch schwer gegen dieBergangenheit, welche uns die steilen, yauhen Wege in wahrer Kulturarbeit geebnet. Möge dies jeder unserer Brüder beherzigen,wenn am Morgen des 16. c. das Vaterland ihn ruft! Wie soll nun der jüdische Staatsbürger stimmen? Leicht gefragt — und schwer zu beantworten. denkt hier mit Recht gar mancher. Eine Flut von Gedanken möchte bei dieser heiklen Frage auf uns einstürmen. Man braucht noch kein „Politiker" zu sein, um alle Eventualitäten würdigen zu lernen, welche hier bestimmend auf uns einwirken mögen. Bekanntlich ist es ein längst entwertetes und wertloses Schlagwort, die links stehenden Parteien als „Judenparteien", oder nach antisemitischem Jargon als „Judenschutztrilppe" zu bezeichnen. Wir erkennen dankbar an, was " diese Parteien schon in Verteidigung unserer Rechte geleistet haben. Allein vor sechs Jahren bereits mußte man sich auch mit diesen Fraktionen bezüglich ihrer Judenfreundlichkeit anseinandersetzen: Selbst die radikale Sozialdemokratie rechnen wir nicht — wie die Judenfeinde mit so vielem Behagen gerne behaupten — zu unseren absoluten Freunden. Selbst im „Vorwärts", dem Hauptorgan' der Sozialdemokratie findet sich — wie erst jüngst — zuweiten ein kleiner Obolus an die antisemitischen Elemente der Partei. In Ihrer jüngsten Nummer haben Sie, geehrter Herr Redakteur, mit Recht die Schamlosigkeit und Schmach gekennzeichnet, die jüd. „Genossen" in Krakau anläßlich der Kischinewer Greuel bekundet, indenr sie behaupten, die Juden trügen selbst daran die Schuld, indem sie sich nicht assimilieren wollten usw. Ter Terrorismus der Parteidisziplin findet auch in Kischinew die Verderben der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und will Ohr und Herz betäuben gegen das Jammergeschrei der Witwen und Waisen, der Verwundeten und Verstümmelten. — Von den „Rechtsparteien" des deutschen Reichstages braucht wohl kaum viel gesagt zu werden. Mit anerkennenswerter Offenheit nennen sich die Antisemiten mit rechtem Namen, während noch immer die Partei des Hosprediger a. D. Stöcker und des verflossenen „ollen ehrlichen" Kreuzzeitungsredakteurs F:hr. v. Hammerstein sich mit der Bezeichnung „Konservative" deckt. Die Nationalliberalen sind längst schon mehr national*) als liberal und die Brücke zu jenen Konservativen. Daß auch das' Zentrum nicht in allen Teilen judensreundlich gesinnt ist, ist altbekannt und zeigt sich immer wieder hie und da. Wir erinnern nur an den von dem bayerischen Zentrum im bayerischen Landtag angenommenen „Antrag Heim", bei Zulassung der Juden zum Staatsdienst „prozentuale Gerechtigkeit", walten zu lassen. Es war das würdige Seitenstück zum Gegenstände der Interpellation Peltasohn im preußischen Landtag. Wenn wir aus den angestellten Betrachtungen das Fazit ziehen wollen, um die Frage nach unserer Stimmentscheidung zu lösen, so kann gesagt werden: Jüdische Stimmen gab und giebt es seit jeher für alle Parteien, sofern sie nicht ausgesprochen judenfeindlich waren. ' Bei der bevorstehenden Reichstagswahl lasset uns für die Kandidaten *) Wir können in der Betonung des nationalen Momentes bei den Nationalliberalen an und für sich keinen Mangel sehen, denn auch unser Judentum ist national. Auch deckt sich Nationalismus noch lange nicht mit Chauvinismus: ich brauche, wenn ich mein Haus heilig halte, deshalb keineswegs das Haus meines Nächsten in den Schmutz zu ziehen; sondern im Gegenteil: wahre Selbstachtung führt einzig und allein zur wahren Achtung Andersgearteter und Andersgesonnener. Uns selbst will vom jüdischideellen Standpunkte aus eine national-soziale Partei als die genehmste erscheinen. In unserer schriftlichen und mündlichen Lehre ist der Jdealstaat der jüdischen Weltanschauung genau bis in die kleinste Einzelheit festgesetzt, und da sind es grade nationale und soziale Momente — durchweht von den Grundsätzen der höchsten und reinsten Ethik — die das Wesen dieses Staates bilden. Anm. d. Redakt.