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Neue jüdische Presse · 1903-06-05 · Heft 31 (5.6.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 31 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 31. Fraickfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 8. Grabdenkmäler u. dergl. aufzunehmen, zu welchem Zwecke er die Unterstützung der Lehrerschaft erbittet- Die nächste Jahresversammlung wird in Hanau stattfinden. Für dieselbe übernahmen die Kollegen Oppenheimer-Wehrda und Bvaunschweiger-Erdmannrodä das Referat, resp. Korreferat über „Die Verwendung der Pirke aboth (Sprüche der Väter) beim Religionsunterricht" Nachdem noch durch Zuruf die Wiederwahl des bisherigen Ausschusses (Amvam-Borken, Oppenheim-Treysa, Rosenstein-Rotenburg, Schwarzschild-Schlüchtern uird Spiro-Fulda) erfolgt war, war die reichhaltige Tagesordnung erledigt. Berlin. Die anttsemitische Kreuzzeitung schreibt: In der letzten Sonntagsnummer des ungarischen Amtsblattes wurden wieder verschiedene Magharisierungen jüdischer Namen verkündet. Allein 5 Kohns hatten gegen Zahlung von 50 Kreuzern einen schöneren Namen erwählt und heißen jetzt: Kallvs, Koväcs, Kun, Kertöß und Kößeg. Erhettemd ist es, daß sich alle Kohns Namen gewählt haben, die ebenfalls mit einem K anfangen. Berlin. Ernennungen: Dr. Hugo Cohn zum Oberlehrer an der 13. Realschule in Berlin, Dr. Nathan Friedland zum Oberlehrer an der Realschule in Bromverg. Berlin. Am 20. Mai starb hier im Alter von 47 Jahren Dr. med. Sallh Hadra, einer der bedeutendsten Chirurgen. Altona. Sein 25jähriges Jubiläum als Unterbeamterder hoch deutsch enJsra elitengemein de feiert am 1. Juni Herr S. R. Cohn. Er ttitt mit Rücksicht auf sein hohes Alter am genannten Zeitpunkt in den Ruhestand. Büren. Für die hiesige Synagoge lieferte Herr B. Grünebaum, Thoraschreiber undHebr. Buchhandlung in Cassel, einen Thoravorhang in blau Sammet mit prachtvoller Hochstickerei in Silber; die prächttge Arbeit des Vorhanges wird allgemein sehr gelobt. Plesche». Der Wohltätigkeitssinn der h i e s i g e n Israeliten hat sich bei der Sammlung für die Unglücklichen in Kischinew aufs neue ttefflich bewährt. Bon Vereinen und einzelnen Gemeindemitgliedern sind ca. 1200 Mark gespendet worden. Oesterreich-Ungarn. Llmütz. (Gefühlsmenschen.) An der zu Gunsten der Kischinewer Juden veranstalteten Sammlung beteiligten sich die hiesigen jüdischen Millionärsfamilien May gemeinsam mit dem Bettage von 10 fl., schreibe: zehn Gulden. (Nach einer glaubwürdigeren Version sollen es zehn Kronen sein.) Hierzu bemerkt die jüdische Volksstimme: Die genannten Zuckerbarone müssen die Speisereste, die vom letzten Festessen, das sie den notleidenden Kavallerieoffizieren und Prälaten in Olmütz gegeben haben, übrig geblieben, sind, besonders vorteilhaft losgeschlagen haben. Anders läßt sich eine derartige hochherzige Verschwendung schwer erklären. Schweiz. Basel. Am 23. August findet hier der VI. Zionistenkongreß statt. Es. verlautet, daß Dr. Herzl mit der englischen Regierung wegen des Palästina benachbarten Waad el Arisch verhandle. Vor Abschluß der Verhandlungen läßt sich jedoch hierüber nicht Näheres berichten. Rußland. Die Kischinewer Polizei verteilte einige Tage vor dem Osterfeste in Tausenden von Exemplaren ein Flugblatt, dem wohl zum guten Teil das ganze Juden-Massacre zu verdanken ist Das Flugblatt zeigt einen Christuskopf mit der Dornenttone, und ttägt die Aufschrift: «Gottes Sttafe gegen die BilderfrevlerI* Unter dem Christuskopfe ist eine in biblischem Stile geschriebene kleine Erzählung zu lesen, die etwa so lautet: «Nächst dem Judenviertel wohnte einst in einem Häuschen ein Christ, der, als er auszog. an der Wand seines Zimmers ein geschnitztes Bild des Erlösers aus Vergeßlichkeit hängen ließ. Nach dem Christen zog ein Jude in das Haus, und als dieser von Glaubensgenossen Besuch erhielt, wurde das Bild bemerkt. Die Juden erinnerten sich, daß ihre Vorfahren einst den Heiland ans Kreuz gebrächt hatten, und sie glaubten, mit dem Bildnisse ebenso verfahren zu müssen, wie mit dem Sohne des Menschen vor zwei Jähttausenden auf Golgatha. Sie haben bespien also das Bild, stachen es mit Nägeln und Dornen, und hielten ihm ein in Essig getauchtes Tuch an die Lippen. Und siehe da, mit einem Male begann das Bild, ganz wie einst der Leib Jesu, zu bluten und das Blut floß stundenlang, sodaß ttopfenweise ein ganzes großes Gefäß damit voll wurde. Nun erschraken die Peiniger, und um Gott zu versöhnen, gingen sie hin und bestrichen mit dem Blut die Wunden ihrer Kinder und die Schwären ihrer Kranken. Und alle wurden geheilt. Darauf gingen viele Juden zum Bischof, der sie taufte." Soweit die Erzählung. Das Bemerkenswerteste aber an dem Plakate ist, daß es folgende Unterschrift ttägt: «Moskau, im Hause des Klosters zum heiligen Marcarius, Große Lubiäickastraße. Gedruckt durch das Beichtkomitee des Heiligen Synods zu Petersburg, am 4. Februar 1903. Der Censor: Alexander Jeremonach." Nach solchem elenden Machwerk und nachdem der rühere Redakteur des antisemitischen Kischinewer Hetzblattes, Kruschewan, von dem Minister des Inneren, wahrscheinlich als Belohnung für seine hervorragenden Verdienste um das Zustandekommen des Kischinewer Blutbades, eine Subvention von 25 000 Rubel erhalten hat, dürfte selbst den naivesten Gemütern ein Licht aufgehen, welcher Wind in Rußland weht. Petersburg. Es wird dementiert, daß Tolswi für Kischinew 15 000 Rubel gespendet hat. Amerika. New-Aork, 23. Mai. Eine gewalttge Massenversammlung in Carnegie Ha l l ersuchte die Bundesregierung, durch geeignete Mittel bei der russischen Regierung daraufhinzuwirken, daß die Judenverfolgung aufhöre und die lleberlebenden von Kischinew für die Greuel entschädigt würden. Fast alle hervorragenden Männer Amerikas waren entweder persönlich anwesend oder schickten Briefe. Der ftühere Präsident Cleveland sprach, ebenso Präsident Schürman Von der Cornell. Universität. Die russische Regierung für direkt verantwottlich erklärte Carl Schurz in einem Briefe; er nannte Kischinew ein fluchwürdiges Verbrechen an der Menschheit. Frankofurtia. Das anläßlich.der Jubiläumsfeierlichkeiten der Unterrichtsanstalten der Jsr. Religionsgesellschaft aufgeführte Scherzspiel «Babel und Bibel" ist jetzt M Druck erschienen und bei der Buchhandlung I. Kaufmann, Hier für 60 Pfg. zu haben. ♦ * * Die kürzlich in den Besitz der Frankfurter Stadtbibliothek übergegangene Abraham Merzbacher'sche Bibliothek enthält etwa 150 Handschriften, darunter an 20 zum Teil aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammende Pergamenthandschriften, von denen mehrere künstlerisch ausgeführt und mit Malereien versehen sind, ferner 42 sogenannte Inkunabeln oder Wiegendrucke (in der Zeit vor 1500 gedruckt) und eine fast vollständige Sammlung aller Talmud-Ausgaben und Responsen-Werke. Im ganzen umfaßt sie etwa 6000 Bände. In wenigen Jahren ist die hiesige Stadtbibliothek in den Beptz dreier' kostbarer, überaus wertvoller Büchersammlungen gelangt; erst die Bibliothek des vr. Berliner im Wette von Mk. 20000, dann die Bibliothek des verewigten Baron von Rothschild im Wette von mindestens Mk. 100000 und jetzt die Merzbacher'sche Bibliothek im Wette von Mk. 35000. Man kann hierbei immerhin ein gewisses Gefühl des Bedauerns nicht ganz unterdrücken, wenn man sich vergegenwättigt, wie prächttg es gewesen wäre, wenn diese Biblwtheken in den Besitz der Ist: Gemeinde gelangt sein würden. Wir glauben, daß das Geld für den Bau und die Unterhaltung einer Gemeindebibliothek mit Lesehalle mit Leichtigkeit zu haben gewesen. wäre; besonders, wo ja die Stadt die Bibliotheken auf dem Wege der Schenkung von jüdischer Seite erhalten hat. , Am Donnerstag den 28. Mai a. c. war der Jubiläumskommers ehemaliger Schüler der Unterrichtsanstalten der Israelitischen Religionsgesellschast im hiesigen Gewerkschaftshaus, welcher, wenn auch infolge der Sefiro-Zeit mehrere Wochen von den schönen.Jubiläumsfeierlichkeiten am 27. und 28. April getrennt, sich doch würdig denselben anreihte. Herr M. A. Loeb, der den Vorsitz führte, begrüßte die Erschienenen, Mitglieder der Schul- und Gemeindeverwaltung, des Lehrerkollegium, ehemalige Schüler und Schülerinnen und Freunde der beiden Unterrichtsansbalten aufs Herzlichste und wußte in schöner Rede rückblickend auf die Entwicklungsgeschichte der Schulen die Bedeutung des Festes darzulegen. Im Verlaufe des Abends sprachen Herr Schwab, der den Dank der Schüler und Schülettnnen der Schule und dem Lehrkörper gegenüber zum Ausdruck brachte, Herr Direktor Dr. Lange, der zum Schluß seiner interessanten, wirkungsvollen Rede einen Salamander auf seine Majestät den Deutschen Kaiser kommandierte, Herr Baruch,. einer der ältesten Lehrer der Schule, seit einiger Zeit im Ruhestand, der unter Hinweis auf verschiedene Talmudaussprüche den Anwesenden als wichtigste Pflicht, Liebe, Nachsicht und Freundschaft allen Mitmenschen gegenüber darstellte, ferner die Herren Oberlehrer Dr. Bondi, Oberlehrer Dr. Caro, Merzbach, der der schweren Heimsuchungen gedachte, die das jüdische Volk schon so oft in den Tagen der Sefiro, der Zeit zwischen Pesach- und Schwuausjeste, zu erleiden hatte und besonders darauf hinwies, daß man über der Festesfreude nicht hie Leiden vergessen dürfe, von denen unsere Brüder und Schwestern in Kischinew vor wenigen Tagen in so schrecklicher, unverschuldeter Weise gettoffen wurden. Die hiermif veranstaltete Kollekte für Kischinew erzielte einen schönen Erfolg. Für den Schulrat sprach dann noch Herr Rosenheim. Seine Rede galt der Jugend; sowohl der Jugend frische, die die Alten beseele und die Quelle der Lebens- und 'Schaffensfreudigkeit sei. als auch der Jugend, die durch Anwesenheit der jüngeren Generatton in reichem Maße im Saale vertteten sei. Als eigentlichen Zweck des Kommerses bezeichnete nun der Vorsitzende die Anregung zur Gründung eines Vereines ehemaliger Schüler und Schülerinnen der Unterrichtsanstalten der Jsraelittschen Religionsgesellschaft, da es wohl nicht nöttg sei, bis zu einer abermaligen gemütlichen Zusammenkunft wieder ein halbes Jahrhundert verstreichen zu lassen und andrerseits durch reges Bereinsleben manches Ersprießliche geschaffen werden könne. Wie er sich die Arbeit des neuzugründenden Vereines denkt, legt er (wir vermuten in ihm wohl nicht mit Unrecht den Verfasser des hierauf gesungenen Chorliedes) in folgenden zwei Versen dar: Laßt uns drin Geselligkeit Pflegen Mann und Frau und Maid, Jünglinge und Greise, Jüdischer Geist und Litt'ratur Und der Menschheit Mlkultur :,: Zieh' dort ihr Geleise :,: Hier sei von Frauenhand gehegt. Hilfreiche Menschlichkeit, Und was der Mann hier sinnt und wägt. Der Khilla sei's geweiht. Indessen Jugend, lenzumwkegt, 'ne Lust für Aug' und Ohr, :,: Begeistert sich zusammensügt Zu einem Sängerchor :,: Und Turner, stramm geeint zu Riegen» :,: Hipp, hipp, hurra :,: Zu Bock, Reck, Pferd wie Pfeile fliegen :,: Hipp, hipp, hurra :.: Schöne, eigens für den Abend verfaßte Chorlieder, Gesangsvorträge des Oberkantors Herrn Pessachowitsch, Aufführung der interessanten Posse „Babel und Bibel" von Oberlehrer Dr. Bondi, von deren Darstellern besonders hervorzuheben sind: Die vorzüglich durchpeführte, geisterbeschwörende Anna Rothe des Frl. Regina Kann, der nervöse Professor Delitzsch des Herrn Slobotzki, der Hammurabi des Herrn Baer, der Ahasver des Herrn Rosenheimer und die sehr wirkungsvoll dargestellte komische Figur eines Berliner Schutzmanns des Herrn Klibanskv, ferner humottstische Borträge aller Art trugen viel zu dem guten Gelingen des Festes bei,' das die Teilnehmer bis gegen zwei Uhr in fröhlicher Stimmung zusammenhielt, und dem wohl ein Jeder ein dankbares Gedenken bewahren wird. A. * * * Da Herrn Dr. Adolf Brüll der Gottesdienst in der Reformsynagoge noch zu jüdisch ist, so wird er auf die hohen Feiertage einen reformierten Reformgottesdienst unter seiner Leitung einttchten. SrmKeton (Nachdruck verboten.) Aus de« Erinnerungen einer Chewrefra«. (Schluß.) Und Du brauchst Dich nicht zu fürchten, Mutterl, ich werd schon nicht mehr weinen. Nur im Augenblick ist's so über mich gekommen, aber jetzt bin ich schon wieder vernünfttg. Und Mutterl, wenn Du nur das mir zu Liebe tun möchtest, daß Du, so lange ich nicht zu Hause bin, zu keinem Sterbenden und aiuh zu keiner Leiche gehen möchtest. Der Vater ist doch tagsüber nicht zu Haus, und wenn ich da auch nicht bei Dir bin, und Dir so schlecht ist und Du ganz allein bist —" „Sei ruhig. Kindlieb", habe ich gesagt, „ich verspreche Dir, bevor Du nicht wieder hier bist, gehe ich nirgends hin, wo ich weiß, daß Tu es nicht gern hast." — Da hat sie sich gefreut und hat gesagt, weil sie weiß, daß ich so lange nicht tun werde, was mir so schwer wird, so wird sie vielleicht noch länger fortbleiben als über den Winter — das hat sie natürlich nur im Scherz gesagt, aber — aber — sie ist nicht wieder gekommen — nie wieder — ich habe sie nie wiedergesehen. — Aber nein, davon kann ich nichts schreiben, es ist zu schrecklich. Als wir Schiwoh gesessen sind, mein Mann und ich, da sind alle Leute zu uns gekommen und jeder hat von unserem Kind erzählt, wie sie diesem geholfen hat und jenem, und wie sie andere getröstet hat und anderen Mut zugesprochen hat und wie sie dem Einen dieses und dem anderen jenes getan hat. — Mein Mann hat die Leute angestaunt mit weit offenen Augen, aus denen beständig Tränen gelaufen sind. „Hättest Du das von ihr gedacht?" hat er immer gefragt. „Gewiß", Hab ich gesagt, „ich werd doch mein Kind kennen." Er aber hat den Kopf geschüttelt. ,/S» Hab' ich sie nicht gekannt, ich Hab geglaubt, so wär sie nur gegen unS gewesen, aber jetzt sehe ich's, so war sie gegen hip ganze Welt-"

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