Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 31 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Ach, wenn sie leben geblieben war, was war' das für 'ne Frau geworden! und was für 'ne Mutter! — — doch man darf nicht ungerecht sein, unsere andern Töchter, wir haben noch vier, Gott soll sie uns beim Leben und gesund erhalten — sie sind zwar nicht so schön und so wunderlieb anzuschauen, wie unsere Jüngste, Gott habe sie selig! — Aber eben so brav sind sie, jede extra ist eine Escheschajil, das sagen ihre Männer und ihre Kinder und das sagt die ganze Welt- — Usid es ist ja auch kein Wunder. Zwar sie haben alles gelernt, was in der Schule gelehrt worden ist, aber immer und immer haben wir ihnen gesagt, daß sie nicht glauben sollen, daß das, was sie in der Schule lernen, die Hauptsache sei, daß im Gegenteil, für Mädchen die Hauptsache ist, was sic im'Hause lernen und tun, immer erst für andere zu sorgen und erst zuletzt für sich- Und wenn sie auch die Aufgaben für die Schule haben machen müssen, immer, immer hat eine Jede auch etwas sür's Haus tun müssen, damit sie von klein auf wissen, daß für sie das Haus die Hauptsache ist. Und wenn ich einmal krank gewesen war, da hat immer wenigstens eine von den Kindern zu Haus bleiben müssen, um mich zu pflegen und für den Haushalt zu sorgen. Da ist nicht der Lehrer und nicht der. Direktor gefragt worden, das hätte mein Mann nimmer zugegeben, daß ich zu Bett liegen muß und unsere Töchter In der Schule Geographie lernen sollten und Orthographie und alle die andern phies. — Und das hätten unsere Kinder auch von selbst nicht getan. Aber heut zu Tage, ach du lieber Gott! — Da mag die Mutter krank liegen, so lange sie will, die vierzehn- und fünfzehnjährigen Mädchen, die noch in die Schule gehen, dürfen den Unterricht auch nicht eine Stunde versäumen! Das erlaubt Herr T. nicht und der I. auch nicht!-Aber ich glaube nicht einmal, daß das wahr ist, daß heute irgend ein vernünftiger Lehrer etwas dagegen haben würde, wenn ihm ein vierzehn- oder fünfzehnjähriges Mädchen sagt, daß ihre Mutter krank ist und daß sie zu Hause bleiben müsse, die Kranke zu pflegen, weil kein anderer dazu da ist. Ich glaube nicht, daß ein auch nur halbwegs vernünftiger Lehrer dagegen etwas sagen würde. Aber die Eltern selbst wollen's nicht haben, die glauben, daß es was Schreckliches wäre, wenn die Tochter eine Algebrastunde oder sonst so was versäumen würde. Ist es da zu verwundern, wenn die Mädchen das werden, was man auf gut deutsch egoistisch nennt? wenn sie nur an sich denken und immer nur an sich und meinen, der Kram, was sie da in der Schule lernen, wäre wichtiger als die Gesundheit der Mutter, und der Haushalt, von dem sie absolut gar nichts verstehen, und deswegen meinen, daß es gar keine Kunst wäre, einen Haushalt zu führen? Bei den Reichen, die sich dereinst so und so viele Dienstboten halten und überhaupt immer in's Bolle greifen können, ist es zwar auch nicht gut, wenn die Frau nichts vom Haushalt versteht und immer zumeist an sich und an ihre Toilette und an ihre Wissenschaften denkt. Wie gesagt, gut ist das auch nicht, aber es ist doch nicht gar so arg. Wenn sie im fiebrigen gut ist und ihren Mann lieb hat, dann wird sie auch ohne es gelernt und geübt zu haben, es verstehen, dem Gatten ein behagliches Heim zu bereiten. Und bei den armen Mädchen ist es auch nicht gar so arg. Wenn die aus der Schule kommen, kommen sie in eine Haushaltungsschule oder in eine Kochschule und dann werden sie Köchinnen oder Haushälterinnen oder so was derartiges und wenn sie sich auch keine große Mitgift ersparen können, eine kleine werden sie sich immerhin ersparen, und werden das Haushaltführen aus dem ff verstehen und darum werden sie im Stande sein, auch im eigenen Haus mft geringen Mitteln es dem Mann behaglich zu machen. In den weitaus meisten Fällen haben sie Aussicht glückliche Frauen und Mütter zu werden. Ganz anders verhält es sich aber mft den armen Mädchen aus dem Mittelstände. Die sind wirllich zu bedauern, ach, und wie! — Die Eltern sind nicht imstande, den Töchtern eine Mftgift zu geben, darum läßt man sie „was lernen", damit sie sich selbständig ernähren und eine Mftgift erwerben können. Das hört sich ja ganz vernünftig an, aber wie verhält es sich damit in Wirllichkeft? — Die meisten Mädchen besuchen die Handelsschule und kommen dann entweder in ein Kontor oder in ein Geschäft, und müssen da arbeften von früh bis spät. Das ist ihr sogenannter Beruf, durch den ihr eigentlicher Beruf vollständig in die Brüche geht. Denn dabei denken sic außer an's Geschäft, durch das sie sich Geld verdienen, nur an sich und einzig und allein an sich. Wie gesagt, meinem seligen Kinde habe ich's versprochen, so lange sie nicht bei mir ist zu keiner Leiche und zu keinem Sterbenden zu gehen, außer wenn es notwendig ist, wenn sonst nicht genug da sein sollten. Und was ich versprochen habe, das halte ich. Aber dafür gehe ich zu Kranken; wo es was zu pflegen giebt, da gehe ich hin. In meiner Heimatgemeinde habe ich's ausgesprochen, daß ich Jeden Pflegen will, der mich rufen läßt, und da man weiß, daß ich nicht gezahll dafür nehme, werde ich selbstverständlich zu reichen Kranken nicht gerufen, dafür aber sehr oft zu Armen und am allermeisten zu den Kranken des sogenannten Mittelstandes. Und dabei habe ich gar viele traurige Erfahrungen gemacht, die mich veranlassen, dieses zu schreiben. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Ich muß schon sagen, bei den armen Leuten, da tun die Kinder und namentlich die Töchter fast immer ihre Pflicht- Sie pflegen die Kranken und arbeiten sür's Haus und sorgen nach Kräften für alles. Da werd ich meistenteils nur gerufen, damit die Pflegerinnen sich hin und wieder ausschlafen können- , Aber im Mittelstand, du lieber Gott! wie schaut's da häufig aus! — Da ist in der vorigen Woche ein braver Mann gestorben, zu dem ich auch öfters gerufen worden bin. Sehr, sehr brav ist er gewesen, und seine Frau ist auch sehr, sehr brav. Und sie hat ihren Mann gepflegt und für alles gesorgt, gradezu großartig. Aber das Herz hat einem weh getan, wenn man gesehen hat, wie sich die Arme abgearbeitet und abgequält hat- — Der Kranke hat's oft gesagt, er kann's nicht mit ansehen, wie sie sich für ihn aufreibt. Aber was hat sie machen sollen? Er ist sehr lange krank gelegen, und wenn ich ihr auch oft geholfen habe, so bin ich doch auch oft zu andern gerufen worden und habe doch auch für meinen Mann zu sorgen. Aber vier erwachsene Töchter hat sie, die doch auch wohl etwas hätten helfen sollen. Aber eine jede hat ihren Beruf, zwei schreiben auf der Maschine in Kontors und zwei sind in Geschäften. Und wenn sie Abends nach Hause gekommen sind, da haben sie manchesmal wohl geftagt, wie's dem Vater geht, manchesmal aber auch nicht- Denn immer haben sie gellagt, daß sie so müd sind, so müd — daß die Mutter, wenn der Doktor bisweilen spät noch was verschrieben hat, nicht einmal den Mut gehabt hat, einer Tochter zu sagen, daß sie in die Apotheke gehen soll, sondern lieber selbst gegangen ist. Weil die armen Kinder gar so müd waren. — Daß das arme Weib noch weit müder war, daran hat keine gedacht. — Und dabei habe ich die Mädchen gekannt, bevor sie einen sogenannten Beruf gehabt haben, und La sind sie ganz lieb gewesen, wirllich gar nicht arg. Aber das immer und ewige für sich arbeiten und nur für sich, das macht die Menschen selbstisch und kalt- Dergleichen könnte ich noch viel erzählen. Und wenn nun die armen Mädchen zehn oder zwölf Jahre lang sich abgearbeitet haben in ihrem sogenannten Beruf, dann werden sie vielleicht einige Tausend Mark haben, dafür sind sie aber alte Mädchen, gewöhnlich verblüht und sehr oft nervös und haben keine Idee, wie man einen Haushalt führen kann mit geringen Mitteln und wissen nicht, wie man es einem Mann behaglich machen kann. Denn von Hausarbeit und dergleichen haben sie keinen Begriff. Und das lernt sich nicht so rasch, das muß Jahre und Jahre geübt werden. Und wenn auch ein altes, abgearbeitetes, nervöses, alleinstehendes Mädchen sehr zu bedauern ist, so weiß ich doch nicht, wann sie mehr zu bedauern ist, ob wenn sie ledig bleibt oder wenn sie heiratet; und wer in letzterem Falle mehr zu bedauern ist, ob die .Frau oder der Mann- Darum ihr Ellern aus dem Mittelstände, ihr zärtlichen Mütter, ihr sorgenden Väter! lasset euch warnen! — Gestattet keiner Tochter sich einem Beruf zu widmen, der ihre ganze Zeit, von Morgens' früh bis Abends spät in Anspruch nimmt und es ihr unmöglich macht, das. einzige ersttebenswerte Ziel zu erstreben — eine Escheschajil zu werden. Wohl manche Köchin, manche Haushälterin und manche Krankenwärterin oder dergl. wird eine Escheschajil geworden sein, eine Kontoristtn oder ein Ladenmädchen sicherlich noch nie. Und wenn auch eure Töchter, angekränkelt von den ungesunden Anschauungen der Gegenwart, verlangen würden in ein Geschäft oder in ein Kontor einzutreten — gebt es nicht zu! gebt es nicht zu! — Es ist ja wahr, in den Geschäften und in den Kontors müssen die Mädchen immer nett gelleidet sein und haben weiße Hände — das gefällt euren Töchtern. — Aber ihr seid gewarnt! — Und nochmals bitte ich euch, ihr zärtlichen Mütter, ihr sorgenden Väter, machet die Augen auf und sehet, was aus euren Töchtern geworden ist, wenn sie auch nur ein oder zwei Jahre im Kontor oder im Geschäft gearbeftct haben. Sie werden absolut nichts vom Haushalt verstehen und werden auch nichts davon wissen wollen, denn die ganze Haushaltungsmisere, wie sie's oft nennen, ist ihnen zum Ekel und sie sind froh, wenn sie heraus sind, und wär's auch nur in ihren: Geschäft oder in ihrem Kontor. Ja, so reden sie jetzt, noch sind sie glücklich mft 'nem rosa Bändchen und 'nem blauen Schleifchen und mit einer schönen Bluse und ihren weichen, Weißen Händen. Arme, arme Kinder! — Wie lange wird's dauern und ihr werdet's erkennen, daß ihr euch selbst betrogen habt um das wahre Glück. Aber dann ist's zu spät. — Darum Mütter! Väter! schützet eure Töchter, daß sie ihren wahren Beruf nicht verfehlen. M. 8. (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) Der andere Wald war jetzt erreicht. Ein schmaler Fußwege zwischen jungem «Strauchwerk und dichten _ Nr . 31. Bäumen. Der Bauer ging tastend voran, die anderen mit pochenden Herzen ihm blindlings nach. „Hier der Graben" — flüsterte Peter kaum hörbar. — „Gerade mir nach! Rasch hinüber, dann noch einige .«Schritte vorwärts laufen, so wäre es getan!" Zum Hinüberspringen war der Graben doch zu breit, so wateten sie durch Schlamm und flaches Sumpfwasser hinter dem Führer her, der durch allerlei Zeichen immer zur größeren Eile antrieb. Rahel hing sich fast ganz an den Arm ihres Begleiters, der sie halb tragend weiter führte, so daß ihre Schuhsohlen kaum den Sumpf berührten. „So geschwind als möglich!" — schrie jetzt, plötzlich der Bauer fast laut auf. In einiger Ferne am jenseittgen Grabenufer wurden einige Lichtschimmer sichtbar, die mit Windeseile immer näher kamen. „Reitende Grenzsoldaten!" — schrie Peter, alle Vorsichtsmaßregeln in seinem Tone außer Acht lassend. — „Also geschwind, vorwärts! geschwind!" Eine wilde Panik ergriff alle, die kopflos hinter, auch vor dem Bauer Herliesen. Ein «Schußknall ertönte und fiel plätschernd ins Wasser des Grabens, wie ein herabfallender Donner. „Vorwärts! Immer vorwärts!" Aber Rahel war wie gelähmt. «Scholem mußte sie förmlich in seinen Armen tragen. „Halt! Halt!" — schrien mehrere Stimmen auf einmal. Ein schrilles Pfeifen tönte durch die stille Nacht. Von allen «Seiten hörte man Reiter heranttaben. „Halt! Halt!" Schüsse flogen in die Luft. Der Bauer war auf einmal verschwunden. „Peter!" — schrien die Armen in ihrer Seelenangst, aber Peter war weder zu sehen, noch zu hören, als wäre er in die Erde versunken. Die meisten liefen in rasendem Schrecken immer weiter und liefen immer noch, als sie längst auf preußischem Boden waren. Der alte Jankel verlor ganz den Kopf und lief zurück in die Büschung. „Halt! Halt!" — schrie cs von allen Seiten jetzt in nächster Nähe. Schalem spürte einen mächtigen Schlag wie mit einem Kolben an seinem Hinterkopf und dann eine krästtge Hand, die ihn am Kragen packte. Er begriff die Situation, verlor aber merkwürdigerweise seine Geistesgegenwart nicht. Er wollte noch vorwärts, wurde aber heftig zurückgezogen. . „Rette Dich und denk an mich!" — rief er und warf Rahel mit Aufbietung aller Kraft mehrere Schritte vor sich hin. Sie fiel bewußtlos zu Boden, aber auf deutschem Gebiete — sie war gerettet, während er ebenfalls bewußtlos rücklings —in die Hände seiner Häscher siel. 4. Als Rahel wieder zum Bewußtsein gelangte, befand sie sich im Gasthanse „Robenschein", das zugleich das Nächstliegende Haus jenseits der preußischen Grenze bildete. Sie lag auf einem Sofa auf Kissen gebettet im Wohnzimmer der Familie. Die ältere Tochter dies Hauses saß neben ihr und fragte sie, indem sie sie freundlich und teilnehmend anschaute, ob sie etwas wünsche. Rahel 'schaute mit ihren großen, blauen Augen das Mädchen und das Zimmer an; alles, war ihr ftemd und vollständig unbegreiflich. „Wünschen Sie etwas, Fräulein? Und fühlen Sie sich jetzt wohler?" — wiederholte das Mädchen. „Wo bin ich? Wie kam ich hierher?" — fragte sie statt jeder Antwort. Das Fräulein Robenschein hatte, obzwar sonst noch arm an Erfahrungen, schon oft Gelegenheit, das Elend in seinen grausigsten Farben zu sehen, und jedes Mal regte sich ihr mitleidiges Herz von neuem. Als nächste Nachbaren zum Lande der Heimatlosen hatte das Haus ihrer Eltern in den vielen Jahren schon tausenden von müden und erschöpften Flüchtlingen die erste Zuflucht, die erste freie Atmungssphäre geboten. . . . Die gute Rösa hatte sich bei ihren Liebeswerken auf diesem Gebiete eine gewisse Routtne angeeignet und so lag auch jetzt in ihrem Wesen und Tone, als sie sich zu Rahel setzte, um sie über ihre Situatton aufzullären, jene milde Festigkeit und sanfte Gelassenheit, wie man sie sonst, nur bei älteren, gereifteren Damen, etwa Lei Krankenschwestern zu finden pflegte« Sie erzählte ihr, daß man gestern Nacht, wie immer nach mißlungenen Grenzüberschleichungen, noch einmal das Revier am diesseitigen Gvabenufer absuchen wollte. Bon den glücklich herübergekommenen wollte keiner mit. Sie standen da zähnellappernd am Ofen, trockneten ihre nassen Kleider und zitterten am ganzen Körper, sobald sie nur noch das Wort „Grenze" hörten. Ihr Vater und Peter, der auf Gott weiß welchen Weg sich plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, in der Wirtschaft einfand, machten sich mit Stecken und Laterne auf den Weg. Als sie, Rosa, hörte, daß unter den drei Vermißten sich auch ein junges Mädchen befindet, ließ sie es sich nicht nehmen, die im Grunde müh- und gefahrlose Expedition mitzumachen. Von den drei Vermißten fanden sie dann nur sie allein, die wenige Schritte vom Grenzgraben entfernt auf preußischem Boden ohnmächttg dalag. Sie nahmen sie auf, brachten sie heim und sie, Rosa, übernahm es, noch den Keinen Teil, der Nacht bei ihr zu bleiben. Als der Ohnmachtszustand — erzählte Rosa weiter — durch Rerb-