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Neue jüdische Presse · 1903-06-05 · Heft 31 (5.6.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 31 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. war er zudringlich gewesen, als ich ihm das Dreifache schenken wollte, nahm er's nicht und ging beleidigt davon. Wie heißen Sie? fragte ich ihn, als ich ihn erreicht hatte. Er blickte mich furchtsam an und schwieg. Ich wiederholte meine Frage. Was hat der Herr davon, wie ich heiße? Ich heiße Maier Kvtschenski. Sie find aus Galizien? Ich habe lang gelebt in Galizien, aber geboren in Rußland. Haben Sie über die Vorgänge in Kischenew gelesen? Hab' ich gelesen. Und was sagen Sie dazu? Was soll ich dazu sagen? Gar nichts sag' ich dazu. Sie lassen Sie kalt? Kalt oder warm! Sind erschlagen worden fünfzig Juden; Männer, Frauen, Kinder, verwundet fünfhundert, beraubt fünftausend. Nun, was ist dabei? Was hat nicht gelebt, kann nicht sein gestorben. Nicht gelebt? Nun, ist ein Leben, was führt ein armer Jud'? Was führt noch dazu ein armer Jud' in Rußland? Es tut weh, wenn man wird erschlagen, aber das Sterben tut immer weh. Was braucht der arme Jud' zu leben? Um zu hungern, um zu werden gestoßen, geschlagen, angespieen? Um zu sorgen jür sein Werb und seine Kinder? Wer er kann nicht sorgen. Sie'hungern, wenn er lebt und wenn er ist geworden erschlagen, hungern sie auch. Was ist da der Unterschied? Ist jetzt ein großes Geschrei. Wer warum gerade jetzt? In Rußland werden immer arme Juden erschlagen oder wenigstens ausgeplündert» oder gestoßen und angespien. Wenn man lebt in Rußland und ist arm, ist nian das gewohnt. Wir sind doch reich, wir Juden. Lauter Nochschilds. Und auf der ganzen Welt gibt es nicht so viele Bettler, als es gibt jüdische Bettler in Rußland. Wie sind Sie nach Budapest gekommen? Wie kommt ein Bettler? Haben Sie gehört von den Judenverfolgungen in Jekaterinoslaw? Es war ärger als in Kischenew, viel, viel ärger. Ich Hab' gehabt ein Geschäft, ein eigenes Geschäft. Das ist geworden ansgeraubt und angezündet. Und mein Vater. . . und mein Weib . . . und mein Kind - . . mein einziges Kind, meine schöne Fradele . . . und mein rechter Arm ist seither steif, und ich kann ihn nicht bewegen und kann nicht arbeiten. Und mein Verstand ist, glaub' ich, nicht in Ordnung. Und wie ich Hab' Alle begraben gehabt, Hab' ich mich durchgebettelt nach Galizien. Und Hab' gebettelt viele Jahre, dann hat man mich eingesperrt und ausgewiesen, denn ich habe keine Zuständigkeit gehabt. Und ich Hab' gebettüt bis nach Ungarn. Und "jetzt verkaufe ich Schuhschnüre. Will der Herr kaufen? Zwei Stück um drei Kreuzer. Gute, starke Schuhschnüre. Im Geschäft kriegen Sie sie nicht so billig. -Und wenn Sie Jahre lang gebettelt haben, warum haben Sie vorhin die zehn Kreuzer nicht genommen, die ich Ihnen geboten habe? Bettle, ich jetzt? Ich verkaufe Schuhschnüre. Manchen Tag verkaufe ich sechzig Paar. Wenn ich kann verdienen, bettle ich nicht. Gute Nacht, Herr! Herr Kvtschenski! Was will' "der Herr? Wollen Sie mir nicht die Hand reichen zum Abschied? Er reichte mir zögernd die Hand. Gute Nacht, Herr. — Gute Nacht, Herr Kvtschenski. Und nehmen Sie hier meine Adresse. Vielleicht brauchen Sie einmal einen Freund. Wer ich sprach diese Worte in die Luft. Er war bereits davongegangen, langsam, mit gesenktem Haupte, ein Träumer. Aus aller Well. Deutschland. Frankfurt a. M. Wir erhalten folgende Zuschrift seitens der vor Kurzem handelsgerichtlich eingetragenen Orient-Colonisations^Resellschaft: Tie letzten Ereignisse in Südrußland haben wieder einmal in erschreckender Weise gezeigt, in wie unhaltbarer Lage die große Ddasse der Juden lebt- Ohne die außerordentlich dringende momentane Hilfs-Aktion auch nur im mindesten beeinträchtigen zu wollen, möchten wir doch bei dieser bellagenswerten Gelegenheit auf eine Bestrebung aufmerksam machen, welche geeignet ist, bei künftigen Katastrophen ähnlicher Art als ein Notanker zu dienen, denn wir glauben, daß es angebracht wäre, sich nicht mit der Linderung der momentanen Not genügen - zu la'en, sondern gleichzeitig für künftige Fälle vorzuhauen. Unserer Wsicht nach, spricht nichts dafür, daß die gegenwärtige Katastrophe die letzte gewesen sein wird, und nichts kann falscher sein, als sich darauf zu beschränken, nach jü»em solchen Unglück — soweit als möglich — helfend und lindernd einzugreifen. Wir müssen unbedingt Vorsorge zu treffen suchen, daß in Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. künftigen ähnlichen Fällen, wie sie leider mit Sicherheit zu erwarten sind, schon Einrichtungen getroffen sein werden, um prompte Hilfe zu leisten. Wir halten es auch' für erforderlich, die Auswanderung von Juden aus so überaus gefährdeten Positionen durch geeignete Organ isationzwarnichtzu veranlassen, aber doch zu erleichtern. Diesen Zwecken soll die kürzlich begründete „Jüdische Orient- Colonisations-Gesellschaft" dienen, deren Prospekt es klar werden läßt, daß es sich um esn sorgfältig vorbereitetes und mit den Verhältnissen der Auswanderer sowohl als des Orients rechnende Kolonisations-Unternehmen handelt. Mit bloßer Wohltätigkeit läßt sich nach jahrzehntelangen Erfahrungen weder eine große Kolonisation, noch auch eine durchgreifende Whilfe für den grauenhaften Notstand schaffen, welcher auf einem so großen Teil der Judenheit lastet, — aber ebenso falsch wäre es nach unserer Ansicht, auf eine kaltherzig-geschäftsmäßige Weise das Problem anzupacken, und etwa Vorfälle, wie die in Süd-Rußland, für eine Geschäfts- Spekulation zu verwenden. Tie Leiter des Unternehmens sind vielmehr der. Ansicht, daß es sich hier um ein großes jüdisch-soziales Werk handelt, welches zwar geschäftsmäßige Methoden braucht, well anders eine gesunde Entwicklung nicht möglich ist, für dessen Begründung aber allein das soziale Moment maßgebend war. Tie neue Gesellschaft will durch Vorbereitung von Heimstätten im Orient die Auswanderung derer erleichtern, welche in der Auswanderung ' ihr Heil sehen, indem sie ihnen durch Fachleute und geschulte Arbeiter Kolonien mit Baum- und Gemüse-Pflanzungen re. .vorbereiten läßt, sodaß die Kolonisten bei ihrer Uebersiedelung sich viel besser und schneller in diese amwenig st enroheKraft erfordernde Form der Landwirtschaft Hineinsinden können, als es bei der bisherigen Kolonisation auf unvorbereitetem Boden der Fall war. Weiter ist Vorsorge gelrofsen worden — wie aus dem Prospekt und Statut ersichtlich —, daß die Kolonisten in kürzester Zeit in der Lage sein sollen, der Gesellschaft ihren Koloniebesitz zu leichten Zahlungsbedingungen abzunehmen, sodaß die Kolonisten möglichst bald zu einer Selbständigkeit gelangen. Wir bitten daher alle diejenigen, welche für diese Form der Hilfe (bei der es. sich alfo keineswegs um Zahlungen ä fonds perdu handelt) Interesse haben, von unseren Prospekten Kenntnis nehmen zu wollen, und hoffen, daß sie daraus Veranlassung nehmen werden, unseren Bestrebungen näher zu treten. Biel hängt davon ab, daß die neue Gesellsch astmöglich st bald in Aktiontritt. Cassel. Cassel hat nun auch seine erste große politische Wählerversammlung in diesem Wahlkampfe erlebt. Am Mittwoch Abend hielten die Antisemitenhäuptlinge Herr Amtsrichter Lattnrann-Schmalkalden, Kandidat für Kassel-Melsungen und Graf Reventlow, Kandidat für Hofgeismar die Herrschau ab über ihre Getreuen. Man hatte sich den großen Stadtparksaal Kassels dazu ausersehen Die Versammlung war gut besucht, etwa 1100 Personen mochten anwesend sein, freilich mindestens ein Drittel waren Gegner. Cassel, 27. Mai, Am Donnerstag den 21. d. Mts. fand in Schaubs Garten dahier die 35. Jahresversammlung der israelitischen Lehrerkoriserenz Hessens statt. Es waren 55 Mitglieder und 7 Gäste anwesend, unter letzteren die Herren Landrabbiner Dr. Prager und Banker Blumenthal-Cassel und Provinzialrabbiner Dr. Munk-Marburg, sowie als Vertreter des Hauptausschusses des Hessischen Bolksschullehrervereins Herr Lehrer Ärede-Cassel. Der Vorsitzende, Herr Lehrer Amram-Borken, begrüßt die Erschienenen und ermahnt zu treuem Festhalten am Verein. In seine Ausführungen flocht der Vorsitzende interessante Mittellungen aus einer vor kurzem seitens des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche veranstalteten Enquete über die Zahl der jüdischen Volks- und Religionsschulen, sowie über die Zahl der dieselben besuchenden Schüler im Regierungsbezirke Cassel. Der Jahresbericht giebt zunächst dem Gefühle der Erbitterung im hessischen Lehrerstande über das bei der Besetzung der jüdischen Lehrerstellen eingehaltene Verfahren Ausdruck. In den meisten Fällen werden ganz junge Bewerber, die noch nicht im Volksschuldienste des Regierungsbezirks gestanden haben, solchen vorgezogen, die schon Jahrzehnte auf gering dotterten Stellen an vom Verkehr abgelegenen Orten ausgehalten haben und denen eine Beförderung notwendig wäre. Der Bericht teilt dann mit, daß der Ausschuß in dieser Angelegenheit, ohne erst" einen Kvnferenzbeschluß herbeizuführen, eine Eingabe an die königliche Regierung gerichtet habe. — Weiterhin enthält der Bericht Mitteilung darüber, was betreffs der besonderen Besoldung des Vorsängerdienstes geschehen ist. Leider blieb sowohl die Eingabe an den Herrn Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, wie auch die Petitton an den Landtag erfolglos. In der Angelegenheit des Einjährig-Freiwilligendienstes, zu dem bisher das Zeugnis der Privatseminare — also auch der jüdischen — nicht berechtigte, ist ein besserer Erfolg erzielt worden. Die Petition, welche jn dieser Angelegenheit von 134 jüdischen Volksschullehrern Preußens (darunter etwa 40 hessische) Nr. 31. an den Reichstag gerichtet wurde, ist yon diesem dem Herrn Reichskanzler zur Erwägung überwiesen worden.— Während der Bericht nun weiter mitteilt» daß der Ausschuß an den emeritterten und bei dieser Gelegenheit mit dem Adler des hohenzollernschen Hausordens dekorierten Kollegen Emmerich-Rhina, sowie an den um die jüdische Lehrerschaft Deutschlands hochverdienten Vorsitzenden der „Achawa", Herren Konsul Adolf Bär-Goldschmidt zu Frankfurt a. M., zu dessen 70. Geburtstag eine Adresse überreicht habe, widmet er Worte ehrenden Gedenkens den im Berichtsjahre verstorbenen Kollegen Katzenstein-Langendiebach, Goldschmidt-Frankenberg, Rothschild-Cassel und Engelbert-Cassel, daran einen Nachruf für Seine Exzellenz, den verstorbenen früheren Ministerialdirektor Dr. Kügler, den hochverdienten Freund der Volksschule und des Volksschullehrerstaudes, den toleranten -Beschützer der jüdischen Volksschule, anreihend. Mit der Mahnung, die der Selbsthilfe dienenden Veranstaltungen des Hessischen Volksschullehrervereins und der Achawa zu fördern, sowie an die Erledigung der reichhaltigen Tagesordnung im Geiste der Eintracht und der Brudertreue heranzugehen, schließt der Jahresbericht. Es folgte nun der Bortrag des Kollegen Oppenheim-Treysa: „Der Unterricht in der jüdischen Ge» schichte in Verbindung mit demjenigen in Weltgeschichte und Geographie." Zunächst äusführend, wie notwendig und wichtig eine eingehende Pflege dieser Unterrichtsdisziplin sei für die Erhaltung und Wiederbelebung des religiösen Sinnes, schlug der Vortragende vor,' den Teil der jüdischen Geschichte, der die Zeit bis zum Abschluß des Talmud behandelt, an den biblischen Geschichtsunterricht anzuschließen, die Geschichte der Juden unter den Völkern jedoch und damit insbesondere die Geschichte der deutschen Juden mit dem Unterricht in der Weltgeschichte, und wo er sich hier nicht leicht einrichten lasse, mit demjenigen in Geographie und verwandten Fächern zu verbinden, schon weil sich dieser Teil der Geschichte der Juden unter den Völkern nicht loslösen lasse von der Geschichte und dem Lande der betr. Völker. Me Leitsätze hatten folgenden Worllaut: „1. Die jüdische Geschichte verdient in der israelitischen Volksschule eine sorgfältige Pflege. 2. Mit Rücksicht auf die für den Religionsunterricht zur Verfügung stehende geringe Stundenzahl empfiehlt es sich, von einer systematischen Behandlung des Unterrichts in der jüdischen Geschichte abzusehen und denselben an den Unterricht in Geschichte und Geographie anzulehnen. 3. Die Stoffauswahl hat den Ährzweck und das Lehrziel zu berücksichtigen. 4. Die methodische Behandlung des jüdischen Geschichtsunterrichts ist dieselbe wie diejenige des Unterrichts in der vaterländischen Geschichte. 5. Zur Erreichung bleibender Unterrichtsergebnisse ist die Einführung eines geeigneten Leitfadens zu empfehlen." Die Leitsätze fanden nach kurzer Debatte einfttmmige Annahme. Sodann wurde auf Antrag des Nestors der Versammlung, des Kollegen Bvandes-Oberaula, der trotz seiner 67 Jahre und trotz der 5 Stunden bis zur nächsten Bahnstation zu den treuesten Besuchern und Mitarbeitern der Konferenz gehört, der Ausschuß beauftragt, an zuständiger Stelle zu beantragen, daß jeder definitiv angestellte erste.oder Alleinige israelitische Lehrer zum Mitgliede des Schulvorstandes für seine Schule ernannt werde. — Bon Bedeutung insbesondere für die nicht an einer Volksschule wirkenden hessischen Lehrer war eine. Mitteilung des Kollegen Strauß-Gelnhausen. Diese an einer Religionsschule angestellten Lehrer unterstehen weder dem Besoldungsnoch dem Pensionsgesetze; sie sind auf das Wohlwollen ihrer Gemeinden angewiesen, denen, soweit es sich um die Alters- und Reliktenversorgung handelt, wenn nicht der gute Wllle/so doch meist die Mittel fehlen. Es wollte bisher nicht gelingen, den Kollegen aus dieser Notlage zu helfen, bis sich jetzt die durch den hessischen Kommunalverband neu zu schaffende Pensionskasse für Kommunal- und Gemeindebeamten usw. bereit erllärt hat, auch sie auf desfallsigen Antrag aufzunehmen. Auf Antrag der Kollegen Lotheim-Falkenberg und Rapp-Merzhausen wurde der Ausschuß. beauftragt, für den Wegfall der Probegottesdienste zum Zwecke der Bewerbung um erlebigte Stellen einzutreten. Es möge, so führte der Antragsteller aus, , in das Abgangszeugnis auch eine Note über die Befähigung zum Vorsängerdienst ausgenommen werden, die dann bei einer etwaigen Bewerbung genügen müsse; nur auf diesem Wege könne den Uebelständen bei den Stellenbesetzungen abgeholfen werden. Gerade dieser Teil der Tagesordnung fand eine lebhafte Besprechung, well unter den obwaltenden Uebelständen zu weite Kreise '.der jüdischen Lehrerschaft Hessens, zu leiden haben. — Auf Antrag des Vorsitzenden wurde beschlossen, im nächsten .Winter eine neue'Bittschrift in. Sachen der besonderen Besoldung des Vorsängerdienstes an den Landtag, zu richten. — Endlich fand noch ein Antrag Brandes-Oberaula Annahme, durch, den. der Ausschuß .beauftragt wird, Erhebungen . Wer den Umfang, der Accidentien zu veranstalten, um auf Grund derselben eine gesetzliche Festsetzung der Gebühren für dieselben in. die Wege zu.leiten. .. Herr Architekt.'Epstein-Cassel teilte mit, daß er im Aufträge der. „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler" zu Frankfurt a. M. .den.Regierungsbezirk.-bereisen werde, um hervorragende Synagogen,

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