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Neue jüdische Presse · 1903-06-05 · Heft 31 (5.6.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 31 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nach Süden im stillen Verein, Sie fließen und ergießen. Sich all in den Jordan hinein. H. Heine. . Vor Jahrhunderten fanden in Worms und Mainz Juden-Metzeleien statt, und noch jetzt beweint die gesamte Judenheit, insoweit sie treu blieb und sich Nicht schämte zu den Nachkommen dieser Helden' zu gehören, allerorten die »Heiligen" von »Magenso" und »Wormaiso", die zur Heiligung Seines Namens gestorben sind. Was Wunder also, daß nach dem vor unseren Augen vergossenen jüdischen Blute Tränenströme fließen. Die furchtbare Erschütterung, die die jüdischen Herzen in Rußland durch die traurigen Ereignisse in Kischinew erlitten haben, spiegeln die hebräischen Tageszeitungen wieder. ,Aus der Fülle ihrer Berichte geht hervor, daß man in Rußland nicht nur den Klingbeutel schwingt, daß nicht nur reichliche Spenden eingehen, wobei auch die kleinsten Gemeinden mll weit über ihre Verhältnisse gehenden Beiträgen sich beteiligen, sondern daß auch heilige Tränen des Erbarmens und der ttef empfundenen Bruderliebe in reicher Fülle fließen. Ueberall werden allgemeine Fasttage angeordnet. Trauer¬ und Gedächtnisgottesdienste für die Opfer von Kischinew abgehatten, wobei die Bemerkung immer wiederkehrt: Die Synagogen waren, wie am Jom-Kipur überfallt, und als im »Hoskoras-Neschomaus" die Namen der heiligen Märtyrer von Kischinew aufgezählt wurden, da erfüllte ein lautes Weinen und Schluchzen das S Gotteshaus. Auch die Herren, die bis jetzt. sie für vollwerttge... Russen oder Polen gellen, den Leiden ihres Volles kalt gegenüber standen, haben sich und ihr jüdisches Herz wiedergefunden. Ergreifende und erschütternde Trauerfeiern sind in Odessa und Warschau abgehaüen worden, deren Andenken allen Teilnehmern Unvergeßlich bleiben dürften. In Warschau sollte in der sogenannten Deutschen Korschul der Rabbiner, Dr. Posnansky die Gedächtnisrede (Hesped) halten: Dieselbe unterblieb aber, weil ihm nach den' einleitenden Worten die Sttmme versagte, ein heftiges: Schluchzen, iu das nach und nach die ganze Gemeinde' einstimmte, hatte chm die Kehle zugeschnürt. In Lodz ist ein Konzert zu Gunsten der Unglücklichen heran»; stallet worden. Gesungen wurde das von Lewandowsky! in Musik gesetzte ^Gedenke o Gott und sieh' unsere Schmach I" und einige Klage- und 'Bußpsalmen. Charakteristisch ist auch ein Aufmf zu Gunsten; der Waisen der Kischinewer Opfer, der im »Hameliz" abgedruckt ist, wir wollen ihn daher übersetzen. . »Mein Voll, sei deiner Barmherzigkett eingedenk!' Unsere Brüder in K. tragen unserer aller Sünden.': Das unbarmherzige Geschick, das fie.ereilt hat, ist die; Sttafe. für ein Vergehen, das wir mit ihnen gemein-; sam uns schuldig machen: es ist die große Sünde, daßwir Juden.find, daß wir ttotz aller Leiden, die-uns' gekosten, kotz - der Ströme von Blut und Tränen,; die von uns geflossen, nicht aufhören wollen zu sein: und ‘ noch immer nicht vom Erdboden verschwinden ° wollen. Wir hätten also dieselbe Sttafe verdient und' nur durch-die' Gnade Gottes find wir übrig geblieben; es; istdaher unsere Pflicht, für die Waisen der heiligen: Opfer ausreichend zu sorgen. Sie, die von jeder Sünde.rein find, -müssen ,un& üb eralles-teuer sein,: denn sie sind die Vermächtnisse derjenigen, die um die Seiligung Seines Namens, in der Verteidigung der hre ihrer Frauen und der Heiligkeit der Thorarollen gestorben sind. Sie sind unsere Waisen, die Waisen des ganzen jüdischen Bottes! Auf. ihr Nachkommen Abrahams! Erhebet euch ihr ftommen jüdischen Frauen, ihr liebenden Mütter, gedenket der verlassenen Waisen, nehmet auf in euere Häuser »die heiligen Steine, die auf der Sttaße herumliegen!' Nehmet die hilflos Verlassenen und machet sie zu eueren Söhnen und Töchter, seied zu ihnen Vater und Mutter, denn mit Geld kann man wohl Hungernde sättigen. Nackte kleiden, nie und nimmer aber Elternliebe ersetzen. Darum ihr »Barmherzigen und Söhne von Barmherzigen" soll jeder Jude, ob in Rußland oder anderswo lebend, der die Möglichkett hierzu besitzt, sich bemühen, diesen Segen in sein Haus zu bringen. Brüder und Schwester! höret auf die Stimme des Blutes, das von der Erde emporschreit! Tuet es um der schuldlosen kleinen Kinder willen! Tuet es der Erschlagenen um seines heiligen Namens willen!" Schon tausend Jahr und länger Dulden wir uns brüderlich Du, du duldest, daß ich atme . . . Daß du rasest, dulde ich . . . Manchmal nur in dunklen Zetten Ward es dir wunderlich zu Mut . . Und deine liebe, fromme Tätzchen Färbtest du in meinem Blut. Jetzt aber wird es besser Uno täglich nimmt es zu. Denn ich selbst begann zu rasen . . . Und ich werde fast wie du . . . H. Herne. Aus Wien und Krakau kommen zwei bezeichnende Nachrichten. In ersterer Stadt hatten die russ. jüd. Studenten, die- Angehörigen des sozialdemokratischen Bundes, ein Tänzchen vereinbart; inzwischen Katen die Kischinewer Ereignisse ein. Man hätte also erwarten dürfen, daß diese Herren, wenn sie auch ihr jüd. Herz in ihrem Busen abgetötet haben, doch als russische Patrioten, als die berufenen Vertreter und Retter des russischen Volles nicht darüber jubeln, wenn auf den Namen ihres teueren Vaterlandes eine solche Schmach fällt, wie sie in Ereignissen gleich den Kischinewer begründet ist! Wer von diesen Verttetern des wahren — Fortschritts und den heldenhaften Vorkämpfern der Kultur, der Tochter des Himmels, Logik und Anstandsgefühl erwartet, weiß eben nicht, daß diese Herrn zumeist aus dem Hause der »Mussernikes"') entsprungen sind. Die Herrm tanzten also, während das Blut ihrer Brüder noch nicht verraucht war. Wahrlich, sie dürfen auf die Stärke ihrer Nerven, noch mehr aber auf ihre — eiserne Stirn stolz sein! — In Kräkau sollte eine öffentliche Versammlung zu Gunsten der Kischinewer Omer abgehaüen werden, da ließen die jüdischen .Genossen" ihren Abgeordneten Daszinsky aus Wien kommen, damit er der staunenden Mitwelt die wahren Ursachen der Kischinewer Vorgänge bekannt gebt und die wahren Schuldigen nenne. Es ist bekannt, daß die Juden in Rußland sehr zurückgeblieben find — mit Ausnahme der Herrn »Genossen" natürlich — so zum Beispiel ermangeln sie der klassischen Bildung, besuchen ja die Schulen nur wenige, — in Mittelschulen 10 von Hundert Christen, in Hochschulen gar 2 bis 5 von Hundert. Ferner wollen sie nicht im ganzen großen russischen Reiche wohnen, sie haben sich vielmehr in einigen Gouvernements ange- *) Eine Neuauflage des Chassidismus, nur mtt pessimistischer Färbung, der neuerdings in denrussischen ..Jeschiwos" sich auSbrettet. iedell, wo sie wie die Heringe in einem Fasse zusammengedrängt leben; keiner von ihnen ist je Offizier oder Beamter geworden, ja nicht einmal öffentlicher Nachtwächter. Wer spricht davon, daß keiner je General geworden wäre oder gar Minister. Es ist daher zweifellos. der Herr Abgeordnete Daszinsky hat den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er behauptet, an den Besttalitäten in Kischinew ttagen die Juden selbst die Schuld, indem sie — sich nicht assimilieren wollen und abgesondert von den Böllern leben ... Wir wollen nickt mtt Herrn Daszinsky. der zum Schmerze uns noch den Hohn hinzusügt, rechten, denn wtt haben niemals daran gezweisell, daß wir Juden von den Sozialdemokraten, sollten sie unser nicht mehr bedürfen, ebensowenig wie von den anderen Parteien etwas zu erwarten haben. Da wir wissen, wie die Herren »Judengenossen", wenn sie einer jüdischen Organisation sich anzuschließen die Gnade habend alles zu zerstören suchen, wie sie das Oberste zu Unterst kehren, wobei nichts ihrem wilden Radllalismus Stand hält, wie sie aber in ebendemselben Maße von strengster Parteidisziplin beseelt werden, die bis zum Kadavergehorsam gehen kann, wenn sie befürchten müssen, man könnte sie daran erinnern, daß sie verd. Juden sind; so sind wtt dem Herrn Abgeordneten, der der offizielle Führer der Sozialdemottatie in Oesterreich ist, zu Dank verpflichtet, daß er nicht die gerechte Forderung ausstellte, die Juden hätten die Aufgabe, um dem russischen Bolle ganz gleichwertig zu werden, acht Tage wöchentlich — besoffen im Rinnstein zu liegen und bei Vergnügungen gleich denen von Kischinew nicht nur passiv beteiligt zu sein. In Wirklichkeit ist die Billigung oder auch nur das teilnahmslose Zuschauen eines Verbrechens von der That selbst nicht weit verschieden. Es ist ein Bild, das Schrecken und Abscheu zugleich erregen muß: Söhne, die Vater und Mutter verraten, Juden, die unter den verschiedenen Phrasen ihr eigen Voll Keulos verkaufen. Ein Bild, wie es nur noch ein Heine hat zeichnen können: »Denn ich selbst begann zu rasen, und ich werde fast wie du." Es find die erschreckend Kaurigen Folgen einer langen, düstern Golusnacht, in der wtt geistig und körperlich unablässig gemartert werden und so sind wtt auch geisttg und körperlich verkrüppelt. Wenn einst die Menschheit in ihrem Schuldbuch uns gegenüber blättern wird, so wird sie sich dieses Umstandes mehr als aller Greueltaten. die hegen uns je verübt wurden, zu schämen haben. Wird aber das jüdische Voll sich von diesen Wunden, die ein verblendeter und im Grunde bedauernswerter Feind schlug, je erholen? Wird es noch die Kraft finden können, sich zu erheben, damtt einer ruhmreichen Vergangenheit eine ihr würdige Zukunft folge? Wtt hoffen es so gerne, darum hoffen wtt. 8. Berlowitz. Elend. Ein Bild aus Rußland.*) Ter Mann heißt Maier Kotschenski und verkauft Schuhschnüre; z rei Stück um drei Kreuzer. Ich saß vor einem Cafe und er drückte sich um mich herum und bot mk endlich Schuhschnüre an. Ich wies ihn ab. Er wurde zudringlich, llm ihn loszuwerden, warf ich ihm zehn Kreuzer hin. Da ging 'er. Tas Geldstück aber ließ er liegen. Ich rief ihn zurück. Er kam nicht. Da ging ich ihm nach. Um für zwei Schuhschnüre drei Kreuzer zu bekommen. *) Aus der in Budapest erscheinenden „Ungarischen Wochenschrift". Die Skizze schildert so schlicht und ergreifend die müde Hoffnungslosigkeit und dumpfe Gedrücktheit unserer russischen Brüder, daß wir nicht verfehlen wollen, sie unseren Lesern 'zugängig zu machen. Die Red. d. Frkft. Jsr. Familienblattes.

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