Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 30 (28.5.1903)
- Date
- 1903-05-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches, Familienblatt.. Nr. 30. Leute» ein solcher Zuscunmenschluß in Köln fehle- Dem solle jetzt durch Gründung eines Vereines abgcholfen werden, dessen Zweck cs sein soll, seine Mitglieder zu selbstbewußten Juden, vor allem aber zu anständigen, tüchtigen Männern heranzubilden. In der lebhaften Diskussion, die sich an den Bortrag anschloß, wurde vor allem darauf hingewicsen, daß der Verein sich bestreben müsse, das allgemeine Wissen seiner Mitglieder zu fördern und daß daher alle Gebiete in Wissenschaft und Kunst sowie angenehme Geselligkeit eifrig zu pflegen sein würden- 'Das. Resultat der Erörterungen war, daß 50 junge Leute sich bereit erklärten, dem zu gründenden Verein später beizutreten. Es wurde ein Comitß von zehn Herren gewählt, das die nötigen Arbeiten erledigen, vor allem Statuten entwerfen und Vorschläge ausarbciten soll, in welcher Weise die Tendenz praktisch verwirklicht werden kann. Wenn' das Comitö diese Arbeiten beendet hat, wird man zur Gründung des Vereins schreiten können. Karlsruhe. Die Amtsrichter vr. Wetzlar, Dr. Bodenheimet, Dr. Bielefeld sind zu Oberamtsrichtern ernannt worden. Königsberg. Die Jahresversammlung der jüdischen Religionslehrer Ostpreußens fand heute in Königsberg statt. Der Verein zählt 65 Mitglieder. In den Vorstand wurden gewählt: Prediger Sturinann-Osterode, WaisenHaus-Jnspektor Peritz-Königs berg, Oberkantor Birnbaum-Königsberg, Kantor Karn Allenstein und Kantor Davidsohn-Rastenburg. Vor träge hielten Rabbiner Dr. Olitzki-Allenstein über „Den Äebergang von der biblischen zur jüdischen Geschichte" und Guttmann über: „Welche Gebiete aus der nachbiblischen Geschichte sürd für die verschiedenen Schulsysteme vornehmlich auszuwählen?" Deffa«. Mitder Cohn-Oppenheim-Stiftung hat sich der Gemeinderat wiederholt in nichtöffent licher Sitzung beschäftigt. Die darauf bezüglichen Pro tokolle besagen: Me vom Gemeinderat am 24. Ja . nuar dieses Jahres eingesetzte besondere Kommission hat gemeinsam mit 6 Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde wiederholt getagt. Die infolge der Realisierung des Nachlasses hervorgetretcnen Ange legentzeiten sind von dieser Kommission eingehend geprüft und sind -folgende Sachen von größerer prinzipieller Wichtigkeit: a) Der Oberamtmann P. schuldet ans Darlehen, die derselbe zu Lebzeiten der Frau Baronin v. Cohn-Oppenheim empfangen, der Erbmasse 383000 JL Der p. P. ist überschuldet, eine Beitreibung dieser Summe gänzlich aussichtslos. Dev selbe hat inr Bergleichswege 200000 JL geboten, die ihm von befreundeter Seite dazu zur Verfügung gestellt werden. Dieser Vergleich ist angenommen wov den. Der Gemeinderat erteilt nachträglich Geneh migung hierzu, b) Ter Hofschauspieler Dehnicke zu Berlin ist im gültigen Testament mit 300000 JL bedacht worden. Nach einer Mitteilung des Testamentsvollstreckers ist dieses Legat in dem nicht zur Vollziehung gekommenen zweiten Testament fortgefällen, da die Frau Baronin nach ihren Angaben dem Testamentsvollstrecker gegenüber bereits zu Leb zeiten für denselben gesorgt-habe, und tatsächlich ist dem p. Dehnicke eine gleiche Snmme-am 19. September 1902 durch das Bankhaus F. H. Cohn ausgezahlt wordenp. Dehnicke. beansprucht das Le gat- Die Kommission empfiehlt, es auf einen Prozeß ankommen zn lassen- Die Versammlung beschließt hiernach, o) In dem gültigen Testament sind dem Neffen der Frau Baronin, dem Dr. med. Arthur Meyer zu Berlin, 500000 JL ausgesetzt unter der Bedingung, daß beim Ableben der iÄblasserin entweder die Ehe desselben durch Tod oder sonst wie gelöst, oder wenn die christliche Ehefrau Jüdin geworden ist. In dem formell nicht gültigen Testament ist dieses Legat ans 1 Mill. Mark unter Weglassung der Bedingung erhöht worden. Es erscheint als eine sittliche Pflicht, dem Dr. Meyer ein gleiches Legat zu gewähren, wie ein solches feinen andern Geschwistern in Höhe voni 1 MM. Mark rechtsgültig ausgesetzt 'worden ist, zumal da er bei der letzten Krankheit der Frau Baronin, obwohl ihm die Bestiminung d'.es ersten Testaments ausdrücklich bekannt gegeben war, den Vollzug des zweiten Testaments - als Arzt, um eine Aufregung zu vermeiden, nicht zuließ. Tie israelitische Knltnsgemeinde hat die Hälfte mit 500000 JL bereits bewilligt. Der Gemeinderat bevollmächtigte mit 20 gegen 10 Stimmen den Magistrat, nach Prüfung der Verhältnisse die Erllärung abzugeben, daß die Stadtgemeinde die Hälfte mit 500000 JL ebenfalls bewilligt. W Hamm i. W. In der hiesigen kleinen Gemeinde sind etwa 600 JL für die Unglücklichen in Kischinew gespendet worden,' ohne die Gaben, die Einzelne schon vorher abgesandt. Libnitz. Die Gebrüder Oliven in Berlin geborene Liegnitzer, haben zum Andenken an ihre in Liegnitz verstorbenen Eltern der Liegnitzer Synagogen- ' gemeinde eine Summe von 20 000 Mark für wohltätige Zwecke gestiftet. Oesterreich-Ungar«. S.-A.-NjheH, 12. Mai. Predigerwähl. Der junge Rabbiner Dr. Isidor Goldberger aus Bätorkeßi, der das Budapester Rabbiner-Seminar mit vorzüglichem Erfolge absolvierte, wurde von der hiesigen israelitischen Ltaius-csuo-Gemeinde einhellig zum ungarischen Prediger gewählt- Seine feierliche Installierung wird am 27. d. M. stattfinden, Schweiz. Basel. Das neuerbaute Schweizerische s r a e l i t i s ch e Waisenhaus steht an der Gotthelfstraße, in unmittelbarer Nähe der äußeren Allchwilerstraße. Es ist ein in modernem Stil gehaltener zweistöckiger Neubau, dessen Fassade auf jeden Besucher von weitem schon einen angenehmen Eindruck macht. Sein Inneres ist in allen Teilen auf die denkbar praktischste Weise eingerichtet. Im Parterre befindet sich rechts vom Eingänge das Sitzungszimmer des Verwaltungsrates, an dieses schließt sich die Wohnung der Waiseneltern an; gegen den Hof zn und nrit diesem durch einen Ausgang verbunden, luden wir das einfach aber hübsch ausgestattete Spielzimmer für die Zöglinge; links vom Eingang liegt das Lehrzimmer und anschließend daran der Speiscaal, welcher durch einen Aufzug mit der Küche verbunden ist. Diese liegt im Souterrain: an sie schließt ich die Vorratskammer, der Heizraum für die Niederdruckheizung, die Magazinräunie und das mit sechs Wannenbädern ausgestattete Badezimmer. Im ersten Stockwerke befinden sich die Schlafräume für die Zöglinge, rechts für die Knaben, links für die Mädchen, in den Schlafräumen für Knaben befinden sich zehn, in denjenigen der Mädchen acht Betten; an die Schlafräumc schließen sich zn beiden Seiten die Waschräume und an diese die Ankleidezimmer; eine geräumige Veranda zu beiden Seiten schließt das zweite Stockwerk gegen den Hof zu ab. Die Schlafzinnner sind hübsch, hell und geräumig. In: zweiten Stock ist die Waschküche mit anschließendem Trockenraum und dem Lingezimmer untergebracht, ferner zwei Kranken- und ein Badzimmer, sowie die Wohnräume für die Angestellten des Waisenhauses. Hinter dem Hause dehnt sich ein geräumiger Garten mit schönem Spielplätze aus. Das Waisenhaus, mit dessen Bau im Mai vorigen Jahres begonnen wurde, bietet genügend Platz für die Aufnahme von 30 israelitischen Waisenkindern. Definitiv eröffnet wird es in einem Monat; die Leitung untersteht einem Verwaltungsrate, der die Wahl der Waiseneltern vornimmt. Aufnahmebcrechtigt sind Kinder von in der Schweiz niedergelassenen Israeliten. Anlage und Einteilung der ganzen Anstalt machen ihren Erstellern alle Ehre. Frankreich. ' Paris. Hier starb im Alter von 74 Jahren Monsignore Bauer, der einstige Beichtvater der Exkaiserin Eugenie. Bauer wurde als Sohn jüdischer Ellern sin Budapest geboren. Im 30. Lebensjahre trat er zum Katholizismus über, wurde Priester und feierte als Kanzelredner wahre Triumphe, sodaß der französische Hof auf ihn aufmerksam wurde. Der feinsinnige Abbö mag wohl etwas zu galant gegen die Damenwelt gewesen sein, denn Kaiserin Eugenie enthob ihn, wie man sagt, deswegen seiner Würde als Beichtvater. Monsignore Bauer trat aus dem Klerus aus und wurde Finanzmann. Er spekulierte und gewann mit derselben nachlässigen- Eleganz, mit der er nur wenige Jahre vorher über das Ziel des Levens gepredigt hatte. Als er endlich 70 Jahre alt war. Lachte er, daß es nun Zeit sei, zu heiraten, und führte eine einstige Ballerina zum Altar. Er blieb immer lebensftoh und heiter., So ist er auch aus der Welt geschieden, und mit ihm ist eine der originellsten Persönlichkeiten des zweiten Kaiserreiches zu Grabe getragen worden. Rußland. Petersburg. Aus verschiedenen Städten des Südens laufen Meldungen über eine Panik der j ü bischen Bevölkerung ein, so aus Feodossia und Eupatoria,!vo die Juden um verschärfte Schutzmaßnahmen baten, 'eie erhielten den Bescheid, solche Verschärfung sei überflüssig; sie hätten nichts zu fürch ten, sollten aber selbst die größte Vorsicht beobachten und den Pöbel nicht durch eigene Unvorsichtigkeit herausfordern. Besonders schlimm sah es seit dem 10.' Mai in Rostow am Don aus, wo, wie gleich nach dem Kischinewcr Blutbad und in Kiew, die Panik sich aufs höchste fteigerte und viele Juden vcranlaßtc, die Stadt zu verlassen. Die jüdische Bevölkerung bat den Hetman-Locumteuens um Verstärkung der Polizei und erbot sich, die dadurch entstehenden Kosten zu tragen; dieser hielt jedoch besondere Maßnahmen für überflüssig, da wegen der revolutionären Wühlerei her sozialdemokratischen Partei dort ohnehin alle nur möglichen Vorsichtsmaßregeln ergriffen worden seien. Am 1. (14.) Mai erreichte die Panik unter den Juden den Höhepunkt durch beunruhigende Gerüchte. Schon seit Mitte April verlautet cs von der Bildung einer Vereinigung zur Selbstverteidigung unter den Juden; wie es heißt, seien auch Christen dieser Bereinigung bcigetreten. Am 1. Mai (a. St. blieben die jüdischen Läden geschlossen; überall war eine bedeutende Truppenzahl zur Aufrechterhaltung der Ordnung aufgeboten. Ter Tag schien ruhig zu vergehen. Gegen Abend begann wie gewöhnlich die Abcndpromcnade; Juden sah man nur wenig. Gegen 9. Uhr entstand in einer jüdischen Drogcnhandlung ein Brand, der die Angst der Juden-abermals steigerte; alle glaubten, die unbedeutende Feuersbrunst ei das Signal zu neuen Unruhen. , Die Nacht berief aber ruhig, die Juden harrten dessen ungeachtet vrgenvoll des.kommenden Tages, an dem. aus einer Kosaken-Ltanitza ein wundertätiges Muttergottesbild nach Rostow gebracht werden sollte. Gewöhnlich sammeln sich damr 20- bis 25 000 Menschen an. Wie der- Draht schon gemeldet hat, erwiesen sich die Befürchtungen der Juden als unbegründet, wenn auch die sozial-revolutionäre Partei einen abermaligen und ztvar erfolglosen Versuch machte, allgeincine Unruhen hervorzurufen. Amerika. New-Nork. Die amerikanischen Juden sind laut einer Washingtoner Meldung des „Daily Expreß"^empört über die Kundgebung des russischen Botschafters Grafen Cassini, bei den Unruhen in Kischinew sei nicht der Russe dem Juden, sondern der Bauer dem Geldverleiher gegenübergetreten. An den Staatssekretär Hay wurden zahlreiche Briefe gerichtet, in welchen die Regierung aufgefordert wirb, dem Grafen Cassini eine Pässe zuznstcllen. Die Samnilungen für den Hilfsfonds für die Geplünderten in Kischinew haben bis fetzt fast eine halbe Million Dollars ergeben; Staatssekretär Hay zeichnete 200 Dollars. Ter russische Botschafter Graf Cassini lehnte es ab, die für die Jilden in Kischinew gesammelten Gelder nach Rußland zu übermitteln. Er. erklärt, die russische Regierung werbe einer Verteilung der Gelder durch Privatpersonen kein Hindernis in den Weg legen. New-Aork. Der russische Botschafter in Washington Graf Cassini versicherte dem Staatssekretär Hay, die russische Regierung habe Schritte getan, um die Wiederholung von Unruhen, wie sie in Kischinew stattfanden, zu verhindern. Uebcräll in den Vereinigten Staaten finden Entrüstungsversammlungcn statt, - in welchen die amerikanische Regierung aufgcfordert wird, wegen der Vorkommnisse in Kischinew einzuschreiten. Eine große derartige Versammlung soll am 27. d. M. unter Vorsitz des Mayors von Ncw-Pork stattfinden. Zahlreiche hervorragende Bürger werden an ihr teilnehmen. Daß die amerikanische Regierung sich wegen der Vorgänge in Kischinew einmischen werde, ist unwahrscheinlich, falls nicht die verfolgten Inden in großer Zahl nach Amerika auswandern. Eine Einwanderung russischer Juden nach Amerika in großem Umfange scheint jedoch bevorzustehen. Allein von Juden in Chicago wurden au Verwandte in Rußland 6000 Dampferbillets zur Ueberfahrt nach Amerika geschickt. — Die ritssische Regierung hat das Gesuch des Grafen Cassini, am 26. d. M. seine Ferien antreten zu dürfen, abgelehnt. Graf Cassini hatte zn diesem Datum bereits Schisfskajütcn bestellt. Die Regierung ersuchte den Botschafter, den Antritt seiner Ferien bis zum 9. Juli zu verschieben. Dieser Schritt den russischen Regierung wird dem Anwachsen der rußlandfeindlichen Agitation zugeschrieben, die in Folge der Ereignisse von Kischincw entstanden ist. Frankofnrtia. Der unabhängige Verein israelitischer L e h r e r im Großherzogtum Hessen hielt am 21. d. Di. in der Frankfurt-Loge in Frankfurt a. M. seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Bon den 59 Mitgliedern, die der Verein zählt, waren 46 anwesend. Die Herren Rabbiner Dr. M. Horovitz und Dr. I. Horovitz-Frankfurt, sowie Dr. Neuwirth-Bingen wohnten der Versammlung bei. Der Vorsitzende, Dr. Barnaß-Pfungstadt, teilte mit, daß ein Antrag, die Besserstellung der Lehrer betreffend, bei der Kammer der Landstände eingebracht worden sei. Hierauf erfolgte die Rcchnungsablage durch Lehrer 'Klein- Gießen. Das Vereinsvermögen beträgt 3113.71 Mk. Der Hilfskasse flössen im vergangenen Jahre 549.50 Mark an freiwilligen Gaben zu. Lehrer Simon-Njdda referierte über „Aufgabe und Wirksamkeit der jüdischen Lehrerseminare" und Lehrer Ehrmann-Friedberg trat als Korreferent auf. Beide Herren stimmen in ihren Anschauungen überein, daß als Direktoren der besagten Anstalten Fachleute bestellt werden müßten, was häufig nicht der Fall sei. Nach längerer Diskussion an der sich auch die Herren Rabbiner beteiligten, würde der Vorstand des Vereins mll dem Ausarbeiten eines Memorandunis betraut, in dem die Präparandenschulcn, bezw. Seminarien lim richtigere Pensenverteilung im. Hebräischen in den verschiedenen Klassen gebeten werden sollen. Das Referat des Lehrers Stein-Großsilinstadt „Anleitung des Schülers zur religiösen Praxis" wurde wegen der vorgerückten Nachmittagsstunde für die nächstjährige Konferenz zurückgestellt und als weiteren Referenten ernannte man Lehrer Eschwege-Mainz („Neue Erscheinungen ans dem Gebiete der jüdischen Litteratnr.") Die Borstandswahl hatte folgendes Resultat: Dr. Barnaß-Pfungstadt, Ehrmann-Friedbcrg, Lcbcrmann-Darmstadt, Oppenheimer-Mainz und Klein-Gicßcn. . * * * In der am 21. d. M. unter dem Vorsitz des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz , abgehaltenen Generalversammlung des . Vereins „Lemaan Zion" wurden die ausscheidenden Verwaltungsräte auf neun Jahre wiedergewählt. Der kooptierte Grand-Rabbin Zadoc Kahn in Paris wurde gleichfalls'auf nenn Jahre gewählt-