Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 30 (28.5.1903)
- Date
- 1903-05-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr. 30. Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. die Tatsache der Schaffung eines Sklavenstandes an sich nicht ohne nachteilige Folgen für den Staat sein. Die Dienstleistungen, zu welchen die Israeliten herangezogen wurden, mochten dem Volke auch nicht angenehm sein; es kam dazu die Steuerlast, die notwendig war. um die Baukosten zu bestreiten und die Verpflichtungen zu erfüllen, die Salomo dem Hiram gegenüber für die ihm gewährte Unterstützung bei der Ausrüstung der Schisse und den Vorbereitungen für die Bauten eingegangen war. Er hatte versprochen, ihm alljährlich 20 000 Kor Weizen (etwa 80 000 Hektoliter) und 20 Kor feines Oel zu liefern?) Das alles erzeugte im Volke eine gewisse Unzufriedenheit, die nach dem Tode Salomos ihre verderblichen Folgen äußern sollte. Indessen hat es wohl unter den Israeliten auch während der Regierung Sawmos eigentlich Arme nicht gegeben. Der Grund zu dem Kapitalismus und seinen verderblichen Folgen war zwar gelegt, aber die Zuspitzung der sozialen Gegensätze erfolgte nur allmählich. Die Klagen des Propheten über diejenigen, „die Haus an Haus und Feld an Feld reihen,' entstammt erst einer viel späteren Zeit, und wir können deshalb auch annehmen, daß im Anfang jener Ausgleich der Güter, wie er durch die Bestimmung über das Jobeljahr angestrebt wird, tatsächlich stattgcfunden hat. — Zweifellos hat Salomo gleich seinem Vater auch dafür Sorge getragen, daß den Priestern und Leviten, den Dieneni des von ihni errichteten Heiligtunts, die vorgeschriebenen Abgaben entrichtet wurden. Das jüdische Staatswesen stand beim Tode Sawmos in höchster Blüte, aber seine Grundlagen waren nicht fest genug, um es auf die Dauer zu erhalten. Abgesehen von dem Klassenkampf, der durch die neue Entwickelung angebahnt wurde, war durch die Duldung, die Salomo dem Götzendienste seiner frenidländischen Frauen gewährte') und die er auch auf die phönizischen Kaufleute und Geldwechsler, die sich in Jerusalem zu Handelszwecken niederlicßen, ausdehnte?) auch der religiös-sittliche Untergrund des jüdischen Gemeinwesens erschüttert worden. Es fiel darum nach dem Tode Salomos dem Jarobeam, der sich schon früher als Heerführer ausgezeichnet hatte, nicht schwer, einen Aufstand gegen Salomos Sohn und Nachfolger Rehabeam ins Werk zu setzen, zumal dieser das an sich schon unzufriedene Volk durch sein unkluges und schroffes Benehmen noch mehr gereizt hatte. In Sichern, wohin er die Abgesandten des Volles, das um Erleichterung des Steuerdruckes bat, zu sich beschieden hatte, brach der Aufstand aus. Rehabeam sandte den Oberaufseher Adoniram, um mit dem Volle zu unterhandeln; aber dieser war gerade die ungeeignetste Persönlichkeit, um die Wut der erregten Menge zu beschwichtigen. Er wurde gesteinigt, und Rehabeam selbst erreichte mit Mühe seinen Wagen, auf dem er nach Jerusalem flüchtete. Bon den 12 Stämmen Israels blieben nur zwei, Juda und Benjamin ihm treu; die übrigen schlossen sich Jarobeam an, der nunmehr als König über das Reich Israel herrschte?) Die Teilung schwächte naturgemäß beide Reichshälften, die sich dazu noch durch unaufhörliche Kriege befehdeten und dadurch selbst an der Herbeiführung .ihres Unterganges arbeiteten. Die Quellen des Reichtumes, die Salomo seinem Lande erschlossen Satte, versiegten. Die auswärtigen Völkerschaften rauchten das in sich zerklüftete israelitische Reich nicht mehr zu fürchten und fingen nun ihrerseits an, Einfälle in Palästina zu machen. Die Handelstätigkeit mußte bei den beständigen Känrpfen ebenfalls erlahmen. Zunächst war es Jarobeam darum zu tun, sich in der erworbenen Macht zu behaupten, und um nun jede Verbindung des Volles mit Jerusalem und dem davidischen Königshause zu zerstören, verbot er die Wallfahrten nach dem Nationalheiligtum und führte statt dessen den eghptischen Stierdienft ein. In Bethel und in Dan wurden goldene Kälber errichtet, denen fortan geopfert werden sollte. Seine Nachfolger setzten diese Bestrebungen fort, und Omri führte sogar den entsittlichenden phönizischen Baaldienst ein. Er suchte sich überhaupt den benachbarten Phöniziern eng anzuschließen, und sein Sohn Ahab heiratete die Tochter des phönizischen Königs Ethbaal, Jsebel. Diese wandte nun ihren ganzen Einfluß an, um überall phönizisches Wesen, phönizische Sitten und phönizischen Götzenkultus einzuführen. Diejenigen, die sich ihr widersetzten, insbesondere die Propheten, die ihre mahnende und warnende Stimme gegen die Untergrabung von Religion und Sittlichkeit erhoben, wurden grausam verfolgt und getötet. Die Willkürherrschast Ahabs und den unheilvollen Einfluß der Jsebel bezeichnet besonders die Gewalttat gegen Nabot,10) der sich weigerte, dem Könige seinen an den königlichen Besitz in Samaria angrenzenden Weinberg abzutreten; Jsebel ließ durch lügenhafte Zeugen den Nabot eines todeswürdigen Verbrechens beschuldigen und hinrichten, worauf Ahab den Weinberg in Besitz nahm. Die äußerlich glänzende Hofhaltung des Königs, der sich sogar einen Palast aus Elfenbein baute?') bildete einen schneidenden Gegensatz zu der fortschreitenden Verarmung des Volkes, die besonders durch einen Vorgang aus der Zeit des °) Könige I. 5, 25. Könige I, 11, 4 ff. s) Grätz: Gesch. d. Juden I, S. 323. o) Könige I, 12. '") Könige I, 21. ") Könige I, 22, 39. Sohnes und zweiten Nachfolgers, Ahabs, Jehoram, grell beleuchtet' wird? Die Witwe eines Prophetenjüngers wendet sich an den Propheten Elisa mit der Klage, daß ihr Gläubiger wegen eines Darlehens, das sie ihm nicht bezahlen könnte, ihre beiden Söhne als Sklaven nehmen wollte.") Es hatte sich also, ganz entgegen denr Geiste des Gesetzes, sogar die Schuldknechtschaft eingebürgert. . Mit dem Nachbarreiche Juda lebte Ahab in Frieden und er verschwägerte sich sogar mit dem davidischen Königshause, indem er dem Sohne des judäischen Königs Josaphat, Jehoram, seine Tochter zum Weibe gab. Ahab und Josaphat unternahmen auch gemeinsam einen Feldzug gegen die Aramäer, in welchem Ahab fiel. — In Juda war zwar die Denroralisation noch nicht soweit vorgeschritten, wozu wohl auch der Einfluß des gemeinsamen religiösen Mittelpunktes beitrug, aber die Blüte der davidischen und salomonischen Zeit war auch hier dahin. Schon Rehabeam geriet in die Mhängigkeit des Eghpterkönigs, der bei einem Einfall einen großen Teil der Schätze, die Salomo angehäuft hatte, als Beute wegführte. Unter der kräftigen Regierung Josaphats nahm das Land zwar wieder einen Aufschwung, aber derselbe war bei der Unfähigkeit seiner Nachfolger nicht von Dauer. Der Versuch Josaphats, die Ophirfahrten Salomos zu erneuern, mißlang; die Schisse scheiterten im Hafen von Ezion-Geber.") Als im Reiche Israel Jehu die Regierung an sich riß, schien es, als ob die Zustände sich bessern.würden. Aber wenn er auch gegen den von Ahab gepflegten Baaldienst eiferte, so hatte er doch nicht den Mut, dem Götzendienst überhaupt entgegenzutreten; die Kälber in Bethel und Dan blieben bestehen. Unter seinen Nachfolgern überfluteten die Scharen der aramäischen Eroberer das Reich und nahmen ihm fast jede Selbständigkeit. Erst Jerobcam II. gelang es, das verlorene Gebiet zurückzugewinnen und sogar erobernd vorzudringen. Ueberhaupt besserten sich unter diesem Herrscher die äußeren Verhältnisse. Um so trostloser sah es im Innern aus, und cs sind besonders die Reden des Propheten Amos und Hosea, deren Blüte in die Regierungszeit des Königs Jerobeam fällt, die uns ein anschauliches Bild von den traurigen sozialen Zuständen geben, wie sie sich im Reiche Israel herausgebildet hatten. Das Prophetentum war eine uralte Institution in Israel; schon zur Zeit Samuels finden wir die Prophetenschulen, einen Kreis von Jünglingen, die sich an.den Propheten anschlossen, um sich an seinem Unterricht und an seinem Beispiel heranzubilden und dadurch ebenfalls der Eingebung des göttlichen Geistes würdig zu werden. Es ist deshalb auch eine irrtümliche, einseitige Auffassung, die Propheten lediglich als die Wortführer des Proletariats, als die Borkänipfer der Besitzlosen gegenüber den Uebergriffen der Besitzenden zu betrachten; denn Propheten gab es schon zu einer Zeit, da von Klassengegensätzen - in Israel noch keine Rede war. Freilich ist es vorzugsweise die Verletzung der Pflichten gegen den Nebenmenschen, die Lieblosigkeit und Selbstsucht der Reichen, die sie in ihren Reden geißeln. Aber abgesehen davon, daß diese Reden einer Zeit entstammen, in welcher jene Schäden die sittliche Entrüstung der Propheten ganz besonders wachrufen mußten, war es ja die hier sich kundgebende schrankenlose Selbstsucht, die alle religiösen und sittlichen Grundlagen des Volkslebens zu zerstören drohte, und die darum am schärfften bekämpft werden mußte. Das sinaitische Gesetz baute sich auf den Grundsätzen der Gottesliebe und der Nächstenliebe; an die Stellen dieser Grundfaktoren war die Selbstliebe als der alles bewegende Hebel des Lebens getreten, und wenn die Propheten dem Gesetz wieder Eingang verschaffen wollten, so mußten sie als ihren gefährlichsten Gegner den Egoismus betrachten. Die Propheten waren sozusagen das Gewissen Israels. Ihre Reden sind flammende Proteste gegen die zunehmende Sittenlosigkeit und Versunkenheit gegen ein Königtum, das nur einseitig dynastische Interessen verfolgt, gegen ein Clique von Adeligen und Vornehmen, die nur sich zu bereichern strebt, egen ein Volk, das den Idealen seiner Vergangenheit en Rücken gekehrt hat; und mit vorschauendem Blick weissagen sie den Untergang des Staates als die unvermeidliche Folge des allgemeinen Verfalls. (Schluß folgt.-) Aus aller Well. Deutschland. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat sogleich ein Mitglied seines Zentralkomitees nach Kischinew entsandt, um die durch die MassakrcS geschaffene Lage zu prüfen. Tie "Aufnahmen, die der Abgesandte an Ort und Stelle vorgenommen hat, liegen nunmehr vor. Danach ergiebt sich folgende Sachlage. Tie Zahl der zerstörten Häuser in Kischinew beträgt in runder Summe 700; außerdem sind 600 Geschäfte zerstört, während die Häuser, in denen die ") Könige II, 4, 1. -13> Könige I, 22, 49. betreffenden Geschäfte. sich befinden, nicht stark gelitten haben. Tie Zahl der Menschen, die obdachlos geworden sind, ist auf 10 000 resp. 2000 Familien zu schätzen. Tie Familien sind mittlerweile bereits untergebracht, die einzelstehenden Personen nur zum Teil, getötet auf der Stelle wurden bei den MassakreS 45 Personen, schwer verwundet 84, leicht verwundet mehr als 500. Bisher ivurden fiir die Betroffenen 60 000 Rubel verausgabt, vor allem, um ihnen Nahrung und, soweit es notwendig, Kleidung zu schassen- Charakteristischerweise haben die Witwen sich gescheut, selbst Geld anzunehmen, weil sie für die russischen Pfingsten neue Plünderungen befürchteten und annahmen, durch ihren Besitz die Plünderer auf sich zu ziehen. Tie Zahl der Personen, die nur mittelbar von den , "Ausschreitungen betroffen wurden, ist auf 20000 zu schätzen. Sie sind dadurch geschädigt, daß sie ihre Erwerbsquellen — sei es als Arbeitgeber — sei es als Arbeitnehmer — verloren haben- Tie Geplünderten gehören zum ganz überwiegenden Teil den allerärmsten Schichten der Bevölkerung an- Ter jüdische Mittelstand ist schoir weniger hart betroffeir worden, und fast unberührt blieben die reichen Juden, die nunmehr ihrerseits durch aufopfernde Hilfe für die Geschädigten zu sorgen suchen. Soweit sich dies bisher überblicken läßt, wird die Hilfstätigkeit sich vor allem nach zwei Richtungen, hin erstrecken müssen. Für die Arbeitsfähigen müssen neue Erwerbsquellen geschaffen werden, Arbeitszeug usw-, und die Erwerbsunfähigen müssen derart nntergebracht werden, daß sie der schlimmsten Bedrückung entrückt sind. Soll eine starke Auswanderung der Jude» vermieden werden — und darauf muß nach Lage der Verhältnisse hingearbeitct werden — so wird cs nach den Berichten, die der Hilfsverein der Deutschen Juden erhalten hat, notwendig sein, mit äußerster Beschleunigung die Wohltätigkeitsaktion, die. in Kischinew bisher nur geübt werden konnte, durch eine wohldnrchdachte Aktion zur Wiederauftichtung der wirtschaftlich ruinierten Existenzen zu ersetzen. Berlin. Ehescheidung des Grafen Pückler. Die „Berl. Volksztg." meldet aus Glogau: Die Ehe des Grafen Pückler Klein-Tschirne wurde gestern voni hiesigen Landgericht geschieden auf Antrag der Frau und auf Grund des § 1568 des Bürgerlichen Gesetz- Buches. Berlin. Ein Berliner namens Josef Liesegang ist, wie wir einem Privatbriefe entnehmen, bei den Judenunruhen in Kischinew gleichfalls schwer verwundet worden, obwohl er nicht dem Judentum angehört, sondern evangelischen Glaubens ist. L. war vor Jahren Geschäftsführer in einem hiesigen Gast- Hofe mittleren Ranges, der viel von russischen Ein-, käufern besucht wurde. L. übersiedelte auf den Rat seiner russischen Bekannten, nachdem er einige Ersparnisse, gemacht hatte, nach Odessa. Hier richtete er eine Theestube ein und verstand sich, vom Glücke begünstigt, ein Vermögen zu erwerben. Während der Jndenunrnhen befand er sich gerade auf einer Geschäftsreise in Kischinew. Ms er eine von einem Pöbelhaufen überfallene jüdische Frau ihren Angreifern entreißen wollte, wurde er selbst zu Boden geschlagen, mit Knütteln bearbeitet und schwer verletzt. Tie Verletzungen Liesegangs, der sich im Hospital befindet, sind glücklicherweise nicht lebensgefährlich. Hamburg. Der Israel. Unter stütz UN g s verein für arme Greise hielt seine diesjährige Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn. Gemeindevorstehers Alfred Lcvy ab. Ter Vorsitzende teilte mit, daß der Verein auch in der Lage war/ eine Anzahl arbeitsunfähiger, bedürftiger Greise, die das sechszigste Lebensjahr überschritten haben, zu unterstützen. Leider waren jedoch auch im verflossenen Jahre die Anforderungen an den Verein so erhebliche, daß er nicht in der Lage war, sie alle zu befriedigen, was um so bedauerlicher ist, als der . Verein das Prinzip verfolgt, beim Ableben des unterstützten Ehegatten, die Hülse auf die überlebende Ehefrau zu übertragen. Ter Vorsitzende ersuchte deshalb die Anwesenden dafür zu sorgen, daß dem Verein größere Geldmittel wie bisher zur Verfügung gestellt werden, damit derselbe seiner schönen Aufgabe voll und ganz gerecht werde. Tie Einnahmen des Vereins bestanden im Jahre 1902 in folgenden Posten: An Mijaliedsbeiträgen 1418.90 Ji, an Geschenken 441.65 Jfe, an Zinsen und Renten 3885.07 J£, an Legatsrenten 604 Jh re. Unter den Misgaben figuriert an erster Stelle an Unterstützungen 4827.60 Jt., an Stiftung für alte Eheleute 505 Jt.f an Unkosten 336.95 Ji rc. Köln. Am Montag Abend fand auf Anregung der Rheinlandloge in deren Gebäude behufs Gründung eines jüdischen Jugendverbandes eine Vorbesprechung statt, zu der sich etwa 90 Herren eingefunden hatten. Tas Referat hatte Herr Dr. med. B. Auerbach übernommen, der in längerem Bortrage auseinandersetzte, aus welchen Gründen heute ein enger Zusammenschluß für die Juden notwendig sei, und dessen Ausführungen darin gipfelten, daß namentlich den jungen