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Neue jüdische Presse · 1903-05-28 · Heft 30 (28.5.1903) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 30 (28.5.1903)
Date
1903-05-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. 'Ä—.y .; '»JA:""-,‘ (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrnntenleben von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) „Sind wir schon drüben?" — fragte Jaukel, der durch das Geschaukel' aufgcwacht, schlaftrunken. Auf diese dumme Frage ging Gutel nicht ei», sondern trieb schweigsam die Pferde weiter. „Halt!" — rief plötzlich eine barsche Stimme in nächster Nähe. Die Gäule hörten nicht und trappelten unbekümmert weiter. „Halt! Halt! sage ich!" — rief es noch lauter und barscher. Der Wagen hielt an. Getrappel und Geknarre, Seufzer und Gähnen verstummten. Finstere Nacht und Tod'esstille ringsumher, so daß jeder den heftigen Herzschlag des andern vernehmen konnte. Zwischen den Tannen dicht am Wege wurden schwere Schritte hörbar. Ein Grenzsoldat zu Fuß, in einen langen grauen Mantel gehüllt, kain znm Vorschein. Er nahm sein Gewehr von der Schulter, das am Lichte seiner kleinen Brustlaternc blinkte, und stellte sich dicht vor den Wagen hin. „Halt! Ihr Spitzbuben! Wohin?" — schrie er. Die Tiere, eingeschüchtert durch den blinkenden Stahl, machten eine heftige Bewegung nach vorwärts. „Halt! Oder ich schieße. Kanalies!" schrie der Soldat. Gutel aber lvar eine wetterfeste 'Natur und solche Vorkommnisse gehörten zu den alltäglichen oder richtiger allnächtlichen seines Lebens. Er tat, ohne im mindesten aus der Fassung zu konimen, einen gelvaltsamen Zug an die Zügel, die Gäule stolperten nach hinten und blieben stehen. „Wohin, Iwan?!*) Was eine Frage!" — lachte Gutel — „Ist dies etwa nicht der Weg nach Taivrik?" „Obs der Weg ist, Jlld'? Weiß schon! Aber wohin geht es, wenn der Wald hinter Dir ist, geht es da immer noch nach Tawrik oder links ab über die Grenze?" „Aber guter Iwan! Welcher Blödsinn!" — lachte Gutel 'weiter. — „Weiß doch jedes Kind, daß ich täglich mit ehrbaren Passagieren nach Tawrik fahre!" . „Nun wohl!" — versetzte der Soldat mürrisch. — „Ich begleite den Wagen bis znm Scheidewege jenseits des Waldes." Gutel stieg vom Bocke ab. „Nun" — sagte er vollständig gleichgiltig — „Meinetwegen! So gute militärische Begleitung kann in dieser Finsternis und bei der Unsicherheit des Weges 'gar nicht schaden. Aber" — fügte er hinzu, indem er den Soldaten ans die Seite nahm — „Tn dauerst mich wirklich, guter Iwan! Alles ruht und schläft und Du mußt Dich plagen. Ein guter Schnaps dort lim Kruge würde Dir jetzt nach einem Tage schweren Dienstes besser ziemen, als in der kalten, finstern Nacht so unnütz Dich ehrlichen Reisenden nachzuschleppen." Der Soldat schmunzelte und seine gierigen Angen, die i'm Scheine der Laterne wie die eines Wolfes funkelten, nahmen jetzt, als er sie nach dem bezeichneten . Lichtschimmer, die durch eine lichte Stelle in den Wald drangen, richtete, einen freundlicheren Zug an. Gutel hielt den Augenblick für günstig und schob ihm etwas in die Hand. „Wenig, Gutke! wenig!" — beteuerte der Soldat, indem er das Geldstück vor der Laterne betrachtete. „Ein anderes Mal" — tröstete dieser. „Nun, meinetwegen! Gute Nacht!" Die Pferde, als ob sie aus Erfahrung wüßtendaß der Handel damit erledigt ist, zogen von selber Iveiter und Iwan 'nahm seinen Weg tatsächlich nach der Wirtschaft am Rande des Waldes ein. Der Wald lichtete sich endlich, ein nebelhaftes Grau löste wieder das undurchdringliche Schwarz ab. Es tvar eine kahle Fläche, ein Stück Wüste, das nur den llebergang zu einem anderen Walde bildete. ' „Die t r e i f e n aussteigen!" — kommandierte Gutel leise. Lautlos und schauernd stiegen von den neun Passagieren sieben aus, darunter auch Rahel und Scholem, und übergaben sich der Leitung Peters, während Gute! mit den drei koscheren Insasse» rechts einbog 'und Ivirklich die Landstraße nach Tawrik fuhr. Hier fanden sich die beiden Freunde wieder. „Reichen Sie mir bitte Ihre Hand und haben Sic Mut!" bat Schalem flüsternd. .„Danke sehr! Hier meine Hand, und so" — sie überließ ihm ruhig ihre Hand — „und so verliere ich hoffentlich auch den Mut nicht." . Ihr Ton war ei» entschlossener und zugleich äußerst unbefangener. Es war die Sprache ihrer *) Allgemeine Bezeichnung für jeden Soldat- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. stillen Gedanken, denen sie während der zweistündigen Wagenfahrt »achhing- . . . Scholem hielt ihre Linke fest umklammert und vergaß dabei den ganzen Ernst der Situation. Er hatte das Gefühl der eigenen Gefahr ganz verloren und seine Gedanken drehten sich nur um sie, um das liebe Wesen, das seiner Hand anvertraut war und das er nun schützend durch Nacht und Gefahr tragen müsse. Daß sein ^chutzwerk mißlingen könnte, darüber kam ihm nicht der geringste Gedanke. Im Bewußtsein seiner edlen, mutigen Tat war jede Spur von Angst und Furcht von ihm gewichen. Aus ihrer weichen, warmen .Hand, die in der seinen ruhte, strömte ein mächtiges Gefühl von Glück und Wonne aus, das sich über seinen ganzen Körper ergoß.Es war ihm so wohlig zu Mute, er hätte bei dem Marsche lustig pfeifen können, wie bei einem harmlosen nächtlichen Abenteuer. . . . (Nachdruck verboten.) Ans den Erinnerungen einer Chewresran. — — Und was ich noch Hab' sagen wollen. Sie können mir's glauben auf's Wort, besser ist die Welt nicht geworden in den letzten fünfzig Jahren, besser keineswegs- — Mit meinem beschränkten, aber doch gesunden MeUschenverstand möcht' ich sogar behaupten, daß sie in verschiedenartigen Beziehungen schlechter geworden ist, ater nur in verschiedenen Beziehungen, in allen nicht, Sie dürfen aber nicht glauben, daß ich zu jenen Altmodischen gehöre, die immer „von der guten alten Zeit" reden und nur von der „guten alten Zeit". Das tu ich nicht, denn es ist nicht wahr, daß in der alten Zeit immer alles gut gewesen ist, im Gegenteil, gar Manches ist schlecht gewesen, weit schlechter noch als heut zu Tage. Aber gar Manches ist auch besser gewesen, ungleich besser als in der Gegenlvart, und mich dünkt, grade das, worauf die heutige Welt gar so stolz ist, grade das ist vor Zeiten besser gewesen, weit, iveit besser. — Ich will zwar nicht in Abrede stellen, und kein vernünftiger Mensch wird es leugnen, daß es gut und schön ist, daß die Kinder in der Schule heutigen Tages weit mehr lernen, als vor Zeiten, Mathematik und Physik und Metrik und wie alle die andern ikse heißen — und wenn ich auch nicht genau weiß, wie das alles zusammen hängt, so mein ich doch, daß mau in der heutigen Zeit gar so viele gescheidte Erfindungen gemacht hat, als da sind Eisenbahn, Telegraph, Telephon, Phonograph und »och viele, viele andere — ich meine, das kommt mit davon her, daß die Kinder in der Schule gar so viel lernen. Und wenn ich auch nicht glaube, daß die Menschen von alle den Erfindungen besser oder glücklicher geworden sind, so ist's doch schön, daß man sie gemacht hat und ich Hab' 'ne Freude, daß ich grade jetzt lebe und daß alle die großartigen Entdeckungen und Erfindungen in meinen Tagen gemacht worden sind- — Ich hebe das ausdrücklich hervor, denn ich will nicht, daß man meinen soll, weil ich 'ne alte Frau bin, daß mir deswegen nur das 'Altmodische gefällt. O nein, das ist nicht der Fall, so beschränkt bin ich nicht. Aber wenn ich vorhin gesagt habe, daß es gut und schön ist, daß die Kinder in der Schule jetzt um so viel niehr lernen als früher, so habe ich das eigentlich nur von den Jungen gemeint, denn daß die Mädchen auch gar so viel lernen, ich weiß eigentlich nicht, zu was das gut ist; und daß cs schön ist, könnt ich auch grade nicht behaupten, denn die Mädchen, die gar so viel lernen, verstehen gewöhnlich sehr wenig von der Wirtschaft, und das ist ja doch die Hauptsache. Mein gottseliger Vater hat immer gesagt, wenn ein Mädchen Rechnen und Lesen und Schreibe» gelernt hat und wenn sie iveiß, wann man mir und wann man mich sagen muß, so hat sie genug, alles klebrige kann sie allein lernen. Und wir, meine Schwestern und ich, wir haben auch nichts mehr gelernt, außer natürlich Oren und Gebete- und Chumischübersctzen. Und als ich dann geheiratet habe und die Kinder allerhand haben wissen wollen, was ich nicht gewußt habe, da hat mein lieber, guter, gescheiter Mann mir das Buch der Erfindungen gekauft und den kleinen Meier und immer, wenn die Kinder was haben wissen wollen, dann Hab ich darin nachgesehen und Hab ihnen alles erllärt. Und alle Welt hat gesagt, daß ich eine gebildete Frau bin, und cs ist auch wahr, ich kann ganz gebildet reden. Mit dem Schreiben geht es freilich 'n bissel schwerer, aber ich schreibe dies doch nur für ein Familienblatt, und ich denke mir, die israelitischen Familien werden verzeihen, wenn auch hin und wieder ein Bock mir aus der Feder läuft; ich meine cs doch gut, möchte gerne der Welt nützen, und wenn ich mir auch nicht einbilde, daß ich gescheidtcr bin, als andere, so bin ich doch vielleicht mehr herum gekommen in die Häuser, habe in dem einen gesehen, wie es sein muß und in dem andern, wie cs nicht sein sollte, und. habe dann überlegt, waruin es in dem einen so ist, wie es sein muß und in dem andern, >vie es nicht sein sollte und darüber möcht ich reden, oder vielmehr schreiben — den», wie gesagt, ich möchte gern der Welt nützen, und ich bin überzeugt, wenn ich die Menschen überzeugen könnte von dem, wovon ich überzeugt bin, so konnte das Bielen sehr nützen — aber — aber wenn mir » nur gelingen würde die Welt zu überzeugen. Sonderbar ist's, wenn ich jetzt in unserem Verein wäre und die Frauen so um mich herum sitzen würden, ich weiß gewiß, daß ich gleich wüßte, was ich ihnen sagen wollte. — Aber wo ich jetzt da >o allein sitze, mir der Feder in der Hand, und schreiben möchte, da will mir absolut nichts einsallen, wenigstens weiß ich. nicht, ob das, was mir eiufällt, das Richtige ist. Als ich »och ein Kind war, sieben oder acht Jahre alt, da habe ich mich schrecklich gefürchtet, am meisten vor'm Tod und vor'm Sterben und vor all' dergleichen. Da habe ich mir vorgenommen, wenn ich groß' sei» werde, werde ich Chewresran werden und dann werd ich mich gewiß nicht mehr fürchten. Na, als ich groß geworden bin, bin ich freilich nicht gleich Chewrefrau geworden, junge Frauen läßt man doch nicht dazu, aber später, als ich in die Jahre gekommen bin, da bin ich doch zur Cheivre gegangen. Na, gefürchtet Hab ich mich freilich nicht mehr,'aber leicht ist mir die Geschichte nicht geworden, lind immer wenn ich nach Haus gekommen bin, dann hat meine jüngste Tochter, die Einzige von unseren Kindern,- die noch bei uns zu Hause gewesen ist, die hat dann gesagt: „Mutterl, Mutterl, wie schaust Tu aus, ivenn's der Vater Ivüßte, >vie Dich das hernimmt, so möchte er's nicht zugeben, daß Du's tust". Und ich Hab' immer gesagt: „Laß' gut sein, Kind, sag' dem Vater nichts, ich werd mich schon daran gewöhnen". Aber sie hat ihr schönes Köpserl geschüttelt, und dann hat sie Kölnisches Wasser gebracht und hat inich damit gewaschen und Wein und Cognac und Sodawasser und was weiß ich, was sie noch alles gebracht hat. und nicht geruht hat sie, bis ich was genommen Hab'. Und dann hat sie ihre Häkelei genommen, oder was sie sonst gearbeitet hat und hat dabei ein lustiges Lied gesungen, nur damit ich nicht mehr daran denken soll, wo ich gewesen bin. — Ach, und wie schön hat sie gesungen! — Wenn sie gesungen hat und die Fenster sind offen gewesen, so sind die Leute auf der Gasse vor dem Fenster stehen geblieben. — Und wie schön ist sie gewesen und wie lieb und wie gut! — An alle Menschen hat sie gedacht, nur nicht an sich, und für Alle hätte sie sorgen mögen, nur nicht sür sich — Darum ist sie uns auch leider! leider! gar so früh entrissen worden. Tie böse Krankheit, die Jnsluenza, ist nämlich gekommen und hat in unserer Heimatstadt gewütet, das war grauenvoll; in manchen Häusern ist die ganze Familie krank gelegen, sechs oder acht Personen. Nur bei uns ist alles gesund gewesen. Alle Welt hat gestaunt und wir haben Gott gedankt. Aber unser Kind — unser Kind! — Wohl hat sie auch Gott gedankt, daß er uns gesund gelassen hat. Aber damit hat sie sich nicht begnügt, sie hat helfe» wollen, überall hat sic Helsen wollen, und hat sich nicht zurückhalten lassen. Und da ist's gekommen, wie's hat konunen müssen, als alle Welt wieder gesund^ geworden ist, da ist sie krank geworden. — Unser Kind •— unser schönes Kind! — Und hat sich nicht mehr erholt. — Im Sominer bin ich mit ihr in's Gebirge gegangen und sie hat ausgesehen, als ob sie ganz gesund gewesen wäre. Als aber der Herbst gekommen ist, da hat der Doktor gesagt, sic darf nicht heim, die Lust bei uns wäre zu scharf, wir sollten sie mit einer befreundeten Familie über de» Winter nach Meran gehen lassen. Da hat das arme Kind geweint — ach du lieber Gott! so habe ich sie nur dies einemal weinen sehen. — Kindlieb, Kindlieb, habe ich gesagt, weine nicht, ich werd ja mit Dir gehen. Aber das hat sie nicht wolle», absolut nicht. „Nein Mutterl, nein, das wäre doch noch weit ärger, dann wür der Vater ganz allein, das darf nicht sein. (Schluß folgt.) Kaiser Friedrich Quelle -Offenbach a. M.- Vornehmstes Tafelwasser. JSad Xaraburg, Tension Tac&Etans, einziges Hotel am Platze. Mit Genehmigung Sr. Ehrw. Lamlrabb. Dr. Rülf, unter Aufsicht Sr. Ehrw. Rabb. Dr. Auerbach, Halberstadt. I. Ranges. 46 Salons, schönste Lage. Pension von Mk. 6 50anincl.Wohnung. Besitzer: Max Hecht. — Illustrierter Prospekt gratis. —— Wilhelm Glücklich Gegr. Schillerstrasse 4,I. Gegr. 1879. Frankfurt a. M. 1879. Immobilien, Hypotheken»

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