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Neue jüdische Presse · 1903-05-28 · Heft 30 (28.5.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 30 (28.5.1903)
Date
1903-05-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. . Nr. 30. in diesen Tagen wieder der Fall, was ich den geehrten Lesern d. Bl. nicht vorenthalten möchte. War da im schönen Dresden »die Gesellschaft für Natur- und Heilttinde" zu einer Sitzung versammelt. Ein Herr Dr. Kelling hielt Bortrag und zwar behandelte er seine neuen Untersuchungen über die Entstehung der bösartigen Geschwülste (Krebs). Der Herr Doktor verbreitet sich des längeren über das Auftreten dieser KranHeit bei den verschiedenen Geschlechtcm, Berufsarten, AlterssMfen, geht auf die Stadien der Eckrankungen über und bespricht endlich die Ursachen derselben und die zu Gebote stehenden Heilmittel. Herr Dr. Kelling stellt als seine wissenschaftliche Ueberzeugung und Ansicht die Behauptung auf, daß die Erreger der Krankheit Zellen niederer Tiere sein müßten, dieunterganz besonderen Umständen im Körper weiter wuchern. Die Prophylaxis würde aber darin bestehen, daß jeder von seinem Körper und seinenNahrunLsMitteln niedere Tiere (Insekten, Schnecken u. s. w.) und auch den S chmutz, worin Gewebstrümmer derselben Vorkommen, fcrnhalte. Soweit unser Gelehrter. Was der Herr Doktor hier vor einer auserlesenen Zuhörerschaft vortrug, ist dem praktisch religiösen Juden durchaus nicht neu. Jede wahrhaft jüdische Hausftau achtet in ihrer Wirtschaft auf das, was der Gelehrte hier warm empfiehlt aus sanitären Gründen. In der jüdischen Küche wird Salat, Gcniüse, Hülsenftüchte, dürres Obst u. s. w. erst belesen, sorgfältig „besehen", um Jnsckten, Kriechtiere und Würmer nicht zu genießen, und seien diese auch winzig klein; denn die „alte" Thora hat solches seit mehr als 3000 Jahren dem Juden untersagt. (3. B. M. 11, 41—47). An anderer Stelle äußeck sie aber die Ansicht, daß Gott „jede Krankheit, die er auf Egypten legte, von uns fern halten wird, wenn wir seiner Stimme gehorchen und das Ohr schenken seinen Geboten, denn er ist unser Arzt"'. (2. B. M. IS, 26). Die vielbespöttelten Talmudweisen, die auch „um die Kochtöpfe und um das Milbenklauben" sich gekümmert, werden nicht müde, uns genaueAnweisungen zu geben, wie wir die sch'kozim ur'mosim, die „niederen Kriechtiere," wie unser Herr Doktor stch ausdrückt, meiden sollen-und meiden können. Ganz wie Herr Dr. Kelling wünscht, wird Jore ' Dea, Abschnitt 84 gelehck, auch den „Schmutz, worin Gewebstrümmer derselben vockommen" fernzuhalten. - Wird man nun noch lachen dürfen über die ,cheraltete" Thora, über Talmudweisen und Jore Dea? Was menschliche Weisheit uns heute rät, ist uns seit einigen Tausend Jährchen religiöse Pflicht! Gerade jetzt beim Beginn der Gemüsesaison dürfte der Hinweis auf die obigm Gesetzesverordnungen angebracht sein, besonders, da selbst in gesetzestreuen Kreisen aus Unkenntnis und Unwissenheit oft dagegen gefehlt wird. Jawohl, auch Salat- und Gemüsebesehen muß der zur jüdischen Hausftau Heranwachsenden Tochter gezeigt und gelehrt werden. Wer sich je dafür interessierte, der-weiß, daß beispielsweise auf grünen Blättern sich der sogenannte Erdfloh, die Blattlaus oder ApMs rosae nur schwer entdecken läßt, da er ebenso grüne Farbe besitzt. Es gehört hier nicht nur gutes Auge sondern auch Auftnecksamkeit dazu; auch die Blattfalten sind zu untersuchen. Dos alles erfordert aber sicher auch Zeit. Wie oft besorgen junge unerfahrene Mädchen in Restaurationen das „Besehen," wo täglich in großen Quantitäten Gemüse und Salate verwendet'wewen. Seit Jahren habe ich deshalb die Gepflogenheit, dem Genüsse dieser in öffentlichen Speisehäusern zu entsagen. Das naheWochenfest grüßt uns; zum abeckaufendstenmale schmücken wir die.Gotteshäuser der Thora zu Ehren. Der schönste Schmuck der „alten Thora" aber ist das Immergrün ihres nie welkenden Ruhmes und ihrer Kraft Wer ist der gefährlichste Geguer? lieber dieses Thema verbreitet sich Eduard von Hartmann in der bekannten Berliner Zeitung „Der Tag" und kommt dabei auch auf uns Juden zu sprechen. , Er beginnt gleich mit der alten, haltlosen Behauptung, daß in dem jüdischen Geist eine gewisse Gefahr für die deutsche Kultur läge. Es ist eine bei unseren christlichen Mitbürgern allgemein verbreitete Ansicht,' wir Juden hielten in Treue zusammen, seien bemüht, die Ueberliesexungen unserer Väter zu pflegen. Die massenhaften Taufen dürsten endlich einmal unsere chckstlichen Mitbürger belehren, daß sie mit dieser ihrer Anschauung sehr stark auf dem Holzwege sind.' Ueberhaupt ist doch das Christentum ein- Kind des jüdischen Geistes; — welche Gefahr kann da der jüdische Geist für einen christlichen Staat bedeuten? Wollte Gott, es herrschte wahrhaft jüdischer und wahrhaft christlicher Geist in unserem deutschen Vaterlandc; Gewalt und Unrecht würden dann weniger und glückliche, zufriedene Menschen mehr sein. Ucbckgens braucht die Christenheit wahrlich' nicht den Einfluß jüdischen Geistes zu fürchten; der christliche Geist ist seit der Emanzipation so stark in die Reihen der Judenheit eingedrungen, daß die Inden ihr Judentums nur noch mit christlichem Geiste betrachten können. Auch die Behauptung Hartmanns; daß der Antisemitismus im Abnehmen begriffen fei, widerspricht schnurstracks den Tatsachen, denn es ist grade das Gegenteil der Fall. - . Schließlich müssen wir uns noch gegen den von Hartmann gebrauchten Ausdruck „konfessionelle Beschränktheit" wenden. Das Judentum ist noch nie eine Konfession gewesen; cs ist eine Weltanschauung, niedergelegt und durchgeführt in dem gesamten Gcsetzes- und Erziehungscodcx eines Volkes. Doch dem Christen Hartmann können wir seinen Irrtum nicht übel nehmen; wo heute die gesamte Judenheit in den zivilisierten Ländern selbst nur eine jüdische Konfession kennt. Nach dieser Vorausschickung lassen wir nun Hartmanns Ausführungen folgen: „In dem jüdischen Geiste liegt eine gewisse Gefahr für die deutsche Kultur, die jedoch nur mit geistigen Mitteln zu überwinden ist; aber in der deutschen Judenschaft eine Gefahr für das Deutsche Reich sehen wollen, kann nur ein Gespensterseher. Wenn nicht die Sozialdemokratie noch eine Anzahl Juden in den Reichstag einführte, so wären diese dort schon nahezu ausgestorben. Keine der anderen Parteien wagt mehr, einen jüdischen Kandidaten aufzustellen, aus Furcht, dadurch eine Anzahl wertvoller Stimmen abzuschrccken; da scheint es kaum nötig, für den Wahlkampf gegen das Judentum mobil zu machen. Die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich ist von 1871 bis 1895 von 1,25 auf 1,19 v. H. hcrabgesunken. Die deutsche Judenschaft strömt mehr und mehr vom Lande und den kleinen Städten in wenige größere Städte zusammen, steigt dort zu Wohlstand und Bildung auf und verliert damit die konfessionelle Beschränktheit, die das größte Hindernis der deutschen Nationalisierung bildet. Die Zahl der Geburten nimmt mit dem Aufstieg zu Wohlstand und Bildung auch bei den Inden ab; die Zahl der llebertritte und der Mischehen, insbesondere die statistisch nicht nachweisbare Zahl jüdischer Kindertaufen, nimmt zu.' Bald dürste der Punkt erreicht sein, wo die Zahl der Juden im Deutschen Reiche nicht nur relativ, sondern auch absolut abnimmt Dies alles spricht gegen die Fortdauer des politischen Antisemitismus, der sich bereits mehr und mehr umgewandelt hat, bei uns in Antikapitalismus und Alldeutschtum, in Oesterreich in einen Ultramontanismus mit christlichsozialer Färbung. Der Antisemitismus trägt Mitschuld an dem Vorrücken des Polentums, weil er die Judenin den polnischen Landesteilen, die die besten Bundesgenossen der Germanisierung waren, teils zur Abwanderung, teils zum Uebergang ins polnische Lager gezwungen hat- Die Judenaustreibungen haben den westeuropäischen Ländern ebensowenig zum Vorteil gereicht, wie die übermäßige Judeneinwanderung den osteuropäischen Ländern. Deutschland und die Vereinigten Staaten scheinen gerade einen solchen Prozentsatz zu haben, wie er als. Sauerteig dienlich und doch ohne Indigestion zu verdauen ist." — Nichts gelernt und nichts vergessen. „Nichts gelernt und nichts vergessen", mit diesen Worten faßtsich die Summe der Tätigkeit unserer „leider" leitenden Persönlichkeiten zusammen. Es ist eine ganz gewaltige, selbst dem blödesten Auge offenbare Unterbilanz, die sie sich erarbeitet haben; doch sie hören nicht u,ch sehen nicht, sondern schließen wonnetrunken die Augen und somutn sich in dem Optimismus ihrer in jüdischen Dingen so gedankenlosen Oberflächlichkeit. - Und wahrlich, kann man es anders als eine gedankenlose Oberflächlichkeit bezeichnen, wenn der Führer des sogenannten Reformjudentunis, Herr Professor Dr. Philippsbhn, der Präsident des „Deutsch- Israel. Gemeindebundes", in einem Vortrage über das Thema „Die Juden im heutigen Deutschland", den er kürzlich im „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" gehalten hat, von dem „traurigen" Gesetze des Jahrxs 1847 spricht; gleichsam, als ob dieses Gesetz an dem Zerfall des jüdischen Lebens in Preußen schuld wäre. Was ist denn an diesem Gesetze traurig gewesen? Nach Herrn Dr. Philippsohu der Umstand, daß durch dasselbe nicht eine Gesamtorganisation der jüdischen Gemeinden, d. h. eine' dieselben unter einer gemeinschaftlichen, mit staatlichen Machtbefugnissen ausgestatteten Leitung verbindende Organisation, geschaffen worden ist. Das sagt derselbe Mann, der seiner ganzen Anschauung und Lebensführung nach dafür cinstehcn sollte, daß grade in Sachen des Glaubens und des Unglaubens ein freies, durch keine eingesetzte Behörde eingeschränktes Spiel der Kräfte walte. Ja, wenn xine solche Organisation nur eine rein technische sein sollte/ wenn sic einzig und allein dazu berufen wäre, die.Rechte und Pflichten der Gemeinde festzustellen, und nach außen zu vertreten, sowie besonders die Gehälter uird Pensionsverhältnissc der Gemcinbebeamten zu regeln, dann wüßte man sie - aufs wärmste zu begrüßen; das ist aber keineswegs der Fall.. Erst vor einigen Monaten hat ja der Deutsch-Israel. Gemeindebund,' der sich so gern zur staatlich eingesetzten Behörde der israelitischen Gemeinden machen würbe, eine Umfrage an Rabbiner und — Gemeindevorsteher gerichtet des Inhaltes, wie sie sich der Frage der Feuerbestattung gegenüberverhalten. Hätte nun der Deutsch-Israelitische Gemeindebund staalliche Machtbefugnis, so würde er, falls die Mehrzahl der Antworten sich für die Feuerbestattung aussprechen sollte, unter Mißachtung der. religiösen Anschauung der Minorität die Feuerbestattung'durchführen. Oder nicht, Herr Professor?. Doch das ist hier nebensächlich; wir haben an dieser Stelle nur festzunageln, wie sehr Herr Dr. Philippsohn und seine Gesinnungsgenossen im Gegensatz zu ihrer gcsamten-Lebensauffassung handeln, wenn sie glauben, daß das Heil des Judentums nur unter der Zwangsjacke behördlicher Bevormundung zum frischen, frohen Dasein erblühen könne. \ Grade jetzt, so führte Herr Professor Dr. Philippsohn in seiner Rede weiter aus, grade jetzt da das gesamte Judentum sich zusammenschließen müsse, um für seine heiligsten Güter zu kämpfen, sei es die Pflicht eines jeden Juden, zu den Seinigen zu stehen und nicht fahnenflüchtig zu werden. Was sind die heiligsten Güter? Was ist überhaupt das Wesen des Judentums? Wir warten, seitdenl die Reform besteht, darauf, von den Vertretern dieser Bewegung, die nach Herrn Dr. Philippsohn „ein Zeichen regsten geistigen Lebens im Judentum ist", endlich einmal, genau präzisiert, in klaren, deutlichen Worten zu hören, wie sie sich ihr Judentum vorstellen. Bis jetzt konnten wir die Reform nur. an den Früchten ihrer, Tätigkeit beurteilen und was wir da sahenes war nicht trostverheißend. Madig eine jede Frucht, lautlos nagend der Wurm in einer jeden, bis er losgelöst hatte die Frucht, von dem' Baume, der ihr das Leben gegeben. - Stetig und stetig in fortgesetzt verstärktem Maße wächst die Gleichgültigkeit des jüdischen Publikums seinem heiligsten Gute, seiner Religion/ gegenüber, immer größer wird die Fahnenflucht aus dem jüdischen Lager, und das alles trotz des „regen geistigen Lebens", das nach Aussage ihrer Wortführer die Reform in der. Judenheit erzeugt hat. Die jüdische Reformbewcgung hat nichts gelernt und hat nichts vergessen; würde sie nur ein einziges Mal ehrlich mit sich zu Rate gehen, vor Scham über die Resultate ihrer Tätigkeit müßte sie ihr Antlitz verhüllen. 6.ei (Nachdruck verboten ) Die soziale Entwickelung des jüdischen Volkes znr Zeit des 1. Tempels. Von Rabbiner Dr. Jsak Unna, Mannheim. (Fortsetzung.) So war durch die Tätigkeit Salomos der Wohlstand des Landes in außerordentlicher Weise befördert worden. Allein der Strom des Reichtums, der sich in das Land ergoß, brachte auch die Keime für die Schäden mit, die später den Untergang des Reiches herbeiführten. Die alte Einfachheit der Sitten wich der Ueppigkeit und Genußsucht. Die glänzende. Hofhaltung des Königs/) der stch auch, dem sinaitischen Gesetze zuwider, einen großen Harem anlegte/) reizte ohne Zweifel die Vornehmen zur Nachahmung. In weiser Voraussicht hatte das Gesetz verboten, daß der König »sich zu viel Rosse anschaffe" und »Gold und Silber allzuviel anhäufe"/) Es sollte damit verhütet werden, daß die Israeliten in der Handelstätigkeit und der Anhäufung von Reichtümern ihr Hauptziel erblicken und dadurch ihrem eigentlichen Bemfe sich entftemden würden. Mit der Vermehrung des Reichtums war ferner eine Verschärfung der sozialen Gegensätze, auf deren Ausgleichung das Augenmerk des sinaitischen Gesetzes ganz besonders gerichtet war, unzertrennlich verbunden. Dazu kam . noch der Umstand, daß ein Teil der Bevölkerung zu Frohndiensten gezwungen wurde. Salomo fthrte außer dem großen Nationalheiligtum, das er in Jerusalem errichtete, noch zahlreiche andere Bauten auf, und zu diesem Zwecke bedurfte man vieler Arbeiter. Von der israelitischen Bevölkerung nun wurde wohl keiner gezwungen, Frohndienste zu tun/) aber die Ueberreste der kanaanitischen Ureinwohner, die noch zerstreut unter den Israeliten wohnten, wurden als Staatssklaven zur Ausführung der Prachtbauten des Königs verwendet. Ächtzigtausend Arbeiter wurden in den Steinbrüchen beschäftigt, bei Lampenlicht nach Anleitung von Sachverständigen aus Biblos schwere Quadern aus den Felsen zu hauen, und siebzigtausend hoben die schweren Steine aus der Oeffnung und schassten sie zum Bauplatz. lieber diese Arbeiter wären mehr als dreitausend Aufseher aus ihrer eigenen Mitte gesetzt, und diese unterstanden wieder einer. Anzahl von israelitischen Beamten. Nur zum Fällen der Cedern und Cypressenstämme in den Wäldern des Libanon wurden auch Israeliten verwendet. Der König hob zu diesem Zweck 30000 Mann aus; je 10000 wurden ftr je einen Monat in die Wälder gesendet, um dort das Fällen der Bäume und ihre Beförderung zu besorgen/) Man verfuhr dabei wohl in derselben Weise wie bei der Aushebung zum Kriegsdienst; die Ausgehobenen wurden nicht etwa Sklaven, aber sie konnten sich ftr die Dauer der bestimmten Dienstzeit der Arbeit nicht, entziehen. Die Oberaufsicht über die gesamte Arbeiterbevölkerung fthrte Adoniram. Wenn nun auch die Behandlung der Sklaven entsprechend den Bestimmungen des Gesetzes sicherlich eine humane war, so konnte doch schon i) Könige I, 5, 2, 3. -) Könige I, 11, Iss. -) Deut. 17, 16, 17. 4) Könige I, 9, 22. °) Könige I, 5, 27, 28, 29.

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