Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 30 (28.5.1903)
- Date
- 1903-05-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Erleuchtung uns gebracht. Heut' am heil'gen Wochenfeste In Erinn'rung hoch beglückt. Bringen wir der Blumen beste. Daß das Gotteshaus sich schmückt. Durch die hohen Fenster droben. Strahlt die Sonne voll herein. Und von gold'nem Glanz umwoben Siehet man den heil'gen Schrein. Eben nimmt man aus der Lade Eine Thoraroll' heraus, Purpursammt und Silberkrone Stattet sie gar würdig aus. v, Stolz mit seine): teuren Bürde Tritt der Vorbeter hervor. Im Gefühle seiner Würde Hebt er hoch den Schatz empor. Der Gemeinde will er künden. Was auf Sinai einst gescheh'n Israels Wohlfahrt zu begründen Gab Gott der Gebote zehn. I. Ich bin Dein Gott, so ward uns offenbaret. Der aus der Knechtschaft gnädig Dich befreit Und der die Liebe seinem Volk bewahret, Wie es verheißen ward für alle Zeit. II. D'rum sollen wir uns keinen Göttern beugen Die Ehrfurcht nur gebührt dem Herrn allein Und unverhohlen müffen wir es zeigen. Uns wird der Ew'ge auch der Einz'ge sein. III. Wir sollen seinen Namen nicht entweihen. Zu Lug und Trug ihn nimmer sprechen aus. Dem Frevelnden wird nie ein Glück gedeihen. Denn Gottes Segen nur erbaut das Haus. IV. Gedenk des Sabbaks, heilig ihn zu halten. Entweihe nicht des Feiertages Ruh', Du sollst, wie sonst, nicht rastlos heute schalten. Ruh' aus, und wend' dem Göttlichen Dich zu. V. Den Eltern sollen wir die Ehre geben. So mahnet uns die heilig süße Pflicht, Wenn mles andere scheidet auch im Leben, Die tteue Elternliebe wanket nicht. VI. Nicht morden sollen wir des Nächsten Leben, Vergießen nicht des Nebenmenschen Blut; Sein Dasein zu verschönern uns bestteben, 'Ihm hilfreich sein, wo' es ihm nötig tut. VII. Das siebente Gebot, es will uns lehren: Du sollst im Leichtsinn, frevlem Uebermut, Die Heiligkeit der Ehe nimmer stören. Die Treue halten als das höchste Gut. VIII. Um irdischen Besitz Dir zuzulegen. Streck' nicht die Hand nach unrechttnäßigem Gut. Es ruht auf Diebstahl nimmer Gottes Segen, Beflecket ist die Hand, als wär's mit Blut. IX. O, vyne nicht den Mund, um falsch zu zeugen. Der Wahrheit gib bedingungslos die Ehr' Und hüte Dich, vermessen sie zu beugen. Denn frevelvoller Meineid rächt sich schwer. X. Gelüste nicht nach dem. was anderen beschieden. Was Gott Dir zugedacht wird Dir zu Teil, Genügsamkeit macht glücklich und zufrieden Sticht ird'sche Schätze dienen stets zum Heil. So laßt den Herrn für diesen Schatz uns danken. Und tteu befolgen, was uns Gott gebot, Stuf grab ein Wege geh'n und nimmer wanken Der heil'gen Lehre tteu sein bis zum Tod. Das Schwnothfeft. Von Lehrer Freudenberger in Flieden. Alljährlich, wenn die Natur jm herrlichsten Schinuckc prangt, wenn Wald und Flur ihr Festkleid angezogen haben, dann feiern wir Israeliten das schöne Schwuothsest. Schlicht und einfach ist der Einzug dieses Festes. Während für das Passahfest wochenlang in Haus und Küche die sorgfältigsten Vorbereitungen getroffen werden, während wir auch für das Laubhüttenfest einige Tage vorher durch den Ausbau und die Ausschmückung der Laubhütte und die Zusammenstellung des Feststraußes in Anspruch genommen waren, verlangt das Fest der Gesetzgebung kein äußeres Gepränge, keine äußerlichen Rüstungen. Ilm so größer und erhabener ist aber die Bedeutung dieses Festes. Knüpfen doch die Beziehungen desselben an das bedeutendste Ereignis der „Welt- und Menschengeschichte". Ter himmlische Lenker des Weltalls ließ sich an diesem Tage hernieder, um einer erst den Sklavenketten entronnenen Nation die Thora, das heiligste und teuerste Gut der Menschheit zu übermitteln. Bilden doch heute schon die Aseres hadibraus, die 10 Gebote, die Grundlage aller Religionen, das Fundament auf dem alle Kulturvölker ihren Glauben aufgebaut haben. Nachdem laut Ueberlieferung alle 70 Nattonen die Annahme dieses himmlischen Gutes verweigert hatten, sprach das israelitische Volk, als ihm der göttliche Diener Moscheh, das bevorstehende Ereignis der Offenbarung ankündigte, einmütig die ewig denkwürdigen Worte aus: Naase wenischma. Wir wollen ausüben und hören. Durch diese freudige Bereitwilligkeit, die göttlichen Pflichten auf sich zu nehmen, hatte sich Israel würdig gezeigt, daß der Ewige unmittelbar zu ihm redete. Durch die Offenbarung ward die israelitische Nation zum Gollesvolke proklamiert, durch die von jedem Einzelnen des Volkes gemachte eigene Wahrnehmung der Gottesnähe und Gottesherrlichkeit wurde es zur Trägerin des Gottesglaubens erkoren. Der Einzelne kann in seinen Wahrnehmungen sich täuschen, kann von irrigen Vorstellungen sich beeinflussen lassen. Eine Nation von 600000 Männern kann sich nicht irren. Wenn auch zu allen Zeiten man die jüdische Religion in den Staub zog und das jüdische Volk abwechselnd in allen Ländern unter der Sonne den härtesten Bedrückungen ausgesetzt war, so wagte man es doch nicht zu leugnen, daß: die Menschheit den vielgeschmähten Juden den Monotheismus verdankt. Niemals hat es jemand gewagt, diese unantastbare Wahrheit anzuzweifeln. Erst unserer Zeit war cs Vorbehalten, das noch nie bestrittene Verdienst des jüdischen Volkes zu verneinen. Einigen vergilbten Täfelchen, aus Babylons Trümmern nach Jahrtausenden hervorgeholt, wurde die Aufgabe zugewiesen, den Beweis zu erbringen, daß der Granitfels, auf dem die kulttvierte Menschheit sich erhebt, nicht das Judentum, sondern der babylonische Götzenkultus sei. Glücklicher Weise sind die Bertteter aller Glaubensrichtungen diesen ungeheuerlichen Behauptungen mit aller Energie entgegengetreten; — und so sind, so schnell wie sie gekommen, die Delitz'schen Wahngebilde, vor der Wucht der Wahrheit schon wieder in die Winde zerstoben. Möchte auch die anderen noch herrschenden Wahnideen mit gleicher Schnelligkeit ein gleiches Schicksal treffen, damit in Bälde der Zeitpunkt einttete, von dem es heißt: Sie üben nicht Böses, sie handeln nicht verderbt auf meinem ganzen heiligen Berge. Tenn voll geworden ist die Erde mit Erkenntnis Gottes, wie die Wasser des Meeres Bette decken. (Nachdruck Verboten.) Die „alte" Thora. Bon Albert Wahrmund. Es naht heran, kommt täglich näher — ihr Geburtsfest. Wir haben es ja auch längst erwartet, ersehnt; schon seit Wochen „zählen" wir aus das Wiegenfest der „alten" Thora. Ja sie ist alt, sehr alt! Wohl kein anderes Geburtstagskind feiert solches Wiegenfest. Mehr als 3000 — sage dreitausend — Jahre ist es her, da unter Donner und Blitz, unter furchtbaren Erscheinungen der Sinaiberg gekeift, die Thora kam zur Wett, zur Erde nieder. Sollte sie da nicht schon doch etwas „sehr bei Jahren" sein? Sollte es nicht so manchen geben, der aus dem kleinen Wörtlein „alt" ohne viel ethymologische Kopfschmerzen das Wöttchen „verattet" zu bilden weiß? Ach, nein! Es kann nicht sein! — Siehst du denn nicht, wie man auf Schovuaus festliche Vorbereitungen trifft? Hast du es noch nicht miterlebt, wie man hinaus geht in den Wald, die duftenden Maien hott und sie zum Schmucke in's Gotteshaus stellt? Weißt du nicht, daß dort Kräuter und Blumen am Wochenfest gar hettlichen Duft verbreiten, der „Gott und Menschen erfreuen soll?" Und wie schön nimmt sich der Kranz auf der Thorarolle aus, die lieblichsten Kinder der Flora hat man i h r ausgesucht, da sie heute Geburtstag feiert. Wohin ich an diesem Jomtaus auch schaue, überall ftisches, junges, blühendes Leben, grünendes Laub und duftende Blumen im Gotteshause! Und das alles wegen einer „veratteten" Gesetzesrolle? Ach, das harmoniert doch nicht zusammen; ich könnte mir keinen größeren Kontrast denken, als den so im Gotteshause am Schovuaus dargestellten! Wenn ich aber sehe, wie man die wichttgsten, heiligsten Gesetze der Thora entweiht, wie man skrupellos am Schabbos seinen Laden offen hätt, skrupellos seine Zigarre raucht, ttefa ißt und noch vieles andere übt, was stteng verboten, so muß ich doch denken, daß man zweifellos die Thora für „veraltet" hätt, tr otz allerDekorationam Schovuaus. Nur eines glaubt man hie und da gerne: Wenn beispielsweise ein Professor einen alten Ziegelstein in Babylon findet und sein Sprüchlein dazu macht. Man nennt diese Sprüchlein gemeinhin „Wissenschaft " Wie aber ein rechter Jude sich überhaupt nicht leicht fürchtet, so empfindet er auch vor diesem „Unding" nicht Zittern und Grauen. Im Gegenteil es muß ihm und seinem Glauben oft Handlangerdienste tun, für die „alle" Thora als Unterpslug wirken. Und so war es auch