Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 29 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. sind in Kiew geboren, aber da sie nicht, wie der im Oktober ergangene Befehl verlangt, in den Listen der Gilden eingetragen sind, so gelten sie als nicht wohnberechtigt. Die Polizei hatte bisher ihr Wohnrecht nicht beanstandet. Die Ausweisungsmaßregel verursacht den Juden viel Schaden und Leid. Eine versuchte antisemitische Demonstration wurde von dem Militärgouverneür energisch unterdrückt. Die Ausgeünesenen mußten sich zum größten Teil in diejenigen Städte der Bezirke begeben, in denen die Juden wohnen dürfen. Dadurch wird natürlich die Not in diesen Gebieten vergrößert. Belgien. Brüssel, 18. Mai. Wie die „Jndöpendance Belge" erfährt, hat der Londoner Lordmayor Marcus Samuel unter Hinweis auf die Vorfälle in Kischinew die Einladung der Stadt Petersburg zur Feier chres 2(0. Jubiläums abgelehnt. Afrika. Marokko. Madrid, 13. Mai. Da die Presse heftig tadelt, daß die Regierung nichts sür die 250 «panier und 100 jüdischen Schutzgenossen Tetuans getan hat, geht heute der Kreuzer Jnfanta Jzäbel ab. Mulci Arafa soll im kritischen Augenblick aus Tetuan geflohen sein; dieses feige, die Aufständischen ermutigende Verhalten wird hier lebhaft besprochen. Die Einwohner verteidigen sich mit Verzweiflung. Die Munition reicht noch für drei Tage. Gestern wurde eine Gefcchtspause gemacht, um die Toten zu begraben, deren Zahl auf 300 geschätzt wird. Es wurden zahlreiche Köpfe von Aufständischen auf den Stadtmauern aufgepflanzt. Tie ftemden Kvnsülaragcnten flüchteten in das spanische. Konsulat. Bor seiner Abreise bot der englische Konsul seinem spanischen Kollegen die Benutzung eines britischen Kriegsschiffes an, doch lehme der Spanier ab, so lange sich noch Landsleute von ihm in Tetuan befänden. Mohammed Torres versicherte, daß Tetuan ausreichend befestigt sei, allein der Gesandte de Cologmi verlangte Waffen für die «panier, damit sie nicht gegebenenfalls wehrlos abgefchlachtct werden könnten. Er riet ferner an, die Fcser Truppen, wovon ein Teil 'angeblich in Alkasar angekommen ist, direkt nach Tetuan zu führen. Aus Ceuta wird telegraphiert: Die Anghcrakabyle verweigerte die Grenzwacht. Ihr, Kaid floh nach Tanger. Ter Kommandant von Ceuta trifft Vorkehrungen, um jede Grenzverletzung sofort zu ahnden. ■ Drei Dörfer, die noch zmn Sultan hielten, ginge» in Flammen auf. In Gibraltar sammeln sich englische Kriegsschiffe. Frankofurtia. Das Festkomitee für das Jubiläum der Unterrichtsanstalten derJsrael. Religionsgesellschaft erläßt folgende Einladung: „Die offiziellen Jubiläumsfestlichkeiten haben den dem Kaustnannstande angehörigen jüngeren Schülergcnerationen kaum Gelegenheit zur Teilnahme geboten. Das Unterzeichnete Festkomitee chemaliger Schüler wird daher am Dounerstag Sen 28. Mai, abends 8'/- Uhr im großen Saale des Gewerkschaftshauses einen Kest-HornwepS veranstalten, zu dem wir Sie und Ihre werten Angehörigen hierdurch ergebenst einladen. Wir hoffen, daß sich der Kommers, der mit Rück- .sicht auf die Sefiroh-Zeit bis jetzt hinausgeschoben werden mußte, den vorangegangenen festlichen Veranstaltungen würdig anreihen wird und bitten um zahlreichen Zuspruch. Die Gallerie ist für die Damen reserviert. Karten zum Preise von Mk. 1.— (inch Bier) sind vom 24. Mai an, bei dm untenbezeichnetm Stellen, Dammkartm (zum" gleichen Preise) nur in der Kauffmann'schen Buchhandlung zu haben. Hochachtend Das Fest-Komitee. Kattm-Ausgabe bei: I. Kauffmanu, Buchhandlung, Börnesttaße 41; A. I. H o f m a n n, Buchhandlung, Allerheiligensttaße 85; A. Rothschild, Buchhandlung, Börnesttaße 33; D. Strauß, Cigarrenhandlung, Langesttaße 19." Wie wir beretts verratm können, lassen die gettoffmm Borbereitungm auf ein gutes Gelingen des Abends mtt Bestimmtheit schließen. * * Gestern Abend sprach im Restaurant Taunus vor einem Publikum von mindestens 200 Personm Herr Julius Simon aus Mannheim über das Thema: „Was lehrm die Vorgänge in Kischinew'?" „Es ist selbstredend," so begann der Redner, „daß das Publikum nicht von ihm eine Schilderung der Kischinewer Scheußlichkcttm erwarten dürfe, wmn er auch die Versicherung gebm kömre, daß nach ihm zugegangmcn Privatbriefm die Zcitungm nur einm blassm Schimmer von dem gebracht habm, was wirklich geschehen ist. Die Ohnmacht des jüdischm Volkes liegt plötzlich in ihrer ganzen Blöße vor aller Welt aufgedeckt. Doch für das jüdische Volk könne cs nicht gmügen, einfach Frankfurter Israelitisches Familrenblatt. seine Ohnmacht zu bekennen und nun weiter in Untätigkeit zu verharren. Das Bild, das Kischinew plötzlich in so .grausigen Farben hingemalt hat, ist nichts, als dasselbe Schicksal, dem das jüd. Volk seit 1800 Jahren verfallen ist, verfallm seit dem Tage, da der siegende Römer auf. Jerusalems Trümmerstätte sein Panier aufpflanzte. Auch in Deutschland war ein Xanten und ein Könitz möglich und ohne die vorzügliche Polizei und das diszipliniette Heer des konstituellen, modemen Staates wäre vielleicht auch aus dem Tanten und Könitz ein Kischinew geworden. Das Judenelend, die Judennot, sie lungert aus allen Ecken. Selbst in den zivilisierten Ländem wirken Verhältnisse auf die Judenheit ein, die einen Juden zum Märtyrer machen und so schwache und gleichgültige Naturen — es sind jährlich Tausende — veranlassen, fahnenflüchtig zu werden. Tie Lage des jüdischen Volkes ist eine anormale und, bleibt anormal,, solange das jüdische Volk sich nicht aus sich selber besinnt. Herrlich, welterlösend, ist der Optimismus des Judentums; sinnlos und verwerflich. aber der. Optimismus der Judenheit, denn dieser Optimismus erwartet sein Glück nur von anderen, nicht von sich selber. Tor Traum, daß das Heit der Menschheit in ihrer Entwicklung zum Kosmopolitismus liege, ist endgültig dahin. Im Sinne des Judentums war der Kosmopolitismus nie, denn es ist durch und durch national aufgebaut. Heute wird allgemein anerkannt, daß. die Entwicklung des ganzen Menschengeschlechtes nur durch die Entwicklung lebensfähiger Nationen geschehen kann. Es ist deprimierend zu sehen, wie wenig all' diese Forderungen nationaler Kraft in jüdischen Kreisen verstanden und gewürdigt werden. Tic Juden sind heute noch die einzigen Marren,, die an eine allgemeine Menschcnverbrüdcrung glauben im Gegensätze zu dem Judentumc, das verlangt, daß sie für die Dauer der Zeiten treu dem Gesetze und treu der Geschichte ihres. Volkes bleiben und so ihre Eigenart wahren sollen. Und ein jedes Volk wurzelt nur gesund im eigenen Erdreiche! Wohin! ist schon längstdie brennende Frage. Verschließen sich doch jetzt selbst England und Amerika der jüdischen Einwanderung! Einst winkte Ahasver die Frviheitsstatue ihr Willkommen zu, wenn er sich deni Hafen von New-Iork näherte. , Doch heute schmachten 600 000 Juden im Ghetto von New-Pork. Und schon längst, hat der alte Fluch, den der Jude überall mit sich, führt, der Antisemitismus, auch im Lande der Freiheit Wurzel gefaßt. Wohin also, um ein 2. und 3. Kischinew zu verhüten? Ist cs kein Jammer um die Brüder im West und Ost, im Nord und Süd! Will die Judenheit wieder und wieder nichts tun als zum Geldbeutel greifen, >vo das Geld der Fluch aller bisherigen Hilfsaktionen gewesen ist? Das jüdische Volk gebraucht ein Zentrum, um wieder zur Würde, zum Stolz, zur Freiheit zu gelangen. Eine großartige, wunderbare Kraft liegt noch aufgespeichert in den Briidern, die unter 3iußlands Sklavenpeitschc senszen. Soll diese Krast mit der Verelendung ihrer Träger verkümmern oder nicht, das ist die Frage, die an einen jeden denkende» Juden herantritt, das ist die Frage, die der Zionismus mit einem energischen Nein beantwortet hat." Dieser Rede schloß sich nun eine kurze Tisknssion an, indem Herr stud. techn. Gordon, Darmstadt, als Ausdruck des gemeinsamen Schmerzes, der die Versammlung hinsichtlich der Kischinewer Blutszenen beherrschte, eine Entrüstungsrcsolntion wünschte. Herr Referendar Tr. Freundlich und Herr Fritz Sondhcimer widersprechen jedoch dem Vorschlag des Herrn Gordon, da die Katastrophe nicht zu Worten, sondern zur Tat dränge, und so blieb die Resolutton unerledigt. Zum Schlüsse wurde noch eine Tellersammlung für die Kischinewer Opfer vorgenommen, dieselbe ergab die Summe von ca. 170 Mk. K»—«y (Nachdruck verboten.) Im Omer. Bon E. (Schluß.) Trotzdem war er nicht glücklich. Seine neuen Verwandten konnten auf seine Herkunft bezügliche Bemerkungen nicht unterlassen. Eine unüberbrückbare Kluft blieb bestehen. War es das instinktive Bewußtsein einer durch Rassenunterschiede bedingten Abneigung, war es der Widerstteit zweier verschiedenarttger Weltanschauungen) er wußte es nicht. .Doch nach und'nach ftagte er sich," ob er recht gehandelt habe, den angestammten Bäterglaüben, den Frieden und das Glück seiner Eltern einer sicheren Lebensstellung aufzuopfern. Entsetzt aber war er als er seine früheren Ansichten über die Bestimmung der Juden und des Judentums in den moral-theologischen Schriften eines deutschen Rabbiners in überzeugender Weise widerlegt fand. Nv. 29. Immer noch suchte er die Zweifel, die ihn bewegten, niederzudrücken, bis ihm Plötzlich die Beleidigung der ihm angetrauten Genossin seines Lebens die Binde ganz von den Augen riß. Die sich stets fremd gebliebenen zwei Seelen wandelten nun wieder ihre eigenen Wege. Das Gericht sprach die Scheidung aus. —. Und nun lernte er alles Herbe des Lebens in seiner ganzen Bitterkeit kennen. Seine früheren Verwandten, jetzt seine bittersten Gegner, hatten ihn bald aus seiner Stellung verdrängt. Doch so sehr ihn dies auch pekuniär schädigte, so erfüllte es ihn in gewissem Sinne Mit Befriedigung, sein Brot nicht länger eineni Treubruch gegen seinen Gott und gegen sein Volk zu verdanken. Viel schwerer waren die inneren Kämpfe, die ihn Tag und Nacht dnrchwühllen. Ms ein gegen sich selbst offener Charakter wurde es ihm mit Schrecken klar, daß sein ganzes Leben ein verfehltes sei. Auch an der Religion fand er keine Stütze. Hatten ihn ja nur Genußsucht und Streben nach materiellen Gütern zum Uebertritt zu einem Glauben bewogen, von dessen Richtigkeit er niemals auch nur im entferntesten überzeugt war r und nur die Hoffnung, so sein Ziel am Besten erreichen zu können, hatten ihn veranlaßt, der herrschenden Landesreligion beizutreten.. Und wie konnte er bei Gott, wie bei dem Glauben seiner Väter Zuflucht finden, den er doch leichtsinnig und frevelhaft geopfert dem Moloch des Egoismus. Wie gerne wäre er an die treue Vaterbrust zurückgekehrt, wie gerne die Stätten ausgesucht, an denen er der Kindheit heitere, schuldlose. Tage verbrachte. Wie schön hätte sein Leben sich gestalten können, welch' herrliche Früchte sein Wirken zeitigen können, hätte er den Hoffnungen und Erwartungen entsprochen, die sein Vater, seine Familie in ihn gesetzt hatten. Tag und Nacht raubten diese Gedanken ihm die Ruhe. Für ihn gab es kein Zurück mehr, für die «einigen existierte er ja nicht mehr — so glaubte er wenigstens. Was sollte ihm fernerhin' das Leben, ihm dem von allen Seiten Ausgestoßenen! In seiner Verzweiflung beschloß er, freiwillig seinem Leben ein Ende, zu machen. ' * . * * „Papa, wir haben heute keinen Unterricht wegen Lag-Beomer",, rief jubelnd eine kleine Kinderschar ihrem Vater, einem frommen . Kaufmann in der österreichischen Kleinstadt W . .. . entgegen, „dürfen wir den freien Nachmittag einen Spaziergang im Wäldchen machen?". „Wenn Recha mitgeht, will ich's Euch erlauben; nur dürft ihr ja nicht ans Wasser gehen, es ist Omerzeit" Kaum hatte der Vater dies gesagt, als die Kinder auch schon zu Recha ihrer ältesten Schwester, einer neunzehnjährigen, hübschen, unverkennbar jüdischen Typus tragenden Jungfrau sprangen und sie so lange quälten, bis der kleine Trupp unter Aufsicht Rechas den nahen Wald aufsuchte. Vorher ermahnte der Vater, insbesonders den kleinen fünfjährigen Gabriel/ sich ja nicht dem Fluße zu nähern, da dieses in der Sefira-Zeit nach alter Ueberlieferung besonders gefährlich ist. — „Da geht ja ein Herr zuni Fluß hinunter," rief Gabriel, nachdem er vom vielen Umherspringen ermüdet, sich neben Recha gesetzt hatte. Kaum hatte er Professor Geldecke — denn dieser war der Herr — gesehen, als er, trotzdem ihn Recha zuruckzuhalten versuchte, hinznsprang und schon von weitem rief: „Im Omer darf man. nicht ans Wasser gehen." Erstaunt wandte sich Geldecke um. Harte Kämpfe hatte ihn sein Entschluß gekostet, sein verfehltes Leben durch einen Selbstmord zu beschließen. Gab's wirlljch keine Umkehr? Doch nein, für die Seinen ist er moralisch tot. Ihm blieb nichts übrig als durch einen raschen Sprung in die Wellen sich von den nagenden Qualen, die seine Brust bewegten, zu befteien. In seiner überreizten Phantasie kam ihm die Warnung des Kleinen wie eine Gottesstimme vor, die ihn den Verzweifelten vom Grabesrand hinwegrief. Er sah noch Recha, die Begleiterin des lleinen Burschen, auf sich zukommen — sie wollte wohl die Keckheit ihres Brüderchen ihm gegenüber entschuldigen, da — in dem Augenblicke, als er den Sprung in die kalten Fluten vollziehen wollte — sank er, der bis jetzt so riesenstarke Mann, ohnmächtig zu Boden. Me Aufregungen und Kämpfe der letzten Tage hatten ihn überwälttgt, doch sein Leben wargerettet. Einige Leute, die dank Recha's Bemühungen bald herbeikamen, trugen Geldecke zu Herrn Tauber — Recha's Vater —, einem wackeren Manne, der, da er den Kranken seinem Aeußeren nach für einen Glaubensgenossen hielt, es sich nicht nehmen ließ, dem Kranken in seinem Hause ein Lager zu bereiten. Lange schwankte Geldecke zwischen Leben und Tod und nur dank der aufopfernden Pflege Recha's, gelang es dem Arzte ihn allmählich wieder dem Leben zurückzugeben. Längst hatte Recha aus des Kranken Fieber- Phantasien seine Geschichte erfahren, doch verriet sie davon Geldecke nichts, als er ihr, schon als Rekonvaleszent, sein wechselreiches Leben erzählte. Zu ihr hatte er Vertrauen, von ihr verlangte er Rat. Und es ward ihm Rat. - Zurück in die Arme seines Glaubens, zurück in die Arme seines Vaters, wurde seine Verfehlung zu dem Traume einer finsteren, sturmbewegten Nacht. Mit heißem Eifer oblag nun Mendel den Talmudstudien und bald konnte er auf Wunsch