Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 29 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. teilt erhalten werden, während das häßliche Predige« von Antisemitismus überall Förderung findet". Auch der „Kiewljanin" und das „Kiewskoje Slowo" bezeichnen die Vorgänge als eine Schmach für Rußland. Nachahmungswert: In Odessa haben die Inden gelobt, zum Zeichen der Trauer über das Unglück von Kischinew, während dreier Monate weder ein Theater »och sonstige Belustigungslotale z« besuchen. Hilfsaktionen für Kischinew. Paris. Die Alliance Jsraelite Universelle hat sofort nach dem Bekanntwerden der grausigen Vorgänge Fr. SO 000 nach Kischinew abgesandt. New-Nork. Zur Hilfe für die in Kischinew notleidenden Ju d en werden überall umfangreiche Sammlungen veranstaltet. Mahor Low wohnte einer Wohltätigkeitsvorstellung im jüdischen Theater bei und hielt hierbei eine Ansprache über den Kontrast zwischen dem dunklen Rußland und dem freien Amerika. Moskau. Hiesigen Blättern zufolge hat Graf Leo Tolstoi 15,000 Rubel zum Besten der Kischinew er Juden gespendet. Auch die in Odessa wohnenden Schwestern des Finanzministers Witte haben größere Spenden nach Kischinew gesandt. Petersburg. Der Exgouverneur von Kischinew, Konstantinowitsch spendete 10,000 Rubel. Kischinew. Die Gesellschaft dom Roten Kreuze leistet weitgehende Hilfe; sie verteilt täglich 2500 Mahlzeiten an die Geplünderten. Auf diesbezügliche Anfragen teilen wir mit, datz wir selbstverständlich gern bereit sind, Gabe» für Kischinew entgegenzunehmen. Für Frankfurt genügt uns eine Mitteilung per Postkarte — deutliche Adresse und Angabe des zu spendenden Betrages —» worauf wir das Geld vei den Spendern direkt durch unsere eigenen Angestellten kostenfrei erheben lassen. Eine jüdische Kolonie in China.*) Es dürste allen denen, die sich mit den Religionsverhältnissen des chinesischen Volkes beschäftigen, bekannt sein, daß es mitten in China, in der Hauptstadt der Provinz Houan, K'ai-feng-fu, seit vielen, vielen hundert Jahren eine Kolonie von Juden giebtz aber bisher wußte man verhältnismäßig recht wenig über die Schicksale dieser Juden. Ter letzte, der sich eingehender mit ihnen beschäftigte, dürfte der bekannte amerikanische Missionar D. Martin, Präsident der Universität in Peking, sein, der sie 1866 besucht und über feine Erlebnisse anschaulich berichtet hat. Die Juden in K'ai-feng-fu haben einst zu Tausenden gezählt; jetzt sind ihrer nur noch sehr wenige. - Sie sind vollständig verarmt und, führen ein kümmerliches Dasein. Von ihrer Synagoge ist kein Stein mehr vorhanden. Mit eigener Hand haben sie ihr heiliges und schönes Gotteshaus zerstört, da sie kein Geld hatten, es wieder. herzustellen, als es im Laufe der Zeit zu zerfallen begann. Ihre heilige Sprache kennen sie nicht mehr; aber ihr Gesicht hat den charakteristischen Ausdruck ihrer Rasse behalten.. Sie sind, wie O. Martin sagt, während ihres langen Aufenthalts in China wie ein Block geblieben, ein Block, gerissen vom Berge Zion durch eine große Katastrophe und geworfen mitten in China hinein, und dieser Block hat dort gestanden, während die Jahrhunderte dahinrollten, ehrwürdig durch sein Mter, erhaben in seiner Verlassenheitlieber diese jüdische Kolonie - in China ist jetzt neue Kunde zu uns gedrungen. Wir verdanken sie vornehmlich dem Bericht eines Herrn R. Powell in K'ai-feng-fu, den dieser einer Anzahl jüdischer Herren in Schanghai geliefert hat. - In der Märznummer des Organs der China-Jnland-Mission, „China's Millions", werden zusammen mit diesem Bericht des Herrn R. Powell alle Daten veröffentlicht, die wir über die Judenkolonie in K'ai-feng-fu haben. Wir geben diesen interessanten Artikel in folgendem in z. T, freier Bearbeitung wieder. Wie unsere Leser aus den Schlußsätzen ersehen werden, scheint sich jetzt eine neue. Hoffnung für diese Juden zu eröffnen. Das Vorhandensein einer Judenkolonie in China wurde der Welt zuerst bekannt zur Zeit der Königin Elisabeth und zwar durch eine Zahl römisch-katholischer Missionare. Pater Ricci, einer dieser Missionare, wurde während seines Aufenthaltes in Peking von einem chinesischen Studenten besucht, der nach * ber Hauptstadt gekommen war, um sein Examen für einen Regierungsposten zu bestehen- Der Kandidat wünschte dringend, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, der, wie er wähnte, ein Glaubensgenosse von ihm wäre; denn es war ihm gesagt worden, daß Ricci nur einen Gott, den Herrn Himmels und der Erde verehre, ohne Mohammedaner zu sein. Ricci war betrossen durch die Gesichtszüge seines Besuchers, die von denen der gewöhnlichen Chinesen so verschieden waren, und *) Diesen interessanten Aufsatz, von H. Lehmpfuhi geschrieben, entnehmen wir der Bossischen Zeitting. Frarckfrirter Israelitische- Familienblatt. nahm ihn mit in seine Betkammer^ wo er vor dem Bilde „Johannes der Täufer und die heilige F» milie" und einem anderen Bilde, das die Evangelisten darstellte, niederkniete. Sein Besucher folgte dem Beispiel, bemerkte aber: „Wir in China verehren unsere Ahnen. Das ist Rebecca mit ihren Söhnen Jakod und Esau; aber warum werden auf dem anderen Bilde nur vier Söhne Jakobs verehrt; giebt es nicht zwölf?" Es wurden gegenseittg Erklärungen ausgetauscht. Der Gast war ein Israelit Namens Ngai, der von K'ai-feng-fu, der alten Hauptstadt der Song- Dynastie, nach Peking gekommen war. Er erzählte, daß dort seine Gemeinde eine Synagoge hätte, die kürzlich wieder ausgebessert sei, und in der eine bereits über 400 Jahre alte Gesetzesrolle wäre. Er fügte hinzu, daß in Haug-tschau-fu in der Provinz Tsche-kiang eine noch größere Judengemeinde wäre, die auch eine Synagoge besäße. Es ist bekannt, datz sich Juden zur Zeit der Han-Dynastie (200 v. Chr. bis 220 n. Chr.) in China niedergelassen haben. Die Ansichten über das wirkliche Jahr der Niederlassung gehen allerdings auseinander. Manche Autoritäten nehmen 34 n. Chr. an, andere dagegen halten 69 n. Chr. für das wahrscheinlichere Datum — das will heißen: zur Zeit des Falles von Jerusalem. Jbn Batuta, ein Schreiber des 14. Jahrhunderts, bemeÄt in seinem Bericht über die Stadt Hang- Tschau: „In der zweiten Hälfte wohnen Juden, Christen und Türken. Diese sind zahlreich; aber ihre Zahl ist nicht bekannt; der schönste Teil der Stadt gehört ihnen. Ihre Straßen sind gut angelegt: ihre an« gesehenen Männer sind reich. Damals war K'ai-feng-fu eine große und blühende Stadt, ihre Wälle waren etwa 20 englische Meilen lang,*) während ihre Bevölkerung kaum weniger als eine Million Familien betragen haben kann. Dann wurde es ein großes Handelszentrum, und man darf annehmen, daß wegen des Handels große Massen Juden dahin kamen. „Im Laufe der Zeit litt die Stadt durch ileberschwemmungen des Gelbflusses, und häufige Feuers» brünste drückten ihre Bedeutung herab. Das Judenviertel war nicht mehr als 500 Fuß vom Flußdamm entfernt und Flutschäden besonders ausgesetzt. 1642 mußte die Stadt eine Belagerung von einem Monat durch den Rebellenführer Li-ki-tseng bestehen, die den Fall der Stadt durch Ableitung des Gelbflusses zur Folge hatte, 100000 Menschen gingen zu Grunde, viele hebräische Manuskripte wurden vernichtet. Die Synagoge wurde verschiedentlich wieder aufgebaut: 1279, 1489, zu Anfang des 17. Jahrhunderts und dann 1653." Nur allmählich wurde es den Juden in Europa bekannt, daß in China eine Kolonie ihrer Brüder existiere. Es wurden dann verschiedene Versuche gemacht, sie brieflich zu erreichen, zuerst 1760, dann 1815, endlich 1842. Diese Versuche hatten jedoch nur einen teilweisen Erfolg. Ein späterer Versuch war aber zufriedenstellender. 1850 sandte der Bischof von Hongkong; Dr. Smith, gemeinsam mit der Londoner Missionsgesellschaft Boten nach K'ai-feng-fu, die die Botschaft zurückbrachten, daß dort etwa 200 Juden lebten, die „in die allertiefste Armut und Verlassenheit gesunken wären", daß sie keine Synagoge mehr hätten und daß „ihre Religion kaum noch dem Namen nach vorhanden wäre, sie aber doch noch von der heidnischen Menge ringsum trenne". Im Juni 1900 schrieben einige angesehene Juden in Schanghai an Herrn Powell in K'ai-feng-fu und baten ihn um eine Auskunft über ihre Glaubensgenossen. Herr Powell antwortete, daß es dort noch 140 Juden gäbej die in 8 Klans mit folgenden Namen geteilt wären: Li (2 Klans tragen diesen Namen), Tschang, Ai, Tschao, Tuh, Schih Und Kao. Diese 8 Klans umfassen zusammen etwa 40 Familien. Außerhalb K'ai-feng-fu selbst giebt es noch einige weitere Juden; aber ihre Zahl ist außerordentlich gering. Obgleich einst begütert und sehr einflußreich, sind sic jetzt sehr arm, ihre soziale Stellung ist unbedeutend „Einer von ihnen ist ein buddhistischer Priester und hat die Stellung eines kleinen Mandarinen inne, d. h. er führt die Angelegenheiten der anderen Priester." Der Ort, wo einst ihre schöne Synagoge stand, ist jetzt ein Pfuhl mit schmutzigem Wasser, an dem ein Stein steht, der den Fleck angiebt. Im 20. Band des „Chinese Repository" ist der Inhalt der Inschrift auf. diesem Stein wie folgt angegeben: „Betreffs der israelitischen Religion lehren wir, daß unser erster Ahn Adam war. Der Gründer der Religion war Abraham. Dann kam Moses, richtete das Gesetz auf und gab uns die heiligen Bücher. Während der Han-Dynastie kam diese Religion nach China. Im zweiten Jahre des Kaisers Hsiao-tsung von der Song- Dynastie (1164 n. Chr.j wurde die erste Synagoge in K'ai-feng-fu gebaut- Wer Gott durch Idole oder Bilder darstellt, giebt sich umsonst mtt leeren Schemen ab. Wer die heiligen Schriften ehrt und ihnen gehorcht, kennt den Ursprung aller Dinge- Die ewige Vernunft und die heiligen Schriften stützen sich gegenseittg, indem sie zeigen, woher die Menschen ihr Sein herleiten sollen. Alle, die diese. Religion bekennen, bemühen sich, Gutes zu thun, und hassen bas Böse." Aber trotzdem heißt es in dem Bericht Powells: „Die *!) 1 «ngl. Meile =: 1 ftnt. 600 Mtr. Erite 8. Juden in K>ai-sengFu beobachten keine der Vorschriften ihrer Religion; aber mit Ausnahme jenes buddhistischen Priesters beobachten sie auch nicht alle götzendienerischen Praktiken der Heiden; jedoch gehen sie mit ihnen Heiraten ein." Gegenwärttg machen die Juden in Schanghai noch einmal den Versuch, „diesen Rest der Vergessenheit zu entreißen". 'Sechs oder sieben wurden veranlaßt, nach Schanghai zu kommen. Es werden Anstrengungen gemacht, das Geld zum Wiederaufbau der Synagoge aufzubringen. Es wird interessant sein zu erfahren, wie dieser letzte Versuch ausläuft. Aus aller Wett. Deutschland. Frankfurt a. M. Zur Ettnnerung an die verewigte Frau Minka Goldschmidt geb- Freiinvon Rothschild sind seitens ihres Gatten den hiesigen jüdischen Wohltätigkeitsvereinen größere Geldbeträge zugewiesen worden. Frankfurt a. M.» 14. Mai. Wir haben bereits nach den Mitteilungen der Tagespresse kurz gemeldet, datz die jüngste Tochter des Freiherrn Wilhelm von Rothschild, Frau Minka Goldschmidt, nach längerem Leiden verschieden ist. Tie Heimgegangene» die zu Lebzeiten ihres großen Vaters in öffentlichen Angelegenheiten wenig hervorgetreten war, hat sich nach dessen Hinscheiden durch ihre Wirksamkeit den. warmen Dank auch, der glaubenstreuen jüdischen Kreise verdient. Vielseitig gebildet und menschenfreundlichen Sinnes, sah sie ein, daß der Hintritt eines Mannes von der Art des Freiherrn Wilhelm v. Rothschild wie eine Katastrophe auf weite Kreise wirken mußte, traten nicht die berufenen Fortträger seines Wirkens, seine Töchter, in die Bresche, um in Gemeinschaft mit ihrer edlen Mutter wenigstens einen Teil der gefährdeten wirtschaftlichen und geisttgen Interessen vor vernichtender Schädigung zu bewahren. So hat die Heimgegangene denn nicht nur zusammen mit ihrer Schwester, Baronin Edmund von Rothschild, einen großen Teil der von ihrem Vater fortlaufend gewährten Mietunterstützungen und Stipendien bereitwilligst übernommen, sondern darüber hinaus auch gleich ihrer Mutter, offenen Ohres all den unzähligen Fällen materieller und geistiger Not ihre Teilnahme gewidmet, die an sie herantraten. Es war ein Funke der nimmer ermüdenden, pflichtbewußten Wohltättgkeit des Elternhauses, der in ihr lebte und der vielleicht, wäre ihr Zeit und Kraft weiter vergönnt geblieben, noch die herrlichsten Früchte gezeitigt hätte. So weckt ihr ftüher Hintritt auf's neue den ttefen Schmerz um den von ihr selbst so hochverehrten Vater, und in enger Verbindung mit ihm wird Minka Aoldschnridt's Andenken im Kreise aller Menschenfteunde ein reichgesegnetes bleiben. Berlin. Es war kürzlich in verschiedenen Blättern zu lesen, daß Herr James Simon, der Vorsitzende des »„hilfsverein der deutschen Juden", wegen seiner mannigfachen Verdienste für die „Deutsche Orientgesellschaft" von Sr. Majestät, dem deutschen Kaiser, sein Bildnis mit einem Handschreiben erhalten habe, in dem es hieß: „Wenn der Empfänger auch alle sonstigen Ehrungen von der Hand weise, sür das beifolgende Bild werde er doch noch ein Plätzchen in seinem Zimmer finden." Jetzt teilt die „Zeit" mit, daß Herr Simon niemals einen solchen Brief erhalten habe und daß ihm vielmehr vor einiger Zeit der Rote Adlerorden 4. Kl. verliehen worden sei. Karlsruhe. Kultusgemeindewahlen in Baden. Bei der gestrigen Wahl des Ausschusses der israelittschen Kultusgemeinde in Baden wurde Bankier Moriz Leitner zum Präsidenten, Anton Schneider zum Vizepräsidenten, die Herren Doktor E. Rath und S. Klauber zu Beiräten gewählt. KSatzsberg. Der Hilfsverein für kranke russische Israeliten, E. B„ hielt am Sonntag, Bormittags um 10Y» llhr, im Hotel Epstein seine Generalversammlung ab. Nachdem der Vorsitzende einen kurzen Bericht über die Tätigkeit des Vereins im Jahre 1902 gegeben hatte, wurde dem Vorstande und dem Kassierer die beantragte Entlastung erteilt. Die statutenmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder, Herren H. Ginsburg, N. Landsberger, A. I. Lewin, Louis Löwenstein und L. Smoira, wurden durch Zuruf einstimmig wiedergewätzlt. Zu Kassenrevisoren wurden wiederum die Herren L- Dinesmann und Max Feinstein ernannt, zu ihrem Stellvertreter Herr I. Perlis. Desterreich-Angar«. Leipa, 10. Mai. (Neuer Rabbiner.) In der letzten Borstandssitzung der hiesigen israelittschen Kultusgemeinde wurde Dr. Johann Krengel aus Salzburg zum Rabbiner gewählt. Rußland. Petersburg. Rach der letzten BokEzahlung giebt es hier unter 1500000 Einwohnern 20385 Juden. Wie dem .Standard" aus Kiew vom 10. Mai gemeldet wird, werden durch die vor einem halben Jahre verfügte Ausweisung derjenigen Juden, die kein Recht zum Wohnen in Kiew haben, ungefähr 37 000 Personen betroffen. Die meisten der Ausgewiesenen