Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 29 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. und Rossestädte an; er hatte 12 000 Reitrosse 1400 Kricgswagen,für welche 4000Ställe aufgebautwurden.") Den größten Gewinn für sein Land zog Salomo aber aus dem Seehandel, der unter seiner Regierung erst zu großer Ausdehnung und Bedeutung gelangte. Hiebei kam Salomo die Freundschaft mit dem erfahrenen Handelsvolke der Phönizier und ihrem Könige Hiram sehr zu statten. Auf Hirams Rat ließ Salomo in Ezion-Geber, am östlichen Meerbusen des roten Meeres, eine Flotte fester und geräumiger Schiffe bauen und ausrüsten. Hiram sandte dann eine Anzahl seiner erfahrenen Seeleute, die gemeinsam mit den Israeliten die Fahrt nach dem Goldlande Ophir1S) unternahmen. Unter den Erzeugnissen des Landes Israel, die sie ausführten, nimmtder Balsam von Gilead, der als Hellmittel geschätzt war, eine hervorragende Stelle ein. Nach drei Jahren kehrte die Flotte von ihrer ersten Fahrt zurück, reich beladen mtt Schätzen aller Art: Gold, Elfenbein, Affen und Pfauen. Diese Ophirfahrten wurden mehrmals wiederholt und jede brachte neue Schätze ins Land. Zur Sicherhett und Erleichterung des Handelsverkehrs im Innern und nach den Häfen wurden bequeme Handelsstraßen angelegt.") (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Lichtblick: aus — Rußland! Bon S. Berlowitz. Frankfurt a. M., den 12. Mai 1903. Wer die sogen, jüd. Presse in letzterer Zett zu verfolgen die Geduld hatte, weiß, daß sie noch J>or kurzem nur Erfreuliches und Hoffnungsreiches -für unsere im Osten schmachtenden Brüder zu^ berichten wußte. Neben den langen, oft ganze «palten füllenden Verzeichnissen von verliehenen Kronenorden 4tcr Klasse an Juden, die. nicht selten vieles darum gäben, wenn sie es nicht wären . . . und ähnlichen welterschütternden Ereignissen, ward das Thema von den „Lichtblicken aus Rußland" in den verschiedensten Variationen abgehandelt: bald waren es Erweiterungen des Ansiedelungsrayons, bald hohe Ehren, die man toten Juden oder gar lebenden erwiesen hatte, woran man sich labte, sodaß derjenige, der diese Enunziationen der „Führer Israels" und ihrer offiziellen Presse ernst nehmen wollte, davon überzeugt sein konnte, daß die Emanzipaüon der Juden Rußlands vor der Türe stehe und nur eine Frage der Zeit und zwar der allernächsten sei- Allerdings fehlle es nicht an Berichten ganz anderer Art, aus denen der herannahende Sturm für jeden, der sehen wollte, klar erkennbar war; aber diese Berichte hatten das Unglück, — von der zionistischen Presse erstattet zu werden, somit war es für die offizielle jüdische Presse selbstverständlich, daß sie hiervon keine Notiz zu nehmen brauche, und so konnte sie noch am Vorabend des Sturmtages liebliche Schlummerweisen singen. — Nun wahrlich, der politische Scharfblick und die staatsmännische Voraussicht der Herren, die die Führer ihres Volkes in seinem Kampfe um sein Menschenrecht und seine Menschenwürde sein konnten und sollten, sowie die Verläßlichkeit und Vertrauenswürdigkeit ihrer Presse, deren Aufgabe es wäre, scharfe Wacht zu hallen und herannahende Stürme zu signalisieren, konnten nicht schlagender bewiesen werden, als es durch die Ereignisse in Kischinew und Tiraspol geschehen ist. Ist ja doch von Petersburg aus klar und'deutlich entschieden worden, daß — offener Raub und Mord gegen die Juden nicht gestattet sei. Diese das russische Volk und seine Regierung gleich ehrende Entscheidung darf nicht unterschätzt werden, da sie augenscheinlich keine unüberlegte Aeußerung irgend eines untergeordneten Beamten, sondern eine reiflich überlegte — hat ja die Ueberlegung 2 volle Tage in Anspruch genommen — Willenskundgebung der hohen und höchsten Regierungskreise ist. Man darf daher vielleicht hoffen, daß die Kischinewer Lokal« regierung über die zweifelhafte Rechtsfrage, ob Raub und Mord, wenn sie sich gegen Juden richten, gestattet sind oder nicht, nunmehr aufgellärt sein wird; wiewohl die Erfahrungen der Jahre 1881 und 1882 uns lehren, daß die russische Polizei bei ihrer großen Gewissenhaftigkeit uno in der Furcht, einer Rechtsbeugung sich schuldig zu machen, sich immer aufs neue mit derselben Rechtsftage .... an die Regierung zu wenden pflegte, und immer wieder ward in St- Petersburg, dem Sitze der Gerechtigkeit, dieselbe Frage mit derselben Gründlichkeit und Befonnenhett . . . behandelt. — Eine weitere Illustration der rührenden Fürsorge der russischen Behörden für die Juden, ist der Umstand, daß, solange cs noch nicht entschieden war, ob es unstatthaft sei, Juden zu morden, die löbliche Polizei von Kischinew die Angegriffenen und Bedrohten daran hinderte, Gewattalle gegen das Kischinewer Volk zu begehen; es zwang sie, vereinzelt in ihren Häusern zu verbleiben, so ihnen die Gelegenheit nehmend, Unrecht zu tun und gegen 'Gesetz und Recht sich zu vergehen. Denn gesetzt den Fall, es wäre von Petersburg die Antwort gekom- ») Könige I, 5. 6; 10, 26. M) Nach einer wahrscheinlichen Annahme Whtta im Mündungsgebiet deL JnduS. ") Jos. Allert. YTII. 7. 4. Fraickfurter Israelitisches Kamilienblatt. men, die Kischinewer Ostervergnügen widersprächen nicht dem Geiste des Gesetzes — wenn man eine Frage stellt, kann man doch niemals im Vorhinein wissen, wie die Antwort lauten wird. — so wäre es klar gewesen, daß den Juden nicht erlaubt werden dürfte, den Kischinewer' Pöbel1 — Arbeiter, Studenten und Beamte in Uniform — an der Ausübung ihres Rechtes, Juden zu morden, zu hindern. Daß aber diese Vorsicht nicht ganz unnöttg war, wissen wir ebenfalls aus den ereignisreichen Jahren 1881 und 1882, denn dort, wo die Wächter der öffentlichen Ordnung sich zu schwach fühlten oder zu spät erschienen, um — die Mordbrenner zu schützen, da haben die Juden sich nicht nur tapfer verteidigt, sondern die Angreifer in die Flucht geschlagen. «chon im Voraus dursten wir von der Milde und Gerechtigkeit der russischen Regierung erwarten, daß sie mtt den armen Verirrten, die aus 'Unkenntnis des Gesetzes ein wenig getötet und geplündert haben, nicht allzuscharf ins Gericht gehen werde; denn sobald bekannt wurde, daß die Sache ungesetzlich sei, verschwand der mittelalterliche Spuk wie mtt einem Zauberschlage, es bedurfte nicht einmal eines einzigen Schreckschusses. ... Es ist also llar, daß das ganze Unglück — nur eine Folge dieser unglücklichen Gesetzesunkenntnis war, die umsoweniger allzuschwer ins Gewicht fallen darf, als augenscheinlich auch die Behörden sich keiner bessern Kenntnis rühmen konnten, und sogar in Petersburg selbst scheint man nicht ganz sicher gewesen zu sein. Jetzt aber, nachdem die russische Regierung die Resultate einer gründlichen und unparteiischen Untersuchung offiziell bekannt giebt, aus denen hervorgeht, daß die Juden es waren, die auf Raub und Mord ausgingen, und nachdem sich ein Comite mit dem Gouverneur an der Spitze zur Unterstützung der Famllien — der Mörder gebildet hat, dürfen wir vollends über das Schicksal der Frommen, die in der Glut helliger Begeisterung Gottes, Judenkinder zerrissen und Frauen geschändet, bevor sie sie ermordet haben, ganz beruhigt sein. Wtt machen die Machthaber in Israel und ihre unentwegt auf der Höhe ihrer Aufgabe stehende Presse auf diese Sachlage aufmerksam und sind überzeugt» daß sich ihnen hieraus neue, ungeahnte „Lichtblicke" eröffnen werden. Insbesondere ist hierzu der zuletzt angeführte Umstand, daß die Juden es waren, die zum Angriff geschritten sind, sehr geeignet; denn cs muß unfern Brüdern in Rußland beneidenswert gut gehen, wenn sie so übermütig werden konnten. . . . Auch geben wtt der Hoffnung Raum, daß diejenigen Männer in Israelin deren Hände die Möglichkeit zu helfen gegeben ist, aus diesen Ereignissen und noch mehr aus ihren Nebenumständen die geeignete Lehre ziehen werden: wir erwarten also zuversichtlich, daß die Leiter der „Fra" und der „Allianz" mit den ihnen' zum Zwecke der Rettung ihres armen, zu Tode gehetzten Volkes zur Verfügung gestellten großen Mitteln nunmehr zur Gründung allgemeiner Schulen für Gesetzeskunde in Rußland'schreiten werden, um so das Uebel in seiner Wurzel zu bekämpfen. ... Sie hätten da auf sehr vornehme Schüler zu rechnen und auf ebensolche Erfolge, wie in ihren bisherigen zielbewußten Akttonen. - In diesem grausamen, das Herz starr machenden Schmerze wissen wir nur einen Trost, kennen wir nur eine Mllderung: einen größer» Schmerz, ein noch tieferes Weh! Wir sind mit Recht auf unsere Ahnen stolz, die für ihre Ueberzeugüng freudig den Schetterhaufen besteigen konnten! Wer was bedeutet ein schneller Feuertod oder ein Tod von barmherziger Mörderhand gegen ein Leben, zu dem Hunderttausende unseres Volkes verdammt sind, das nichts ist, als ein harter, grauser Todeskampf, der von der Wiege bis zum Grabe dauert?! All; die vielen Tausende, die alljährlich mit wunden Füßen und noch wunderem Herzen die Erde durchwandern, die Meere durchforschen, eine Heimat suchend, eine Stätte, wo sie ihr Brod mit ehrlicher, schwerer Arbeit erwerben könnten, ohne sie zu finden: all die vielen Hunderttausende, die auf einem engen Raum zusammengepfercht leben müssen, wo ihnen noch durch ein unzerreißbares Gesetzesnetz die Lebensmöglichketten mtt kalter Grausamkett genommen werden, ja, wo ihnen sogar die Erziehung ihrer Kinder unmöglich gemacht wird, um sie so ganz, an Körper und Geist, zu vernichten, sind dttse Unglücklichen unseres Volkes, die für ihr Judentum nicht sterben, sondern leben müssen, nicht der Tränen würdiger, als selbst die unschuldigen Schlachtopfer von Kischinew und Tiraspol? Wer dies bedenkt, und es sich, vergegenwärtigt, wird mit dem Propheten ausrufen: „Besser die Erschlagenen s>es Schwertes, als die Gefallenen durch Not und Elend!" Denn schön und erhaben ift’ber Tod auf dem Scheiterhaufen im Vergleich mit dem marterreichen und schmachvollen Tode auf dem Misthaufen. Unverdiente Not, unverschuldetes Elend, sagt man, erniedrigen nicht, wenn auch die Folgen gleich verheerend sinh. Ja ist es aber hier der Fall? Sind wtt an unserem Unglücke ganz und gar schuldlos? — Dies ist die bitterste der Fragen! . Was soll man sagen, wenn eben dieses, von einem übermächtigen Feind dem Untergange geweihte Volk, das seine letzten Kräfte an strengt, sich zu retten, von seinen glücklichen, in den zivilisierten Staaten wohnenden Brüdern nicht in seinen Bemühungen unterr- - -v Nr. 36 stützt, sondern im Gegenteil gehindert wird? Mit allen Fasern seines Herzens sehnt es sich danach, die Heimat zu erwerben, die seinem Herzen so nahe ist unh auf die cs unverbrüchliche Rechte hat, damit es. frei in ihr — seinem Gotte und sich treu — seine Kräfte entfalte. Und da sind es Juden, die ihnen den geschmackvollen Vorwurf machen, sie wollen sich mit den Mohammedanern — den Feinden des Christentums — verbinden, und zwar sind es eben dieselben Juden, in deren Hände große Kapitalien zur Rettung des jüdischen Volkes niedergelegt wurden. Doch da diese Retter nur eine Rettung, die Auflösung unter den Völkern, kennen, so verfahren sie mit dem Gelbe ihres Volkes, als ob es ihr persönliches Eigentum wäre. — Und was soll.man von unseren nach dem Gesetze ihrer Väter lebenden Brüdern denken, die mit ihrem jüdischen Pflichtgefühl in Konflikt zu kommen glauben, wenn sic mit den Helden ihres Glaubens bei der Rettung der Judenhett und damit auch des Judentums Mitarbeiten würden? Wahrlich, die Mörder von Kischinew machten bei ihrem Hasse keinen Unterschied zwischen Judentum und Judenhett, sie zerrissen jüdische kleine Kinder und die Thorarollen in der Synagoge mit gleicher Wut. Ach, möchten doch diejenigen, die das Judentum so sehr lieben, auch ein wenig Herz für die Judenhett haben; es wäre sicherlich im Geiste des Judentums! In dieser grausen Nacht des Jammers Und der Schmach giebt es nur einen „Lichtblick", nur eine Hoffnung, nämlich die, daß die große Mehrheit unseres schwergeprüften Volkes einsehen wird, daß dieses nicht auf die Gnade der Völker seine Zukunft bauen darf, sondern nur Gott und der eigenen Kraft vertrauen soll, daß es begreifen wird, wie sehr es von seinen Führern, die stets „Friede, Friede" rufen, wo doch kein Friede ist, in die Irre geführt wird. Wenn jeder Jude daun seiner Pflicht seinem Volke gegenüber eingedenk sein wird, dann sind die Opfer von Kischinew nicht umsonst gefallen, dann ist ihr Blut nicht vergebens geflossen, denn die Tränen, um sie geweint, fallen auf einen ftuchtbaren Boden, aus dem herrliche Blüten entsprossen; eine heilbringende Saat ruht darin für kommende, glückliche Zeiten! . „Und ich zog an Dir vorüber und sah Dich wälzen in Deinem Blute, da sprach ich: Gesunde in Deinem Blute! Gesunde in Deinem Blute!" Bon der Kischinewer Katastrophe werden noch immer neue Einzelheiten gemeldet. So drang die vertierte Menge in die große Synagoge ein, wo viele 'Menschen mit dem Rabbiner an der Spitze um Rettung beteten, zertrümmerten Alles' und forderten den Rabbiner auf, die Thorarollen mit den Füßen zu treten; als er dieses trotz aller Mißhandlungen verweigerte, knüpften sie ihn am Haken eines Kandelabers auf und zündeten unter ihm ein Feuer an. In der Gubernskystraße griffen die Horden ein Kaffeehaus an, in das sich gegen 200 Juden geflüchtet hatten. Diese setzten sich gegen die Verfolger zur Wehre und schlugen sie in die Flucht- Hier war der Anführer ein Geistlicher, der, den Zurückweichendcn immer zurief: „Dalche stupaite (Vorwärts gehen)!" Dort, wo die Juden sich zu ihrer Verteidigung bewaffneten, wurden sie von den Polizisten wiederentwaffnet! Als die Juden, so lesen wir in der konservattven „Petersburgsija Wjedomosti", die Metzeleien in den Straßen und das Stillschweigen der Polizei sahen, stürzten sie, von panischem Schrecken ergriffen, auf die Telegraphenämter, um nach Petersburg zu telegraphieren und um Rettung zu bitten; aber überall wurde die Annahme von Depeschen verweigert.' Bald verbreitete sich der Aufruhr auf die weitere Umgegend. So wurden in dem Dorfe Batschoj, das in einer Entfernung von 10 Werst (IOV2 Kilometer) von Kischinew entfernt liegt, sämtliche jüdischen Häuser völlig vernichtet, alles Hab und Gut geplündert und viele Menschen getötet. Auch von Tiraspol, einem Orte zwischen Kischinew und Odessa, werden Metzeleien gemeldet. Es steht fest, daß dank der russischen Zensur nur ein Weniges von all' diesem Entsetzlichen berichtet worden ist, was sich abgespielt hat. Die in Bessarabien - am Osterfeste gefeierten Blutorgien sind so grauenhaft gewesen, daß eine Feder sie nicht schildern, ein Mund sie nicht aussprechen kann. ‘ Selbst die konservative, den Juden ungünstig gesinnte russische Presse gesteht dies unumwunden ein. So bezeichnet die „Petersburgskija Wjedomosti" die Vorgänge von Kischinew als etwas, was die Welt bis jetzt noch nicht gesehen hatte. Fürst Meschtscherski erhebt im „Gräschdanin" schwere Vorwürfe gegen die Obrigkeit von Kischinew. Noch schärfer urteilt das angesehene Blatt „Prawo", dem Minister v. Plehwe die erste Verwarnung erteilte. In diesem Blatte erklärt der bekannte russische Kriminalist Nabokow, ein Bruder des verstorbenen Justizministers unter Mexander 11-, daß die „Massacres von Kischinew eine Folge; der Bedrückung und der Rechtlosigkeit der Juden seien, welche mit allen Mit-