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Neue jüdische Presse · 1903-05-22 · Heft 29 (22.5.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 29 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ihr Untergang lehrte es, ihr Zählen war ein falsches und ihre Vollendung die wahre — nicht. Und gar viele zählten und verzählten sich; und die Menschheit zählt immer weiter, sie weiß aber nicht, wann sie enden soll, und merkt's, daß ein Zählen ohne Ziel der höchste Jammer ist. Und auch mein Volk zählt, sein Ziel aber steht fest, sein Ziel hat gesetzt der Schöpfer des Himmels und der Erde, sein Ziel hat gesetzt der Lenker der Geschicke. Mein Volk zählt ... hat gezählt durch die Jahrtausende hindurch, hat gezählt auf der Folterbank, hat gezählt auf dem Scheiterhaufen, hat gezählt da es im Sterben lag und sein Gott sprach: „In deinem Blute lebe wieder auf." Und es lebt immer noch und zählt... und zählt auch noch, wenn es erreicht hat, wo andere aushören zu zählen. Und vollendet hat es nicht, wenn es den eigenen Acker bepflügt, vollendet hat es nicht, wenn menschenwürdig man es behandelt, vollendet hat es nicht, wenn auch die Glücksstaffel es erklommen. Sein Ziel ist nicht Besitz, ist nicht Genuß. Wohl verschmäht es des Lebens Güter nicht, doch nur Marksteine sind sie auf dem Wege, nimmer aber das Ziel selbst. Und mag der eine, der andere sich verzählen und stille Sen wo andere Völker fülle stehen; mein Volk lt weiter ... und für die Menschheit zählt es, daß sie einst alle erreichen jenes hohe Ziel, gesetzt von dem Vater aller Menschen. Wenn sie's einst erkennen, daß das wahre Hochziel das unsere ist, daß alles andere selbst nur Zahlen, Stufen nur zum Ziele sind, wenn sie alle demselben Ziele zuzählen, dann ..... dann hat mein Volk vollendet. (Nachdruck verboten.) Die soziale Entwickelung des jüdischen Bottes zur Zeit des 1. Tempels. Bon Rabbiner Dr. Jsak Unna, Mannheim. Das jüdische Volk war durch seine Bestimmung darauf hingewiesen, den Ackerbau als den Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens zu bettachten, und das Land, das ihm zur Betätigung seiner Aufgabe und zur Entfaltung seines Volkstums zuteil wurde, Kanaan, war ganz dazu geeignet, die Entwickelung in diesem Sinne zu fördern. Wenn auch klein von Umfang, so befriedigte es doch durch seine Fruchtbarkeit die Bedürfnisse'der Bevöllerung in vollstem Maße. Freilich war diese Fruchtbarkeit keine freiwillige; „die Wüste ftaß um sich, wo ihr nicht entgegengearbeitet wurde. Aber der Schweiß des Angesichts tat hier Wunder. Die terrassierten Berge waren mit Wein und Oliven bedeckt, die Täler und Ebenen trugen Weizen und Gerste - die Fülle".*) Der reiche Pflanzenwuchs der Gebirge, des Baschan, Karmel usw. machte die Viehzucht zu einer der einttäglichsten Beschäftigungen. So wirllte in dem Lande, „wo Milch und Honig floß", der ünverdroffenen Arbeit, die ja nach dem Gesetze Mosis die Bestimmung des Menschen sein sollte, reicher Lohn. In der Periode nach der Einwanderung herrschten einfache, ländliche Berhältniffe; größere Städte gab es noch nicht, und die fortwährenden Kämpfe mtt den Ureinwohnern, die erst nach und nach zur Unterwerfung gebracht wurden, ließen eine erhöhte Kultur und eine verfeinette Lebenshaltung nicht auskommen. ') Wellhausen, Gesch. d. Volkes Israel, S. 82. Jeder bestellte selbst sein Feld und ttieb seine Herden auf die Weide; sogar König Saul kommt noch „hinter den Rindern vom Felde"2) und David wird von der Trift, wo er die Schafe weidet, herbeigeholt, um zum König gesalbt zu werden?) Nur allmählich entwickelte sich ein gewisser Wohlstand; im Deborahlied (Richter 5) wird von denen gesprochen, die auf weißen Eselinnen reiten, und die nach der Besiegung des Feindes nunmehr ohne Furcht vor Uebersällen ihren Weg verfolgen können. Die Bomehmen scheinen in jener Zeit buntgewirkte Gewänder gettagen zu haben?) Aber wenn auch von Reichtum noch nicht die Rede sein konnte, so war auch andererseits eine eigentliche Armut noch nicht vorhanden. Es gab darum auch keine Sklaven von jüdischer Abstammung; man bedurfte derselben gar nicht; denn die Feldarbeiten, das Dreschen des Weizens usw. besorgte der Eigentümer selbst?) Das Handwerk wurde nur in geringem Umfang bettieben, es sorgte dabei wohl jeder für seinen eigenen Hausbedarf. Nur von Schmieden ist an einer Stelle die Rede?) und diese waren ja auch zur Herstellung und Ausbesserung der Ackergeräte sowie zur Verfertigung von Waffen nicht zu eMbehren. Handel und Schifffahrt entwickelten sich ebenfalls erst später unter phönizischem Einfluß. Größerer Reichtum kam durch den siegreichen Kampf gegen die Midjantter ins Land. Goldene Ringe, Halsketten, Purpurgewänder wurden erbeutet, und aus dem Gold der Ringe, die den Feinden abgenommen worden waren, errichtete Gideon ein Denkmal zur Erinnerung an seinen Sieg?) — Besitzlos waren nur die Leviten, welche keinen Anteil am Lande hatten. Sie hatten zwar, ebenso wie die Priester, Städte zu ihrem Wohnsitz erhalten?) aber der ihnen zugesicherte Zehnt vom Getreide scheint nicht regelmäßig enttichtet worden zu sein. Die Erzählung Richter 17, 7 ff. wo ein Levit auf die Wanderschaft geht, „um zu weilen, wo er es kessen würde," deutet wenigstens darauf hin. Zu den Kämpfen mtt den kanaanttischen Ureinwohnern kamen noch, solche mit den umwohnenden Völkerschaften, besonders den Ammonitern und den Philistern. Die letzteren hiellen das israelttische Volk lange Zeit unter ihrer Botmäßigkeit, und erst nach der Erwählung Sauls zum Könige gelang es diesem, sein Volk von ihrer drückenden Herrschaft zu befteien. Die Einsetzung des Königtums bedeutet überhaupt einen Wendepunkt in der sozialen Entwickelung des jüdischen Volkes. Die Stämme, die bisher nur lose zusammenhingen und nur zu Zetten allgemeiner Gefahr, und auch-da nicht immer, sich vereinigten, begannen jetzt, sich zu einer festgegliedetten, geschlossenen Einheit zu verschmelzen; nur der Stamm Juda, nimmt noch eine gewisse Sonderstellung ein. — Wenn auch Saul, aus einfachen Verhältnissen hervorgegangen, diese Einfachheit auch auf seine neue Stellung übertrug, und wenn wir ihn auch hauptsächlich nur als Heerführer kennen lernen, so war doch die Tatsache, daß ein Oberhaupt vorhanden war, welches das Volksganze repräsentierte, von großem Einfluß auf die Hebung des nationalen Bewußtseins und damtt auch auf das Volksleben überhaupt. Die Befteiung von der Fremdherrschaft, die religiös-sittliche Wiedergeburt, die der Tätigkett des Propheten Samuel zu danken war. und das gestärtte Bewußtsein der Zusammengehörigkeit bewirüen einen nattonalen Aufschwung, der sich auch in einer mten- 2) I. B. Sam. 11,5. 3) Sam. 1,16,11. 4) Richter 5, 10. '■> s) Richter 6, 11. Und sein Sohn Gideon (der spätere Richter) klopfte eben Weizen in der Tenne, um zu flüchten vor Midjan. °) Sam. I, 13, 49. 0 Richter. 8, 26, 27. ') Jos- 21. stieren Gestaltung des Berkehrslebens äußette. Die glücklichen Unternehmungen gegen Philister, Amalekiter und andere Feinde vermehrten den Wohlstand, und in dem KlaaeliL». welches David dem Saul ansttmmte, ruft er die Töchter Israels auf, den Könist zu beweinen, „der sie in Purpur und herrlichen Schmuck" gekleidet?) Freilich hatte sich mit dem Tode Sauls das Kriegsglück wieder den Philistern zugewendet; aber das Schwert Davids, das sich schon früher gegen diese Feinde bewährt hatte, sollte bald ihrer Herrschaft auf die Dauer ein Ende machen. Mit dem Königtum Davids beginnt die eigentliche Blüte des israelitischen Staates. In glücklichen Kämpfen gegen die feindlichen Nachbarvöller dehnte David sein Reich aus bis ans westliche Meer und den Euphrat, und vom Fuße des Libanon bis ans Schilfmeer. Einen großen Teil der Schätze, die in diesen Kriegen erbeutet wurden, bestimmte der König für das zu errichtende Nattonalheiligtum, welches einen religiösen Mittelpuntt für die Stämme bilden sollte?3) Neben dieser Förderung des Reiches nach außen hin war aber Davids Bestteben auch darauf gerichtet, im Innern sichere, geordnete Zustände zu schaffen, besonders eine unparteiische Rechtspsiege und Verwaltung einzuftchren. Sein starkes Heer, das unter dem Oberbefehl des tapferen, erfahrenen Joab stand, verschaffte ihm auch die nötige Macht, um seine Autorität überall zu wahren. — Auch auf die Regelung des religiösen Lebens erstteckte sich seine Fürsorge. Seine Psalmen, durch welche er sich selbst in die Reche der religiösen Dichter stellte, vertieften das religiöse Bewußtsein, und die Neueinteilung der Priester und Levtten, die er vornahm, bildete ebenfalls eine von den Vorbereitungen für die Errichtung des Tempels, den sein Sohn und Nachfolger einst erbauen sollte. Zweifellos hat er auch dahin gewirtt, daß den Priestern und Levtten die vorgeschriebenen Abgaben von den Feldftüchten enttichtet wurden, damtt sie sorgenlos ihrem Berufe, den Dienst im Heiligtum zu versehen, obliegen konnten. Außer den Leviten wird es Arme Wohl kaum gegeben haben, weshalb auch die eigentlichen Armengesetze noch keine prakttsche Anwendung zu sinken brauchten. Was David durch das Kriegsglück und durch eine weise Verwaltung hergestellt hatte, das wurde von seinem Sohne und Nachfolger Salomo in friedlichem. Schaffen zur höchsten Blüte gebracht. Unter ihm beinnt die enge Verbindung mit den Phöniziern und amit die ausgedehnte Handelstätigkeit des israelittschen Staates, die einen nie gesehenen Reichtum ins Land brachte. „Juda und Israel wohnte sicher, jeder unter seinem Weinswck und unter seinem Feigenbäume, alle Tage Salomos." Ohne Sorge vor feindlichen Angriffen, konnte der Landmann ruhig seinen Acker bestellen. Die auswärttgen Böller, die David unterworfen hatte, blieben auch Salomo untertänig, und der Tribut, den diese Böller entrichteten, war eine der Quellen des Reichtums, der Palästina zufloß. Außerdem war es die Verbindung mtt Egypten und der indische Seehandel, die dem Lande immer neue Reichtümer zufühtten. Egypten, dem seine Ebenen bedeutende Pferdezucht ermöglichten, konnte die an Pferden armen Gebttgsländer mit Rossen versehen. Auch Kriegswagen wurden in Egypten verfertigt. Früher hatten die Fürsten von Aram und den Ländern am Euphrat ihren Bedarf an Rossen und Wagen unmittelbar aus Egypten bezogen. Jetzt ttaf Salomo mit dem ihm befteundeten egyptischen Hofe ein Abkommen, wonach den israelitischen Kaufleüten allein das Berkaufsrecht für diese Länder zustehen sollte?*) Salomo selbst legte in seinem Lande eigene Reiter- ») Sam. II, 1. *°) Sam. II, 8, 11. “) Könige I, 10, 28, 29.

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