Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 28 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. in gebückter Stellung vor ihr stehen blieb. Er schaute ihr verlegen ins Gesicht, als müßte e r sie für den dumpfen, elenden Raum um Verzeihung bitten. Ihr Gesicht zeigte aber nicht das geringste Zeichen von Mißmut. Das beengende Gefühl, das einmal der neue Freund verscheucht, kehrte auch hier nicht wieder. „Werden wir hier lange bleiben müssen?" — flüsterte Rahel zu ihm hinauf. „Wohl bis Eintritt der Nacht; es kann uns indes gleich bleiben, wo wir. die Zeit zubringen, da wohl vor Mitternacht die Fahrt nicht angetreten werden darf" — antwortete er ebenso leise. „Mitternacht!" — wiederholte sie etwas fröstelnd. Das Wort hatte offenbar einen etwas unheimlichen Nachklang bei ihr hervorgerufen, dann sah sie aus ihren großen, blauen Kindesaugen zu ihrem Begleiter hinüber, wie er so fest und zuversichtlich vor ihr stand als hielte er treu über sie die Wacht, und ein Gefühl von Festigkeit und Unerschrockenheit übertrug sich auch auf sie. „Aber wollen Sie nicht, bitte Fräulein, den Sack da, dahinter schieben und sich ihren Sitz bequemer machen?" „O, danke; es geht schon!" Er harte sich zu ihr gebeugt, um den hindernden Gegenstand aus dem Wege zu schaffen. Sie war aber schon rasch aufgestanden und hantierte selber mit dem Sacke; ihre Hände berührten' sich. Der Sack war bereits dahintergeschafft, aber er hielt noch immer ihre kleine Hand, wie im. Traume verloren, umklammert. Sie sah ihn scharf an; der Blick enthielt aber keinen Vorwurf, sondern vielmehr Innigkeit und Dankbarkeit. Sie zog dennoch etwas verwirrt und hastig ihre Hand zurück und nahm ihren Platz wieder ein. Schalem stand wieder vor ihr und sie sprachen inr Flüstertöne weiter. Das Gespräch drehte sich natürlich wieder um die Reisefrage, aber der leise Ton, der sonderbare Raum und die lautlose Umgebung gaben ihin etwas vertrauliches. Während sie mit dem Munde sprachen, führten auch ihre Seelen ihre eigenartige Sprache und tauschten ihre Geheimnisse ans .... Bei Anbruch der Dunkelheit wurden sie aus der Kajüte wieder an die Luft gebracht. Herr Fakir, wie sich der Agent in Gnannte, war wieder gekommen, um die Ware abzuholen. ... ■ Als sie den Dampfer verließen, hatte die Nacht bereits ihre Schatten ausgebreitet und dem Wasserspiegel einen schwarzen Glanz verliehen. Am Quaiufer hatte alles Leben aufgehört, den» der letzte Passagierdampfer war seit zwei Stunden eingclauscn und die Aus- und Einladung >var vollendet. Das Schiffspersonal hatte sich auch bis auf den treuen Krause in die Stadt begeben. Es war eine mondlose Nacht. „Wie geschaffen fürs Geschäft", meinte Jakir vergnügt. Ans einem vollbeladenen Segelbote abseits drang noch ein kümmerlicher Lichtschimmer und die verschlafene Stiinme eines Schiffers. Auf einer Holztrift daneben saßen die aus dem Innern Rußlands mitgekonimeneu Triftführer. Sie können sich mit dem Lithaner nur schlecht verständigen und vertragen. Zudem ist da auch der Wotka viel teuerer und schlechter als in der lieben Heimat und ziehen sie es darum vor, die Nacht auf dem Wasser zuzubringen. So saßen sie auch jetzt mit untergeschlageneu Beinen auf ihrem Floße und sangen bei den Tönen einer Harmonika ein lustig Lied von Wein und Weib, zu dem die Frösche aus dem naheliegenden Sumpfe durch ihr melancholisches Quaken eine ohrenverletzendc Disharmonie boten. Rahel und ihr Begleiter gingen dicht nebeneinander, so daß sie sich in der Dunkelheit oft anstießen, ilnd wateten mit den andern durch Sand und Kot hinter Jakir her. Gesang mrd Spiel "der Flößner drangen ans immer weiterer Ferne und immer gedümpster zu ihnen. Plötzlich hatte die Melodie umgeschlagen. Es war kein lustiges Lied mehr, sondern eine in weichen Molltöneu getragene Romanze. Es klang wie Sehnsucht und Heimweh. . . Und das monotone Quaken in ihrer nächsten Nähe hatte jetzt sogar den Klang eines harmonischen Taktschlagcs. . . Alle schienen ernst und traurig gestimmt, nur Jakir rauchte lustig seine Zigarette und ging festen Schrittes voran. „Obacht! Ein Sumpf!" — warnte er leise. Schalem suchte mechanisch nach der Hand seiner Begleiterin. „Erlauben Sie Fräulein, ich führe Sie hinüber" — bat er, indem er ihre Hand ergriff. „O, danke!" — Ihre Stimme klang merkwürdig. Sie hatte offenbar geweint. Sie rang noch nach einigen Worten, brachte aber keine heraus und entzog ihm auch die Hand nicht. Jenseits des Sumpfes begann die Stadt. ^Turch eine Menge finsterer Abwege und schmutziger «eitengäßchen hielt Jakir endlich vor einem langen Hause an, aus Hessen kleinen Fenstern. durch hie Lädenspalten ein trübes Licht ihnen entgegciischimmcrtc. »Ist hier die Grenze?" — fragte einer. „SM!" — war die Antwort — „Nichts von Grenze!" Es war anch die Grenze nicht, sondern nur das Haus von Gutel, dem Fuhrmann. Eine große, un¬ Frcmkfurter Israelitisches Familienblatt. förmliche Baracke mit Strohdache und im Innern ohne Fußboden und nach Art der russischen Bauern eingerichtet. Die beiden intelligente» Reisegefährten erfaßten es im ersten Augenblicke, welche historische Bedeutung diese elende Hütte von einer Völker st ation präsentierte. Auf allen Bänken und Stühlen, auch ans den Betten und auf dem Ofen, auf Koffern und Kisten, sowie aus Säcken und auf Kissen und Bettdecken saßen sich die verküminerten und zuin Teile auch verkommenen Gestalten, zusammeugekaucrt. Alte und Junge, Männer und Frauen, auch ganze Familien. Auf den Gesichtern lagern alle unverwischbaren Spuren der traurigen Vergangenheit, aber mit leuchtenden Funken von Hoffnung und Vertrauen ans eine bessere Zukunft im Herzen, so saßen sie da und erwarteten den Augenblick, an dem sie die Grenze des Hcimatslandes, das ihnen nicht einmal den Wandcrstab gutwillig geben will, verlassen können — für iinmer. . Gute! war bei seinen Gäulen im, Stalle, aber Jakir und noch einige seiner Geschäftsfreunde, die ihn hier erwarteten, saßen am langen Tisch, der von einer übelriechenden Hängelampe schlecht beleuchtet wurde, als ob sic da zu Hause wären und zählten, stritte» und feilschten ziemlich aufgeregt über expedate und die heute zu expedierenden Waren. . . . Rahel war es hier sehr beengt zu Mute. „Mir wird es hier ganz unheimlich," gab sie ihrer ckrüben Stimmung Ausdruck. „Na", — tröstete Schalem — „so was muß man sich gefallen lassen. Ist ja nur vorübergehend; später denkt man nicht mehr daran." „Glauben Sie, daß man Erinnerungen so bald los wird?" Er merkte es jctzh, daß in ihren Augen noch ein leichtes Feucht schimmerte, die Spuren einer Thräne. Sie hatte 'also früher wirklich geweint. „Was man gerne vergißt, vergißt man leicht" — meinte er. Das Thema schien ihr zu gefallen, aber der Ort war ihr dadurch nicht angenehmer geworden. „Ja! — Aber" — warf sie ablenkend ein — „bei diesem Rauchqualm, in dieser Umgebung und dumpfer Lust. Und diese Leute da, die mit Menschen wie mit Tieren, — nein, wie mit leblosem Material handeln! Nein! Gräßlich!" — „So wollen wir noch ein wenig in die Luft hinausgehen!" — bat er und näherte sich mit ihr der Türe. „Wohin?" — stellte sich ihnen Jakir in den Weg — „nur nicht zu tveit und nichts verdächtiges!" — sagte er bedeutungsvoll. Ein heftiger Stoß öffnete die Thür. Ein Zucken durchfuhr alle Insassen, das sich, als sie den Eintretenden gewahr wurden, in einen panischen Schrecken verwandelte; es war der Uradnik. Wie cingeschüchterte Lämmer, in deren Herde ein Wolf eingedrungcir, schauten die Durchwanderer verwirrt nach allen weiten und spähten nach Zuflucht. Jakir aber kam nicht einen Augenblick aus dem Konzepte und warf den Erschreckten ein ermutigendes Lächeln zu, während er dem Beamten mit gezwungener Freundlichkeit die Hand drückte. „Nun lieber Jwanowitsch, alter Freund! Setze Dich doch her! Ein guter Tropfen, illlgradiger' So wahr Tu ein treuer Beamter bist!" — Halblaut fügte er aber hinzu: „Meine K« P o r o h bist Du!" Ter Beamte schmunzelte, drehte seinen buschigen Schnurrbart und setzte sich, indem er teilnahmsvoll die Fremden musterte, an den Tisch. „Was sagst denn da Jud' etwas von Pore? Wieso bin ich Tein Pore?" I» der Abwartung der Antwort trank er inzlvischen sein Branntwcinglas aus einmal leer. „Kaporoh?" — wunderte sich Jakir mit verschmitztem Lächeln — „weißt das wirklich nicht? Hatte bessere Meinung von Deinen hebräischen Kenntnissen — also Kaporoh, soviel wie Freund!" „Ja Lieber!" — Ter Uradnik trank noch einmal und seine Augen tiefen ihm vor Rührung über. — „Ja Lieber, Tein Freund, kannst auf ihn rechnen! Aber na" — fügte er mit einem Blicke nach den Leuten zu — „Ware genug für heute! Fünfzig Kopeken per Kopf unter Freunden." Unter den Compagnoneu herrschte jetzt völlige Einigkeit. Ter eine schob einige Passagiere zwischen den Ofen, unter das Bett und zum Hausflur hinaus und als der gewissenhafte Beamte die Zählung jetzt vornahm, so waren die nenne zu fünf zusammengeschmolzen. Er ließ auch niit sich handeln. „Weil ich Deine K a p o r e bi n", versicherte er Jakir, und mit zwei Rubel ging er zufrieden, nachdem er der Gesellschaft gute Fahrt wünschte, nach Hause. „Boruch schepotrani*)!" — atmete Jakir erleichtert auf.'— „So ein Schuft,, so ein Spürhund! Woher der schon so rasch den Braten gerochen?!" *) Gelobt, daß ich ihn los bin. sFortsetzung folgt.) Seile 5. (Nachdruck verboten.) Aus «nsern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Gleich nachdem die Herren nach dem Essen ihren Mokka getrunken hatten, machten sich die jungen Leute auf den Weg, ihrem gemeinschaftlichen Freunde eine' Kondolenzvisite abzustatten. Es war das erste Mal, daß Arnold Wiesner in seiner Vaterstadt in, langen Priesterrock sich zeigte, er traf viele Bekannte, die den beiden einander so ungleichen Freunden voll Interesse nachschauten. „Hast Du schon einmal eine israeltische Familie während der ersten Trauerwoche besucht?" fragte Felix. Arnold verneinte, außer mit seinen beiden Jugendfreunden hatte er überhaupt mit Juden nie verkehrt. „Dann wirst Tu einigermaßen überrascht sein über die seltsamen Gebräuche, denen Du bei Vogels begegnen wirst, den» sie gehören doch zu den sogenannten Orthodoxen und bei denen ist es in gewisser Beziehung heute noch so wie vor Tausenden von Jahren." „Aber Ernst ist doch ein ganz modern gebildeter Gelehrter, seine Dissertation hat in weiten Kreisen Aufsehen erregt " „Gewiß, das weiß ich. Aber auch seine talmudische Gelehrsamkeit soll sehr bedeutend sein, und eben dadurch weiß er es vermuthlich ganz genau, wie es vor so und so viel Jahrtausenden in jüdischen Trauer Häusern ausgesehen hat- Wie gefugt. Tu wirst staunen. Ernst, der große stattliche Manu, der meiner Mama so gut gefällt, sitzt auf einem Fußschemel und neben ihm sitzt sein Vater, gleichfalls auf einem Schemel. Beide haben als Zeichen ticsster Trauer im Oberrock auf der Brust einen Riß. Beständig sind Leute da, denn die orthodoxen Juden lassen ihre Leidtragenden in de» ersten sieben Tagen nicht allein." „Das ist schön," sagte Arnold, „da? zeugr von echter Menschenliebe." Sie hatten die Vogel'sche Wohnung erreicht und traten in das Zimmer, in dem die Leidtragenden während der erste» Trauerwoche sich befanden- Felix ging voraus und reichte beiden die .Hand, Arnold folgte feinem Beispiel, indem er einige theilnehmcnde Worte au die Trauernden richtete. „Ich danke Dir," erwiderte Ernst, „ich weiß. Deine Theilnahme ist aufrichtig. Seit wann bist Tu hier?" Arnold ließ sich auf eine» in der Nähe sich befindenden Sessel nieder und beide unterhielten sich in gedänipstem To», mährend Felix zu einer seitwärts stehenden Chaiselongue trat, auf der ein junges bleiches Mädchen ruhte. Sie hatte die Augen geschlossen, aber man sah, daß sie nicht schlief, den» über die blassen Wangen stahl sich langsam eine Thräne hernieder. Ter junge Mann war erschüttert von dein Ausdruck tiefen Schmerzes, der auf dem süßen Kindergesicht lagerte. Er schob einen Sessel herbei und setzte sich neben sie und indem er sich über sie neigte, sagte er leise: „Fanni, liebe Fanni, fühlst Du Dich jetzt etwas wohler?" Sie schlug die Augen auf und blickte zu ihm empor mit ihren wunderbar schönen Augen. Er wiederholte seine Frage indem er ihre Hand nahm. Sie entzog sie ihm nicht, aber nicht ohne Anstrengung sprach sie leise: „Herr Kohn, bitte — sagen Sie nicht mehr du zu mir." Er blickte sie betroffen an- „Ich soll nicht mehr du zu Dir sagen?" „Bitte, thun Sie es nicht mehr. — Tie Mutter hat gesagt, es wäre ihr nicht angenehm —" Er atmete rief auf. „Tann werde ich es nie mehr sagen, verlass' Dich darauf. — Aber Fanni darf ich doch sagen?" „Davon hat die Mutter nichts gesagt." „Und Tn — nein. Sie, werden Felix zu mir sagen," fügte er bittend hinzu. sie verneinte mit leisem Kopfschütteln. „Rur Herr Kohn." Er preßte die Lippen auseinander, es war ihm sichtlich unangenehm. Bon Niemanden hatte er seinen Vornamen so gern rufen gehört, wie von dem kleinen Mädchen, und das sollte nun aufhören. — „Warum hast Tic — warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?" fragte er mit leisem Vorwurf, „wenn ich gewußt hätte, daß er Ihrer lieben Mutter unangenehm, so hätte ich Sie längst nicht mehr gedutzt." „Aber ich habe es ja selbst nicht gewußt," flüsterte sie mit zuckenden Lippen, „die Mutter hat es erst vorige Woche gesagt —" „Hat Ihre Mutter sonst noch etwas gesagt, was mich betrifft?" fragte er nach kurzem Schweigen. „Ja", hauchte sie. „Wollen Sic es mir nicht sagen?" „O, doch. — Tie Mutter hat gesagt, ich soll Ihnen nichts mehr zum Geburtstag schenken — und Sie mir auch nicht," fügte sic noch leiser hinzu. „Das thut mir leid," sagte er, „sehr, sehr leid — ich hatte mich imnier auf unsere 'Geburtstage gefreut, Sie nicht auch, liebe Fanni?"