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Neue jüdische Presse · 1903-05-15 · Heft 28 (15.5.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 28 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Berger, Spiewak, Leo Kiegelmann, Feige Winker, Simon Fischmann (10 Jahr alt), Michael Lusak (2 Jahr alt). Odessa. (Ein Veteran aus dem Jahre 1812.) In dem hiesigen jüdischen Zlrmenhause lebt ein Kriegsveteran namens Schapsa Jowel, der jetzt 116 Jahre alt ist und sich einer verhältnismäßig guten Gesundheit und Rüstigkeit erfreut. Im Alter von 25 Jahren kämpfte er unter Barclah de Tollh im Jahre 1812 gegen die Franzosen. Vor 63 Jahren schied er aus dem Militärdienst aus und ließ sich nach dem Krimftiege in der Krim nieder. Um bei seiner jüngsten Tochter zu sein, die heute Witwe und 77 Jahre alt ist, kam er vor 10 Jahren nach Odessa, wo man ihm auf seinen eigenen Wunsch ein sehr behagliches Quartier im jüdischen Armenhause einrichtete. Abgesehen von einer leichten Taubheit ist der Alte vollständig gesund und legt den Weg zur Wohnung seiner Tochter zu Fuß zurück. Er ist ungemein witzig und wegen seiner. Geselligkeit der Liebling aller Beamten und Besucher des Hauses. Eine Generation hindurch war Jowel der erklärte Proiägä des Generals Bibikow, der dafür Sorge getragen hat, daß er niemals in Not gerät. Türkei. Nach hier cingegangenen Mitteilungen sind die Juden und Griechen in Saloniki über das Verhalten der Bulgaren so empört, daß sie mit einem Angriff auf die slavischen Bestandteile der Bevölkerung drohen, falls sich neue Unruhen entwickeln sollten. Amerika. Rew Hork. Die jüdische Kolonie Woodbine in New Jersey ist soeben von der Gesetzgebung mit Stadtrechtcn ausgestattet worden und sie soll jetzt der einzige Ort der Welt sein, der ausschließlich von Juden verwaltet wird. Die Kolonie bestcht nunmehr zwölf Jahre und hat ihre Gründung der Einwanderung russischer Judeir zuzuschreiben, die sich vor den Verfolgungen anfangs der neunziger Jahre nach Amerika retteten. Es wurden aus dem Baron Hirsch-Fonds Mittel zum Ankauf eines Landkomplexes mit einem Flächenraum von 6000 Morgen bewilligt, der jetzt zum größten Teil urbar gemacht worden ist. Die ersten Ansiedler hatten in der Wildnis viel auszustehcn, sic haben den von so vielen amerikanischen Ansiedlern .geführten Kampf mit dem Wald indessen sehr gut bestanden und finden sich jetzt durchweg in recht behaglichen Verhältnissen. Der Ort hat eine Ackerbauschule gegründet, es bestcht schon Industrie dort und die gedeihliche Fortentwickelung der Kolonie scheint außer Frage zu stehen. Die Kolonisten nrüssen natürlich'llem-Baron Hirsch-Fonds, den Ankaufspreis des Landes erstatten und viele haben dies schon lange getan. Andere haben die betreffenden Hypotheken nur zum Teil abgetragen. Unter dem Einsmß der „amerikanischen Lust" entfaltet sich ein reges geselliges und geistiges Leben, wie daraus hervorgeht, daß der verhältnismäßig doch recht kleine Ort ein Dilettantencheater und einen literarischen Verein hat Außerdem finden sich dort ein Turnverein, ein Frauen-Turnberein. ein politischer Klub und eine fteiwillige Feuerwehr. (Frankfurter Zeitung) Frankosurtia. Frankfurt, den 11. Mai. Am vergangenen Sabbat starb hier Herr Moses Bergfeld im Alter von 62 Jahren. Heute haben wir ihn zu Grabe geleitet, einen wackern Mann, der es Wohl verdient, daß auch an dieser Stelle seinerin Ehren gedacht werde. Trotz seiner bescheidenen Stellung hat er es verstanden, fich die Achtung aller derjenigen zu erwerben, mit. denen sein' Beruf ihn in Berührung brachte, und das war die gesamte Judenheit unserer Stadt. Zu seinen Obliegenheiten gehörte die persönliche Ankündigung fteudiger Familienereignisse, weshalb er, wie Herr Rabbiner Dr. Horovitz in seinem Nachrufe betonte, als „Heilsbote, der Frieden, verbindet, gute Botschaft meldet", überall ein gern gesehener Gast war, der durch sein freundlich-heiteres Wesen jeden für sich zu gewinnen wußte. Er gehörte zu den seltenen Menschen, die das Wort der Weisen bestätigen, wenn sie sagen: nicht die Stellung verleiht dem Manne Ehre, sondern das verdienstvolle Schaffen und. Wirken des Mannes verschafft seiner Stellung Achtung und Ansehen. In dem durch den Bal-Schem berühmten Odenwaldstädtchen Michelstadt, aus dem Schoße einer frommen Familie hervorgegangen, hat er auch seinerseits seinen.Kindern eine echt jüdische Erziehung gegeben und als treubesorgter Gatte und Vater stets niit emsigen Fleiße für den Unterhalt der Familie gearbeitet. Ganz besonders hohe Verdienste hat er sich aber um das Aufblühen und das Gedeihen des Vereins Ahswath- Chessed, des hiesigen Minjan-Vereins erworben. Seit dessen Begründung im Jahre 1865, also während 38 Jahre hat er ihm als Vereinsdiener in peinlich gcwiyenhafter Treue seine besten Kräfte gewidmet und nicht wenig dazu beigetragen, daß derselbe von Jahr zu Jahr seine Mitglicderzahl erhöhte, so daß ihm heute über 1200 Personen angehören. Der Vorsitzende des Vereins, Herr B. Sonnenbcrger, gab am Grabe dem tiefen Schmerze über den allzu stützen Heimgang dieses trefflichen Mannes warm empfundenen Ausdruck, sprach ihm den unauslöschlichen Dank für seine treuen Dienste aus und hob hervor, daß es dem Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Verein schwer sein werde, vollen Ersatz für einen so tüchtigen und tatkräftigen Mitarbeiter zu finden. Er ruhe in Frieden! * * * Inder Leitung des Shnagogenchores der israel. Religionsgesellschaft hat ein Wechsel tattgefunden. da der verdienstvolle Chordirigent, Herr Moses Schnerb, sich veranlaßt sah, wegen Arbeitsüberlastung sein Amt niederzulegen. . Herr Schnerb übernahm die Leitung des Chores, nachdem er ihm bereits mehrere Jahre als Mitglied angchört hatte, vor 14 Jahren und zwar noch bei Lebzeiten des sei. Herrn Japhct. Japhet, der sich durch seine Kompositionen „Schire Jeschurun", deren dritte Auflage soeben in Vorbereitung ist. ein bleibendes Verdienst erworben hat, war der Grüiider des Chores gewesen:. Sein jugendlicher Nachfolger brachte ein von seinem Vater, dem Kantor Godchaux Schnerb s. A. in Merzig, gewcckies und sorgfältig gepstegtes musikalisches Verständnis mit in sein Amt; ihn leitete der Vorsatz, dem Texte ein möglichst sinngemäßes musikalisch^ Gewand in dem Zeitgeschmäcke entbrechenden, dabei einfachen und leicht faßlichen Formen zu verleihen und., im Vereine init unserem verehrten Oberkantor Friesländer, dem idealen Meister seines Berufes, hat er es verstanden, den Gottesdienst zu einem weihevollen, Geist und Gemüt fesselnden zu gestatten. Herr Schnerb führte, soweit es ihm innerhalb der Grenzen, die ftir einen Chor in einer Synagoge, die auf orthodoxer Basis steht, möglich war — nicht nur Kompositionen von Lewandowski, Sulzer, Naumbourg u. a., sondern auch eigene Kompositionen ein. Seine Koniposittonen. haben sich längst von Frankürts lokalem Boden gettennt und sind hinauszeflattert in die Winde, so den besten Beweis von hrer bleibenden Bedeutung bringend. Wir hoffen, ie baldigst gedruckt zu sehen. Zum Nachfolger des Herrn Schnerb wurde Herr Julius Papperle aus Lübeck berufen. Herr Papperle hat seine Ausbildung im Konservatorium.zu Hannover genossen, wo er auch Mitglied des Shnagogenchores war, dessen Dirigent er zeitweise vertreten hat. Wir begrüßen-den neuen Dirigenten in dem Verttauen. daß er sich würdig seinen Vorgängern, Japhet und Schnerb, anreihe. Baronin Edmund von Rothschild in Paris, die älteste. Tochter unseres unvergeßlichen Baron Wilhelm von Rothschild s. A., hat dem hiesigen tülfskomttee zu Gunsten der unglücklichen Juden in i s ch i n e w die Summe von Mk. 10.000 überwiesen. * * * Bei der kürzlich stattgehabten Beerdigung des Oberlehrer Jsaac Blum legte, wie wir dem Berliner jüd. General-Anzeiger entnehmen, der Direktor des Phllantropin, Dr. Salo Adler namens der Schule einen Kranz auf dem Sarge nieder. * * 4; Samstag vor acht Tagen wurde der neue Chordirigent der Jsr. Religionsgesellschaft, Herr Papperle, durch den Präses des Chores, Herrn Benjamin Sonnenberger, im Beisein der Mitglieder des Shnagogen-Komitecs, eines Vorstandsmitgliedes, sowie des gesammten Chores in sein Amt eingeführt. Herr Sonnenberger, Herr Louis Feist, Herr Moses Schnerb hietten entsprechende Ansprachen: Bunte Chronik. DasVorkommeuderTuberkulosebei den Juden hat der amerikanische Arzt Fishberg neuerdings zum Gegenstand einer Untersuchung gemacht. Nachdem er die Disposition als das wesentlichste Moincnt zum Zustandekommen der Infektion bezeichnet und die hierfür ursächlichen Faktoren — schwächliche Körperentwicklung, ungenügende Ernährung, enge lüft- und lichtlose Wohnungen, Unsanberkeit usw. — kurz geschildert, bringt er stattstische Angaben über das progressive Wachstum der Tuberkulose im Zusammenhang mit der. Enge der Wohnungen. Es starben auf 100 000 Einwohner, die ein bis zwei Zimmer bewohnen, 985, bei drei bis vier Zimmern 689, bei fünf Zimmern 328. Während im Freien arbeitende Berufsarten, wie z. B. die Fischer» nur eine geringe Sterblichkeitsziffer an Tuberkulose stellen, sind dagegen die Buchdrucker mit 401 auf 1000 vertreten. Alle ungünsttgen, der Erwerbung der Tuberkulose förderlichen.Umstände. treffen nun auf die in Amerika und Afrika lebenden Juden zu, und trotzdem stellt sich die Verbreitung der Tuberkulose bei ihnen folgendermaßen: in New-Uork starben in den letzten sechs Jahren..unter den dort lebenden Einwanderern, aus 100 090 Menschen berechnet, 645,73 Irländer, dagegen nur 98,21 russische Juden, in Tunis kamen auf 1000 Todesfälle an Tuberkulose: Europäer mit 5,13, Araber mit 11,30 und Juden mtt nur 1,24.. Fishberg sieht im Einklang mit anderen Forschern in dieser geringen Neigung der Juden zur Tuberkulose eine Rasseeigenschaft. Uns mutet diese Rasseneigenschaft sehr merkwürdig an. Wir kennen wohl eine Neigung zu einer bestimmten Krankheit durch Vererbung; wir wissen wohl den Einfluß von Umgebung und von Lebensgewohnheiten auf die Gesundheit des Menschen zu würdigen, aber es ist uns noch nie der leiseste Versuch, von Bemühungen zu Ohren gekommen, die Angehörigkeit zu einer Rasse - : . \ - ■ -; . ■ No. 2». ,, zur Unterlage demgemäßer statistischer Untersuchungen machen zu wollen. Diese Bemühungen wären auch widersinnig, da sie erstens einmal dem gesunden Menschenverstand widersprechen und dann, weil es. überhaupt keine reinen Rassen giebt. Die größere Immunität der jüdischen Bevölkerung gegen Krankheiten und zwar trotz der schweres Lebensbedingungen, unter der' sie im Gegensatz zu ihrer Umgebung existieren muß, liegt einzig und allein in den Gesetzen ihrer Religion begründet. Es wäre eine sehr dankbare Aufgabe, einmal zu vergleichen, mit welchem Prozentsätze die religiösen und mit welchem die unreligiösen Juden an bestimmten Krankheiten beteiligt sind; ich' glaube, wir würden zu einem interessanten Resultate gelangen. * Die Abnahme des toten Meeres. Aus Jerusalem wird berichtet: Der letzte Erdstoß in Palästina, der am 30. März stattfand, scheint im Jordantal und um das Tote Meer herum am hefttgsten gewesen zu sein. Der Spiegel des Toten Meeres ist 'beträchtlich gefallen und jetzt ergießt der Jordan sein Wasser in das Meer von einer Erhebung herab, während sein Wasserspiegel früher mit dem des Toten Meeres fast gleich war. Augenscheinlich mußsich der Grund des Toten Meeres während des Erdbebens gesenkt haben. Die ganze Gegend des Jordantales nahe dem Toten Meere ist vulkanisch. * * - * Die Bombenatten täte i n Saloniki,, welche von den bulgarischen Fanatikern verübt worden sind, lenken unfern Blick auf diese bedeutendste Handelsstadt der Türkei. Der Ursprung Salonitt's reicht bis in das unbekannte Altertum zurück. Kassander, einer der Generale Alexander des Großen, errichtete an Stelle des zerstörten Thermä die Stadt, die später von Kaiser Theodosius zerstört und von Konstantin dem Großen wieder aufgebaut wurde und die ein unendlich wechselreiches, geschichtlich hoch, interessantes Schicksal an sich vollziehen lassen müßte, bis sie 1430 von den Türken den Venetianern abgenommen worden ist- Heute noch erzählt jeder Stein in Saloniki von den buntscheckigen Erlebnissen seiner Vergangenheit. Im Golf von Saloniki spiegeln sich wetteifernd herrliche Ueberreste aus der Zeit der alten römischen Republik, Triuinphbogen der Kaiserzeit und die wunderbarsten Kirchenbauten der griechischen Kaiser, die von Konstantinopel aus den Orient beherrschten. Mit dem Beginn der türkischen Herrschaft gelangte die Entwicklung Salonitt's in ruhige Bahnen und ungehindert von äußeren Einflüssen konnte sich der Handel und Wandel der so günstig am Thermaischen Meerbusen gelegene Stadt entfalten. Ein ^großes Verdienst um das Gedeihen des jetzt 150 000 vseefen beherbergenden Saloniki gebührt feinen jüdischen Bewohnern. Als 1492 die Juden aus Spanien vertrieben wurden, da öffnete der türkische Sultan den Flüchtigen sein Land. Die spanischen Juden bilden noch heute große Gemeinden in der Türkei, haben sich aber mancherlei, namentlich die Sprache aus dem Lande, das sie vor 400 Jahren ausstieß, bewahrt. In Saloniki besteht etwa die Hälfte der Einwohnerschaft aus den Nachkommen dieser Spaniolen. Man nimmt an, daß die Stadt gegenwärttg fast 75 000 Juden beherrscht, die den Großhandel, die Industrie, aber auch alle Handwerke eifrig und fleißig betreiben, ebenso jedoch als Lastträger und Bootführer in, Hafen mit ungewöhnlicher Kraft und mit Unermüdlichkeit arbeiten. Sie haben nicht weniger als. 40 Synagogen, sowie eine bedeutende, von altersher berühmte Hochschule für die Erkenntnis des Judentums (Jeschiweh). In dem Nationalitätenhader der Türkei bilden die Juden ein Element, auf dessen Treue die türkische Regierung sich zu jeder Zeit verlassen konnte. So zeigt wieder einmal die Geschichte den Lohn einer gerechten Tat. Cheiderkmder. Novelle aus dem Emigrantenlehen von S. Sch achnoWitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) Auf der Erde saß auf seinem mächtigen Sacke und den langen veralteten Koffer vor sich liegend, der neugierige Alte. Sie grüßten sich alle stumm, wie in einer geweihten Stätte. Der Alte aber stand voll Freude auf, als hätte er alte Bekannte nach Jahren plötzlich wiedergesehen. „Aha!" — rief er lauter als es dem Raume und der Stimmung angemessen war — „Aha! Hab' es mir ja gleich, gedacht- Jankel irrt sich nur selten!" — er klopfte mit der linken Hand selbstgefällig auf die Brust. Als er sah, daß die Angeredeten keine Antwort geben wollten und auch die anderen, in ihren eigenen Gedanken versunken, auf seine Worte kaum achteten, setzte er sich wieder ruhig und traurig ckuf seinen Sack nieder. Schalem suchte für seine Gefährttn einen einigermaßen leidliche» Sitzplatz herzustellen, während er

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