Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 28 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. pitulierte man die Geschichte der Patriarchen, der cgyptischen Sklavereiwarf einen Blick auf die leidvolle Vergangenheit unseres Stammes, um dann desto froher und freudiger dankend zu bekennen: Jetzt aber besitze ich ein schönes Land, fließend von Milch »nd Honig, dessen erstgereifte Frucht ich hier im Heiligtum niederlege. Friedens- und Freudenopfer erhöhten die Feier, man blieb über Nacht in der Gottesstadt, um hierauf froh und wohlgemut, beglückt und heiter heimzukehren zur altgewohnten Arbeit, zu Feld und Weinberg, zu üppigen Fluren und grünenden Wiesen. Kennst Du, lieber Leser, vielleicht eine schönere Idylle, als die eben gezeichnete? Einen idealeren, glücklicheren Bauernstand als der im alten. Palästina? Der Sommer geht zur Neige; die große Mehrzahl der „Fruchtträger" hat ihrer Pflicht Genüge geleistet, ihre Lieder beleben nicht mehr die Wege, ihre Wanderzüge gewahrt man nicht mehr von den Bergesgipseln. Die Kraft der Sonnenstrahlen wird allmählich schwächer, die Tage kürzer und die Nächte länger. Der Herbst beginnt. Es ist die Zeit, da der Mensch den Segen seiner Mühe und Arbeit einheimst in die geschützten Räume. Und an den Schutz Gottes erinnert diesmal das Hüttenfest, welches zum dritten Male alle Männlichen Israels in Jerusalem zusammenführt. ' Sukkos, das Fest „des Einheimsens" heißt geradezu die Zeit der Freude! Welche Freude für. den Ackcrsmann, wenn die Behälter gefüllt sind, wenn die Scheune voll Segen und die Kelter fließt! Und wiederum führt die Freude Tausende zusammen vor Gottes Antlitz, das Sukkosfest vereinigt alle noch einmal, ehe des Winters Herrschaft beginnt. Es liegt ein gewisser Zauber in dem einen Worte: Hüttenfest. Jni Gewände der Schönheit tritt es uns entgegen und Freude ist der Grundton seines ganzen Wesens. „Freuen sollst du dich an deinem Feste, du und dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, der Fremdling, die Waise und die Witwe und du sollst nur freudig sein." (5. B. M.) „Freuet euch vor dem Angesichte des Ewigen eures Gottes sieben Tage." (3. B. Nt.) Freude und Schönheit allerwegen! Das grüne Laubdach über uns trägt bunte Blumen, die letzten Kinder der schwindenden Jahreszeit. Die Väter im heiligen Lande hingen kostbare Weine, Oele und feines Mehl, in Krüglein und Flaschen gefaßt, in die Laubhütte. Kostbare Teppiche, in echt orientalischer Farbenpracht, zierten die Wände. Die Laubhütte soll ja gemütlich sein, so heimisch uns werden, wie das jetzt verlassene Haus. In den Händen der Hüttenwohner prangt der herrliche Feststrauß: die stolze Dattelpalme, die duftende Myrthe, die wohlriechende Zcdernsrucht und die bescheidene Bachweide. Den Höhepunkt erreicht die Freude aber im Tempel selbst. Mit elf Ellen hohen Weidenbäumen hat mau den Altar umstellt, so daß die Zweige denselben beschatten. Mit dem Feststrauß in der Hand, die Hallelhymne auf den Lippen lvird täglich der Altar umzogen. Die Zeremonie. des Wassergusses über den Altar zur symbolischen Andeutung, daß Gott am Hüttenfeste über den segenbringenden Regentropfen sein Urteil fällt, dieser Akt bildete den Glanzpunkt der Opferhandlungen. „Wer die Freude des Wasserguß-Opfers nicht mit angesehen, der hat noch nie eine Freude mit erlebt." (Sukka.) Die frohe Begeisterung des Volkes nimmt hier mitunter die freiesten Formen an. Künstler treten auf. Der eine produziert sich im gleichzeitigen Werfen und Auffangen von acht Fackeln, der andere führt dasselbe Kunststück mit acht Bechern, ein dritter gar mit acht Messern der schaulustigen Menge vor. Wiederum ein anderer küßt stehend, nur reifenförmig geblickt, das Marmorpflaster des Heiligtunls. (Talmud Sukka.) Dabei das Spielen und der Gesang der Levitcnchöre. Jst's ein Wunder, daß all der Glanz, der hier am „Feste der Fruchtlese" sich entfaltet, lange »nd nachhaltig wirkt, ja wirken muß? — Im Tempelhof entzündete man ein großes Freudenfeuer, und kein Hof in ganz Jerusalem, der durch den starken Wiederschein nicht illuminiert gewesen. Wir aber glauben, daß das göttliche Feuer der Begeisterung im Lande der Väter die Herzen aller traf und erleuchtete. Wir glauben, daß kein Staatengebilde des Altertums und keine moderne Kulturnation ein solch glückliches Land und Volk gesehen, als das alte Kanaan und unsere Vorfahren. „Ueppiger Glanz der Städte auf der einen, bäuerliche Verdummung und geistige Bevormundung der Dorfbewohner auf der andern Seite war hier gleichmäßig ausgeschlossen." (Hirsch's Pentateuchkommentar 3. B. M. 25.) Das jüd. „Bauernvolk" war kerngesund an Geist und Körper. Gott segnete ihm den Acker, Gott reichte ihm die. Gaben und Gott rief es auf zur Freude mit diesen Gaben. — Drum wenn fall Iie-6er Leser jetzt so oftvondemirdischenJam me rthalreden hörst, wenn du siehst, wie zur gegenwärtigen Jahreszeit viele Tausende.hinausziehen in Gottes herrliche Natur, in ferne Gegenden und Länder, wenn du den Menschen ström gewahrst, her in die Bäder und Sommerfrischen, in die Wälder und Luftkurorte sich ergießt, wenn gar du se. lbst zu den Hunderten . Frankfurter Israelitisches Familienblatt. unserer Brüder und Schwestern zählst, die freiwillig und unfreiwillig jene Orte auf suchen, und wenn dein Auge trunken weilt auf all den Sehenswürdigkeiten der Natur und Kunst, dann denke auch zurück an die Stätte unserer heilig st en Sehnsucht, dann habe auch ein Plätzchen in deinem Herzen fürjenes ideale Land, das voll und ganz den Namenverdient -eine Idylle! Aus aller Welt. Deutschland. Seligenstadt (Hessen). Unser Glaubensgenosse, Herr David Singer, ist mit 351 Stimnien zum Bürgermeister der hiesigen Stadt gewählt worden. Marburg. Der Antisemit Oswald Zimmermann wird als antisemitischer Kandidat für den Wahlkreis genannt. Sollte dieses den Tatsachen entsprechen, so würde Zimmermann damit einen glänzenden Beweis volitischer Vielseitigkeit ablegen, denn er ist bereits in Döbeln aufgestellt, wo er auf die Hilfe des Bundes der Landwirte angewiesen ist, während er durch eine Ausstellung in Marburg eine bündlerische Kandidatur bekämpfen müßte. Berlin. Am schwarzen Brette der Berliner Universität findet sich folgender charakteristischer Anschlag: .Aus der Daniel Müller-Stiftung sind für das Rechnungsjahr 1903 Stipendien zu je 600 Mark an würdige und bedürftige Studierende, welche evangelischen Bekenntnisses sind und bürgerliche, deutsche, nicht jüdische Eltern haben, ohne — Unterschied der Fakultät zu vergeben." Kommentar überflüssig. Berlin. Dr. A. Berlin er. Dozent am Rabbiner- Seminar. erhielt anläßlich seines 70. Geburtstages den Profeffortitel. Zum dirigierenden Arzt der inneren "Abteilung des israelitischen 'Krankenheinis ist der langjährige Oberarzt der Charite und Assistent Leydens, Dr. Blumenthal gewählt worden. Sanitätsrat Dr. Lissauer ist zum Professor ernannt worden. Die Auszeichnung erfolgte in 'Anerkennung der Förderung, welche die Anthropologie und Ethnologie ihm verdanken. Der Präsident der Berliner Handelskammer, Geheimer Kommerzienrat Herz, der am Sonntag seinen 80. Geburtstag feierte, hat den Stern zum Kronenorden II. Klasse erhalten. Der Privatdozent Dr. Ignaz Jastrow ist zum volkswirtschaftlichen Sekretär des Aeltestenkollegiums der Berliner Kaufmannschaft ernannt worden. Die Regierung hat für den verdienstvollen Begründer und Herausgeber der Statistischen Jahrbücher kein Plätzchen übrig gehabt, trotzdem ihr die Bedeutung dieses Mannes voll und ganz bewußt ist und trotzdem sie selbst den größten Nutzen aus seinen Arbeiten gezogen hat. Bei seiner 'Anwesenheit in Ronr verlieh der deutsche Kaiser dem Kriegsminister General Ottolenghi das Großkreuz des rothen Adlerordens und dem Generalsekretär im Ministerium des Aeußeren Malvano den rothen Adlerorden erster Klaffe mit Brillanten. Hamburg. Der Israelitische Unterstützungsverein für Obdachlose hielt seine diesjährige Generalversammlung unter Borsitz des Herrn Rechtsanwalt I. 'Alexander ab. Dem vom Vorsitzenden erstatteten Jahresbericht ist zu entnehmen, daß der Verein auch im verflossenen Jahre seine segensreiche Tätigkeit, unterstützt von der Armenkommission der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, der Henry-Jones Loge und anderen Institutionen in großem Maße ausüben tonnte. Einen großen Verlust hat der Verein durch den am 18. 'April 1902 erfolgten Tod des Herrn Gemeindevorstehers M. W. Hinrichsen erlitten, der zu den Mirbegründeru des Vereins gehörte und einer seiner eifrigsten Gönner und Förderer war. Wenn auch im verflossenen Jahre die Auswanderung über Hamburg nicht in dem Maße zugenommen hat, wie in den vorhergehenden Jahren, so hielt sie sich doch auf derselben Höhe, wie in dem letzten Jahre, daher wurde die Vereinstätigkeit vielfach in Anspruch genommen. Es wurden im Jahre 1902 in der rituellen Küche in den Auswandererhallen der Amerikaliuie insgesamt 15 068 Portionen warmes Mittagessen an 18501 Personen verabfolgt, während im Vereinsbureau Elbstraße 10-6810 Portionen Kaffee und 2990 Portionen Mittagessen verteilt wurden. Ferner erhielten noch 2816 durchreisende Personen pekuniäre Unterstützung. Die Kosten für Nachtquartier, Verpflegung rewurde» vollständig aus der Vereinskasse gedeckt, während zu den gewährenden Reiseunterstützungen die Fremdenkommission der Deutsch- Israelitischen Gemeinde einen bestimmten Zuschuß leistete. Ter Gesundheitszustand der Durchreisenden war ini verflossenen Jahre günstig, so daß die für Krankenpflege bestimmten Zinsen aus dem „Baronin Clara von Hirsch-Krankenhaus" zum ersten Male nicht ganz gebraucht wurden, immerhin wurden für Krankenpflege noch 527.50 Mk. verausgabt. Die Bekleidungsabtellung ß>',es Vereins würde sehr stark in Anspruch genommen und wenn auch dem Verein von hier und auswärts reichlich Bekleidungsgegenstände zugesandt wurden, so mußte die Bereinskasse für diese Zwecke doch noch 870.87 Mk. zusteuern, hierdurch war der Verein allerdings in der Lage, 1672 Personen r Erite 8. mit warmer Kleidung zu versehen. Die Ausgaben für Speisung, Reiseunterstützung, Zehrgeld rc. beliefen sich auf 15028.97 Mk., für Nachtquartier 30.58 Mk. Weitere Unkosten waren für Küche in den Auswandererhallen 1710.03 Mk., für Gehälter incl. Beaufsichtigung 1811.60 Mk. rc. Diesen großen Unkosten stehen nur verhältnismäßig geringe Einnahmen gegenüber, so daß der Vorsitzende mit Recht darauf hinwies, daß es unbedingt notwendig sei, dem Verein neue Mitglieder und größere Spenden zuzuwenden, da die Pereinskasse mit ihren geringen Mitteln nicht in der Lage sei, allen an sie gestellten Anforderungen dauernd zu genügen. Breslau. Das neue Israelitische Krankenhaus an der Hohenzollernstraße trug heute wieder festlichen Flaggenschmuck. Die Frau Erbprin - zessin von Sachsen-Meiningen, die schon an der Eröffnungsfeier am 27. v. M. in Gemeinschaft mit ihrem Gemahl hatte teilnehmen wollen, aber damals durch eine Reise ferngehalten war, stattete heute Nachmittag um 3 Uhr in Begleitung der Stiftsdame Fräulein von Rochow und des Hofmarschalls Freiherrn von Röder dem Krankenhause einen Besuch ab. Sie wurde von den Vorsitzenden der Anstalt Herren Eduard Sachs und Handelsrichter Mugdan, dem Bor« standsmitgliede Stadtrat Pringsheim, den Primarärzten Sanitätsrat Dr. Sandberg, Privatdozent Dr. Georg Reinbach, Professor Dr. Fränkel und Dr. Jungmann, sowie dem Regierungsbaumeister a. D. Paul Ehrlich empfangen. Nachdem sie sich in das Gedenkbuch der Anstalt, eingezeichnet hatte, begann unter Führung des Herrn Eduard Sachs der Rundgang durch die Räume, wobei die dirigierenden Aerzte die Einrichtungen ihrer Abteilungen erläuterten. Die hohe Frau besichtigte mit großer Sachkenntnis alle Einzelheiten in den Operationssälen, den Krankenzimmern, den Wirtschaftsräumen, der Poliklinik und dem Maschinenhause und sprach sich nach dem lVs* ständigen Aufenthalt sehr anerkennend über das Gesehene aus. Oesterreich-Ungarn. Wie«. Nette Aussichten. Abgeordneter Herzog brachte einen Antrag, betreffend die staatsrechtliche Stellung der Angehörigen des jüdischen Volksstammes ein. In dem Anträge werden unter andcrein folgende Bestimmungen vorgeschlagen: Juden, das heißt alle Personen ohne Unterschied der Konfession, denen, sei es von väterlicher oder mütterlicher Seite, jüdische 'Abstammung nachgewiesen werden kan», können das österreichische Staatsbürgerrecht unter keinen Umständen erwerben. Jene Juden, welche sich bisher im Besitze des Staatsbürgerrechtes befanden, werden mit dem Tage des Inkrafttretens des Gesetzes dieses Staatsbürgerrechtes verlustig. Alle Volksstämme des Staates, mit Ausnahme des jüdischen Volksstammes, sind gleichberechtigt. Juden werden zum Waffendienste in der Armee unter keinen Umständen zugelassen. Dafür hat jeder Jude männlichen Geschlechtes der Staatskasse von seinem zwanzigsten Lebensjahre an bis zu seinem Tode jährlich fünf Prozent seines Reineinkommens als Wehrsteuer abznführen. Juden ist der ständige Wohnsitz nur in Gemeinden von mehr als 10 000 Einwohnern und nur in eigenen, von der Gemeindevertretung angewiesenen Bezirken (Ghettos) gestattet. Heiraten zwischen Juden und österreichischen Staatsbürgern sind nicht gestattet- Ten Juden ist der Besitz von mobilem Kapital gestattet, jedoch Erwerbung und Besitz von Grund und Boden, ausgenommen in den Ghettos, unbedingt verboten. Ten Juden ist die Ausübung von Handel und Gewerbe gestattet, es ist ihnen jedoch nicht erlaubt, österreichische Staatsbürger in ihre Dienste zu nehmen. Die Uebernahme ösfentlicher Aemter ist den Juden unbedingt versagt. Sie können auch keine wie immer gearteten Stellen im Staatsdienste erlangen. Für die Judengemeinden sind aus den Mitteln derselben eigene Judenschulen zu errichten. Demgemäß ist jedem Juden auch der Besuch der für Staatsbürger zugänglichen Volks-, Bürger-, Mittel- und Hochschulen versagt. Ten Juden ist die Ausübung des Richteramtes und des ärztlichen Berufes versagt. Kein Jude darf Advokat werden oder Herausgeber, Schriftleiter oder Mitarbeiter von Druckschriften sein. 'Tie Einwanderung von Angehörigen des jüdischen Volksstammes aus dem Anslande ist bedingungslos verboten. Ter Antrag wird genügend unterstützt. Rutzland. Petersburg. Eine Depesche des Korrespondenten Ostrowski an den «Fraind" meldet die Nmnen und Familien derjenigen, welche getötet oder an den Verwundungen geswrben. Es find dies : Jechil Seher, Moses Machlin, Josua Berlatzki, Koppel Kanarski, Jacob Tunik, Abraham Cohn, Mordechai Mindik, Israel Ulmer, Israel Selietan. Benjamin Baranowitsch. Sußmann Panorschi. Ben Zion Galanter. Chaijim Leib Goldis, David Chazkelewitz. Simche Wulf. Hirsch Liß, Jdel Krupnik, Jzchock Mehir Krupnik (sein Sohn), Drachmann, Mordechai Grünspahn, Jzchoch David Bielitzki, Jausef Cantor, Hirsch Bolgar, Chaim Nisensohn, Schmuel Boruch, Ullmann, Awrohom Weinstein, Mansche Hirsch Rienel. Ahron Brachmann, Jzchoch Rosenfeld, Jausef Hirsch Grünberg. David Chalidon, Kallmann Malawitsch, Kaile Mosa, Reise Katzap, Chaie Sore Panaschi, Ethel