Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 28 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692325--00259-2694623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2. /V*^» \i$ -A5Z" Frankfurter Israelitisches FamUienblatt. - Nr. 28. milder Weise gehandhabt. Ter Vize - Gouverneur Uftnigow, ein ausgesprochener Antisemit, die Administrativ-Behörden und kirchlichen Autoritäten stimmen der Hetze Lei und ermuntern dieselbe. Ts war demnach längst offenkundig, daß diese— man kann sagen — von amtswegen geförderte Hetze zu einem wilden Ausbruche führen müsse. Schon 14 Tage vor den griechischen Ostern lief das Gerücht um, daß zur Feier dieser Tage ein Judcnmassakre in Aussicht genommen sei. Tie von Juden an behördliche Organe geäußerten Besorgnisse wurden aber damit beschwichtigt, daß in Kischinew acht- bis zehntausend Mann Militär — drei Regimenter, zwei Brigaden und ein Reserve-Bataillon — liegen, überdies dreihundert Mann Sicherheitswachc zur Verfügung sind. Da wurde ein neuer tückischer Anschlag ersonnen. In dem Städtchen Douüossary nächst Kischinew — es wohnen in diesem Städtchen von altersher drei jüdische Familien — war kurz vor den griechischen Ostern ein Knabe vouseinenVerwandten, d.urchwegs orthodoxen Christen, welche sich eine Erbschaft sichern wollten, auf grausame Weise ermordet und dieser Tatbestand gerichtlich untersucht und konstatiert worden. Diese gerichtliche Konstatierung hinderte, aber nicht, daß von Hetzern — wie! seit jeher in so vielen Fällen — das alberne Märchen eines jüdischen Ritualmordes propagiert wurde. Men voran erösfnete wieder der „Bessarabetz" eine heftige Campagne gegen die . Juden und beschuldigte diese des Mordes. Als nun auf Anordnung der Staatsanwaltschaft der Herausgeber des Blattes verhaftet wurde, rottete sich am Ostersonntageine Volksmenge zusammen nnd forderte dessen Freilassung und kehrte nun, da sie diese nicht erlangen konnte, ihre Wut g e gendicJuden. Wie auf ein gegebenes verabredetes Zeichen waren mit einemmale in den verschiedenen Stadtvierteln Banden von Mördern und Plünderern wie aus dem Boden erstanden- Sie stürzten sich auf die Juden, die harmlos in den Straßen wandelten; sie stürzten sich auf die Flüchtigen, sie rissen dieselben aus der Tramway heraus und massakrierten sie. Sic drangen in die Häuser und Geschäfte ein, sie entrissen den Muttern die Kinder und schmetterten diese auf die Straße, sie verübten die scheußlichsten Grausamkeiten, sie plünderten, was es zu plündern gab, und zerrissen, zerhieben, zerstörten oder steckten in Brand, was sich nicht forttragen ließ. Mehr afs 46 Tote, au 300 Verwundete, darunter nahezu ein Drittel oder die Hälfte schwer, bedeckten das Schlachtfeld- Und diese Mörder und Räuber rekrutierten sich zu einem großen Teile aus den Schichten der sogenannten russischen Intelligenz. Ein Notar, Studenten, Beamte befanden sich unter ihnen- Die Gesamtzahl dieser Mordbrenner war kaum mehr als dreihundert. Aber die Polizei rührte sichnicht gegen dieselben und griff nur ein, um die Juden ander Selbstverteidigung zu hindern. Ein orthodoxer Christ, Andre Ragerow, der einen alten Juden den Händen der Mörder entreißen wollte, wurde niedergeschlagen. SHon schickte sich die Menge an, ihn zu töten. Da rief Einer: „Was tut ihr denn? Ihr tötet ja einen Orthodoxen!" Sofort ließ man von ihm ab, und er war, wenn auch mit schweren Wunden bedeckt, doch vom Tode gerettet. So wie schon vorher alle Warnungen und Anzeigen, die den Behörde» zugekommen, von diesen zurückgewiesen tvurden, so gab es auch bei diesen während der Gräuelszenen keinen Schutz. Es war, als ob Gesetze, welche Mord und Diebstahl verbieten, überhaupt nicht da wären, als ob mau erst aus Petersburg einen Befehl abwarten müsse, den Gräueln ein Ende zu machen. Zwei ganze Tage lang, die beiden griechischen Osterfeiertage, unter den Äugen eines Gouverneurs, eines Sicherheitswachkorps von 300 Mann, einer Besatzung von 10 000 Mann Milftär betrieb jene Bande von etwa 300 Menschen ungehindert ihr Handwerk, den Mord, die Plünderung. Und als am drftten Tage von Petersburg eine telegraphische Ordre eintraf, da war mit einem Schlage ohne jede Gewaltanwendung Alles zu Ende. Ter Jammer, das Elend ist unbeschreiblich. Hunderte von Kindern sind zu Waisen, Weiber sind zu Witwen gemacht und ihres Ernährers beraubt worden. Den Armen und Minderbemittelten wurde ihr letztes Hab und Gut geraubt, bisher Wohlhabende und Reiche sind an den Bettelstab gebracht worden. Auf Millionen Rubel wird der materielle Schaden beziffert. In Kischinew wird von jüdischen Wohltätigleitsvereinen, soweit deren Mittel reichen, Hilfe geleistet. Ein Antrag im Kischinewer Stadtrat, aus lomniunalen Mitteln Hilfe zu gewähren, wurde mft der Motivierung abgelehnt, daß hierzu die jüdische Fleischtaxe verwendet werden könne. Dagegen hat sich in Kischinew ein anderes ilfs - Comit 6" gebildet für die angeblich in Not geratenen Familien der verhafteten Mordbrenner. Zic'es Hilfs-Comite tagt — wie der „Bessarabetz" meldet — mit Genehmigung des Gouverneurs unter den Auspicien des griechisch-orthodoxen Bischofs Fac o b. Dem Comits gehören Bea:nte, u. a. zwei Direktoren der Gefängnisse an. Der Bischof Jacob hat sich selbst mft einem Betrage von 500 Rubeln an die Spitze der Spender gestellt. Nach alledem erscheint die Besorgnis der russischen Juden, daß der Funke überspringen werde, wohl begründet. In der „Zeit" lesen wir: ■ . In den Fenstern der nicht j ü.d i s ch e n H ä u s e r waren während der Massakres Heiligenbilder ausgestellt worden, um so den Räuberbanden das Aufsinden Mischer Häuser zu erleichtern. Es verlohnte sich zu sehen, wie elegant gekleidete Frauen und junge Mädchen, die Weiber, Töchter und Schwestern verschiedener Beamten und Kleinbürger sich ans die Gegenstände stürzten, die uns den Türen und Fenstern der geplünderten Kausläden geflogen kamen; wie sie gleich an Ort und Stelle ihre alten Hüte, Jacken nnd Mantillen ablegten, um die neuen anzulegen! In den Straßen, wo keine Exzesse stattfanden, sah'man Männer, Frauen und Kinder geraubte Gegenstände, Kleider, Schuhe, Schirme, Hüte rc, ganz ruhig vor den Augen der Wachtposten, vor den Polizeikommissären davonschleppen. Wohlhabende, gestern vielleicht noch reiche Leute, besitzen heute kaum die Kleider am Leibe. Zwei temporär erösfnete Asyle sind von Obdachlosen überfüllt, und noch dreimal so viel Menschen können kein Obdach finden. Die Nahrungsmittel sind infolge der Zerstörung der jüdischen Gemischtwarenläden und der mangelhaften Zufuhr im Preise hoch gestiegen. Diese Tatsache wird noch ausgebeutet, indem man die Juden der Ausbeutung beschuldigt und ihnen die Absicht unterschiebt, daß sie sich in diesen schweren Zeiten bereichern und für die erlittenen Verluste entschädigen wollen. Bei dieser Stimmung ist gar keine Garantie für die Sicherheit der nächsten Tage vorhanden. Eine Menge Excedenten und ihrer Anführer geht frei in den Straßen herum und spricht offen von der Fortsetzung ihrer Heldentaten sofort nach Aufhebung des Ausnahmezustandes. Wir behalten uns vor, die „Lehren" der Kischinewer Vorgänge für uns Juden in einem demnächstigen Artikel zu zeigen. (Nachdruck verboten.) Die körperliche und geistige Freiheit. Von I. Höxter-Jesberg. Zwischen dem Pesach- und Schowuothfeste ziehen sich »die Tage des Omer" als wichtige Verbindungskette hin, gleichsam beide kulturhistorische Momente in der Geschichte unseres Volkes miteinander verknüpfend. Ein Pesachohne Schowuothfest wäre in der Geschichte Israels ebensowenig denkbar, wie in unserem jetzigen täglichen Leben. - War es das Pesachfest, das unsere Vorfahren körperlich sieimachte, indem es die Sklavenketten Egyptens zerbrach, so war es das Schowuothfest, das den Geist fteimachte, dessen Schwingen durch den Lehm Egyptens, seinen finsteren Aberglauben, seine Zeichendeuterei und Zauberformeln gelähnit waren, ihm neue Flugkraft verlieh, daß er sich eniporschwingen konnte aus jener Niedrigkeit zur lichten Höhe wahren Menschenglücks und wahrer Menschemvürde. Diese zweite Freiheit hat Israel erst dazu befähigt, seine Mission unter den Völkern auf Erden auszuführen. Was hätte ihm ein Freisein vom körperlichen Drucke allein nützen können? ' So ist es auch in unserem jetzigen Leben. Auch wir befinden uns heute noch in. einem Mizraim, darunter verstehen wir: Not. Sorge, Feinde und Hindernisse jeglicher Art; unser ganzes Dasein ist in einem »Kur-barsel", in einem eisernen Ösen eingeschlossen, dessen Feuergluten uns manchen Schweißtropfen entlocken. Es bedarf unserer ganzen Menschenkraft,' uns Lurchzuwinden durch den schweren Kampf üms Dasein, durch die Mühe und Qual des täglichen Lebens, durch die mannigfachen Anfeindungen und Verdächtigungen und Schmähungen jeglicher Art. Was würde uns nun ein Freiwerden von diesen Verhältnissen nützen, wenn wir uns nicht zugleich einer geistigen Freiheit zu erftcuen hätten? Zu dieser sollen uns nun die Omertage führen, wer sie beachtet, wird ans Ziel gelangen. Welches sind nun diese Omertage? Das Schriftwort sagt: »Sieben Wochen sollst du dir zählen, von dem Tage an. wo die Sichel anfängt unter dem stehenden Getreide." Ja, zähle, beachte die sieben Jahrzehnte deines'Daseins hier auf Erden wohl, vom Tage wo die Sichel des Todes bei dir anfängt — mit dem Leben bist du ja schon dem Tode verfallen — vom ersten bis zum letzten Augenblicke, du Staubgeborener, währen deine Omertage und jeden Tag sollst du zählen, überwachen, Nachdenken, was du vollbracht. Siehe, du willst dich körperlich frei machen von dem Drucke der Sorge, dann achte aber auch darauf, daß du die richtigen Mittel anwendest, die richtigen Wege einschlägst, dann erst kannst du dich deiner Arbeit fteuen, wenn du deinen Blick ftei erheben, deine Hände rein gegen Himmel ausstrecken kannst, wenn dein Herz lauter ist. Ja, dann bist du auch geistig ftei. Was wäre aber dein Leben wert, wenn es dir wirklich gelungen wäre, dich herauszuarbeiten, freizumachen von der Slot und dem Elend,, so du nicht imch geistig ftei geworden, so dir die Freude, die echte, wahre Seelenfreude fehlen würde? Siehe, gar Vielen gelingt ja dieses Freiwerden von den drückenden. beengenden Fesseln des Lebens, aber weil sie. das »Omern" vergessen, vergessen ihre Schritte zu bewachen, nach den göttlichen Geboten und Vorschriften zu leben, so gelangen sie auch niemals zur Freiheit des Geistes. An ihren Taten klebt das Unrecht, über ihr Freiwerden seufzt die Witwe, klagt die- Waise, schreit der Unterdrückte, rieseln so viele Tränen. Es ruht wie Centnerlast auf ihrem Gewissen, von einer geistigen Freiheit ist hier nie und nimmer die Rede. Ihr Leben ist eine Qual. . Sieben volle Wochen sollst zu zählen, vergesse keinen Tag, keine Stunde, wo du nicht acht hast auf dein Tun,' dann wirst du auf das, was du tagsüber vollbracht, mit Zufriedenheit des Abends zurückblicken, was du in der Jugend, in der Zeit deiner vollen Manneskraft geleistet, wird deine volle Billigung finden in den Tagen deines Alters, frei wirst du dich fühlen, seelisch, geistig frei, ohne Zagen und Furcht jener Zeit entgegenblicken, wo auch die Seele .sich ftei macht von ihrer irdischen Hülle, sich emporschwingt zum Urquell alles Lichtes, um Rechenschaft über ihr Tun und Wirken abzulegen vor dem Richterstuhle des gerechten Weltenschöpfers. (Nachdruck verboten.) Eine Idylle. Schilderung von Albert Wahrmund. (Schluß.) Mit siebenerlei Früchten hatte Gott der Väter Land einst gerühmt, es gepriesen als Land „des Weizens, der Gerste, der Weintraube, der Feige, des Granatapfels, der Olive und der Datteln." Hatte ein Jsraelite von. diesen Früchten auf seinem Acker, so mußte er die „Erstlingsgabe" davon abscheiden für Gott; der Priester sollte sie genießen. Es muß aber die wirklich erstgereiste Frucht sein. Darum geht der jüd. Bauer öfters zu seinen Oliven-und Feigenbäumen zu seinem Weinberge und Fruchtacker hin; er durchsucht die Halme, durchsucht die Weinstöcke, durchsucht die Baumfrüchte, nach den frühest gereiften Erträgnissen. Schon vorher aber hat er mehrere Bastfäde» mitgenommen, und findet er reife Früchte, dann umwickelt er dieselben mit den Worten: „Diese seien Bikkurim." (Erstlinge.) Besitzt er nun derlei Früchte in genügender Zahl und Menge, so gilt's, sie nach dem Heiligtume zu tragen. Zu diesem Zwecke vereinigen sich viele zu einer Karawane. Das heilige Land war in Ständebezirke eingeteilt; alle zu einem solchen Bezirke gehörigen Städte kommen in der Bezirksstadt zusammen, gemeinsam und in. Gesellschaft ihre Früchte nach dem Tempel zu verbringen. In geflochtenen Weidenkörben ruhen die schönen Früchte, die den Ruhm des Landes bilden. Reiche Leute brachten sie gar in silbernen und goldenen Schalen. Auf dem freien Marktplatze hält die Kavalyane Rast und verbringt auch hier die Nacht. Endlich bricht der Morgen an. Ter Führer erhebt sich mit dem Rufe: „Auf, laßt uns hinauf nach Zion, dem Hause unseres Gottes!" Willig folgen die andern, der Zug setzt sich in Bewegung. Voran geht ein Stier zum Friedensopfer. Seine Hörner sind vergoldet und mit einem Oelzweig bekränzt. Flötenbläser schreiten vornher und spielen. Die Mitziehenden ^ermuntern sich gegenseitig durch die herrlichen Lieder des königlichen Sängers. „Ich freue inich, so man zu mir spricht: Lasset uns in's Haus des Ewigen gehen," hebt der eine an. „Unsere Füße standen in deinen Thoren, o, Jerusalem," singt ein anderer. (Pf- 122.) So kommt man allmählich der Gottesstadt näher. Schon schaut man ihre Zinnen von der Ferne und allgemeine Freude herrscht bei den Fruchtträgern. Sie treffen ihre Vorbereitungen zum Einzuge in Jerusalems 'Thorc. Boten werden abgesandt, um die Ankunft anzuzcigen. Inzwischen werden die Körbe geschmückt: die schönsten Früchte legt man obenauf. Auch Taubenpaare befinden sich den Körben zur Seite; sie sollen zum Opfer dienen. Und nun setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Aus Jerusalem kommen Verwalter und Amtsvorsteher entgegen zum Empfange, je nach der Anzahl der kommenden entsprach die Zahl der Empfangenden. „Brüder aus dem und dem Ort.e, Euer Eintritt sei zum Frieden!" lautet^der Willkommensgruß. Was bei andern Gelegenheiten - untersagt gewesen, war den Handwerkern auf der Straße diesmal gestattet: sie durften ihre Pflichtarbeiten unterbrechen und den Einziehenden ihre Grüße bieten. Der Zug bewegt sich weiter zum Tempelberg hinauf, ununterbrochen begleitet vom Spiele der Flöten. Vor der Tempelhalle wird Halt gemacht. Jeder — selbst der König — hatte hier den Korb selb st zu tragen auf der Schulter und ihn so in die Tempelräume einzuführen. Dabei stimmte der Levitenchor das Psalmlied 30 an: Ich danke dir, o Herr, ■ Daß du mich arm gemacht/ Und «Schadenfreude nicht Dem Feinde zugedacht. u. s..f. Stehend hörten die Fruchtträger das Lied an, um diann selbst ein großes Lebens- und Dankbekenntnis Gott auszusprechen. In großen Zügen reka«