Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-05-15 · Heft 28 (15.5.1903) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 28 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692325--00258-2694622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

m ■\tr^ Monnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) KostzeiLurrgskiste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). 9 Redaktion und Haupt-Erprdttion: Frankfurt «. Ml. Bergerstraßr 23, parterre. D4|»a a Heruuszeder: Suly Geis. ts JH Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und »Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. a No. 28. Freitag, den 18. Jjar 5663 (15. Mai 1963). No. 28. Zivilisation. O hört die schreckensreiche Kunde Die dort in Kischinew geschehen! Die Nachricht pflanzt sich fort von Mund zu Munde Durcheilt der Länder Tal und Höhn. In Kischinew, wo friedlich lebten Unsre Glaubensbrüder glücklich beieinand' Warf sich der Pöbel gleich dem wilden Panther Gereizt auf sie und schrie nach Mord und Brand. Gereizt — durch eine Zeitung waren sie Wie Wilde — nein wie wildes Vieh Stürzten sie sich auf unsre Glaubensbrüder Und machten Männer, Frauen, Kinder — Alles nieder. Wer kann die Greueltaten alle nennen. Die an den Juden hier so grausam sind verübt? Die Frauen Hilfe rufend, flehend rennen Sie suchen ihre Männer, Kinder — die geliebt. Geliebt sag ich — ich klage es bei Gott Denr Heilgen, höchsten Herrn der Welt. Geliebt sag ich, denn viele liegen tot Erschlagen da, weil es dem Voll gefällt. Entehrt, geplündert, verletzt und tot Das sind die Schreckensworte in der Stadt Wo man zur Hülfe in der Not Auch Militär gesendet hat. Doch auch das Militär, die Polizei Sie sprechen den Befehlen Hohn Sie helfen all den Schurken noch dabei O sägt: .Wo ist — die Zivilisation? (Nachdruck verboten.) Ein Stimmungsbild. Bon A. Halb er thal-Charlottenburg-Berlin. Maxim Gorki hat eben ein Drama vollendet. Es heißt: »Der Jude." Maxim Gorki ist ein warmer Menschenfreund und wird uns wohl Vieles und Schönes zu sagen haben; er ist-ein echter Dichter und wird uns seine Ideen in Worte kleiden, vielleicht auch in warmblütiges Leben. Doch.—wir werden ein Stück vom Leben sehen — des Lebens ganzen Jammer, des Daseins ganzes Elend wird er uns wohl nicht zeigen können. So. etwa war mein' Gedankengang, als ich die obige Nachricht las. Und daran spannen sich Gedanken und Erinnerungen — verschiedenster Art. Ich dachte an Hauptmann's »Weber"—; ob da das ganze Elend von 1844 zu Tage gefördert wird?! Die 5kunst giebt eben immer noch einen »Ausschnitt". Der Tieferblickende muß das Weitere verfolgen können. Da — kann nur das Leben ausdecken und zeigen und ergründen. Und das Leben kam! Die große, grandiose Tragödie; mich überliefls schaurig; ich hätte wild schreien mögen. Wahr! Nur allzu wahr! Das war. das grausige, wilde Gesicht des Barbarismus... Das war die wilde, lobende Bestie, der die Kultur nicht nur nichts anhaben konnte, sondern ihr auch manchen fetten Bissen zuwarf..... Wie sie die Zähne fletschte! . Man will's kaum glauben: Jetzt? In unseren Tagen! Mt — oder trotz?—der Humanität? Mit — oder trotz des Liberalismus? Ein Schandmal ist es. Ein Brandmal für alles Menschliche — für alles Natürliche. Aber: Es ist — unwiderruflich — grausig. .;. ■ Und nochmals: Auch die, die human sein sollen — auch jene, die liberal sein wollen — auch diese blicken scheu — fort von uns. Es ist ttaurig, muß aber konstatiert werden: Biele Berliner Zeitungen hatten keinen Raum für dieses entsetzliche Geschehnis. Nur atä sich die Tragödie zur Sensation auswuchs — als die »geehrten Leser" die Hälse lüstern streckten: »Nanu — die Juden — Kischinew —?" — da brachten sie es unter: »Vermischtes", neben der Rettung eines Wahnsinnigen, der sich des Lebens entledigen wollte — u. dergl. Sie haben nicht nur kein Herz für das Elend, das Tausende erreichte — für den Schlag, der Tausende von Existenzen ttaf — sondern sie verkennen auch den Wert dieses ttaurigen, weittragend-bedeutenden Symptomes für unser ganzes Kultur-Leben. . Das ist kein Gruben-Unglück — und auch kein SelbsMrord — es ist ein Völkermord! . Und alle müssen's wissen, die fühlen — alle müssen's würdigen, die denken können. Und ausklingen soll alles in dem gequälten, markerschütternden Schrei: »Menschlichkeit!" .Gerechtigkeit!" Preßstimmen über Kischinew. Die gesamte Presse, soweit sie die Kischinewer Vorgänge einer Besprechung würdigt, ist sich darüber einig, daß das Trauerspiel sich nur deshalb abspielen konnte, weil es die russische Regierung gewollt hat. Selbst antisemitische Blätter erkennen das voll und ganz an. Einzig und allein die Staatsbürger-Zeitung hat bei all' dem Jammer und Weh die Unverfrorenheit, ihren Lesern die alberne Fabel vom Ritualmord aufzutischen. Man muß, wenn man die Staatsbürger- Zeitung liest, sich die Hände vor den Kopf halten, so unbegreiflich erscheint es, daß bei unseren gesetzlich so wohl geordneten Verhältnissen auf solche Weise Rassenhaß und Unfrieden geschürt werden darf. Wir bringen nun nachstehend eine Anzahl Preßstimmen, die die Kischinewer Vorgänge in klarer, objektiver Weise beleuchten. Die „Leipziger Bolkszeitung" schreibt: Die Einzelheiten der barbarischen Ausschreitungen zeigen, daß dieser antisemitische Krawall in keiner Weise denjenigen nachsteht, die in den achtziger Jahren so zahlreich in den südlichen Gouvernements vorkamen. Der Regierungstelegraph giebt die Zahl der Toten nur auf 20 an, das ist eine. Unwahrheit, denn es werden bereits nicht weniger als 100 Tote gezähtt, die Zahl der Verwundeten geht in das halbe Tausend. Und die Ursachen des Geschehnisses? Bedarf es noch eines näheren Beweises, daß die ganze Schuld einzig und allein auf die Regierung fällt? Man vergegenwärtige sich, welche Polittk die Regierung in Bezug auf die jüdische Bevölkerung treibt, wie eifrig die Regierung bestrebt ist, die ganze Bevölkerung in Unwissenheit zu halten und alle Schuld für das Elend, in dem die weitesten Schichten des Volkes leben müssen, immer und immer wieder auf Faktoren abzuwälzen, die mit den wahren Ursachen des Elends nichts zu tun haben. Das Volk wird so nach allen Richtungen verdummt und betrogen, bis es aus dem Wirrsal des Leidens keinen Ausweg mehr weiß: es stürzt sich blind auf dem ersten besten, der ihm in die Quere kommt. Die anttsemitischen Unruhen der achtziger Jahre haben das durchweg dokumentiert. Sie haben außerdem die Tatsache gezeigt, daß die Regierung direkt bestrebt ist, solche Exzesse hervorzurufen. Es ist unwiderleglich ststgestellt, daß in den anttsemttischen Unruhen jener Zeit die Agenten der Regierung die Anstisterrolle gespielt haben. Die Absichten, von denen sie sich dabei letten ließ, sind kein Geheimnis geblieben- In sämtlichen Gebietsteilen, wo verschiedene Völkerschaften gemeinsam leben, ist die Negierung bestrebt, nattonale Zwistigkeiten und Reibungen hervorzurufen. So ist es im Kaukasus, so in den baltischen Provinzen, jetzt besonders in Finnland. Ueberall spielt sie die eine Nattonalität gegen die andere aus, überall werden Jntriguen gesponnen. Was die jüdische Bevölkerung anbelangt, so hat sie die Praxis der Regierung von jeher zu fühlen bekommen. Die Polizeibeamten schimpfen offen, daß an allein Elend die Juden schuld seien, die Popen halten auf den Kanzeln Hetzreden, die Gendarmen fluchen auf die Juden als die Anstifter der ganzen revoluttonären Krawalle, die Soldaten jüdischer Nationalität werden in den Kasernen als Menschen einer niedrigeren Sorte behandelt. Das weiß die Regierung sehr gut; sie weiß auch, daß diejenigen, die es so machen, nur nach ihren Wünschen handeln. Sämtliche Merkmale, die man bei den Unruhen in den achtziger Jahren findet, sind auch bei denen in Kischinew anzntressen, ja hier treten sie so deutlich zu Tage, daß es überhaupt keinen Zweifel geben kann, wie sie entstehen konnten. Die Ereignisse in Kischinew sind gar nicht unerwartet erschienen. Die Regierung hat bereits schon längere Zeit gewußt, daß die Exzesse kommen werden. Ungefähr drei Wochen vor Ostern erschien in denr Blatt Bessarabez eine Notiz über die Ermordung eines Knaben, unweit Kischinew, wobei das Blatt in der cynischen Weise die Andeutung machte, daß es sich um einen Ritualmord handle. Das Blatt widerrief die Nachricht, doch damit hat es nur Del ins Feuer gegossen. Die Redaktion des Blattes, die in den Händen von verlotterten Beamten liegt, ist allgemein als verkäuflich bekannt und nun gingen die Gerüchte herum, die Juden hätten die Redaktton bewogen, die Nachricht zu dementieren. Die Aufregung, die durch die Meldung des Blattes hervorgernfen war, stieg immer mehr und was die Repttlienpresse nicht vermocht hatte, das vervollständigten die Popen, die, wie es-festgestellt ist, die Lügennachricht des Bessarabez aus der Kanzel wiederholt haben. Schon vor Ostern hat die jüdische Bevölkerung der Stadt bei den Behörden um Schutz nachgesucht, sie wurde von diesen ausgelacht. Ms dann das Massakre losbrach, stand sie vollständig wehrlos da. Zusammengepfercht in enge Gassen, in einem Quartier, dem sogenannten untern Stadttell, mußte sie sich ihrem schrecklichen Schicksal fügen. Die Polizei, hat nicht das geringste getan, um die Unglücklichen zu schützen. Sonst haben die Behörden immer Militär bei der Hand, diesmal wurde von den 10 000 Soldaten, die hier stationiert sind, nicht ein Mann zeitig genug hinausbewegt, daß gegen die Räuberbande hätte eingeschritten werden können. Tie Wiener „Neue Freie Presse" schreibt: Aus den hier eingelangten russischen Zeitungen und Privatbriefen gewinnt man nun einen genauen Einblick in den Anlaß und den Verlauf der während der griechisch-orth-doxen Ostern in Kischinew verübten Judenmassakres. Die Ursachen dieser Gräuelthaten find — so schreibt man uns — weder in wirtschaftlichen Zuständen noch in überreizten nattonalen Empfindungen zu suchen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse Bessarabiens sind günstig, besonders in diesem Jahre in Folge guter Ernte. Die nationalen Empfindungen der Bevölkerung waren nie den Juden feindselig, wie denn auch Bessarabien selbst in Zeiten, da anderwärts Judenverfolgungen stattsanden, von diesen verschont geblieben ist. Nun erscheint aber in Kischinew eine von einem gewissen Krnschewann herausgegebene Zeitung „Bessarabe tz", deren Um und Auf eine systematisch betriebene Judenhetze ist- Me sonst so strenge russische Zensur wird diesem Blatte gegenüber in auffallend

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.