Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-05-08 · Heft 27 (8.5.1903) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 27 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692324--00250-2694613
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 2. Frankfurter Israelitisches Fämilienblatt. Leite ans Odessa. Ter Brief ist oftmals unzusammenhängend, da ihn der Korrespondent offenbar in größter Aufregung geschrieben hat. Wir entnehmen dem Briefe folgendes: „Man wird wahrscheinlich niemals genau den ganzen Jammer erfahren, der über unsere Brüder in Kischcnew gekommen ist. Raub, Mord und Gewalttaten wurden an ihnen verübt, Väter, die ihre Kinder beschützen wollten, wurden in grausamer Weise verstümmelt, förmlich in Stücke zerrissen, Frauen, Greise und Kinder in bestialischer Weise abgeschlachtet. Tic ganze jüdische Bevölkerung, an 76 000 Seelen, ist fast an den Bettelstab gebracht. Tic Behörde war ohnmächtig gegen die entsetzliche Mordsucht und Plünderungswut der fanatisicrten Masse: und was noch schlimmer ist, Polizeileute beteiligten sich sogar an den Exzessen. Bisher wurden über 50 Tote agnosziert, eine große Anzahl kann wegen der entsetzlichen Verstümmelungen nicht niehr agnosziert werden. Ueber 600 Frauen, Greise und Kinder sind schwer, zum Teil tödliche verwundet. Fünf Waggons Verwundeter mußten in das hiesige jüdische Spital transportiert werden, weil die jüdischen Spitäler in Kischenew überfüllt sind. Seit dem 6. April kommen wir nicht zur Ruhe; außer durch den schrecklichen Jammer, der die ganze jüdische Bevölkerung erfaßt hat, sind wir auch durch die physischen Anstrengungen völlig erschöpft. Tie meisten von uns haben sich mit Waffen versehen, denn wir sind ans alles gefaßt und wollen unser Leben wenigstens so teuer als möglich verkaufen. Wir müssen Tag und Nacht Wache halten, denn auch hier, in Odessa, möchte der Pöbel gerne ähnliche Szenen aufführen wie in Kischenew. Ferner wird aus Petersburg berichtet: Bei den Exzessen in K i-s ch c n e w haben sich schreckliche Szenen ereignet. Sämlliche Geschäfte, die im Besitz von Juden waren, wurden g e st ü r m t, die Waren davongcschleppt, die Häuser demoliert- Vielen jüdischen Frauen taten die Exzcdenten Gewalt an; Kinder warfen sic aus den oberen Stockwerken der Häuser auf das Straßenpflaster. Und während dieser - grauenvollen Ausschreitungen einer geradezu wahnsinnigen Menge ertönte auf dem Boulevard lustige Musik. Die.verzweifelte jüdische Bevölkerung flüchtete zum Hause des Gouverneurs; dort trieb man sie aber gewaltsam davon. Der Gouverneur hatte erst nach Petersburg telegraphiert und Jnstrultionen erbeten, als .dann die Antwort eintraf, ging man daran, Ruhe'zu schaffen. Der angcrichtetc Schaden ist sehr groß und wird auf etwa v i e r M i l l i o n e n Rubel geschätzt. Tausende von Personen sind ohne Obdach und Nahrung. Wir schließen diese grauenhaften Berichte niit einer Stelle aus der von deni Fürsten Uchtowsky in Petersburg herausgegebenen ,,'St. Petersburgskija Wiedomosti": „Hat er (ein bekannter Antisemit naines Welitchko) nie daran gedacht, daß diese systematische Judenhctze, mit der sich so gern ein Teil unserer Presse belustigt, die Rassenantipathien anzündet und zu so furchtbaren Erscheinungen wie die Judenkrawalle in Kischinew führt? Möge er sich etwas realistischer die aus der Höhe des zweiten und dritten Stockes auf das Straßenpflaster hinan sgeschlcuderteu Kinder, das Krachen der j ü d i s ch e n S ch ä d e l, d i e mit Möbelstücken zerschlagen werden, das fließende Blut und die aus rinnen den Geht rn e ,.d i e au f d ie hin a u s g e sch le u d er t e n und z c r t r ü m werten Waren fließen, v o r st e l l e n!" Ten Anstoß zu diesen Blutszenen hatte das Verschwinden eines Christen gegeben und das damit gleichzeitig auftretende Gerücht, er sei von den Juden geschlachtet worden, um sein Blut zum Pesachfeste zu gebrauchen. Tic Polizei versuchte, nachdem sic nach mehrtägigem Suchen die Leiche gefunden hatte, die Bevölkerung durch die Ankündigung zu beruhigen, daß an dem Körper keine Wunde gefunden worden sei. Es wurde, sogar eine Leichenschau äbgchalten, aber auch diese vermochte den Argwohn des Volkes nicht zu beruhigen. Darauf schickte man von Odessa drei Aerzte, die unabhängig von einander die exhumierte Leiche untersuchten, und sänitlich bestätigten, daß kein Blutverlust stattgefunden habe. Unterdessen Halle 'aber eine Zeitung in Kischinew Hetzartikel gegen die Juden veröffentlicht. Ter Vizcgoüverneur von Kischinew, der gleichzeitig Zensor ist, wurde auf die Gefährlichkeit dieser Artikel aufmerksam gemacht, er ..weigerte sich aber cinzuschreiten, — und so geschah am heiligen Pesachfeste, am Feste unsrer Freiheit, das Grauenhafte, nie zu Sühnende. Rede des Herrn Proviuzialschulrat Lr. Kayser auf dem akademischen Festakt anläßlich der Jubelfeier der Uuterrichtsanstaltcu der Israelitischen Religions- Gesellschaft. Geehrte Festesversammlung! Ich bin beauftragt, der Israelitischen Neligionsgesellschaft zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens ihrer Anstalten die herzlichsten Glückwünsche zu überbringen. Auch ich selbst nehme warmen Anteil an diesem festlichen Tage und blicke, gern zurück ans die Entstehungsgeschichte eines Werkes, das mit b clcheidencn Anfängen begonnen, sich kräftig entwickelt und stets segensreich gewirkt hat. Eine besondc. :e Genugtuung ist es mir, als dem Tczerenten in Ai lgelegenheitcn der Anstalt, der ihre Fortschritte stet s aufmerksam verfolgen konnte, diese Glückwünsche z u übermitteln. . Ter Herr Oberpräsident'läßt seiner n tiefen Bedauern Ausdruck geben, daß er nicht persön lich hier weilen und an der Feier teilnehmen kann. Vorbereitungen zu wichtigen Verhandlungen, die morgen in Kassel beginnen sollen, hielten ihn zurück.. Aus kleinen Anfängen ist die Anstalt hervor-- gegangen. Vor 50 Jahren, am ersten April 1853,. eröffnet mit 84 Schülern, 59 Knaben und 25 Mädchen,- hat diese Schule sich in kurzer Zeit das Vertrauen der beteiligten Kreise zu gewinnen verstanden. Nach .vier Jahren sind es schon 200 Schüler. Tie : ursprünglichen Räume sind zu eng. 1864 wird ein: neues Haus gebaut. Aber auch dieses konnte die wachsende Schülerzahl nicht auf die!Dauer beherbergen.. Dann wurde es durch eine hochherzige Schenkung: und weitere willige Beiträge ermöglicht, das stattliche Haus zu beziehen, in dem die Anstalt seit 22 Jahre» heimisch ist und in der Stille ihr wichtiges. Werk betreibt. Hand in Hand mit der äußeren ging zugleich eineglückliche innere Entwickelung. Bei der Gründung wurde ein doppeltes Ziel ins Auge gefaßt: Als Erstes die religiöse Erziehung einer jüdischen Jugend, die treu sesthalten sollte an dem Glauben ihrer Väter, die ausgiebig unterwiesen werden sollte, in den' Lehren und in der Sprache ihrer Religion,' im Hebräischenum an die Quellen geführt zu werden und die Grundlage zu eigener Ueberzeugung zu gewinnen. Und mit diesem Ziele sollte sich das Zweite verbinden, den Zöglingen eine Bildung zu übermitteln, die sie befähigen sollte, im Beruf ihre Stelle auszufüllen, und ihre Pflichten gegen das 'Gemeinwesen und den Staat treu zu erfüllen. War es aber wirklich, ein doppeltes Ziel? Wie der verehrte Mann, der Gründer dieser Anstalten, Samson Raphael Hirsch, glicht müde wurde, mit aller Entschiedenheit, Klarheit. und Bestimmtheit zu betonen, daß religiöse uird humane, soziale Bildung, wie er es nannte, sich nicht gcgcnseillg ausschließen, sondern.bedingen, so steht auch die Nnterrichtsverwaltung auf dem gleichen Standpunkt, daß die Grundlage jeder Bildung die Religion sein muß, daß die Furcht Gottes aller Weisheit Anfang ist. So sind wir, Unterrichtsverwaltung und Schulrat, im Grunde genommen, einig. Wohl haben Verhandlungen und Vereinbarungen stattsindeu müssen bezüglich der Abgrenzung der Fächer, speziell des hebräischen Faches, nicht deshalb, weil eine Abneigung dagegen Vorgelegen hätte, oder eine Verkennung seiner Wichtigkeit, sondern aus pflichtmäßiger Sorge für das geistige Und leibliche Wohl der Jugend, die nicht mit allzuschweren Lasten überbürdet werden darf. Wenn ich einen Rückblick auf die Entwicklung der Anstalt werfe,' so ist es nicht meine Aufgabe, die innere Ausgestaltung im Einzelnen zu verfolgen, wie z. B. die Knabenabteilung erst zu einer Realschule zweiter Ordnung, später zu einer Realschule schlechtweg wurde. Uns alle muß jedoch das Gefühl des Dankes gegen den Allmächtigen beseelen, dessen Segen so sichtlich auf dieser Anstalt geruht hat. Wenn der Herr nicht.das Haus baut, so arbeiten umsonst die daran bauen. Durchdrungen von diesem Gefühle müssen wir alle die, welche dieser Anstalt ihre Kräfte und Mittel geliehen haben, als Werkzeuge in der Hand des Höchsten mischen. Gott hat den Mitgliedern dieser Gemeinschaft das Herz warm gestimmt und die Hcurd willig gemacht zu reichem Gebe». Tie Geschichte dieser Anstalt beweist es, wie kaum die einer andern, was Opferwilligkeit, die der Begeisterung für ein hohes Ideal entspringt, zu leisten vermag. Wenn wir nun in dieser Stunde des Gründers dieser Anstalt gedenken, und seines Sohnes und Nachfolgers, Tr. Mendel Hirsch, so wollen wir doch auch die Lebenden nicht vergessen. Vor zwei Jahren erhielt ich den. Auftrag, den jetzigen Direktor, Herrn Tr. Lauge, in sein schwieriges Amt einzuführen. Wir haben ich darf es wohl sagen —in dieser kurzen Zeit gesehen, wie die. Hoffnungen, die an seinen Eintritt in ' das Amt geknüpft wurden, sich zu erfüllen begannen. - Bon seiner jugendlichen Kraft, seinem rührigen Eifer, darf die Anstalt auch in Zukunft reichen Segen erwarten. Ihm. treu zur Seite steht das Lehrerkollegium,. eine stattliche Zahl von Lehrern und Lehrerinnen, die freudigen Sinnes ihre Kräfte in den Dienst der Schule stellen. Es freut mich besonders, in der Lage zu sein, als äußeres Zeichen der Anerkennung und Huld, mit der auch Sc. Majestät der König auf diese Anstalt blickt, zivei Mitgliedern des Lehrerkollegiums und dem langjährigen Pedell der Anstalt allerhöchste Auszeichnungen zu übergeben. Se. Majestät der Kaiser und König haben laut Erlaß vom 8, April zu bestimmen geruht,- aus Anlaß der am 27. April dieses Jahres stattfindcnden Feier des fünfzigjährigen Be-, stehens der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft den Oberlehrern, Professoren Dr. Portmann und Sulzbach den roten Adlerorden 4. Klasse und dem Schuldiener. Ernst das allgemeine, Ehrenzeichen zu Nr. 27. verleihen. Ich habe den Auftrag, Ihnen diese Abzeichen persönlich zu überreichen. .Wenn ich nun den Blick von dieser festlichen Stunde aus die Zukunft richte, so möchte ich der Hoffnung und dein zuversichtlichen Wunsche Ausdruck geben, daß diese Anstalt weiter blühen und gedeihen möge, dem Wunsche, daß es der Israelitischen Synagogcngemcinde wie seither auch in Zukunft nicht fehlen inöge an opferwilligen Mitgliedern, der Anstalt nicht an einem Lehrerkollegium, das durchdrungen von der hohen und heiligen Aufgabe seines Berufes, mit freudigem Sinne seine ganze Kraft der Anstalt widmet, der Schule ferner nicht an einer Jugend, - die willig die Lehren entgegennimmt, welche ihr hier geboten werden, die es aber nicht dabei bewenden läßt, sondern auch durch ihren Wandel es beweist, daß sie von der hier empfangenen Bildung innig durchdrungen ist. Mögen Männer und Frauen aus ihnen hervorgehen, die in der Familie, im Berufe, im Gemeinwesen und im Baterlande ihre Stellen richtig ausfüllen. So möge. Gottes Schutz fort und fort ruhen auf dieser.Anstalt heute und in aller Zukunft. . Ein antisemitischer Jude. Ter Appellationssenat des Araber Gerichtshofes befaßte sich jüngstens mit der Angelegenheit des Kisjenöer Vizebezirksrichters Dr. E. Groß. Genannter Vizebezirksrichter, wie es sprichwörtlich heißt, lebt unter „zerrütteten konfessionellen Verhältnissen", oder besser gesagt: er ist Jude. Es ist wahrscheinlich, daß er auch seine eigenen Glaubensgenossen nicht sehr lieb hat, was ans jenen seinem Benehmen wahrzunehmen ist, welches er der Kisjenöer Knltusgemeinde gegenüber bekundet hat. Er beschmutzte nämlich in der ordinärsten Weise diese Knltusgemeinde, deren Präsidenten er sogar grob beleidigte. Diese Geschichte des antisemitisierenden jüdischen Bizebezirksrichters ist Folgende: Im vorigen Jahre hielt die Kisjenöer isr. Knltusgemeinde ihre jährliche Generalversammlung, zu welcher Gemeindepräsident M. S ch i l l i n g e r auch Dr. Groß eingeladen hatte. Einem Herrn Moritz Katz wurde das Glück zu teil, die zur Generalversammlung lautende Einberufung dem gestrengen Bizebezirksrichter einzuhändigen. Katz stellte sich mit gebührender Achtung beim Vizebezirksrichter ein und übergab ihm die Einladung. — Was für eine Unverschämtheit ist das, mich zu einer Judenversammlung zu laden?! brach der aus Abrahams Schoß entsproßene Antisemit aus. Katz verbeugte sich ganz devot und sprach kein Wort. ' — Gehen Sie und belästigen Sie mich nicht! war die abweisende Antwort. Der Betraute des Präsidenten bat jedoch das leidenschaftliche Gemeindemitglied, wenigstens die Zustellung beglaubigen zu wollen. Des Richters Giftbecher war mit dieser Gemeinheit bis an den Rand gefüllt, er schrie so mächttg auf, daß Mles erzitterte. — Verflucht sei Deine Hundsgemeinde, gehst Du noch immer nicht weg? Dann brachte er noch mit mehreren derartigen Ausdrücken seine hohe Verehrung für die Judenschaft zum Ausdruck. — Ich trete Ihnen und Ihrem Auftraggeber die bestialische Seele heraus! 2er arme Katz eilte schnell aus dem jüdisch-antisemitischen Hause und erzählte das Geschehene dem Gemeindepräses. Schillinge,: machte die Anzeige wegen Ehrenbeleidigung gegen Groß, den sein eigenes Bezirksgericht zu 30 Kronen Geldstrafe verurteilte. Dr. Groß appellierte gegen das Urteil und so gelangte die Angelegenheit , vor das Appellationssenat des Arader Gerichtshofes. Auf Grund der Angaben wurde das Urteil des Bezirksgerichts vom Gerichtshöfe bestätigt. Ungar. Wochenschrift. - Aus clü'er Well. Deutschland. Berlin, d.1. Mai. Den 70. Geburtstag begeht heute der Seminar-Docent Dr. Adolf Berliner, ein bedeutender Gelehrter für jüdische Geschichte und Literatur. Am 1. Mai 1833 zu Obersitzko geboren, wirkte er dort und in Arnswalde als Lehrer; 1865 folgte er. einem Rufe nach Berlin und ist hier seit 30 Jahren Docent am Rabbiner-Seminar. Seit 1874 gab er das »Magazin für die Wissenschaft des Judentums" heraus. Daneben veröffentlichte er Monographien und größere Werke. Eine Autorität ist er für die Geschichte des' Judentums in Italien; ferner schilderte er das Leben der deutschen Juden im Mittelalter. Berlin, d. I.Mai. Soebenist hier eineJüdische Colonisations-Gesellschaft für den ganzen Orient begründet worden. Der Zweck der Gesellschaft ist, den jüdischen Auswanderern im Orient Heimstätten vorzubereiten und die Emigranten, die meist Handwerker und Kaufleute sind, in den Betrieb der Landwirtschaft einzuführen. Man plant den Erwerb ausgedehnter Ländersttecken, die durch bezahlte Landarbeiter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.