Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 27 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Es hat diesen Anspruch nicht mehr, wenn es sich nicht wie ein Mann erheht, gegen die Greueltaten, die geschehen find — es muß hier ausgesprochen werden — mit stillschweigender Zustimmung der höchsten Behörde einer Großstadt des russischen Reiches. Die Feder sträubt sich, das Entsetzliche wiederzugeben. In welchem fühlenden Menschenherzen müßten nicht Scham und Entrüstung laut auflodern ob solcher Grausamkeiten, wie sie im c 'igen Rußland unter den Augen der Behörden verübt wurden. Hier handelt es sich nicht darum, ob man „Juden" hingemordet hat. Die Menschheit in ihrer Gesamtheit sollte sich erheben und flammenden Protest einlegen gegen die begangenen Unmenschlichkeiten! Das Blut jener unglücklichen, unschuldigen Kinder bildet einen Schandfleck in der Geschichte der europäischen Kultur, der sich durch keine noch so „edle" Proklamation verwischen läßt. Er schlägt auch jener Legende ins Gesicht, die da hehauptet, es regierten auf Erden noch Gerechtigkeit und Wahrheit. Wer von all jenen mächtigen und einflußreichen Sterblichen wird auch nur ein Wort einlegen für jene Unglücklichen, die man grausam hingeschlachtet. Nein, das würde ja gegen alle diplomatische Gepflogenheit verstoßen, man wird auch, fernerhin aus hohem Munde Manifeste und Friedensbotschaften gläubigen Ohres vernehmen und das Wimmern jener Unglücklichen wird allmählich verstummen und Platz mächen den Hurrahrusen einer geblendeten fanatischen Volksmenge. Aber die Stunde der Vergeltung kann und wird nicht ausbleiben! Freiheit und Aufklärung werden den Sieg über Unterdrückung und Verhetzung davontragen und wenn dann das Verderben über die Häupter des jetzigen Systems hereinbricht, dann werden diese vielleicht zurückdenken an das Blutbad von Kischinew. Modernes Mittelalter. „Es gäben die Juden Christenblut In ihre Mazzen hinein". Man heut noch behauptet mit frechem Mut Den Juden zur Qual, ach, zur Pein l Dezennien lang ich schon Mazzen aß. Doch fand nicht Christenblut drin. Was aber ich in der Chronik las Mit trüben, wehem Sinn: „Es ist an den Mazzen Judenblut, Millionen Maß und noch mehr."- Mit Mühe nur dämpf ich meine Wut: Ob dieses Irrtums so schwer! Zum Spotte ich setzt' die Feder an — Ein Thränlein mir enttinnt.- Wann kommen, mein Gott, am Ziel wir an Wo nimmer Unvernunft sinnt? .... Dieses Gedicht, „Ein Correctum" überschrieben, fand sich in dem Nachlaß des begabten, vor Jahresfrist in der Blüte seiner Jugend von einer tückischen Krankheit hingercifften cand. med. Simon Eschwege in Höchberg. Es war ein wahres Wort, das er klagend, und anklagend in die Welt hinausgerufen hat; denn millionenfach klebt Judenblut an den Mazzen, an jenen Broten, die ein Symbol sind der Freiheit. Freiheit! — Der Mensch frei sein Haupt emportragend, sich bewußt seiner gottgeheiligten Menschenwürde und jedem Menschenbruder frei als Bruder gegenüberttetend, — welch' herrliches Ideal! Um dieses Ideales willen hatte einst Gott unsere Vorfahren aus Egyptens Sklavenketten erlöst, hatte ihnen um seinetwillen sein Gesetz gegeben, sein Gesetz, das — frei von allen Dogmen — nur das eine bezweckt, wahrhaft sittlich und geistig freie Menschen zu erziehen. Und damit nun Israel diefes seines hohen Berufes, für den einzig und allein es am Leben erhalten blieb, für alle Zeiten eingedenk sei, wurde ihm als ewiges Erinnerungszeichen das Gebot des ungesäuerten Brotes anbefohlen. „Dies ist das Brot, das unsere Väter im Lande Mizrajim aßen. Jeder Hungrige komme und esse mtt; jeder Dürftige komme und feiere mtt; dieses Jahr hier, das kommende Jahr im Lande unserer Freiheit; dieses Jahr als Knechte, das kommende als fteie Männer," so spricht ganz Israel, die Hagadah aufschlagend, am Sederabend. Doch noch nicht ist die Zeit erreicht, welche die Hagadah uns so nahe bringt. Wohl speist man von jeher in Israel die Hungrigen, wohl ist heute noch die Wohltättgkeit eine der schönsten Tugenden, die in den Kreisen des jüdischen Volkes ohne Unterschied gepflegt werden, aber noch immer hat Israel nicht gelernt, seine Feste zu feiern, denn noch immer ist ihm die Bedeutung seiner Feste und damit auch die Bedeutung seines Berufes ftemd und deshalb muß es weiter kämpfen. Mtt ehernem Griffel sind die Jahre 1812 und 1313. die Zeit der Freiheitskriege, in die Ruhmesgeschichte des deutschen Volkes eingetragen.. Doch wie winzig ist dieser Kampf gegen den Freiheitskampf des jüdischen Volkes, der schon 2 Jahrtausende dauert! Zweitausend Jahre kämpfen wir Juden für unser bischen Leben. Hunderttausende bedecken die Wahlstatt, Millionen sanken in die Gruft hinab, deren Leben vergällt, deren Dasein verpfuscht worden ist in dem aufgezwungenen Kampfe. Schon längst hat das zivilisierte Europa das blutöürchttäntte Mittelalter begraben. Ueberall predigt man Menschenrechte, nur uns Juden gegenüber lägt man sie außer Acht; Liebe, Gesittung und Anstand hat man allüberall auf die Fcchne geschrieben, doch einem Juden gegenüber kennt man nicht jene Menschenliebe und jene Anstandspflichten, die man sonst seinem Mitmenschen ohne wetteres gewährt. Gleiche Pflichten, ungleiche Rechte, das sind noch heute selbstverständliche Grundsätze im Verhältnis der Menschen zu chren jüdischen Brüdern. So stehen wir Juden noch heute recht- und schutzlos da. Im Staate wird uns die bescheidenste Beamtentelle, wenn irgend möglich, vorenthalten, in der Geellschast drängt man uns zurück und macht so unser Leben gewiffermaßen zu einem Martyrium. Wie recht- und schutzlos wir dastehen, zeigt seit Jahren Rumänien, ein Staat der sich bemüht, mtt Hülfe des Gesetzes seine 250,000 Juden verhungern zu lassen; zeigt Rußland, das die gleiche Politik befolgt, nur daß es sich da um 5 Millionen jüdischer Seelen, der Hälfte der gesamten Judenheit, handelt; zeigt jetzt mit grellem Blitzessttahle jenes Schauspiel, das in diesen Tagen eine wüste, grauenerregende Mordszene aus dem Mittelaller vor den. Augen der gesamten Menschheit aufgerollt hat, ein Mittelaller in der Neuzeit, ein Mittel-. alter in unseren Tagen. ß.s; lieber die Judenmetzelei in Kischinew liegen der Jüdischen Rundschau folgende Originalbriese vor: Lieber Freund! Dil wirst sicher zehn Jahre länger leben, weil du nicht gesehen hast, was sich für Blutszenen bei uns in den letzten Tagen abspielten! Schon 3 Tage lang wird die Zertrümmerung fortgesetzt. So etwas ist noch nicht dagewesen! Die ganze Stadt, sämtliche jüdische Häuser liegen in Trümmern. Jetzt endlich werden mehr oder weniger energische Maßregeln vorgenommen, aber bis jetzt haben Polizei und das Militär die Räuber nur unterstützt. Selbst das Militär hat geraubt. Sämtliche Läden, in denen von Ware nichts mehr zu finden war, haben sie demoliert. Eine Menge ermordeter Juden liegen unbeerdigt aus der Straße. Ungefähr 200 Schwerverwundete sind in die Krankenhäuser geschafft. Kllrz, lieber . . ., die Haare sträuben sich! Schon 3 Tage lang darf sich niemand von uns ausziehen und schlafen gehen. Wer das nicht gesehen, das nicht mitgemacht hat, kann sich so etwas gar nicht vorstellen! Allein das Bewußtsein, zu wissen und zu sühlen, daß wir der zügellosen Masse übergeben waren, ist entsetzlich! Die Polizei und das Militär bildeten einen Ring» in dessen schützender Mttte man zertrümmerte, raubte und mordete. Tie Polizei zeigte bloß, welches russische und welches jüdische Häuser sind, oder sie sagte der wütenden Masse: „Hier schon genug, jetzt geht weiter!" Denke nicht etwa, Freund, daß ich übertreibe! O nein, ich kann dir nicht einmal den tausendsten Teil von allen den Grausamkeiten und fürchterlichen Schreckensszenen, welche sich hier abgespielt haben und noch abspielen, mitteilen. Jetzt haben sich die Männer von unserer Straße bei uns im Hofe gesammelt und warten ab, daß an uns die Reihe kommt. Von anderer Sette wird Folgendes geschrieben: „— — Eine echte Metzelei war es! Biele sind totgeschlagen, hunderte verletzt. Tie Mütter wußten nicht, wo ihre Kinder, die Männer wo ihre Frauen sind. Tie Möbel ivurden von der 3. Etage auf die Straße hinausgeschleudert. Die Straßen sind bedeckt mit Federn, wie mit Schnee; Sammet und Seide und alle möglichen Waren werden mit Füßen getreten. Auf jedem Schritt und Tritt das grausige Bild der Zerstörung. Die, welche noch gestern reich waren oder dem Mittelstände angehörten, müssen heute um Almosen betteln, von den Armen gar keine Rede. 3 Tage lang haben wir gehungert — kurz, ich habe keine Worte, um alles das Fürchterliche und Grausige auszudrücken! - Einem dritten Privatbriefe entnehmen wir, daß man nicht weniger als 40 jüdischen Frauen die Brüste abgeschnitten hat. Einen weiteren Bericht über die schreckliche Katastrophe in Kischenew erhielt die Welt von zuverlässiger