Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 27 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27. Frankfurter jfraeMscheS Familienblatr. Erite 3. in einen i , ertragsfähigen Zustand versetzt werden sollen», und zwar besonders durch Anbau von Obstbäumeir und Gemüse. Dann sollen die Colonisten hier angesiedelt werden. Da der Obstbau keine allzugroßen Anstrengungen erfordert, und die Verwertung des Obstes,; namentlich der Oliven, sich leicht ermöglichen läßt, so glaubt man auf einen Erfolg rechnen zu können. Die! Gesellschaft, der größere Kapitalien zur SBcxfügung stehen, will das Unternehmen so lange betreiben, bis aus den Colonisten selbst sich eine Gesellschaft gebildet: hat, die dann Alles übernehmen kann. Unter dem Förderern der Idee befinden sich Leute aus allen: Berufsständen. Breslau. Anläßlich der Eröffnung des neuen: israel. Krankenhauses, die vorige Woche unter Teil-- nahme der höchsten Behörden in feierlicher Weise von sich ging, lohnt sich ein Rückblick auf die Entstehungsgeschichte desselben: Die erste israelitische Krankenverpflegungsanstalt zur Pflege der armen jüdischem Kranken in Breslau wurde 1726 gegründet und war: anfangs in gemieteten Räumen untergebracht. Später: siedelte sie in ein eigenes Heim über, nachdem durch. Allerhöchste Kabinettsordre vom 2. Mai 1760 der Gesellschaft die Genehmigung erteilt worden war, „eim eigenes an der Stadtmauer zwischen der Antoni- und» Graupnergasse in der Gegend gelegenes einzelnes! Häuschen, wo der im Jahre 1749 gesprungene Pulverturm gestanden, von dem Tuchmacher König vor 700' Thaler Schlesisch zu einem beständigen Hospital zu erkauften." Als dieses seinerzeit mit Wallstraße 19 bezeichnete Haus und auch die nachher im Jahre 1823 auf dem Maschler'schen Grundstücke am Schweidnitzer Anger errichtete Filialanstalt den stets wachsenden Bedürfnissen schließlich nicht mehr genügten, wurde aus einer Schenkung der Gebrüder Jonas und David Fränckel 1841 das bis heut benutzte „Fränckel'sche Hospital" Antonienstraße 6, 7 und 8 errichtet. Diese Gebäude nahmen zunächst die Krankenverpflegungsanstalt und die Waisenanstalt auf. Als die letztere 1881 ihr eigenes Haus bezog, wurden die von ihr benutzten Räume dem Israelitischen Siechenhause überlassen. 1897 konnten das Siechenhaus in die von dem Rittergutsbesitzer Julius Schottländer an der Kirschallee in Kleinburg erbaute israelitische Altersverforgungsanstalt verlegt, und die ftei gewordenen Räume der Krankenanstalt angegliedert werden. Doch auch das erwies sich als unzulänglich; bei der stetig gesteigerten Frequenz und bei den erhöhten sanitären Forderungen wurden die Zustände des Hospitals arr', die Dauer unhaltbar, zumal seine Bauart i md Lage die Einrichtung einer heutigen Begriffen Hygienisch befriedigenden Krankenanstalt unmöglich mach'ten. So wurde denn der Neubau beschlossen, der Platz dafür in den Jahren 1897 bis 1902 erworben bezw. ar roudiert, und nach Erledigung aller Vorarbeiten konnte Im März 1902 mit dem Bau begonnen werden, 1>er nun seiner Bestimmung übergeben worden ist. Hamburg. Das israelitischeKurat orrrrm für Knabenfertigunterricht und Jiagendspiele hatte gestern die Freunde und Gönner des Unternehmens sowie die Eltern der Schüler zi r einer Entlassungsfeier nach der Aula der Israelitischen Töchterschule eingeladen. Der Vorsitzende des Äuratoriunrs, Herr M. Heilbutt, wies in sein er Ansprache darauf hin, daß im verflossenen Winters emester Kurse im Kerbschnitzen, Papparbeiten und Mod elfteren an 20 Abenden mit je 2 Unterrichtsstunden statt ge-, funden hätten. Die Kurse für Modellieren waren t int 18, für Papparbeiten von 14 und für Kerbschnitzem von 12 Schülern besucht. In allen 3 Abteilungen kommen die Lehrer gute Resultate konstatieren. Am 6. Mar 1902 begannen die Jugendspiele unter Leibung des Lehrers Herrn W. Döhren, Die Teilnahme war recht lebhaft, indes hatten die Spieltage unter der Ungunst der Witterung zu leiden. Das Kuratorium hofft, baldigst auch Jugendspiele für Mäl'chen einführen zu können. ... Horb (Württemberg). Dem Antrag der hier ansässigen Israeliten entsprechend, hat das K. Ministerium des Kirchen- und Schulwesens mit Wirkung vom 1. April d. Js. ab d i e B i l d rr n g einer selbständigen israelitischen Kirchengemeinde in der Stadtgemeinde Horb genehmigt. Könitz. Weg en öffentlich er Bel eid igung des Lehrers Weichet in Könitz und seiner E hefrau war der verantwortliche Herausgeber des „Jüdis chen Bolksblattes", Dr. Louis Neustadt aus Breslau, vom Schöffengericht zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil er aus anderen Blättern ebnen Artikel übernommen hatte,'in dem das Ehepar 'Weichel der Beteiligung an der Konitzer Mordtat verdäckjtigt würde. Der Verklagte legte Berufung ein und swchte sich in der zweiten Instanz, wie die „Schles. Zig ." mitteilt, zunächst damit zu verteidigen, daß der Arü.kel sich garnicht auf den Kläger, dessen Namen allerdings nicht genannt worden war, bezogen habe. Au,' Vorschlag des Verteidigers wurde jedoch ein. Vergleich» angebahnt und kam dahin zu stände, daß der Verklagte in seinem Blatte eine Abbitte leistete, die Kosten übe,-nahm und an den Kläger eine Buße von tausend Mark, zu dessen steter Verwendung zahlte. Lübeck.Ausderisraelitischen Gemeinde. Zum Gemeinde-Aeltesten wurde Dr. med. Adler, zu »1..Herren Rüben, Dr. Joel und edlem, offenem CharaAer aus dem Leben. Das Berttauen seiner Mitbürger berief Herrn Hirsch in die tädtische Verttetung, in üer er lange Jahre mit unermüdlichem Fleiß ur ch großem Erfolg wirtte. München. Be eadigung. Eine bekannte und geachtete Persönlichkeit, der im Alter von 51 Jahren aus dem Leben geschiedene Chemiker Herr Karl H e l b i n g, fand am Donnerstag Nachmittag i m israelitischen Friedhof seine Ruhestätte. Zur Erweisung der let sten Ehre hatte sich eine ungemein zahlreiche, ansehr iliche Trauergesellschaft eingefunden, Osfiziere, Bertte der der Wiffenschaft, Bürger aller Berufe und eine Deputation des akademischen Gesangvereins Münchens Die Halle des Friedhofes vermochte die Menge der Trauergäste lange nicht zu fassen. Rabbiner Dr. E äecner schilderte in der Gedächtnisrede den Verstorbenen als einen Mann von reicher Begabung, hoher n Wiffensdrange, seltener Güte des Herzens und 'Gemütes und von starkem, energischem Wollen. Wittenb-rrg. (Seit nahezu 500 Jahren keine israe-Iitische Trauung.) Auf dem hiesigen Standesamt wurde im 'April eine israelitische Ehe zwischen Fräulein Margarete Backhaus von hier und dem Kaufmann Max Michaelis aus Cöthen geschlossen und daraus in Muchs Hotel „Zur Reichspost" durch den Rabbiner Dr. Feßler aus Halle eingesegnet. Diese israelitische Trauung hat insofern kulturelle Bedeutung, als es seit mindestens 463 Jahren, vielleicht auch seit .der Gründung Wittenbergs, die erste ist, die hier ges schlossen worden ist. — Ob vor 1440 hier israelitische Meligionsübungen stattgefunden haben, darüber haben twir kerne Nachricht. Fest aber steht, daß seit diesem (Jahre keine stattgefunden haben, da von 1440 bis zum (Jiihre 1867 kein Israelit hier gewohnt hat. — ( i Anfang des 14. Jahrhunderts waren die Juden in 'Wittenberg sehr zahlreich. Im Jahre 1304 wurden sie durch Herzog Rudolf I. ausgewiesen; sie kehrten aber bald wieder zurück, und als sie im Jahre 1440 auf Veranlassung der Kurfürstin Margaretha von deren Gemahl, Friedrich dem Sanftmütigen, zum zweitenmale verttieben wurden, da geschah dies mit dem Zusatz „auf ewige Zeiten". Diese ewige Zeiten haben vorgehalten, bis sie am 1. November 1867 durch das Freizügigkeitsgesetz beendet wurden. Nun siedelte sich ein Israelit nach dem andern hier an, bis ihre Zahl jetzt auf etwa 40 Seelen in 12 Haushaltungen gestiegen ist. Die hier ansässigen Juden sind der Synagogengemeinde Halle zugeteilt, wohin sie auch ihre Kultusabgaben entrichten. Da die Zahl der erwachsenen Juden für die Bildung einer Religionsgemeinde noch zu klein, aber stark genug zu gemeinschaftlichen Religionsübungen ist, halten sie solche jetzt ab, und machten damit am 26. September 1897, dem israelitischen Neujahrstag, den Anfang. Ausschuß-Mitgliedern die und A. Carlebach erwählt. Mainz. Im Alter von Kommerzienrat George H i r s > Ihm schied ein Manu von schln 70 Jahren ist Herr h g e st o r b e n. Mtt bter Liebenswürdigkeit Karlsbatz. (Kaiser Franz Josef-Hospital.) Die hiesige israelitische Kultusgemeinde errichtete u Ehren des Regierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers ein Kaiser Franz Josefs Regierungsjubiläums- "ospital für arme Jstaliten, nach den Plänen des iauratcs Wilhelm Stiaßny in Wien. Das Hospital wurde heute in Gegenwart des Bezirkshauptmannes, des Bürgermeisters, der Chefs der Zivil- und Militärbehörden feierlichst eröffnet. Schweiz. Graubünden. In Davos nimmt die Zahl der Israeliten immer zu, die der Niedergelassenen sowohl wie der Kuranten. Nun haben sie bei der Regierung eine Petition eingereicht um Gestatttrng der Anlage eines isralitischen Friedhofes. Der Entscheid ist noch nicht gefällt. Frankreich. Paris. David Rahnal, der Senator und ehemalige Minister, ist, 63 Jahre alt, gestorben. In Paris geboren, entstannnte er einer in Bordeaux ansässigen Weinhändlerfanlilie und widmete sich anfangs diefem in seiner Familie üblichen Berilfe. 1877 wandte er sich der Politik zu: er wurde in die Kammer gewählt, wo er der republikanischen Linken angehörte. 1880 wurde er unter Freycinet Ilnterstaatssekretär und 1881 Minister der öffentlichen Arbeiten, welches Amt er bis Ende 1882 und dann wieder unter Ferry 1885 verwaltete. Amerika. Chicago. Professor Gabriel Bamberger, Direktor Jewish Training School (Volksschule mit Handsertigkeitsunterricht) ist gestorben. Er war am 3. Juni 1845 in Angerod, Hessen, geboren, hatte anfangs in Breslau sich dem Thcologiestudium gewidmet, trat aber bald in das Lehrfach über, wurde 1879 von Felix 'Adler zur Leitung der Musterschule der Ethischen Äulturgesellschast berufen, welche Stellung er 1890 mit der Leitung der Schule in Chicago vertauschte, welche hauptsächlich der Amerikanisierung russischer Einwanderer dient. Er war ein Bruder des verstorbenen Rabbiners von Königsberg, Tr. Isaak Bamberger. Afrika. Marokko. Aus Ceuta wird gemeldet: Der Dampfer Haines kam mit >00 Flüchtlingen aus Tettian hier an. Es sind meist Juden, doch jrnd auch einige Spanier und Engländer darunter. Leute voni Stamme der Beniderkabhlen ermordeten drei jüdische Kaufleute. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der Ministerpräsident beantwortet die Interpellation üetteffend die rumänische Judenfrage und führt aus: Die gemeinsame Regierung, welche keineswegs das wenig günstige Los der Juden in Rumänien verkennt und eine Besserung der Lage derselben vom Humanitären Standpunkt lebhaft begrüßt, sah sich in den letzten Jahren wiederholt veranlaßt, der besteundeten Bukarester Regierung, soweit es die einem unabhängigen Staate fchuldige Rücksicht zuließ, in nicht offizieller Weise eine Besserung des Loses der rumänischen Juden nahe zu legen. Der von den Interpellanten angeregte offizielle Schritt aber niüßte. da es sich nicht uni österreichische und ungarische Staatsangehörige handele, von rumänischer Seite als unberufene Einmischung in dessen innere Angelegenheiten aufgefaßt werden. Die gemeinsame Regierung - werde auch in Zukunft sich nicht abhalten lassen, bei einer sich darbietenden Gelegenheit eine günstigere Gestaltung der gegenwärtigen Lage der rumänischen Juden zu befürworten und es dürfe wohl der Hoff nung Ausdruck verliehen werden, daß auch in dieser Frage die fortschreitende Entwickelung der Verhältnisse eine Wendung zum Besseren schaffen werde. Humftoletz (Böhmen). (Wie Blutmärchen entstehend Samstag den 25. v. M. kam zum hiesigen israelitischen Kantor Herrn P. eine Gerichtskommisston. bestehend aus dem Untersuchungsrichter Dr. Valentin, Bürgernieister und Reichsrats-Abgeordneten Beczvar, dem Gendärnierie-Wachtmeister usw. um eine Hausdurchsuchung vorzunehmen. Die vierzehnjährige Tochter des Vorstehers in Bystta bei Humpoletz hatte die Anzeige erstattet, daß sie dieser Tage, als sie bei P. Tauben zum Verkaufe anbot, einen christlichen Knaben hängen sah und außerdem drei bärtige Juden, welche sich mit dem Knaben zu schaffen nmchten. Es wurde nun eine gründliche Hausdurchsuchung dorgenommen, ohne daß etwas Verdächtiges vorgefunden wurde. Herr P. klärte aber die Kommission auf. Er hat in der Thür einen Turnapparat und konnte sich erinnern. daß das Mädchen gerade ins Zimmer trat, als sein Sohn turnte. Jedenfalls herrschte in der Stadt große,Aufregung; jetzt ist wieder Ruhe eingetteten. Czernowitz. Der hiesige Gemeinderat hat zwei seiner ältesten Mitglieder, den Präses der Jsraeliten- Gemeinde, kaiserlichen Rat Naftali Tittinger, und den Realitäten-Besttzer Markus Kampelmacher, in Würdigung ihres vieljährigen öffentlichen, besonders humanitären Wirkens zu Ehrenbürgern ernannt. Frankofnrtia. Frau M i n k a G o l d s ch m i d t. Tochter des unvergeßlichen Bmon Willy von Rothschild, ist nach langem, schweren Leiden verschieden. Die Beerdigung fand vergangenen Sonntag statt. Herr Rabbiner 0r. Horovitz hielt die Trauerrede in solch' meisterhafter und ergreifender Weise, daß dieselbe den nachhaltigsten Eindruck auf die anwesenden Spitzen unserer Frankfurter Gesellschaft sicher nicht verfehlt hat. Er hob hervor, daß die Verstorbene den Traditionen ihres Hauses gemäß es als die herrlichste Aufgabe ihres Daseins bettachtet habe, Wohltätigkeit im reichsten Maße zu üben. H * Rach dem Jahresbericht des »Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" umfaßte die Tätigkeit des Vereins im abgelaufenen Winterhalbjahre 9 Borttäge und zwar: »Das heutige Palästina", Borttagender: Dav. Trietsch, Berlin. .Fürstengunst und Wiffenschaft", Vorttagender: Dr. Goitein, Burgkundstadt. »Die Juden in Arabien", Borttagender: Dr. Horovitz, Berlin. »Der Einfluß der Juden aus die deutsche Literatur", Borttagender: Dr. Karpeles, Berlin. »Die Erwerbsverhältniffe der Juden im 13. Jahrhundert", Vorttagender: Dr. Porges, Leipzig. »Die Juden in Amsterdam zur Zeit Rembrandts", Vorttagender: Dr. Doctor, Bruchsal. »Die Juden unter Caligula", Vorttagender: Dr. Plaut, Frankfurt. »Koran und Bibel", Vorttagender: Prof. Dr.Fränkel, Breslau. »BabelundBibel", Vorttagender: Dr. Jacob Horovitz, Frankfurt. Der Verein zählt 263 Mitglieder (271 im Vorjahre) mit einem Jahresbeittag von Mk. 1065.—. Die Einnahmen beliefen sich auf Mk. 1126.—, die Ausgaben auf Mk. 1173.—. Der Vorstand besteht aus den Herren: Alfted Geiger (Vorsitzender), Julius Landsüerg, Dr. Jacob Horovitz, Hugo Fränkel, Raphael Ettlinger. Dr. Jsaac Heinemann und Heinrich Wisloch. Bei der Durchsicht der oben verzeichnten Vortragsthemen fällt uns auf, daß die eigentlich jüdische Literatur garnicht berücksichtigt worden ist, denn die beiden durch momentane Zeitverhältnisse verursachten Bibelvorttäge gehören doch weder der Geschichte noch der Literatur an. Wir verkennen nicht die Schwierigkeiten; die jüdische Literatur hat eine religiöse Grundsärbung und kann deshalb nur von begeisterten, überzeugungstteuen Juden in sachgemäßer, fesselnder Weise behandelt werden. Wohl bemühen sich alle Literaturvereine die Klippe »Judentum" behutsam zu umschiffen und sich möglichst Farblosigkeit zu wahren; sie bedenken aber nicht.