Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 23-24 (8.4.1903)
- Date
- 1903-04-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Prätendent steht 30 Meile» von Melilla. Unter den gesamten Niffpiratenstämmen herrscht große Erregung. Tie Riffpiraten haben sich für den Prätendenten erklärt und ihm Geschenke übersandt. Der marokkanische General Meravi hat vom Sultan Verstärkungen erbeten. Auch ein Oheim des .Sultans, welcher zu den Riffkabylen gekommen war. um dort Truppen für den Sultan zu sammeln, sandte aus Melilla ein Telegramm nach Tanger, in welchem er darum ersucht, ihm unverzüglich Verstärkungen zu schicken. Es find jedoch keine Truppen vorhanden, sodaß sich die Lage sehr kritisch gestaltet- Die Meldungen aus dem Süden lauten sehr beunruhigend. Au Beni-Unif wurde eine Schildwache des provisorischen Lagers von Marokkanern angegriffen und verwundet.^ Der Verwundete, welcher später feinen Verletzungen erlag, konnte noch Hilfe herbeirufen,, worauf die Marokkaner von Mannschaften aus dem Lager nack heiligem Gewehrfeuer vertrieben wurden. Aus Lalla- Marnia wird gemeldet: Ein Scheriff ist mit einer großen Anzahl Soldaten in Sebdou emgetroffen und hat die marokkanischen Kauflente gebrandschätzt. Bon den Juden vei langie er eine Kontribution von l2,0t;0 gjrancS, doch erhoben diese Widerspruch und zeigten einen Brief des Prätendenten vor. durch den ste auf Grund einer früheren Zahlung von weiteren Auflagen befreit werden. Der Scheriff ließ darauf vier angesehenen Juden mitteilen, daß er ste als Gefangene behalte, bis die verlangte Zahlung ersolgt sei. Bettel« oder Hunger«? Eine Erwiderung aufdenArtikel: »Stehlen od. Hungern". Von Abraham Halberthal-Berlin-Charlottenburg. Eine ethische Mage in Märchenform — das lasse ich mir gefallen. Das Märchen spricht zu den Sinnen, zum Gefühl . . : deshalb hat vielleicht auch der Verfasser des Artikels »Hungern oder Stehlen" diese Form gewählt . . . Ihr Menschen k i n d e r, wollte er uns sagen, sehet doch, wie paradox, voller Zwiespalt und Unebenheit das Leben, Euer Leben ist. . . . Das wäre recht. - Aber — mir scheint, er hat eine juridische Frage berührt. Eine solche im Märchengewande — das ist drollig. . . . Ich, mache ihm daraus keinen Borwurf: Die Tragik des Lebens hat oft ihre komischen Seiten. Vom Lächerlichen zum Tragischen, vom Erhabenen zum Komischen ist nur ein Schritt, hat Hebbel irgendwo gesagt. Sie, verehrter Herr Verfasser, berührten den Punkt der — Armenpolizei . . . »Bettlen oder Hungern", würde ich Ihren Artikel überschrieben haben. Das Stehlen wäre nur die Konsequenz. Betteln ist verboten —. wird bestraft, (nach N.-Str. G. B. § 361.) Was heißt nun Betteln? »Unter Betteln ist das. Änsprechen von Gäben (Geld oder Naturalien) gegenüber solchen Personen zu verstehen, denen die Gewährung von Unterstützung weder auf Grund eines Verwandtschasts-, Vertrags- oder ähnlichem Verhältnis zugemutet werden kann ..." Was soll aber so einer thun, der.keine Verwandten hat? Was soll so ein »polnischer Jude" thun, wenn er kein »ähnliches Verhältnis" zu einem »deutschen Juden" hat. Ich wiederhole Ihre Frage — nur daß ich — in einer jüdischen Zeitung — vom Juden spreche. Der Arme, Gedrückte, Unglückliche — warum verschließen wir ihm die Thore? Das juridische Recht — die Armenpolizei ist durch die kirchliche Armenpflege, die sich allmählich zu einem gewerbsmäßigen Bettelunwesen auswuchs, hervorgerufen. Man mußte sich gegen die »Landplage" ivehren ... hieß es. — Ob mit Recht oder mit Unrecht, lasse ich dahingestellt sein. Jeder Mensch sollte hier das Selbstbestimmungsrecht gellend machen. Doch — wir können und dürfen nicht mtt »Wenn" und »Aber" hantieren — das Gesetz ist da —; es bringt manchen, ohne eigenes Verschulden der Armut Verfallenen, zur Verzweiselung —; vielleicht macht es ihn auch zum Dieb-was chun? Ich meine, ein praktisches Beispiel könMe hier von Nutze» sein. Derselbe Fall, den Sie erzählten, ereignete sich mal in einer Familie, wo ich zugegen war. Das Auge des Gesetzes kam mit dem elend zitternden Juden, um nachzuftagen, ob der Rock nicht gestohlen war re. . . . Da Plötzlich hotte ich die Hausfrau sagen: »Aber wo—! Unser Verwandter wird doch nicht —." Sie. kannte den Gesetzesparagraphen . . . Ich ftage nun: »Lügen oder verhungern" lassen? Heißt. das eine Umgehung des Gesetzes? Sind wir nicht Juden? Haben wir nicht die Verpflichtung, unsere Glaubensfenossen zu stützen? Und sind wir nicht Menschen, ie den Menschen das Leben ermöglichen müssen-—? . Allerdings nicht das allein darf der Ausweg sein, Gemeinden können mehr thun. als Einzelne —, sie sollen sich ihrer Pflicht bewußt werden, — ihrer menschlich-jüdischen Pflicht. ... Wir können selbstredend den Ausweg der Lüge nicht empfehlen. Wie berechtigt die straffen Bestimmungen unserer Polizei sind, wird derjenige zu schätzen wissen, .der einmal im Südengeweilt hat und da das Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Vergnügen hatte, auf Schritt und Tritt von der armen Bevölkerung um Almosen angesprochen, zu werden: ' Das Betteln an und für sich ist unerlaubt und zwar deshalb, weil es der Menschenwürde nicht entspricht. Die Gesamthell hat dafür zu sorgen, daß Niemand zu hungern oder zu. ftieren braucht. ' Alle Menschen sind Brüder eines Vaters, und diese Allbrüderschaft' macht es zur Pflicht, Ikeinen Menschenbruder verkommen zu lassen. Unser jüdisches Gesetz ist von dieser Auffassung durchdrungen und auch die moderne Gesetzgebung wird sich allmählich zu dieser Auffassung hinarbellen. Anm, d. Redakt. ' (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S.' S ch a ch n o w i tz, Emdingen (Schweiz). -Kapitel 1. Bei dem großen Wasser des Frühjahres ging der schmucke Passagierdampfer „Frumkiu" ohne Hindernis und Schwierigkeitenvom klaren Wasserspiegel der Memel stromabwärts getragen, nach der zwölf Wassermeilen entfernten Grenzstadt G. Das Personal brauchte kaum Hand anzulegen. Aus dem Maschinenraum kam ein monotones und ohrenbetäubendes Geräusch, gemischt mit dem Geplätscher der schweren Räder, die mächtigen Schaum ins Wässer -schlugen und durch die sich ausbäumenden und aufwallenden weißen Wasserhügel sich Bahn brachen. Die Passagiere, die fast alle der Frühlingssonne zu liebe sich aufs Verdeck gewagt, saßen lesend oder plaudernd da. Die einen starrten die grauen, trostlosen und in der- Sonne goldgelb schimmernden Sandufer von beiden Seiten an, die anderen betrachteten gedankenvoll den in der Sonne glitzernden Wasserspiegel und das sonderbare Spiel der Wellen. Aus der Holzbank dicht am Geländer saßen in einiger Entfernung von den anderen Passagieren, ein Herr und eine Dame.- Er, eine mittelgroße Gestalt, mit weichen Zügen, die hohe Intelligenz verrieten. Die pechschwarzen, dicken Brauen, die die Augen fast bedeckten, gaben dem blassen, aber ziemlich runden Gesichte einen träumettscheN Zug. Als er jetzt die Augen immer öfter nach seiner Nachbarin richtete, da konnte man in ihnen auch etwas feucriges sehen, etwas wie Erwartung und unbestimmte 'Sehnsucht in ihnen wahrnehmen. Er bemühte sich sichtlich schon seit einiger Zeit mit ihr in engere Beziehung zu treten, oder wenigstens ein Gespräch zustande zu bringen, aber all seine forschenden Blicke und leisen Versuche sagten ihm bis jetzt nicht» ob und in welcher Weise er dieses anfangcn sollte. , Sie saß wie fest angenagelt auf ihrem Plätze, hochaufgerichtet, so daß auch im Sitzen ihre schlanke Gestalt und ihre edlen Formen ganz zur Geltung kamen. Mit ihren nicht ganz dunklen Haaren, die aus dem kleinen, einfachen Hütchen heraus sich zum mächttgen Knoten sammelten, und mit ihrem zarten Teinte stach sie von den änderen Damen, auch von den Schönheiten, ihrer Umgebung stark ab. Die großen, blauen Augen schauten zwar sanft und gutmütig vor sich hin, aber > auf ihrem feinen und leicht geschlossenen Munde spielte ein Lächeln, das etwas sarkastisches enthielt, zugleich aber auch viel entschlossenes und selbständiges verriet. Wenn er diese lächelnde Mundwinkel von der Seite betrachtete, so erschienen sie ihm als eine hohe kaum zu überwindende Festungsmauer, die jede Annäherung verhinderte. Endlich griff der junge Mann etwas verlegen nach seiner Taschenuhr, die er, als könnte sie ihm Anknüpfungspunkte bieten, länger als notwendig anschaute. . „Welche Zeit haben Sic, bitte?" — fragte sie plötzlich, ohne ihn recht'anzusehen. Er hatte inzwischen die Uhr wieder in die Westentasche gesteckt und obzwar er sie früher mehrere Minuten mechanisch angestarrt, mußte er sie jetzt von neuem hervorholen. „Halb elf, Fräulein!" „Besten Dank!" . Da sie keine Anstalten zu weiteren Fragen machte, so fragte er langsam und entschlossen: „Sie sind auch in Kowno eingestiegen, Fräulein?" „Ja wohl, in Kowno!" — sie zögette einen Augenblick und sah ihn prüfend von der. Seite an, dann aber fügte sie hinzu: „Und Sic doch wohl auch?" Die mißtrauischen Blicke, die er anfänglich auf sich ruhen fühlte, schienen beim Nachsatze sich. langsam verfliegen zu wollen. Es lag etwas vertrauliches und gutmütiges in ihren Augen,'als sie ihn dabei ansahen und aus den Mundwinkeln, die beim Sprechen geöffnet, war das sarkastische Lächeln ganz verschwunden.- ' „Ja" — erwiderte er — „in Kowno und fahre die ganze Strecke bis nach G." „Aüch ich, und von dort noch weiter." — Ihr Mund schloß sich wieder, als müßte sie mitten im Satze abbrechen, aber das Lächeln kehrte nicht Mieder. No. 23/24. „Noch weiter?" — ES war ihm, als ob die kurze, unbestimmte Bemerkung in sein Inneres-eindringe, um ihm Geständnisse zu entlocke». — „Noch weiter" — sprach er dann — „auch ich bleibe nicht an der Grenze, sondern fahre heute noch weiter — nach Amerika." Sie wurde noch ernster. „Und wie gedenken Sie die Grenze hinüberzukommen? Haben Sie Grenzpaß?" Es war keine bloße Neugierde; er'hörte es in ihrem Tone und sah es an ihren Augen, die jetzt teilnehmend, fast bittend auf ihm ruhten. „Paß!?" — antwortete er nach einigem Zögern. „Nein, nein; sowas hat unsereiner nicht, — aber ." „Aber? ..." „Aber mit Geld kann man schon alles machen." . „Ja" — sagte sie etwas verlegen, als ob sie ihre naive Auffassung der Sache entschuldigen müßte —7 „ist denn auch absolut keine Gefahr dabei?" Es lag wieder soviel Teilnahme, soviel Interesse in ihrem Tone und Blicke, daß ex ohne Verzug antwortete. -,Gefahr? Glaube nicht; hoffe vielmehr, daß man sich den Leuten getrost anvertrauen kann." „Kennen Sie die Leute?" „Nein, aber der Agent in K. ist ein zuverlässiger Mensch." i „Ah, Herr Garson in K.?!" — „Kennen Sie ihn also auch, Fräulein?" Die' Worte waren ihr nur unwillkürlich entschlüpft und sie erschrack jetzt bei seiner Frage. Er wartete nichü aus Antwort, sondern fuhr fort, den Plan der Grenzüberschleichung auseinander zu setzen: ,Bon Gefahr kann wohl keine Rede sein, da, so viel ich vom Agenten weiß, die Grenze nur einige Schritte abseits von der Landstraße nach Tawrik entfernt liegt. Man fährt sicher bis zur Stelle,, wo man in Begleitung eines kundigen Führers den kurzen Schleichweg antritt." Sie hörte mit höchster Aufmerksamkeit zu,'fragte noch in Gedanken über das Gehörte versunken: „Werden w . ." — sie sah sich erschrocken nach allen Seiten um — „werden Sie auch in G. erwartet?" „Sie werden wohl bei der Landung in G. am Dampfer sein." - Ein anderer Mitreisender, ein älterer Mann, mit ziemlich gleichgiltigem Gesichte, der ihnen vis-ävis zwischen einem gefüllten Sacke und großen, alten Koffer sitzend sie unverwandten Blickes beobachtete, . näherte sich ihnen, scheinbar um sich am Gespräche zu beteiligen, ohne jedoch sein Gepäck drüben nur einen Moment aus den Augen zu lassen. „Schön Wetter!" — sagte er, ohne irgend eine Einleitung. , Gegen diese Wahrheit hatten sie alle beide nichts einzuwenden. Und während der junge Mann, ärgerlich über den Zudttnglichen, nach dem weißen Wellenschaum hinschaute, überließ sie sich ihren Gedanken. „Fahret Ihr weit?" — fragte der Hinzugekommene. „Nein, nicht weit," — antwortete er kurz. „Also wohin," — fragte der elftere unbekümmert weiter. „Was geht dies Euch an?" — wollte der andere erwidern, aber er konnte keine Unhöslichkeit über seine Lippen bringen. - „Bis nach G.," sagte er dann mit sichtlichem Unwillen. „Ist das Euere Schwester, die Dame da?" „Nein." — Das Nein klang merkwürdigerweise - weicher als er es wollte. Dieses ermutigte den Alten. „Und wohin fährt sie?" „Das weiß ich nicht," — sagte er abweisend. „Mcht? Und wovon unterhieltet Ihr eigentlich Euch schon so lange?" Ter junge Mann wurde rot vor Zorn, aber er konnte nicht aufbrausend gegen den harmlosen' 'und neugierigen Alten werden. - Der Alte stand plötzlich erschrocken auf.'' /’ „Mein Gepäck! Wo ist mein Sack? Mein Koffer? Da kommt Srednik!' (Namen einer Station.) Man „ganewt" mir meine Sachen!" In der That kündete ein schriller und langgezogener Pfiff eine Station an. Auf dem schlammigen Ufer war aus mehreren alten Brettern eine Art - Landungsbrücke hergerichtet, auf der mehrere ärmlich gekleidete Männer und Weiber mit Körben voll Brot und Obst und barfüßigen Kindern sich postierten. In einiger. Entfernung vom sandigen Ufer wurde eine Gruppe grauer Holzgebäude sichtbar, deren gelbgewordenen Strohdächer sie von den neben ihnen aufgetürmten Misthaufen.nicht unterscheidenließ. An einer Ecke der Häusergruppe ragte die Holzkuppel einer kleinen Kirche bescheiden empor, und etwas abseits auf einem Hügelchen bewegten sich im langsamen Tempo die Flügel einer -Windmühle. - Nachdem einige Tonnen abgeladen und einige Passagiere ab- und aufgestiegen waren, dampfte das Schiff erst langsam, dann immer rascher-- weiter stromabwärts seinem Ziele entgegen. : Die Reisegefährten waren - wieder ungestörtdenn der Alte, der, als die Stätton in Sicht kam, ängstlich zu seinem Gepäcke eilte, kam nicht wieder. - „O, wenn doch dieses einmal vorbei wäre,'V — sagte sie halblaut vor -sich hin.