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Neue jüdische Presse · 1903-04-03 · Heft 22 (3.4.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 22 (3.4.1903)
Date
1903-04-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 8. London. Ein -jüdischer König in Marokko. Der „Mo rning Leader" dringt eine interessante historische Notiz bezüglich der. Juden von Marokko. Es.wohnten nämlich in Marokko in den verflossenen Jahrhunderten sehr zahlreiche und reiche Juden und es gelang ihnen, auf die Regiemng des Landes großen Einfluß zu üben^ So war zum Beispiel ungefähr vor 300 Jahren in Taza,- einer der bedeutendsten Städte Marokkos, .ein Jude namens Ben-Meschäl Herrscher. Es war gerade damals ein Bürgerkrieg zwischen zwei Kronprätendenten ausgebrochen. Taza, die Residenz des jüdischen Sultans, lag in der Mitte zwischen Algerien und Fez und erst durch die List einiger „Tolmidim", d. h. Gelehrten, konnte die Kasbah oder.Festung von Taza erobert werden und die Stadt in die Hände des Kronprätendenten Raschid fallen. Infolge dessen wurde zur Erinnerung daran eine berühmte jährliche Feier ausgeschrieben, „das Fest des Tholba", eine der lustigsten Feiern.von Fez. Rußland. Petersburg. Eine interessante Thatsache liefert der in .-dem' „Regierungsboten" vom Minister des Innern veröffentlichte Bericht über die Resultate des Aufrufes zur Wehrpflicht vom Jahre 1902. Es ergiebt sich aus den offiziellen Zahlen des Berichtes, daß Nicht nur verhältnismäßig sehr viel 21jährige jüdische Männer in die Listen der zur Stellung berufenen eingetragen worden sind, sondern daß auch viel mebr Juden als Nichtjuden assentiert worben sind. Diese Ueberzahl der unrechtmäßig assentierten Juden beträgtlaut Ergebnis des amtlichen Berichtes 4947 Mann. Da der Bericht noch - außerdem bemerkt, daß 1691 Juden zu wenig assentiert worden sird, so ergiebt sich daraus, daß von den russischen Juden im Jahre 1902 6638 zu viel verlangt worden sind. Die jüdische Bevölkerung, welche ein-Mehr von 4947 Mann gestellt hat, ist nicht imstande, die ganze verlangte Zahl an neuen Rekruten zu verschaffen, muß für die Fehlenden per Kopf 300 Rubel Strafe zahlen, was zusammengenommen zirka 507.300 Rubel ausmachen wird. Zahlen .sprechen!- Als Kanonenfutter sind die Juden noch immer, gut genug! Petersburg. In der Ortschaft Tunianow (Kreis Tiraspol) hat eine Judenhetze stattgefunden, doch ist die Ruhe wieder hergestellt. Dem Blatte „Jug" zufolge ist die Hetze, durch die Gerüchte über einen Ritualmord an einem Christenknaben in Dubossari veranlaßt. ' Eine zweimalige Sektion der Leiche ergab indes die völlige Unrichtigkeit der Blättermeldung, daß ein Ritualmord vorliege. Südafrika Kapstadt. .Während der abgelaufenen Parlamentstagung brachte die Regierung ein Gesetz durch, das allgemeine Zustimmung fand. Es handelte sich darum, die überharw nehmende Einwanderung fremder Elemente zu beschränken. Ganz nach amerikanischem Zuschnitt darf niemand landen, der nicht lesen und schreiben und Nachweisen kann, daß er genügend Mittel besitzt, für sich und die Seinen ausreichend zu sorgen, bis es ihm gelingt, sich einen Erwerb zu sichern. Da hie Schiffsgesellschaften nicht rechtzeitig hierüber unterrichtet waren, nahmen sie alle Auswanderer ohne weitere Erkundigungen über ihre Verhältnisse an, und die Folge ist, daß sie durch Rückschub der Leute großen Schaden erleiden, Ueber 400 Auswanderer, zum größern Teil.russische Inden,.sind schon zurückgeschickt worden. - . ' - , Amerika. . Chicago. Rabbiner als Schiedsrichter. Die Chicagoer Stadtbahngesellschaft hat im Einverständnisse mit ihrem Angestellten, als drittes Mitglied des zur Schlichtung der zwischen beiden Parteien aufgetauchten Streitfragen eingesetzten Schiedsgerichtes den dortigen Rabbiner Dr. Emil G. Hirsch gewählt. Fraukosurtia. Israelitische Re l i gi o nsschü l e zu Frankfurt a. M.. Im abgelausenen Schuljahr wurden 511 Schüler und Schülerinnen unterrichtet, und zwar: , in/der Schule am Hermesweg 159 Schüler und-143 Schülerinnen, zusammen 302; in der Schule au der llnterlindau 52 Schüler und 40 Schülerinnen, zusammen 92; im Kaiser-Friedrichsgymnasium 58, in / der Adlerslychtschule 37, im Bethhamibrasch 12 und in der Borbereitungsklasse für den rabbinischen Beruf 10, insgesamt 511. / . ' Wie diese'Angaben zeigen, hat die Schule auch, im vergangenen. Jahre einen erfreulichen Aufschwung zu verzeichnen/ 'Wenn die Gesamtziffer der unterrichteten Kinder dennoch eine kleinere ist, so hat das. seinen Grund darin, daß der Religionsunterricht am Lessing-Gymnasium und am Goethe-Gymnasium inzwischen von der Stadt übernommen worden'ist.' Wesentlich dank den Bemühungen des Vorstands der. israelitischen Gemeinde- und - dem-- freundlichen,-auch. unsso vielfach bewiesenen Entgegenkommen der städtischen Behörden,, ist die Erfüllung des seit langem angebahnten - Zieles . erreicht und > in den meisten höheren' und mittleren- Schulen, die /eine größere- Anzahl jüdischer Schüler haben, ein'sich dem-Letzr¬ und Stundenplan der betreffenden Anstalten systematisch einfügender jüdischer Religionsunterricht eingerichtet worden. Das Lehrerkollegium besteht aus den Herren Dr. Jacob Horovitz, Direktor, Dr. Grünbaum, Schwab, Anna, Stamm, Klibansky, Dr. Höxter, Hoffmann, Levy, Lipinsky und den Damen Fräulein Adele Strauß und Fräulein Babette Bamberger. Der Gesundheitszustand von Lehrern und Schülern war, abgesehen von einigen Störungen, im allgemeinen ein befriedigender. Leiber ist der frühzeitige Tod eines, lieben Schülers zu beklagen. Am 22. August 1902 erlag Max Schaumburger einer Blinddarmentzündung. An der Bahre gab der Dirigent, Herr Dr. Jacob Horovitz dem Schmerze der Schule" über den Verlust des fleißigen und braven Kindes geeigneten Ausdruck. Ter Unterricht im Bethhamibrasch wurde gemäß den Bestimmungen der uns dafür zugewandten Stiftungenin gewohnter Weise erteilt. Auch in der Borbereitungsschule für den rabbinischen Beruf wurde den Wünschen - der Gründer/ unter denen namentlich deredle Förderer aller jüdischen Bestrebungen, Freiherr Wilhelm von Rothschild sel. And.', hervorzuheben ist, und den von diesen festgestellten Satzungen, wie von Anfang an, Rechnung getragen. Noch sei erwähnt, daß für galizische und russische Knaben, die hiesige schulen besuchen, ein besonderer Kursus eingerichtet-worden ist. Ten Lehrgegenstand der beiden Abteilungen bildeten Pentateuch mit Kommentar von Raschi, Mischnah und Gemara. ' Dieser Unterricht, der in insgesamt sechs wöchentlichen Stunden erteilt wurde, war für die mit besonderem Eifer sich beteiligenden Schülerauch nach der Richtung hin von sichtlichem Erfolge, daß das Ileberfetzen aus dem Hebräischen ins Deutsche sie immer inniger mit dem Geist und dem Wesen der deutschen Sprache vertraut macht. Die Bibliothek der Schule wird von Herrn Dr. A. Freimann, wissenschaftlichem Hülfsarbeiter an der Stadtbibliothek, neu geordnet und katalogisiert. Die zu der Religionsschule gehörenden Synagogen sind mehrfach bedacht worden: Tie L. E. Reiß'sche Synagoge erhielt von ungenannter Seite ein Sefer- Thora, von Herrn Eduard David 24 Gebetbücher und von Herrn I. Dahlheim ein Rednerpult, die Westendsynagoge von den Hinterbliebenen der sel. Frau Eva Dreyfus-Jeidels einen blausamnitnen Thoravorhang, von Herrn Levy Goldschmidt und Frau Mathilde Moser zum Andenken an ihren seligen Vater Herrn Jacob Goldschmidt ebensolche Decken für Almemor und Borbeterpult, von Frau Johanna Loewenherz hebräische Bücher, von Herrn I. Obernzenner lh Dutzend Handtücher. Von den der Anstalt gestifteten baren Geschenken seien hervorgehoben: eine Gabe von Frau Baronin -Edmund von Rothschild in Paris von Mark 500, -eine Spende von Frau Freifrau Wilhelm von Rothschild von Mk. 500. und eine Gabe von Frau Georg Speyer und Herrn Alfred Speyer zum Andenken an den seligen Herrn Georg Speyer von Mk. 1000. Herr Eduard Cohen spendete für ^den Baufonds Mk. 1000. Die Zahl der Jahrzeitsstiftungen wurde durch eine solche zum Andenken an den seligen Herrn Joseph Strauß und dessen verstorbene Gattin vermehrt. Auch die Stiftung zur Vorbereitung für den rabbinischen Beruf konnte sich einer Vergrößerung ihres Kapitals erfreuen, indem ihr die Herren Jacob Hirsch u. Söhne in Mannheim aus dem Nachlaß des verstorbenen Bankdirektors Julius Mammelsdorf 2500 Mark überwiesen. - - ' Im begonnenen Geschäftsjahr spendete Frau Baronin Edmund von Rothschild Mk. 1000, Frau Freifrau Wilhelm von Rothschild Mk. 500, Herr und Frau Generalkonsul Max Goldschmidt Mk. 500. Im Vorstand der Religionsschule mußte sich leider ein Wechsel vollziehen, da der Mitbegründer der Anstalt, Herr A a r o n M e y e r, mach kurzer Krankheit aus diesem Leben abberufen worden ist. Tie. Heiden vakanten Stellen im Vorstand wurden durch die Herren Js.aa'c.Weill und Nathan 2ondheim er beseht und. besteht nunmehr der Vorstand der Israelitischen Religionsschule aus den Herren: Rabbiner Dr. Horovitz, Vorsitzender, Professor Tr. Joseph Werner-, Stellvertreter des Vorsitzenden, Alfred Geiger, Schriftführer und Kassier, Julius Carlebach, -Vertreter der L. E. Reiß'schen Stiftung, Oekonom, L. Mainz, Jacob S. Posen, Nathan Sondheimer, Fsaac Weill, Beisitzer. Am Donnerstag, den 26.' März, sprach im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" Herr Dr. Jacob Horovitz über das Tbema .Babel und Bibel." Nachdem über diesen Gegenstand hier in Frankfurt bereits eine größere Anzahl Vorträge gehalten worden sind, war es für den Herrn Redner keine leichte Aufgabe etwas Neues zu bieten. Denoch befriedigte Herr Dr. Horovitz auch den mit der Äibel-Babel-Anälre Vertrauten in vollkommenem Maße durch den klaren Aufbau und durchdie wissenschaftliche Durcharbeitung des Stoffes; er zeigte in seiner einstündigen Rede, wo Delitzsch falsch erklärte, dann, wo er hinzugefügt hat '% 28.: Frankfurter Israelitisches Familienblatt. und dann, wo er Worte und Sätze aus dem Zusammenhang riß, ohne Vorhergehendes oder Nachstehendes zu berücksichtigen. Es blieb am Schluffe des Vortrages von dem gründlichen deutschen Gelehrten nichts übrig als ein von Parteirücksichten beeinflußterTendenzschriftsteller. Aus unser« Tage« von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Sie traten zu dem bezeichneten Coupee, wo soeben eine ältere, schwarz gekleidete Dame ausstieg, gefolgt von einer jungen Dame in heller Sommertoilette. Felix näherte sich ihnen 'mit dem Hute in der Hand. „Pardon, meine Damen, habe ich vielleicht die Ehre Frau von Klein aus K." „Mein Name ist Klein," entgegnete die ältere Dame lebhaft, „Sie sind, vermutlich Arnold Wiesner?" „Ich bin Arnolds Freund, gnädige Frau. Arnold konnte sich nicht entschließen, bas Krankenlager seines Onkels zu verlassen, namentlich, da er grade den Arzt erwartete und hat deshalb uns, meinen Kollegen und mich ersucht, die Damen hier zu erwarten und in's Hotel zu geleiten." „Wir sind den Herren sehr zu Dank verpflichtet,", sagte Frau von Klein, „Sie können sich unfern Schrecken heute Morgen bei Empfang der Depesche denken. — Wie geht es denn jetzt? was sagt der Arzt?" Felix' Blick streifte unwillkürlich das ihm in angstvoller Spannung zugewandte Gesicht des jungen Mädchens. „Ter Arzt versichert, daß der Fall nicht hoffnungslos." „So wollen wir das Beste hoffen. Komm' Thekla, lass' uns eilen." Aus einen Wink von Ernst war der Hotelwagen näher gefahren, die Damen stiegen ein, die junger Leute setzten sich ihnen gegenüber und bald hatte» sie das Hotel erreicht. „Es sind Zimnier für die Damen bestell^" sagt» Ernst, „wollen Sie sich gefälligst dorthin begebem Ich werde indessen Arnold Ihre Ankunft Mitteilen und wird er vermullich sofort bei Ihnen sein." „Ich bitte thun Sie das. Wir können doch nicht so jknall und Fall zu dem Kranken." Ernst begab sich in das Krankenzimmer, Felix begleitete. die Damen in die für sie bestimmten Räume, um dort Arnold zu erwarten, von dem er angeblich hören wollte, ob er ihm noch in irgend welcher Beziehung nützlich sein könnte. In Wirklichkeit war ihm jedoch hauptsächlich darum zu thun, bei der gegenseitigen Begrüßung des Seminaristen und seiner reizenden Cousine gegenwärtig zu sein. Er brauchte nicht lange zu warten, sehr bald trat Arnold in das Zimmer. Mit ausgestreckter Hand ging er auf die ältere Dame zu. „Willkommen liebe Tante! — Das sind traurige Verhältnisse, in denen ich Ihre Bekanntschaft mache." „Nun, nun," sagte Frau von Klein, indem sie einen Kuß auf die Stirn des jungen Mannes drückte, „wir werden wills Gott auch noch in Freuden zusammen sein. Wie geht es dem Onkel jetzt?" „Immer gleich. Möchte, doch Euer Kommen,ihm Genesung bringen. Er verlangt beständig nach Dir, liebe Cousine —" Erst jetzt begrüßte er das junge Mädchen. „Aber der Arzt wünschte sehr die Gegenwart eines ältern Verwandten und darum habe ich mir erlaubt, auch Sie, liebe Tante, um Ihren Besuch zu bitten. Sie nehmen es doch nicht übel?" „Mer ich bitte sehr — und überdies ist es doch selbstverständlich, ich hätte Thekla nicht allein reisen lassen. Weiß der Onkel schon, daß wir angekommen sind?" „Ja, er erwartet Euch. Es ist mir lieb, daß. der Doktor noch anwesend ist. — Wenn's gefällig ist, gehen wir hinüber." Felix empfahl sich. Draußen im Korridor traf er Ernst, der sich sofort bescheiden zurückgezogen und hier den Freund erwartete. Die andern begaben sich in das Krankenzimmer. Hellauf leuchtete das Auge des Patienten,-als er die Eintretenden erblickte. „Thella!" rief er mit schwacher 'Stimme, „liebe Thekla!" Das junge Mädchen eilte zum Bette und zog die ,ihr entgeaengestreckte Hand an ihre Lippen. „Wie geht es Dir, lieber Onkel?" „Gut geht es mir," erwiderte er, indem er noch immer mit glückstrahlendem Lächeln zu ihr emporschaute, „jetzt geht es mir sehr gut — sehr gut geht es mir jetzt." Tann aber wandte er sich auch an die ältere Dame. „Ich danke Dir, Bertha." Sie nickte.ihm freundlich zu, erwiderte jedoch nichts, denn die Augen waren ihm wieder zugefallen. Dann folgte sie dem Winke des Arztes, der ihr im Nebenzimmer llen Sachverhalt rückhalllos darlegte und ihr die erforderlichen Berhalttmgsregeln erteilte.

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