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Neue jüdische Presse · 1903-03-27 · Heft 21 (27.3.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 21 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 21. Francs (weitere 20000 Francs wurden im Jahre 1803 zur Unterstützung der in Folge der Choleraßiotleidenden in Jerusalem, Jaffa, Hebron, Liberias nsw. verwendet). Beitrittserllärungen zu diesem sehr segensreich wirkenden Verein nimmt der Vorsitzende desselben, Herr Rabbiner Dr. Horovitz, gern entgegen. >i. (Nachdruck verboten.) „Sühne." Skizze von B. Leiser. Er hatte es sein Lcbenlang nicht anders gekannt, als daß alle Welt ihn bevorzugt. Auch das Glück ging mit all' den lockenden Schätzen, die es seinen Lieblingen in den Schoß zu schütten Pflegt, nicht an ihm vorüber. Die Natur hatte ihu mit einem angenehmen Acußeren ausgestattet und so war Leopold Friedberg dreißig Jahre alt geworden, ohne daß das Schicksal ihm von jener Sorte Steine, an denen andere, minder Bevorzugte, sich die Füße wund zu stoßen pflegen, auch nur einen einzigen in den Weg gerollt hätte! ... In diesem Moment allerdings, da Leopold Friedbcrg mit aufgeregten Schritten sein elegant ausgcstattctcs, Ücines Wohngemach durchmaß, fehlte das strahlende sonnige Lächeln, das, sonst die angenehmen Züge.dieses Glückskindes so wunderbar verschönte. „Ob ich's ihr sage," murmelten die blassen Lippen und die kräftige, wohlgcpflegtc Hand ergriff ein zusammcngefaltetes Papier, das neben ihm aus dem kunstvoll ausgclcgten Tische tag. Ein so unscheinbares, kleines Stück Papier und doch, ihn hatte es zum Bettler gemacht. Ein zartes Mädchengcsicht mit kindlichem Ausdruck tauchte vor dem finster brütenden Manne auf, ein Gesicht, nicht geschaffen für die ernsten Konflikte des Lebens. Leopold versank in grüblerisches Sinnen, seine Gedanken schweiften weit, weit zurück. . . Leopold Fricdbergs Wiege hatte in einer kleinen Provinzstadt Norddeutschlands geständen, wo sein Vater einer der gcachtetsten jüdischen Bürger gewesen. Er ivar das einzige Kind seiner Eltern, und wenn auch sein .Vater allzu früh und plötzlich ihnen entrissen wurde, so war doch genügend Vermögen vorhanden, um sein und seiner Mutter Leben vor Sorgen zu schützen. Leopold kam in eines der bedeutendsten Bankinstitute der Residenz. Da er, glühend ehrgeizig war, so gelang es ihm, sich hier innerhalb, zehn Jahren zum ersten Prokuristen dieses ..Welthauses einporzujchwingcn. Die Chefs behandelten ihn als Familienmitglied, die verwaiste, reizende Mchte jubelte auf, als er um ihre Hand anhiclt. . . Es gab aber noch einige Stufen auswärts auf der Leiter des Glückes, die wollte Leopold auch erllimmen. Er sah das viele, viele Geld, wie es so golden durch seine Hände floß, die glänzenden, schwindelnd höhen Wege die es erschloß. . . Leopold begann, sein viel gepriesenes Glück auf die Probe zu stellen. Nur ein wenig und zaghaft im Anfang. . : Er wollte ja seiner vergötterten Braut den Himmel auf Erden schassen und dazu gehörte Geld . . viel Geld. .-.(.Und die Glücksgöttin war ihm hold, bis er zuletzt, sic geradezu tollkühn herausfordernd, alles auf eine Karte setzte. . . . Und da sank sic zusammen, seine lockende Fata Morgaua, das Kartenhaus, auf das er so fest gebaut, stürzte so lautlos und selbstverständlich' zusammen, wie es einem Kinde des Glückes garnicht hätte passieren dürfen! ... ■ (,Jch muß es ihr sagen, ich muß ihr ihr Wort zurückgeben!" Der stattliche Mann sprang auf,, seine Hände preßten' sich sekundenlang vor die heißen Augen. . . ° Aber wie, wenn sie dennoch, dennoch die Seine werden wollte, trotz allem! . . . Hatte sic ihn nicht hundertmal ihrer tiefsten, innigsten Liebe versichert! ... . . Es klopfte leise. Das Mädchen überreichte ein kleines, stark duftendes Briefchen. ... O, wie er diese graziöse, feine »Schrift liebte, die so fein und zierlich war, wie das kleine, zierliche, capriciöse Persönchen selber! . . . Hastig überflogen, seine Augen die wenigen Zeilen. ... Sie erwarte ihn bestimmt zum Abend, er wisse ja, daß die Tante Gäste habe und wenn es ihm möglich sei, möge er ja nicht ausblcibcn und die Tante erzürnen — und auch sie nicht — selbstverständlich! .... Er sprang wie elektrisiert auf. Gewiß, wollte er gehen.Er mußte nur noch vorher Toilette »nachen und dieses ernste, sorgenvolle Gesicht ad. acta legen und das helle, fröhliche, bekannte Antlitz 'des Glückskindes, aufftcckcn. .'. Als Leopold Friedberg eine Stunde später die hell erleuchteten Räume der., kleinen Villa betrat, in der die Verwandten seiner Braut wohnten, hätte ihm so. leicht Niemand die - Qualen der. vergangenen Stunden angemerkt. . Es war keine sehr große Gesellschaft, alles gute Bekannte, ein paar Künstler und bekannte Schrift steiler darunter, — man gab sich ungezwungen, fröhlich harmlos. . . . Es war das Milieu der jüdt scheu Finanzbaronc, der geheimen und anderen Kommerzienräte in Berlin 'W- Leopold war als Bräutigam der Mchte des Hauses, aber auchals Leiter der Ricsenftrma eine nicht unbeachtete Persönlichkeit 'in dieser Gesellschaft. Seine Braut empfing ihn strahlend. Wie sie da vor ihnr stand in dem kostbaren, weißen Seidenkleid mit dem sonnig, sorglosen Ausdruck in den wunderschönen Zügen, . da wallte es heiß in ihm auf. Durfte er ihr Lasanthun? Diesem verwöhnten Kinde der Gesellschaft, die andere, die dunkle Seite des Lebens aüfrollen! Und wenn sie cs nun anders aufnehmc, als ererwartete! . . . „Aber, Liebster, dieses finstere Gesicht!" schmollte nun die. junge Dame. „Wer kann nur so ernst sein, Leo!" . . . „Ich denke eben daran, Hanna," sagte er scherzend, -doch klang es leicht gepreßt, „eine wie tenro Toilette Du heute trägst,, wenn ich nun arm wäre, Maus, ganz arm, was dann?" . . . Ein silberhelles Lachen. . . „Köstlich, Leo, köstlich! Du bish ja doch nicht arm, Liebster, wozu sich also plagen! Tu sagst» >d'och sonst immer. Du liebst die Frauen nicht, die-philosophieren, sondern diejenigen, die angenehm-plaudern!" . ... Mein, er konnte es ihr unimöglich sagen. Er mußte versuchen, wieder emporzukommen, das Verlorene zurückzugewinnen. . . Das Glück mußte zu ihm zurück, er würde cs zwingen! . . . Ein Jahr ist vergangen. In seinem traulichen, Leinen Salon sitzt wie damals Leopold Friedberg, dieses Mal aber ein völlig gebrochener, köpf-' und haltloser Mann. . . Noch ein Tag, und die Spatzen werden cs von den Dächern pfeifen, daß er ein . . . verlorener Mensch ist! Leopold zuckt nervös zusammen. . . lind er hat es doch nur gedacht! Die andern, seine Neider, die ihm bisher geschmeichelt und ihn in den Himmel hoben, — sie werde» es laut sagen, laut rücksichtslos, auch wohl triumphierend. . . . Und er hatte doch nur das Glück zwingen, das fremde Geld mit Zinsen und Zinszinsen znrückerstattcn wollen. . . .. Kein Weg führte zurück, kein cinzigcr! Die Well, seine Welt, - wollte ja nichts wissen von der heißen, verzehrenden Reue, die stieß ihn erbarmungslos zurück, ihn, den Gepriesenen, Gefeierten. ... Dor ihm lag eine Waffe, zierlich und klein — und doch — ein Druck genügte, und es war alles vorbei! . . . Er hatte sic gestern Abend aus seinem Schreibtisch geholt, als man ihm das Brieschen gebracht.— Das war von seiner Braut, die er angebetet >vie ein höheres Wesen, der er alles geopfert. So eilig — war sie gewesen — ihn abzuschütteln. Es sollten keine Schritte getha» werden . . . hatte sie ihm diskret augedeutet. Mau war so zartfühlend, ihn entschlüpfen zu lassen, in jene Welt jenseits des gewaltigen Ozeans, dem Asyl der Rechtlosgewordenen — oder auch. — diese Lösung wäre ihnen entschieden die liebste — in jene, aus der cs keine Wiederkehr gab. Man hatte sich eben mit ihm blamiert und das ivar fatal, äußerst fatal! . . . Er. nahm die Waffe in die Hand und betrachtete sie aufmerksam, sie war seine treue Begleiterin in fernen Ländern gewesen. -. . . „Du sollst nicht morden!" fuhr es ihm jäh durch den Sinn, „auch dich nicht selbst morden! Du bist einem Höheren Rechenschaft schuldig über dieses Lebe», das du von dir werfen St! . Es ist eine Feigheit, sich so heimlich aus der zu stehlen, eine Feigheit,.nicht auf seinem Posten auszuharren!" Ja, so hatte sein alter Zleligionslehrer gesprochen, jener würdige, alte Herr! lind plötzlich kam ihm eine wunderbare Vision! . . . Ein.kleines, doch prächtig ausgestattetcs Gotteshaus, in das er, feiertäglich geputzt, inmitten seiner Eltern cintrat. . . . Wie groß und stolz war er sich vorgckommen, wie feierlich war - ihm zu Mute gewesen! . . . Es war der" Tag seiner BarmizwM seines Eintrittes in das Judentum. Und er hörte sich ntit heller Stimme seine Parsche sagen, empfing den Segen des alten, würdigen Rabbiners der kleinen Gemeinde und dann den seiner vor Freude weinenden Ellern. . . Und als später die Thora wieder eingehobcn würde, und die Hellen, weichen Kinderstimmcn obeil auf der Estrade so wunderschön das haudu al ercz anstimmten.' Da waren ihnr dicke Thriinen über die vor Aufregung blassen Wangen gerollt! O, ivic weit, weit hinter ihm lagen jene traumhaft schönen Tage, der Kindheit ruhiger Friede! »Seine, Mutter, seine, arme, arme Mutter, der er so wenig gewesen in den letzten Jahren des aufreibenden Kampfes um den elenden Mammon! Ja, sic war treu! Sie war. weder wankelmütig und unzuverlässig ww das gleißende Gold, nochtreulos wie die falsche Geliebte! »Sie würde mutig zu ihm stehen einer ganzen Well zum Trotz und alles für ihn hingeben, das wüßte er! . . . Und plötzlich — mit kräftigem. Ruck schleuderte er die kleine Waffe weit von sich und sprang auf. Nein, diesen Schmerz durfte er ihr nicht bereiten! Er war ihr Letztes, ihr Abgott! .Sic würde ihn nicht überleben! . . . Lieber ihr zu Füßen knieen, reumütig beichten und ihre Vergebung erflehen! Er wußte, die würde ihm werden!. Und wenn sie alles verziehen, ivollte.er mit ihr tu eine neue Heimat, gleichviel wohin und in — ei» neues Leben. .... Ein eigenes Feuer brach plötzlich aus seinen dunklen Augen, eine feurige. Entschlossenheit. Er besaß ihn wieder, den Mut zum Lehen, zum Ausharreir'auf verlorenem Posten! 'llebcrmächtig überkam ihni die Einpfindung zu sühnen. Ja, er fühlte es, der »Sühne allein wohnte die Kraft inne, seine Schuld aüszulöschen. Und feine Sühnebegann mit schwerer, unermüdlicher Arbeit, mit -der Arbeit fürs tägliche Brot! Nicht ruhen noch rasten durfte er, bis er jenen bis aus den letzten, Heller alles heimgezahlt! Und. immer.weiter galt (es zu arbeiten, körperlich Und - geistig, bis er sich selbst, für entsühnt hielt. . , Das Frührot leuchtete empor, als er das Haus verließ und sich mit leichten, schnellen Schritten. weiter und immer weiter entfernte. Ein rosiger Schein lag über dem Horizont gen Osten zu, und der einsame Wanderer sah hinaus, mutigen doch verklärten Blickes. Und ein Gelöbnis kam über seine bebendeil Lippen, um das nur er allein und der Allvater wußten. . . Aus unfern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Ein Arzt war rasch zur Stelle und cs gelang auch in nicht allzulanger Zeit den Kranken wenigstens in gewisser Beziehung zu Bewußtsein. zu bringen. Er schlug die Augen auf und schien das über ihn geneigte Antlitz seines Neffen zu erkennen. „Wie fühlst Du Dich, lieber Onkel?" fragte dieser, ohne im Stande zu sein, das ängstliche Beben seiner Stimme vollständig zil unterdrücken. Und als ihm keine Antwort ward, hob er vorsichtig die wie leblos herniederhängende Hand des Kranken und legte sie sorgsanr auf das Bett. Ter Kranke schien es nicht zu gewahren, Angstvoll blickte Arnold aus den Arzt, der den Patienten beobachtend, am Fußende des Bettes stand. , „Um Gotteswilleu, Herr Doktor, was ist meinem Onkel?" . Der Angcredete blickte einige Augenblicke wie überlegend auf den Fragenden, dann bedeutete er ihm durch ein Zeichen, -ihm in ein anstoßendes Zimmer zu folgen. Dort wiederholte Arnold seine Frage. „Es scheint ein Bluterguß in's Gehirn stattgcfunden zu haben." „Ist das gefährlich?" Der Arzt blickte mitleidig auf den harmlose» jungen Mann. „Als ungefährlich kann man den Zustand des hochwürdigen Herren leider nicht bezeichnen. — Wie ich höre, hatte derselbe die Absicht, morgen mit dem Frühzug abzureisen. — Das wird unmöglich sein." „Wir werden morgen in K. erlvartet, da müßte ich die dortigen Verwandten telegraphisch von der Erkrankung des Onkels benachrichtigen." „Das wäre allerdings geraten. — Vielleicht könnten Sie gleichzeitig einen oder .den anderen Ihrer Verwandten veranlassen herzukommen? —" „Großer Gott! — Herr Doktor, ist' es denn so gefährlich?" Der Arzt zuckte die Achseln. „Die Sprengung einer Ader im Gehirii ist allerdings bedenklich — sehr bedenklich. — Und Sie sind allein mit ihm, junger Herr. Folgen Sie meinem Rate, veranlassen Sie einen Verivandten herzukommen, Telegraphieren Sie, daß Ihr Onkel vom Gehirnschlag getroffen ist —"; Ein Schrcckenslant entrang sich den erbleichenden Lippen des jungen Mannes, -wie der Stütze bedürftig umklammerte er eine Sessellehne. „Gehirnschlag!" flüsterte er in sich erschauernd, „Gehirnschlag! —" „Fassen Sic sich," bat der Arzt, „der Fall ist ja noch -nicht entschieden,hoffnungslos, aber man muß doch auf alles vorbereitet sein. — Darum folgen Sie meinem Rat — Sie sind zu jung, sind vielleicht nicht im Stande die vorliegenden Verhältnisse klar zu beurteilen. — Sie müssen einen Verwandten herbeirufen. —- Aber lassen Sie uns'wieder hineingchen, ich iverde Ihnen möglichst sofort einen Krankenwärter schicken, aber bis zum Eintreffen desselben dürfen Sie den Patienten keinen Moment allein lassen. UNd noch Eins, junger Herr, Sic müssen Ihre Gesichtszüge beherrschen, dürfen sich nicht allzusehr besorgt zeigen, das könnte den Kranken beunruhige» und die Katastrophe beschleunigen." Beide traten wieder zu dem Bette, wie träumend lag der Kranke da, aber sein Bewußtsein schien, doch klarer.- Als Arnold ein leichtes Hüsteln nicht zu unterdrücken vermochte, richtete sich der Blick seines. Onkels auf ihn . und wie ein Lächeln huschte es über das. bisher ausdruckslose Gesicht. Auch Arnold zwäng ein-Lächeln auf seine Lippen. „Wie geht cs Dir, lieber Onkel?" „Gut — ganz gut — aber müde — Wir werden morgen — nicht reisen —" „Hochwürden werden Ihre Abreise um einige Tage verschieben müssen," sagte der Arzt. Der Blick des Kranken richtete sich auf ihn und dann fragend auf den Neffen. „Der Doktor?" — ,;Ja, lieber Onkel, ich habe £*» Herrn Doktor zu Dir bitten lassen." Wiederum vergingen einige Minute», unter allseitigem Schweigen, dann flüsterte der Kranke mit sichtlicher Anstrengung: ' „Arnold — mein Kind'!" -

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