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Neue jüdische Presse · 1903-03-27 · Heft 21 (27.3.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 21 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr^ 21. ' ■; _ ' zum Katholizismus übertraten, sind auf das Konto des Judentums oder vielmehr des Herm Landcsrabbiners Dr. Placzek zu setzen. Also 32 Austritte, denen ein Uebertritt zum Judentum gegenübersteht. Auf je 1000 Katholiken entfallen 0.9 Uebertritte, während auf 1000 Juden 3.2 Uebertritte entfallen. Dieses Mißverhältnis darf einen nicht wundernehmen, wenn nian hört, daß die meisten, jüdischen Familien 'in Brünn ein getauftes Mitglied haben. Die Ursachen sind erstens die Assimilationswut, die in dieser Hochburg des Liberalismus herrscht, und zweitens der Umstand, daß manche Neligionslehrer in Brünn zwar gute Musikanten, aber schlechte Musiker, einer aber ein schlechter Musikant und schlechter Musiker ist. Krakau. Die Auswanderung der Juden aus Galizien. Aus jüngst veröffentlichten Berichten! über hie Volkszählung des Jahres 1900 geht hervor, daß im Dezennium 1890—1900 aus Galizien, nicht weniger als 100 000 Jriden ausgewandert sind. J'm Jahre 1890 gab es in Galizien 772 213 Juden, tnt Jahre 1900 wurden 811371 gezählt. Es ist weiters sestgestellt, daß in diesem Zeiträume in Galizien 315073 jüdische Kinder zur Welt kamen und 166 966 Juden starben, so daß der natürliche Zuwachs 148 107 beträgt und im Jahre 1900 demnach 920 320 Juden gezählt werden sollten. Das Resultat der Volkszählung des Jahres 1900 ergiebt aber eitf Minus von 108 949. Diese Abnahme der jüdischen Bevölkerung findet in der zahlreichen Auswanderung der Juden aus Galizien ihre Begründung. Im letzten Jahrzehnte wanderten atis Galizien überhaupt mehr als 300000 Personen aus, ein gutes Drittel davon entfällt aus die Juden. Sie wandern zum Teile. in die Bukowina, hauptsächlich aber nach dem Westen aus. Die Ursache der Auswanderung liegt vorwiegend in' den ungünstigen wirtschaftlichen und geschäftlichen Verhältnissen des Landes. Rußland. Petersburg. Der »Nowoje Wremja" wird aus Kischinew telegraphiert, daß die jüdische BevölkerungderStadtDubossary amDnjestr vonBauern belagert ist. Die Ursache ist das rätselhafte Verschwinden des Bauernknaben Rybalenko, der in einen jüdischen Laden Tabak zu kaufen kam und nicht wieder erschien. Anderen Tages wurde seine Leiche mit achtzehn Wunden im Bauch, Hals und am Kopf, die von einem spitzen Werkzeug stammen, gefunden. Das linke Auge war ausgeflopen, die Kleidung zerschnitten. Der Mörder wurde bis jetzt nicht gefunden. Die Untersuchung ist im Gange. Petersburg. Die von den russischen Blättern verbreiteten Gerüchte von der angeblichen Absicht des russischen Ministeriums des Innern, das jüdische Niederlassungsgebiet zu erweitern, werden nun von offizieller Seite gänzlich denrentiert. Petersburg. Die jüdische Deputation aus Tiflis, welche in Petersburg eingetroffen ist, uni für die Belastung der zur Ausweisung aus dem Kaukasus bestimmten 120 jüdischen Familien auf ihren bisherigen Wohnsitzen zu petitionieren, wurde dieser Tage von dem in Petersburg weilenden Chef des Kaukasus, Fürsten Galitzin, in Audienz empfavgen. Der Fürst gab keinerlei Zusage, sondern versprach nur, die Sache dem Ministerium vorznlegen. Odessa. Der Vertreter der Odcffaer Handelsfirma Trapatm, der Jude Eljaschew, wurde unlängst vom Odestaer Bezirksgerichte zu einem Monat Arrest verurteilt, weil Eljaschew im Dezember vorigen Jahres sich in Petersburg, wo bekanntlich den Juden der Aufenthalt verboten ist, zwanzig Stunden aufgehalten hatte. Amerika. New-Nork. S a l o m o n H i r s ch, der gewesene Gesandte der Bereinigten Staaten in Konstantinopcl, ist am 15. Dezember in Portland. Oregon, infolge eines Herzschlages plötzlich gestorben. Salomon Hirsch wurde am 25. März 1839 in Württemberg in Deutschland geboren. Im Alter von 15 Jahren kam er nach Amerika. ' Im Jahre 1858 gingen Hirsch und sein Bruder nach dem Staate Oregon, wo sie in Dallas ein Geschäft errichteten. Nach dreijähriger Geschäftstätigkeit in Dallas und nachdem er weitere drei Jahre in Silverton thätig war, wurde er Mitinhaber eines der größten Exporthäuser von Portland und wurde einer der reichsten Männer des Staates. Er nahm, an dem politischen Leben des Staates regen Anteil, wurde 1872 als Republikaner in die Staatsgesetzgebung entsendet und . zwei Jahre später Senator. Lange Jahre hindurch war der Verstorbene der Früher der Republikaner im Staate. Sein Ansehen stieg nach dem großen Siege der republikanischen Partei im Jahre 1882 auf den höchsten Punkt. Im Jahre 1689 kandidierte er wieder für den Senat, unterlag jedoch mit einer Stimme Minorität gegen I. H. Mitchell und wurde im Mai desselben Jahres zum Gesandten in Konstantinopel ernannt. _■ Fraukosurtia. Verein zur Pflege unir Unterstützung israelitischer Kranker, Bikkür Cholim, gegründet von Dr. Marcus Hirsch s. A. Der Verein, dessen 7. Bericht soeben erscheint, bezweckt: Frankfurter Israelitisches Familienblatt. CZte 3. Kranke, die in den hiesigen Hospitälern keine Aufnahme finden, sei es, daß sie hierzu nicht berechtigt sind, sei es, daß die Natur ihrer Krankheit sie nicht als hospitalbedürftig erscheinen läßt, nach 'Anordnung der behandelnden Aerzte mit Nahrungsmitteln, Stärkungsmitteln, 'Arzneimitteln. Verbandmaterial, Jnstrunienten, Bädern, sowie mit Pflege durch geschultes Wartepersonal zu versehen. In der Zeit vom 2. März 1901 bis 31. Dezember 1902 verabfolgte der Verein Milch.36 701'/- Liter für Mk. 7638.31, Eier 66175 für Mk. 5026.20, Fleisch 2200'/- Pfd. für Mk. 1558.10, Kakao 51 Büchsen für Mk. 61.40, Wein und Kognak für Mk. 195.55, Bier für Mk. 50.53, Kolonialwaren für Mk. 141.91, Arzneien fiir Mk. 248.53, Bäder für Mk. 17.50. Verbandzeug, Brillen :c. für Mk. 276.95, Stiefel für Mk. 18.—, Krankenwärterdienste für Mk. 581.50, Bar-Unterstützungen, Diverse für Mk. 1251.93; Gesamtausgaben Mk. 17 066.51. Sein Etat stellt sich wie folgt: Einnahmen. Mitgliederbeiträge vom 2. März 1901 bis 31. Dez. 1901 . . Mk. 5315.— Infolge des Aufrufs eingegangene Gaben...... 1669.— Geschenke.. 3162.— Zinsen . .„ 487.85 10 633.85 Mitgliederbeiträge v. 1. Januar 1902 bis 31. Dezember 1902 „ 5262.— Geschenke. 3429.60 Zinsen.. „ 512.71 9 204,31 Mk. 19 838.16 Ausgab en. Barschuld bei der Deutschen Effekten- und Wcchselbank (Mehrausgaben in der vorhergehenden Rechnungsperiode) .Mk. 297.63 Ausgaben vom 2. März 1901 bis 31. Dezember 1901 . . „ 6861.48 Ausgaben vom 1. Januar 1902 bis 31. Dezember 1902 . . „ 9907.40 17 066.51 Barbestand, Restguthaben bei der Deutschen Effekten- und Wechselbank ...... Mk. 2 771.65 lieber das Thätigkeitsgebiet des Vereines schreibt der Bericht: In sehr vielen Fällen sind es arme Durchreisende, die in Not und Elend krank geworden, sich an unseren Verein wenden, um Pflege und Kräftigung zu suchen, bis sie entweder Aufnahme in einem Hospital finden, oder, einigermaßen erholt, ihre traurige Wanderschaft fortjctzen können. In anderen Fällen nehmen Rekonvaleszenten unsere Hilfe in Anspruch. Dem Hospital entwachsen, zur Arbeit aber noch zu schwach, bedürfen sic vor allem kräftiger Kost, um die letzten Reste der Krankheit zu überwinden und ihrem Körper neue Kraft zuzuführen. In manchen derartigen Fällen erniöglichte nur die Vereinshilfe den ersten Schritt zum selbständigen Erwerb, und wir können auf Fälle zurückblickcn, wo Rekonvaleszenten nach kürzerer oder längerer Unterstützung wieder zur Unterhaltung ihrer Familie befähigt wurden. Ein weiteres wichtiges Feld der Bereinshilfe bildet die Unterstützung kranker und schwacher Frauen in den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft und ihre Pflege während des Wochenbettes. Die beträchtlichen Ausgaben für Pflegen entfallen zum größten Teil auf Wochenbettwärterinncn in jenen Fällen, wo Wöchnerinnen, die ohne jede Hilfe waren, in den ersten Wochen nach ihrer Niederkunft vom Verein eine Wärterin erhielten. Oft sind hierbei noch mehrere kleine Kinder zu versorgen, die ohne unsere Hilfe der größten Verwahrlosung preisgegebcn wären. Stillenden Müttern, deren Nahrung nicht ausreichte, wurde Milch für ihre Kinder gewährt. Das größte Kontingent unserer Pfleglinge rekrutiert sich aber aus den zahllosen Fällen chronisch Kranker, und hierunter spielen wieder die Lungenkranken die Hauptrolle. Im Hospital finden derartige Patienten nur in dem extremsten Stadiunr ihrer Krankheit kurz vor dem Tode Aufnahme, oder wenn eine rapide Verschlimmerung ihres Zustandes das herannahende Ende befürchten läßt. Haben sie sich dann einigermaßen erholt, sodaß sie ohne direkte Gefahr wieder umhergehen können, so werden sie aus deni Hospital entlassen und sind die jahrelange Zeit ihres Siechtums auf sich selbst angewiesen. Zu schwach, um sich das tägliche Brot zu verdienen, sind sie völlig außer Stande, sich auch nur das geringste Stärkungsmittel zu beschaffen, dessen sie bei ihrem siechen Körper so sehr bedürfen. Da setzt vor allem unsere Vereinsthätigkeit ein und fristet mit der Darreichung der erforderlichen Nahrung, das Leben dieser Unglücklichen — oft auf lange Jahre hinaus. Alle diese und noch zahlreiche andere hier nicht zu erwähnende Fälle, deren Aufzählung zu weit führen würde, nehmen unausgesetzt die Thätigkeit des Vereins in Anspruch, und harren auch noch fernerhin der Hilfe, die er ihnen in Not und Elend entgegenbringen soll. Hoffen wir, daß es unserer inständigen Bitte gelingen möge, die Herzen unserer Freunde für diese wahrhaft edlen Ziele zu gewinnen und zu immer größerer Hilfeleistung zu bewegen. Die Vorstandsmitglieder Dr. med. W. Hirsch, Vorsitzender, Julius Friesländer, Obmann, Leopold Mosbacher, Schriftführer, Emanuel Ettinghausen, Kassier, Karl Elkan, Herman Lehmann, Adolf Stern, Beisitzer Dr. med. Theodor Jaffe, Dr. med. B. Pinner, Dr. med. E. Rosenbaum, Dr. med. R. Stern sind jederzeit gern bereit, Beitrittserklärungen sowie Geschenke in Empfang zu nehmen. * * * Der Monotheismus u n d die Ausgrabungen. Vor gedrängt gefülltem Saale sprach am letzten Sonntag im Aufträge der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft Herr Professor Dr. I. Barth aus Berlin über das obige Thema. Bereits vor einem Jahre hatten wir Gelegenheit, Herrn Professor Tr. Barth im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur über denselben Gegenstand zu hören. Damals beleuchtete Professor Barth mehr die wissenschaftliche Seite, diesmal stellte er sich beinahe ausschließlich auf den rein religiösen Standpunkt und führte die Bibel und die Thora gegen seinen Berufsgenossen, mit dem! er an derselben 'Universität wirkt, ins Treffen. In nahezu zweistündigem Vortrag führte, der Vortragende aus, daß Professor Delitzsch, wo er das religiöse Empfinden angreift, imnier unrecht hat. Delitzsch behauptet, die Babyloner resp. die assyrischen Könige seien Monotheisten gewesen. Nachgewiesenermaßen ist in allen Keilschriften, aus welcher Zeit der babylonischen Herrschaft sie auch stammen mögen, nur von Göttern und meist von recht vielen Göttern die Rede. Die 'Aehnlichkeiten und Parallelen, die Delitzsch zwischen den babylonischen und israelitischen Gebräuchen, Gesetzen und Schilderungen aus den Keilschriften herausliest, sucht und findet er ausschließlich im alten Testament, obwohl er ganz genau weiß, und dies inr engeren Kreis auch zugiebt, daß sich solche Aehnlichkeiten reichlich auch im neuen Testament finden: aber da würden, wie er sagt, die religiösen Enipfindungen von Tausenden verletzt Dies allein schon ist ein großes Unrecht. Das alte Testament soll den Prügelknaben abgeben, das neue ganz umgangen werden. Es ist überhaupt unbegreiflich, daß ein Mann, wie Delitzsch, zwei so verschiedenartige Begriffe, wie Polytheismus und Monotheismus so miteinander vermengen kann. Die Götter stehen in der Natur, Gott aber außer, über der Natur. Delitzsch hat es später abgelehnt, daß er behauptet habe, auch die Babylonier seien schon vor den Israeliten im gewissen 'Sinne Monotheisten gewesen. Er habe gesagt, daß nordsemitische Beduinen um 2560 in Babylon eingedrungen seien und diese sollen Monotheisten gewesen senr. Dies sei eben auch eine der ungeheuerlichen Behauptungen von Delitzsch, für die ihm die Beweise fehlen. Unter anderem behmtptet Delitzsch, daß babylonische Eigennmnen mit „El" gleich Gott zusammengesetzt sind, daraus schon ergebe sich der Gottesglaube der Babylonier. Auch diese Beweisführung sei gänzlich unhaltbar, denn auch bei den Phöniziern finden sich derartige Zusammensetzungen, obwohl die Phönizier ganz ausgesprochene Polytheisten waren. Trotz Babel und Bibel ist es über jeden Zweifel erhaben, daß der Gott zu dem wir beten, der geistige Gott, zuerst in Israel angebetet wurde; der Gottesgedanke ist israelitischen! Ursprungs. Tie hohe Ethik, die in dem Äottesglauben liegt, findet sich in keiner anderen Religion des 'Altertums. Ter Vortragende erinnert an die Psalmisten, deren Gesänge sich in ihrem sitllichen Gehalt durch Jahrtausende erhalten haben. Delitzsch behauptet auch, daß bei dem israelitischeit Volke das Weib eine untergeordnete Stelle eingenommen hat. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Das Ehelebcn sei ganz speziell bei den Israeliten etwas Hohes und Heiliges gewesen, so heilig, daß gesagt wird: „Das Verhältnis Israels zu Gott, soll so heilig sein, wie die Ehe." Ferner behauptet Delitzsch: der Gott Israels sei ein natiottaler, ein partikularistischer Gott. Auch diesen schon hundertmal widerlegten Unsinn führt der Vortragende a,d absurdum. Ueberall im jüdischen 'Schrifttum wird betont, daß der 6wtt, zu dem wir Juden beten, der Gott aller Menschen ist. Israel hat nur den einen Vorzug, daß es, da es das Gesetz Gottes angenomnten hat, als „Erstgeborener" dasteht. Dieses Erstgeburtsrecht möchte nian uns Juden rauben, denn es ist bequemer, den verschwundenen Babylonern zum Tanke verpflichtet zu sein, als uns Juden, die wir noch leben und wirken inmitten der Menschheit und im Dienste der Menschheit wie vor tausenden von Jahren. £ * * Der Palästinensische Hülfsverein (Lemaan Zion) hat in seiner Ainik zu Jernsalei» 2B528 Kranke während des Jahres 1902 behandelt, 10 737 davon waren augenleidend. Für Rechnung des Vereins besuchten sechs verschiedene 'Aerzte die Kranken zu Hause: insgesamt ntachten sie 8029 Visiten. Hierfür wurden 829 Karten a 2 Piaster (gleich 30 Pfennig), 4483 ä K4 Piaster (gleich 20 Pfennig) und 2717 gratis ausgegeben. Tie Mehrausgaben der Klinik betrugen zirka 6000 Francs. Die Vereinsapotheke fertigte 8724 Rezepte. Für Darlehen, verwendete der Verein 2304 Francs, für Unterstützungen 1810 Francs, fiir Lehrgeld an 50 Lehrlinge 1210 Francs, für arabischen Unterricht in Jerusalem und Hebron, für Abendkurse für Handwerker, für Schulen in Hebron, Gaza usw. zirka 2600 Francs, für ärztliche Hülfe in Safed 312 Francs, fiir den Arzt rn Hebron 125 Francs, fiir den Frauenverein in Jerusalem zur Hülfe für Cholerabedrängte zirka 2000

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