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Neue jüdische Presse · 1903-03-27 · Heft 21 (27.3.1903) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 21 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Nr. 21. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Der junge Mann neigte sich zu ihm. „Du wünschest?" — ■ „Laß' mich allein mit dem Arzt — nur einige Minuten —" Ein tiefer Se.ufzer entrang sich der Brust des Neffen, dann wandte er sich an den Arzt und sagte gepreßt:; „Messt Onkel wünscht Sie allein zu sprechen, Herr Doktor, ich gehe einstweilen drinnen hinein — wollen Sie mich gefälligst benachrichtigen, bevor Sie förtgehen." ' Lautlosen Schrittes entfernte er sich, der Blick seines Onkels folgte ihm. „Hochwürdeu wünschten mich allein . zu sprechen —" sagte der Arzt, indem er sich möglichst nahe zu dem Kopfende des Bettes setzte, „aber bitte, sich nicht anzustrengen, ich habe , ein scharfes Gehör." Der Blick des Kranken hob sich, in seinem ausdrucksvollem Auge lag jetzt vollkommene Intelligenz. „Herr Doktor — ich bitte um Wahrheit — wie steht es mit mir?" „Hochwürden scheinen etwas übermüdet zu sein, das dürfte sich in einigen Tagen verlieren." „Sie weichen mir aus," sagte der Kranke nnmutig, indem er die Stirn in Falten zog. „Sie sollten doch wissen — daß es Verhältnisse geben kann;— in denen man die Wahrheit nicht vorenthalteu darf. — Ich bin ein Mann — ich bin ein Priester — ich verlange Wahrheit! —" ■ „Wollen Sie sich doch nicht aufregen, Hochwürden! — ich bitte inständigst. — lind ich freue mich, versichern zu können, daß ich durchaus keinen Grund einsehe, weshalb ich die von mir verlangte Wahrheit verweigern sollte. - Ich kann daher nur wiederholen, daß ich Sie übermüdet finde, aber mit Bestimmtheit erwarte, daß sich dieses in einigen Tageit verlieren wird." „Ist das sicher?" „Ich Halte es für sicher, Garantie könnte ich selbstverständlich keine übernehmen. Dafür sind wir Menschen, hochwürdiger Herr, Menschen, die irren können'und denen in jeder Minute etwas Menschliches 'begegnen kann, selbst wenn sie kerngesund sind. Ich habe deshalb bereits vor fünfzehn Jahren mein Testament gemacht, füge alle paar-Jahre ein Codizill hinzu und hoffe es noch einge Jahrzehnte so zu treiben. Unsere großen Staatsmänner sagen, willst du den Frieden, so sei für den Krieg vorbereitet. Ich sage mir, willst du ruhig leben, so ziehe auch deir Fall deines Älblebens in Betracht. — Das habe ich gethan und dabei befinde ich mich wohl." „Verstehe —", murmelte der Kranke, „verstehe — bitte, rufen Sie meinen Neffen —" „Er wird sofort hier sein. Aber ich wiederhole nochmals. Hochwürden, Grund zu Besorgnis ist gegenwärtig bei Ihnen nicht vorhanden." Der Arzt empfahl sich, gleich darauf trat Arnold wieder in das Zimmer und schlich zum Bette, ohne jedoch den Kranken anzureden, was der Älrzt untersagt hatte. Doch er war bereits bemerkt worden. „Bist.Du's Arnold?" fragte der Kranke, ohne den Blick ihm zuzuwenden. „Ich bin's, lieber Onkel" und leise streichelte er dessen linke Hand, denn die rechte Hand wie die ganze rechte Seite war gefühllos, war vollständig gelähmt. . „Arnold — wir können nicht reisen — telegraphiere nach K. — Thekla soll kommen." „Thekla?" wiederholte Arnold mit dem Ausdrucke maßlosen Staunens. „Thekla soll kommen!" wiederholte der Kranke, „sofort! — sofort! —" „Sei unbesorgt, lieber Onkel, ich telegraphiere . sofort und ich bin überzeugt, daß sie morgen Abend hier sein wird." Der Kranke atmete tief auf. „Thekla!" murmelte er, „Thekla! —" und ein unaussprechlich glückliches Lächeln spielte um seine Lippen. . * * r!r Als Felix und Ernst am folgenden Morgen der getroffenen Verabredung gemäß zum Frühzug auf dem Perron waren, staunten sie, keinen ihrer Bekannten dort zu finden, keine Spur weder von Arnold noch von dessen Onkel. — Was hatte das zu bedeuten? „Sie werden verschlafen haben," sagte Felix lachend, „Arnold ist ein Langschläfer und der hochwürdige Herr wird gefunden haben, daß die Morgenstunde . doch nicht immer Gold im. Munde hat." Ernst schüttelte den Kopf. „Nein, das Halte ich für undenkbar —" '■ * „Aber ich bitte Dich, was sollte cs denn sein?" ,,>Das weiß ich nicht, aber ich fürchte —" „Ach, wer wird denn gleich fürchten, ich vermute, der alte Herr hat Nasenbluten bekommen, als er in den. Wagen steigen wollte. Er hat gestern so rot ausgesehen, ist es Dir nicht ausgefallen?" „Nein, er sieht doch immer rot ans." „Aber gestern noch mehr als sonst. Ta ist ihm ein bischen Nasenbluten sehr gesund, dabei ist nichts zu fürchten." „Hoffentlich hast Du recht, aber ich dächte doch, wir' könnten im Vorübergehen im Hotel uns erkundigen." „Gewiß, das wollen wir thun. Aber Du wirst sehen, daß ich recht habe." In traulicher Unterhaltung legten die Freunde den Weg zum Hotel zurück. Doch als sie dasselbe erreicht hatten, brauchten sie keine Frage zu thun. Ter Portier, der sie so oft mit dem jungen Wiesner zusammen gesehen hatte, kam ihnen schon entgegen und berichtete ihnen das unglückliche Ereignis in allen Einzelheiten. Starr vor Schrecken hörten die ungen Leute ihm zu. „Wir müssen j» Arnold gehen," sagte Felix. „Du darfst vorläufig nicht zu ihm," bemerkte Ernst, „ich muß erst sehen, ob er - schon einigermaßen gefaßt ist." „Nein," entgegnete der Portier, „der junge Herr ist nicht gefaßt, keine Spur. Der Pfleger, der bei dem hochwürdigen Herrn ist, war jetzt gerade draußen, um frisches Eis zu holen, er sagt, er weiß nicht, wer ihm mehr leid ist, der kranke Herr oder der gesunde." „So müssen wir zu ihm gehen," erklärte Felix, „koinm'!" Älber der andere hielt ihn zurück. „Deine Mama würde es mir nie verzeihen, wenn ich Dich zu ihm lassen würde, so lmige er noch sehr aufgeregt ist. Gehe Du jetzt nach Hause, während ich zu ihm gehe und sobald es mir gelungen sein wird, ihn auch nur einigermaßen zu beruhigen, teile ich es Dir mit." „Herr Vogel hat recht," stiminte der Portier bei, „wenn man noch vor vier Wochen so ausgesehen hat, wie Sie damals ausgesehen haben, Herr Kohn, dann muß man sich schonen und das thut man nicht, wenn man es mit ansieht, >vie ein guter Freund leidet." Felix ließ sich endlich bewege», nach Hause zu gehen, während Ernst sich in das dem Krankenzimmer zunächst liegende Zimmer führen ließ, das mit dem ersteren durch eine Thür verbunden ivar. Ter junge Wiesner saß am Bette seines Onkels, als er jedoch des Freundes ansichtig wurde, begab er sich zu ihm in's Nebenzimmer, während sich der Wärter ain Bett niederließ. Schweigend reichten sie einander die Hand und mit Schrecken gewahrte Ernst die Spuren der maßlosen Aufregung in dem sonst so frischen 'Angesicht des andern. „Wie geht es jetzt?" fragte Ernst. Arnold zuckte die Achseln. „Ich verstehe es nicht und ich weiß nicht, ob ich der Versicherung des Arztes Glauben schenken darf, daß momentan keine Gefahr vorhanden." „Das versichert der Arzt? dann brauchst Tu Dich doch nicht so schrecklich aufzuregen —" „Weiß ich denn, was er unter dein Ausdruck momentan versteht? — wer weiß, vielleicht meint er ihn wörtlich." „Ach, Unsinn, wer wird so selbstquälerisch sein." „Undler hat mich ja doch wiederholt aufgefordert, einen Verwandten des Onkels zu veranlassen, sofort herzukommen." „Nun, hast Tu's gethan?" „Mein Gott, ich weiß ja nicht, an wen ich mich wenden soll, die Verwandten haben sich ja damals alle so entsetzlich gezeigt — mein lieber, guter Onkel war der Einzige, der sich um mich gekümmert hat — wie kann ich da Jemanden auffordern herzukommen?" ,/Jch möchte Dich nicht verletzen, Arnold, und wenn Du meine Frage nicht beantworten willst, brauchst Du es nicht zu thun. — Weißt Du, wo Tein Vater ist?" „Papa ist in Amerika," murmelte Älrnold, „seine Adresse ist mir nicht bekannt. — Und der Onkel," fuhr er nach kurzem Schweigen fort, „der Onkel verlangt, ich sollte nach K. telegraphieren, meine Cousine sollte sofort Herkommen. Denke Dir nur, meine Cousine, ein Mädchen von achtzehn Jahren, was soll die hier machen?" „Hast Tu mir nicht gesagt, daß Deine Cousine im Hause der Cousine Deines Onkels ist?" „Ja wohl, so ist es." „Nun', so telegraphiere doch der Cousine Deines Onkels und bitte sie inständigst, sofort niit Deiner Cousine herzukomnien." „Bei Gott! Du hast recht! — Daß mir das nicht gleich eingefallen ist! — Ich muß sofort telegraphieren, dann können sie vielleicht noch heute hier sein. Aber was telegraphiere ich nur?" Er drückte die Hand gegen die Stirn, „der Kopf ist mir so wüst." „Wenn Tu mir die Mrcsse angeben und die Fassung der Depesche überlassen willst, so setze ich sie sogleich auf und besorge sie sofort." Arnold ergriff die ' Hand des Freundes und drückte sie innig. „Wie soll ich Dir danken! — Dich hat Gott mir geschickt. — Tie Adresse ist: Frau Bertha Klein. Offizierwitwe, Kaiserstraße 19, K." „Merci! Ich eile auf das Telegraphenamt und werde die Depesche als dringend bezeichnen." „Thue, was Du für recht hältst, ich verlasse mich vollständig auf Dich." „Also plem pouvoir, dann werde ich Rückantwort verlangen, damit Tu weißt, woran Du bist. — Äldien alter Junge! behalte nur den Kopf oben, das ist die Hauptsache. Im Laufe des Vormittags komme sch wieder und bringe Fxlix mit, er wollte durchaus jetzt mit herein, aber ich habe ihn nach Hause geschickt, wollte mich zuvor überzeugen, wie es hier aussieht. Du weißt, er ist allzu teilnehmend mrd doch vielleicht noch nicht so ganz kapitelfest. Also auf Wiedersehen!" Er griff nach seinem Hute und eilte davon. Arnold blickte dem sich Entfernenden nach,.indem er tief aufathmete. Der Besuch des Freundes hatte ihm unendlich wohl gethan, der schwere Druck, den er im Kopf und aus der Brust empfunden, war gewichen, er konnte wieder leichter atmen und denken. Namentlich gewährte es ihm eine Genugthlui.ng, daß „.er ., dem Wunsche des Onkels und der Aufforderung des Arztes entsprochen hatte und hoffte er mit Zuversicht, daß seine Verwandten baldigst Herbeieilen würden, namentlich ersehnte er die Ankunft der ältern Dame, die die schwere Verantivortung, die er auf seinen jungen Schultern lasten fühlte, von ihm nehmen würde. Er begab sich wieder zurück zum Bett seines Onkels. Auch das Krankheitsbild erschien jetzt ein anderes, weit leichteres. Wie im ruhigen Schlummer lag der Kranke da, regelinäßig atmend, ohne wie im Laufe der Nacht fast beständig zu ächzen. Tie Stunden schlichen dahin, langsam schritt der Tag vor. Gegen Mittag kamen die Freunde, gleichzeitig mit ihnen die telegraphische Antwort aus K., die Damen zeigte» ihre 'Ankunft auf zehn Uhr Abends an. „Gott sei Tank!" sagte Arnold, „der Onkel hat schon wiederholt gefragt, ob noch keine Antwort gekommen." „Tu mußt Logis für Deine Verwandten bestellen," sagte Felix. „Selbstverständlich. Aber ich glaube, wenn Du mich nicht daran erinnert hättest, so hätte ich daran vergessen." „Und Tu kannst es jetzt überlegen," fügte Ernst hinzu, „willst Tu die Damen an der Bahn empfangen, so bin ich bereit, indessen hier in der Nähe Deines Onkels zu bleiben, willst Du jedoch lieber hier bleiben, so würde» wir die Damen am Bahnhof erwarten. Nicht wahr, Felix?" „Gewiß, Du kannst über uns verfügen." „Kannst es übrigens bis Nachniittag überlege», ich komme inzwischen noch einigemal her, dann kannst Du nur Deinen Beschluß mitteilen. Älber jetzt müssen wir gehen, Felix, Deine Mama hat ausdrücklich ersucht, wir möchten nicht spät zum Essen kommen." „'Also gehen wir. Auf Wiedersehen!" „Auf Wiedersehen!" Ällle zwei Stunden kam Ernst, um sich zu erkundigen, ob er dem Freunde irgendwie nützlich sein könnte, oder wenigstens einige aufmunternde Worte mit ihm zu wechseln, lange hielt er sich nie auf, weil er wußte, daß Frau Koh» in seiner Abwesenheit nie ganz ruhig war. Arnold hatte sich doch nicht entschließen können, seinen Onkel auf längere Zeit zu verlassen, namentlich da der Arzt seinen Besuch für dieselbe Zeit, zu der die Damen erwartet wurden, in Aussicht gestellt hatte. Felix und Ernst befanden sich daher schon vor zehn Uhr auf dem Perron, um den Zug zu erwarten. „Bin neugierig, ob wir sie bald herausfindcn werden," sagte Felix, „eigentlich ist es doch dumm, daß Älrnold sie uns nicht beschreiben konnte." ,Ha. wie hätte er sie denn beschreiben können, da er sie selbst nicht kennt. Älber ich denke, es wird Wohl nicht so schwer sein, sie zu finden, eine ältere und eine junge Dame." „Älls ob es nicht mehr ältere und jilnge Damen gäbe —" „Horch! Ta kommt der Zug, jetzt werden wir gleich unser Glück versuchen." In Wirklichkeit rollte jetzt die durch ein schrilles Pfeifen der Lokomotive angekündigte Wagenreihe näher und näher, noch ein Pfiff, und der Zug hielt. Schaffner öffneten die Thüren der Coupees. „Ta sind sie!" rief Felix, „ich wette meinen Kopf, daß sie's sind!" „Wo denn? wo?" „Tort, in dem ersten Coupee zweiter Klasse. Sie steckt den Kopf aus dem Fenster und ruft Träger! — Siehst Tu sie denn nicht? — Donnerwetter! ist das eine Schönheit! — Und dem hochwürdigen Herrn wie aus de» Augen geschnitten. Ich bin ganz paff." Ernst lachte. „Wenn Du ein schönes Mädchen siehst, möchtest Tu gleich ans der Haut fahren. Aber komni, stellen wir uns den Damen zur Verfügung. Ta will ich Dir nicht vorgreifen, das verstehst Du besser als ich." Felix lachte und warf sich in die Brust. „Komm'!" sFortsetzung folgt.) Woche«-Kalender. Sabbath-Anfang: 6 Uhr 15 Minuten. Sabbath-Ausgang: 7 Uhr 35 Minuten. Wilhelm Glücklich Gegr. j Schillerstrasse 4,1. Gegr. 1879. I Frankfurt a. ffl. 1879. Immobilien) Hypotheken.

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