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Neue jüdische Presse · 1903-03-27 · Heft 21 (27.3.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 21 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. (Nachdruck verboten.) Der Wert der moderrl-tvlfseuschaftlicheu Bibelforschung für die jüdische Bibelexegetik. Von Benno Fischer, «and. phil. Es ist ein erfreulicher Zug der Zeit, das; heutzutage über die Bibel und ihre Erforschung in den gebildeten Schichten der Gesellschaft gesprochen und verhandelt wird. Mag nun diese Erscheinung rn ihrer nächsten Ursache auf das reklameartige Auftreten -der Delitzsch'schen Babel und Bibel-Vorträge zurückgeführt werden, jedenfalls deutet sie darauf, daß im gebildeten Publikum selbst das Interesse für die Sache der Bibel vorhanden ist, sonst hätten auch hundert Vorträge in populärster Form gehalten, es nicht vermocht, die Aufmerksamkeit und die rege Teilnahme hervorzurufen und unausgesetzt wach zu halten. Ich nenne diesen Zug der. Zeit erfreulich darum, weil dadurch vornehmlich in jüdischen Kreisen der leider lange Zeit bezeigte Gleichmut gegen die Bibel — gegen unsere Bibel — einer Rückkehr zu ihr Platz zu machen scheint. Die kühnen Angriffe, die einerseits gegen die Erhabenheit unserer Bibel gewagt werden und die eifrige Verteidigung, die anderseits der beleidigten Majestät des Buches der Bücher zu teil wird, erweckt auch in jüdischen Kreisen die lange genug schlummernde Begeisterung für unseren Erbschatz, und man wird endlich dessen bewußt, daß cs unsere Sache ist, um die für und wider gestritten und gekämpft wird, unser Stolz und unsere Ehre. Daß zu dieser Neuerwachung ein von außen kommendes Ereignis nötig war, ist gewiß zu bedauern, aber klüger ist es, diese Gelegenheit zum weiteren Gedeihen der guten Lache zu benützen, als darüber Jercmiaden anzustimnien. Wenn nun solchergestalt die Aufmerksamkeit des jüdischen Publikums auf die moderne Bibelforschung uird von La auf die Bibel selbst gelenkt worden ist, und nun hier der Wunsch erwacht, ein Verständnis für sie, für das Buch unseres Lebens zu gewinnen, .so glaube ich, wäre es an der Zeit, um dieses Verständnis zu erleichtern, die Frage klarzulegen, welche Stellung die jüdische Bibelexegese zu der modern-wissenschaftlichen Bibelforschung einzunehmen hat, und. inwieweit die elftere auf die Ergebnissederletzteren Rücksichtnehmensoll. Wohl bin ich mir dessen bewußt, daß ich hier eine Frage angeschnitten habe, die das ernste Nachdenken der besten Köpfe der zeitgenössischen, jüdischen Gelehrtenwelt verdient, und deren Lösung nur ihnen, jenen Autoritäten zusteht. Jedoch eine Anregung und eine unmaßgebliche Andeutung, auf welchem Wege man zur Lösung dieser wichtigen Frage kommen könnte, wird gewiß auch von einer jungen Feder nicht für eine Anmaßung, vielmehr als ein Streben nach Klarheit angesehen werden. - Es giebt vielleicht keine moderne Wissenschaft, die. in der allerjüngsten Zeit, in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum mit solch riesigen Schritten vorwärts geschritten wäre, als die modernwissenschaftliche Bibelforschung.- Nicht ich sage das, namhafte Gelehrten hatten dies ausgesprochen und einer von ihnen spricht mit Staunen über den Scharfsinn, über den Geist und Witz, die bei diesen Forschungen angewandt we'rden. Daß unter manch scharfsinnigen, von Geist und Witz sprühenden Versuchen dieser Forschung eben die einfache, schlichte, traditionelle Wahrheit begraben wird, ist eine Thatsache, die jedem, der sich mit den Schriften dieser. Bibelforschung bekannt gemacht hat, sofort klar wird. Diese sogenannte rationalistische. Bibelforschung hat aus unserer Bibel etwas gemacht, worin wahrlich unsere Väter nimmer das Gottesbuch wieder erkennen würden. Man hat soviel Unwahres, Unbiblisches in unsere Bibch hineinprojiziert, nur» hat soviel ihr Eigentümliches, unvergleichlich Erhabenes ihr gewaltsau; entrissen, daß so unter den Händen dieser Forscher, die aus einer ganz fremden, Hier nicht anwendbaren Voraussetzung ausgingen, das Buch der Bücher ein Bild erhalten hat, das nur noch ein Zerrbild desselben ist. Unter den Hypothesen der modern-wissenschaftlichen Bibelforschung befinden sich massenhaft solche, die den Stempel der Willkür und der erzwungenen Gcistreicherei so deutlich an der Stirn tragen, daß es einem rechten Bibelkenner wohl nicht schwer fallen kan», sie als solche zu erkennen. Doch muß man anderseits auch sagen, daß unter dem sehr reichen Ergebnis dieser Forschung, an welcher die größten Gelehrten, Orientalisten und Theologen sich beteiligten, doch gewiß so manches Wahrhcitskorn sich finden ließe, dessen Kenntnis für die jüdische Bibelexegese vom Werte fein dürfte. Doch hier liegt der schwierige Punkt der Frage: Was soll herüber genommen werden, was nicht, was kann uns annehmbar und was muß uns verwerflich sein? Ein Uebcrblick über die Ergebnisse der modernwisscnschastlichen Bibelforschung läßt uns zwei von einander ganz verschiedene, wenn auch oft mitei,müder vermengte Richtungen deutlich erkennen. Die eine griuidet sich auf reugionsgeschichtliche Entwickelungs-Theorien, die andere auf Sprachvergleich¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ung mit den dem .Hebräischen verwandten Sprachen. Die erste, die sog. cvolutionistische Richtung, die aus einer Voraussetzung ansgeht, die unserer jüdischen Auffassung von der Bibel, als dem gcoffenbartcn Wort Gottes gerade ins Gesicht schlägt, können und müssen wir außer acht lassen, sie muß sich für die auf dem Standpunkte der Offenbarung stehenden Bibelexegcsc als verwerflich erweisen. Diese Richtung geht nämlich von der irrtümlichen.Voraussetzung aus, die Bibel sei wie jedes 'andere Religignsbuch des Altcrtnins ein Menschcnwcrk, dessen,Anschauungen von den in der Zeit seines Entstehens herrschenden Ideen beeinflußt sind. Diese Anschauungen seien wie andere religiöse Anschauungen durch viele. Entwickelungsphasen durchgcgangen, aber stets Schrill haltend mit der geistigen Entwickelung des betreffenden Zeitalters und Volkes. Diese „historisch-kritische" und „evolutionistische" Richtung sucht' — und was man sucht,- das entdeckt man ja auch — und entdeckt, indem sie die Bibel in einzelne Stücken und Stückchen gewaltsam zerreißt, Entwickelungsphasen,'die den herrschenden Anschauungen der betreffenden Zeit entsprechen sollen, und diese schwankenden, luftigen Hypothesen selber schon als Grundlage benützend, baut 'sie darauf ihre weiteren Hypothesen in der Erklärung und Auslegung des Schrifttextes, wobei dann alle mit diesen Hypothesen nicht stimmenden Stellen umgedeutet, einzelne Wörter und Begriffe in dem Geiste dieser Hypothesen umgewertct (eigentlich entwertet) oder, wenn anders nicht geht, Worte und Stellen auch einfach gestrichen werden. Diese Methode, die bei der Beurteilung eines jeden andern alten Religionsbuchcs, das aus einem bestimmten Volke hervorgegangen und daher von den herrschenden Anschauungen des betreffenden Volkes und Zeitalters abhängig und beeinflußt sein mußte und naturgemäß nie das Kulturniveau derselbe» überschreiten konnte, richtig, sein niag, darf auf unsere Thora, die doch nicht aus. Israel hervorging, sondern vielmehr zu Israel kam miüels der Offenbarung am Sinai, nicht > angewandt werden. Unsere Thora, deren grundlegenden, erhabenen Ideen heute noch, nach Jahrtausenden ihrer Offenbarung, die ehrfurchtsvolle Bewunderung aller wahrhaft großen Geister der nichtjüdischen Welt erweckt und deren erhabenen Gesetze und Sillenlehren von der höchsten Kultur der Vergangenheit und der Gegenwart nicht nur nicht überholt, vielmehr noch lange nichterreicht worden find,und die heute noch als zu erstrebendes Ziel der Zukunft der Menschheit entgegenstrahlen, diese Thora, die als der menschheiterzichende Wille Gottes/ dem jüdischen Volke, geoffenbart wurde, läßt sich nicht in, mit dem Aufwand von noch so großer Gelehrsamkeit ausgestellten religionsgeschichüichen Cntwickelungstheorien schablonenhaft und willkürlich Hineinpressen, hincinzwängc». Die historische Thatsache der Offenbarung am Sinai, wie sie das Judentum lehrt und die Thora als der autorative Text der göttlichen Offenbarung, wie sie die jüdische Tradition uns erhalten, sprengen diese für andere Verhältnisse berechneten Theorien. Weder Israel, aber noch weniger irgend ein anderes Volk stand je auf der -heute noch nicht erklommenen Höhe, um aus sich heraus eine Thora zu schaffen: das bezeugt die Weltgeschichte. — Für die Bibel existieren also keine religionsgeschichtlichcn Entwickelungstheoricn, und die aus solche Theorien gegründeten Ergebnisse der modern-wissenschasllichcn Bibelforschung muß die jüdische Bibelcxegcsc von vornherein abweisen. (Schluß folgt.) Aus aller Wett. Deutschland. Berlin. Eine Audienz beim Reichskanzler in Sachen der rumänischen Juden Hallen vor einiger Zeit die Vorstandsmitglieder des HilfsVereins deutscher Juden, Herren Dr. Paul Nathan und James Simon. Nach dem soeben, erschienen Geschäftsberichte des Vereins schilderten sie dem Reichskanzler die traurige Lage der rumänischen Juden und die sich daraus ergebende Rückwirkung auf Deutschland, lieber die Entgegnung des Grafen Bülow und den Erfolg der Audienz spricht sich der Bericht wie folgt aus: „Wirhaben, alle Veranlassung,, dem Herrn Reichskanzler für sein Entgegenkommen dankbar zu sein." Köln a. Rh. Die hiesige israelitische Gemeinde hat d en Verlust des langjährigen Mitgliedes. des Repräsentantenkollegiums, Herrn P h. Neckarsu .l m e r zu beklagen. Der 'Verstorbene erfreute sich nicht nur in der israelitischen Gemeinde, sondern in der. "gesamten. Bürgerschaft hohen Ansehens. Potsdam» 21. März. Kann ein getaufter Jude christlichen Re l igionsunterricht erteilen? Um diese Frage handelte cs sich am Freitag in der Sitzung der Potsdamer Stadtverordneten-Versammlung. Schon bei früheren Gelegenheiten war von dem antisemitischen Stadtverordneten Kaufmann Ernst Frölich zur Sprache gebracht worden, daß in der - Gcmeiudeschule VI der ehemals .jüdische Lehrer Silberstein, der sich nur deshalb habe taufen lassen, weil er sonst keine Anstellung erlangen konnte, christlichen Religionsunterricht erteile. Vom Magi- N 'r 21. strat ivar auf. diese Angelegenheit nicht weiter eingegangen worden, weshalb diese nunmehr von dem Stadtverordneten Japel bei der Etatsberatung aufs neue angeschnitten wurde. Vom Magistrat wurde geltend gemacht, daß die Beschäftigung des Lehrers von der Schulaufsichtsbehörde kontrolliert werde und daß. der Lehrer Silberstein von der Königlichen Regierung nicht als ungeeignet zur Erteilung des Religionsunterrichts erachtet sei. Stadtverordneter Frölich erachtete ivcite Kreise der christlichen Bevölkerung durch diese Art von Unterrichtserteilnng beunruhigt, da Silberstein nicht arls Ueberzengung Christ geworden sei, sondern nur um eine Anstellung zu finden. Stadtv. Geh. Rechnungsrat Hinze hielt Frölich entgegen, daß Silberstent seit 20 Jahren getauft, sei, warum, das habe er mit seinem Goll abzumachenals Lehrer habeer sich stets bewährt. .Die Stadtverordneten-Versammkirng sei keine Antisemiten-Versammlung. Der Vorsteher der Stadtverordneten-Versammlung bereitete der Debatte -dadurch ein Ende, daß er erklärte, es handele sich um Personenfragen, die nicht öffentlich zit erörtern wären. Licgnitz. Die diamantene Hochzeit feierten heute, der Wntner Samuel Sand ber g und Frau Anialic, geb. Hecht, hlerselbst. Um lQVa lljhr fand die Einsegnung des Jubelpaares durch Rabbiner Dr. Peritz statt/ der dem Paare die diesem vom Kaiser verliehene Ehe- Jubiläum s -Medaille überreichte. Schon bei -er goldenen Hochzeit halle das Paar eine gleiche Auszeichnung erhalten. Von (DM) und Fern waren zahlreiche Glückwünsche eingegangen. Der Jubel- Bräutigam ist 84, die Jnbel-Braut 80 Fahre, alt. Beide befinden sich noch in völliger Rüstigkett des Geistes und des Körpers. Oesterreich-Ungarn. Wien. Literatur und Antisemitismus. Die Christlich-Sozialen und ihre Schriftstellergenossenschaft sind entrüstet über die Verleihung des Bäucrnseld - Preises an Schnitzler. Der christlichsoziale Abgeordnete Dr. Pattai brachte beim Rcichsrat eine Interpellation an den Unterrichtsminister Dr. Hartl ein, in der darüber Beschwerde schoben wird, daß der Bauernfeld-Preis bereits an fünf Juden verliehen worden sei, nämlich an Leo Hirschfcld, Felix Dörmann, Emil Korner, Viktor Leon, und Arthur Schnitzler. Dies fei eine Zurücksetzung und Unterdrückung der nicht jüdischen Schriftsteller Oesterreichs- und müsse iur Ausland die' falsche Vorstellung erwecken, daß es in Oesterreich keine besseren literarischen Produkte gebe. In der Interpellation wird der Minister gefragt, wie er die abermalige Bevorzugung eines jüdischen Schriftstellers zu rechtfertigen gedenke. Der Minister wird voraussichllich nicht antworten, da die Baüernfeld- Stiftuug nicht eine öffentliche, soliden; eine private Stiftung und der Minister nicht amtlich, sondern als Privatmann Mitglied ihres Kuratoriums ist. Charakteristisch für die Verlogenheit dieser Art von politischer Propaganda ist aber die Thatsache, daß Herr Dr. Pattai in seiner Interpellation einen für dje Beurteilung der . Sachlage wichtigen Umstand offenbar verschwiegen hat. Im Jahre 1902 waren die Preisträger der Bauernfeld-Stiftung: v- Säar, Fräulein delle Grazie, Frau Antonie Baumbcrg, Rudolf Hawel, Otto Julius Bierbaum, ssiudolf Lothar und Dörmann. Also fünf Christen gegen zwei Juden. In den früheren Jahren wird das Verhältnis wohl ungefähr das Gleiche gewesen sein. Und so etwas nennen die Christlichsozialen pathetisch die „Unterdrückung nichtjüdischer Schriftsteller!" Wien. Lucifer, das neue satirische Wiener Witzblatt, bringt folgende aus. dem Leben gegriffene. Anekdote: Ein Professor (der Name ist der Redaktion bekannt), der Isaak hieß, ließ sich taufen und nahm den gut arischklingenden Namen Stefan an. Als er einige Tage später an seinem Stammtische erschien, wurde er allgemein mit r,Abraham" angesprochcn. Wutentbrannt schrie er: „Wißt ihr denn nicht, wie ich heiße, daß ihr mich 2lbraham nennt! Ich führe, doch den Namen Stefan!" „Beruhige dich/' meinte einer seiner Freunde, „du bist doch der Abraham, denn du.hast den Isaak geopfert." Brünn. Protestantismus, Katholizismus und Judentum. Nach der „Deutsch-Evangelischen Korrespondenz" sind seit Beginn der „Los von Rom"-- Bewegung zur evangelischen Kirche 22 706 Personen übergetteten, davon 21292 aus der katholischen Kirche. Es bleiben 1414 Personen übrig. Man kann mit einer Fehlergrenze von 10 bis 20 ruhig annehmen, daß diese 1400 — Juden waren; so viel Juden sind ' also ■ seit dem Jahre 1899 in Oesterreich zum Protestantismus übergetteten. Wtt finden es nur komisch, daß die „D.-E. K." die jüdischen Ueberttitte unter der „Los von Rom"-Bewegung subsummiert, da wir Juden doch nicht zum Protestantismus übertreten müssen, um — los von Rom zu sein. — Interessant sind auch die Daten, die wir dem. Berichte über die „Gemeindeverwaltung ' und Gemeindestatistik von Brünn für das Jahr 1901'? entnehmen- In diesem Jahre traten 16 Juden, zum Katholizismus, 10 Juden zum Protestantismus über, 4 Juden erklärten sich konfessionslos; das ist die „verschämte Taufe". Auch die zwei Konfessionslosen, die

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